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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum so viele Erreger aus China kommen

Passagiere in Malaysia tragen als Vorsorgemaßnahme Mundschutz Bild: dpa

Ein neues Coronavirus breitet sich in China aus. Die ersten Menschen sind daran gestorben. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Virus aus diesem Land die Welt in Atem hält. Und das hat seine Gründe.

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          China hat ein Problem, und dieses Problem ist viel größer als „2019-nCoV“. Mit dieser Abkürzung konnte vor einem Monat niemand etwas anfangen. Jetzt kennt das Kürzel bald jeder. Es ist der Name des neuen Coronavirus‘, das inzwischen die Welt in Atem hält und die chinesische Regierung zu drastischen Maßnahmen veranlasst hat. Ganze Städte sind unter Quarantäne gestellt, Züge und Flüge gestrichen, Feste sind abgesagt, Kinofilmstarts verschoben worden. Das macht skeptisch. Vor allem wenn man dann hört, zum Beispiel von deutschen Virologen und Behörden, ja sogar vom Gesundheitsminister, dass das neue Virus um die Welt reist, aber das Risiko nur gering bis mäßig ist. Was denn nun, fragen sich viele. Tatsächlich gehört das Coronavirus, das im Dezember zuerst in einer chinesischen Elf-Millionen-Metropole bei einer Reihe von Klinikpatienten mit Lungeninfektion entdeckt worden war, längst noch nicht zu den gefährlichsten Erregern. Es ist viel weniger tödlich als zum Beispiel Ebola, und wird bisher auch wahrscheinlich noch nicht so leicht übertragen wie die Grippe.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Warum also der ganze Aufstand?

          Das hat tatsächlich mit China zu tun. Von China aus haben immer wieder gefährliche Erreger ihre Reise um die Welt angetreten und Seuchen ausgelöst. Das sogenannte SARS-Virus zum Beispiel war im Sommer 2002 in der chinesischen Provinz Guangdong ausgebrochen, und hat in den darauf folgenden Monaten Tausende Menschen weltweit infiziert. Viele Hundert waren gestorben. Das SARS-Virus von damals ist mit dem neuen Virus eng verwandt. Beides sind Coronaviren. Sie heißen deshalb so, weil sie außen auf ihrer Hülle wie eine Krone mit vielen stachelartigen Fortsätzen besetzt sind. Auch sonst sind sie sehr ähnlich. Das neue und das ältere Coronavirus unterscheiden sich nur in winzigen Abschnitten, so wie sich Kuchen-Muffins unterscheiden durch die Streusel und Mandelsplitter obendrauf. Bei den Viren sind die Unterschiede genetisch bedingt. Die Gene liefern praktisch die Bauanleitung für das Virus. Und wenn es da im Laufe der Jahre Genveränderungen – sogenannte Mutationen in den Genen – gibt, die dafür sorgen, dass das Virus obendrauf anders aussieht, dann ist es für unser Immunsystem praktisch wie ein neues Virus. Und das kann gefährlich sein. Unser Abwehrsystem ist dann nicht vorbereitet.

          So entstehen immer neue Varianten von Viren

          Warum erzähle ich das? Und was hat das mit China zu tun? Weil in China fast schon immer die besten Bedingungen gegeben waren, dass solche Verwandlungen der Viren möglich werden. Da ist zum einen die Bevölkerungszahl und dann die Bevölkerungsdichte. Wo so viele Menschen auf engstem Raum zusammenleben wie in China, einem Milliardenvolk, da übertragen sich Krankheitserreger generell schneller. Coronaviren schaden dem Menschen vor allem, wenn sie in die Lungen gelangen. Wenn also viele davon mit der Atemluft und den Tröpfchen, die wir durch Husten und Niesen ausstoßen, oder wenn sie durch den Kontakt mit den Schleimhäuten ins Körperinnere gelangen, ist die Gefahr am größten. Das neue Coronavirus wird zum Glück noch nicht so einfach über Tröpfchen in der Luft übertragen. Aber wenn die Gene  weiter mutieren, ist das nicht ausgeschlossen. So wie es möglich ist, dass die Viren durch Mutationen auch insgesamt aggressiver werden und sich schneller vermehren im Körper. Auch dieses Risiko ist eines, das in China immer schon größer war als anderswo.

           In China kommen seit jeher viele verschiedene Coronaviren, Influenzaviren und andere Erreger vor. All diese Viren befallen nämlich auch Haustiere – Schweine, Geflügel – aber auch viele Wildtiere, Fledermäuse zum Beispiel. All diese Tiere leben in China traditionell ganz nah mit den Menschen zusammen. Überall gibt es Tiermärkte, auf denen die Chinesen ihren Appetit auf alles Essbare stillen. Die Hygiene auf diesen Märkten ist oft nicht vorhanden, wie auch in den Häusern, Kontrollen waren Jahrhunderte lang unüblich. Ein wenig hat sich das geändert, vor allem durch die Verstädterung. Aber die Tiere sind nach wie vor ein riesiges Reservoir für Viren, die dann durch engen Kontakt auf den Menschen überspringen können. Man kennt bis jetzt etwa zweihundert verschiedene Krankheitserreger, die vom Tier auf den Menschen übertragen werden. Ein schöner Beleg übrigens dafür, wie nah Mensch und Tier stammesgeschichtlich miteinander verwandt sind. Beim neuen Coronavirus hat man die Spur bis zu einem Tiermarkt in Wuhan zurückverfolgt. Der erste Verdacht war, dass der Erreger von Fledermäusen stammt. Inzwischen zeigen die genauen genetischen Untersuchungen, dass das Virus zwar Merkmale eines Fledermaus-Virus hat, aber auch Merkmale, die auf Schlangen als weiteren „Lebensraum“ hindeuten.

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          Viele Chinesen essen Schlangenfleisch, Innereien, ja sogar das rohe Blut wird verarbeitet und getrunken, das hat eine lange Tradition. Es gilt als Delikatesse, wie in anderen Teilen Asiens auch. Und immer wieder kann es passieren, dass sich unterschiedliche, aber verwandte Erreger begegnen und ihr genetisches Material austauschen. So entstehen in China immer neue Varianten von Viren. Die wenigsten davon müssen den Menschen gefährlich werden. Aber das Potential ist in China besonders groß, dass solche neuen Varianten Epidemien und weltumspannende Pandemien auslösen, die dann durch Reisende in andere Weltregionen verbreitet werden. In den vergangenen Jahren hat sich die Überwachung von möglichen Seuchen in China erheblich verbessert, die Behörden sind sensibilisiert durch Vogelgrippe und Sars, sie reagieren deshalb auch schneller und radikaler mit Quarantänemaßnahmen. Sie sehen selbst seit einigen Jahren Erfolge in der Bekämpfung von Infektionskrankheiten. Aber im Grunde ist es genau das, was die Weltgesundheitsorganisation als globale Gesundheitsbehörde von den Chinesen auch erwartet. Denn China trägt eine große internationale Verantwortung.

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