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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum immer noch so viel über die DDR geredet wird

Wer nicht mitjubelte, war verdächtig: Kinder bei einer Pionier-Demonstration im August 1986 in Ost-Berlin zum 25. Jahrestag des Mauerbaus. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 12:30

Wer nicht mitjubelte, war verdächtig: Kinder bei einer Pionier-Demonstration im August 1986 in Ost-Berlin zum 25. Jahrestag des Mauerbaus. Bild: Picture-Alliance

Vor dreißig Jahren demonstrierten immer mehr DDR-Bürger, bis die Regierung endlich die Grenzen öffnet. Aber warum war das so besonders? Und warum wollen manche Erwachsene heute in die DDR zurück?

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          Reisen zu können, wohin man möchte; sagen zu dürfen, wenn einem etwas nicht gefällt – für uns ist das heute selbstverständlich. Doch die Eltern des einen oder der anderen erinnern sich noch gut an eine Zeit, in der das anders war. 

          Die Deutsche Demokratische Republik – die DDR – wurde 1949 gegründet und bis zum Mauerfall 1989 von einer einzigen Partei regiert, der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, kurz SED. Vierzig Jahre mit nur einer Partei klingt nicht demokratisch? War es auch nicht. Die Demokratie gab es nur auf dem Papier. In der Realität war es eine Diktatur der SED, die alle Entscheidungen allein traf, sie aber als Entscheidungen des Volkes darstellte. Wer damit nicht einverstanden war, wurde bestraft. Die DDR sollte ein „Arbeiter- und Bauernstaat“ mit einer sozialistischen Gesellschaft sein. Sozialismus bedeutet, dass Gleichheit, Zusammenhalt und Gerechtigkeit wichtiger sind als die Interessen jedes Einzelnen. Zur gleichen Zeit wurde in der Bundesrepublik Deutschland, der BRD, eine soziale Marktwirtschaft aufgebaut. Dort konnte jeder Unternehmer selbst entscheiden, was er produzieren möchte und was seine Waren kosten sollen. 

          In der DDR war das ein bisschen anders: Alle Gebäude, Maschinen, Werkzeuge und Materialien, die für die Produktion gebraucht wurden, gehörten nicht dem Besitzer des Unternehmens, sondern dem Staat. Die obersten Entscheider, die im sogenannten Zentralkomitee saßen, legten außerdem fest, was und wie viel produziert werden sollte. Die SED-Politiker erstellten genaue Pläne, welche Dinge in den nächsten Jahren hergestellt werden sollten und welche nicht. Diese Form der Wirtschaft heißt Planwirtschaft. Um alle Menschen möglichst gleich zu stellen, wurden auch die Löhne und Preise vom Zentralkomitee festgelegt: Alle verdienten ungefähr gleich viel, egal ob sie ein Studium oder eine Ausbildung hatten. Die Preise für lebensnotwendige Dinge wie Essen oder Wohnen wurden „staatlich gestützt“. Das bedeutet, dass die Regierung einen großen Teil der Herstellungskosten bezahlte und Alltagsdinge nur sehr wenig kosteten. So hatte jeder genug zu essen, und niemand musste auf der Straße leben.

          Das führte jedoch dazu, dass die Bauern ihre Schweine mit Brötchen fütterten, weil ein Brötchen weniger kostete als das Getreide, aus dem es gebacken wurde. Alles, was nach Meinung der SED nicht lebensnotwendig war, galt als „Luxus“ und war entweder sehr teuer oder man musste sehr lange darauf warten, manchmal auch beides. Auf ein Auto musste man in der DDR über zehn Jahre warten. Wenn man es dann bekam, musste man dafür fast so viel bezahlen, wie man in einem ganzen Jahr verdient hatte. Wohnungen waren zwar günstig, aber auch darauf konnte man schon mal zehn Jahre warten. Paare mit Kindern wurden bevorzugt und bekamen sofort eine Wohnung. Wo man dann wohnen durfte, konnte man sich aber nicht aussuchen. Das legte das Amt für Wohnungswesen fest.

          Keine Sorgen um den Arbeitsplatz

          Viele Dinge, die es in Westdeutschland gab, bekam man in der DDR überhaupt nicht und wenn, dann nur gegen D-Mark oder wenn die Verwandtschaft aus der Bundesrepublik etwas mit der Post schickte. Besonders begehrt waren Strumpfhosen, Musikgeräte und Zeitschriften. Andere Dinge gab es nur selten. Dann war es hilfreich, wenn man eine Verkäuferin kannte, die sich dann für einen nach Bananen oder Kaffee unter die Theke bückte. Deswegen hießen solche Sachen bei den Leuten in der DDR „Bückware“. Viele Menschen fanden sich mit der Zeit damit ab, dass es manche Sachen einfach nicht zu kaufen gab und sie politisch kein Mitspracherecht hatten. Also versuchte man, das Beste aus der Situation zu machen, und half sich gegenseitig. Zum Beispiel waren Schrebergärten sehr beliebt, um sich selbst mit Obst und Gemüse zu versorgen. Denn das Gemüse im Geschäft sah häufig schon recht traurig aus. Also bauten die Leute an. Und wer zu viel hatte, tauschte mit dem Nachbarn – oder mit jemandem, der begehrte Dinge wie Dosenananas oder Baumaterial hatte.

          Weil alle Unternehmen vom Staat geführt wurden, musste sich auch niemand Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen. Dafür gab es aber auch nicht viel, was man sich von seinem Geld kaufen konnte. 

          Im Visier der Stasi

          Insgesamt war das Leben übersichtlicher, aber auch deutlich eingeschränkter. Wer in den Urlaub fahren wollte, durfte nur in sozialistische Länder reisen. Zum Beispiel nach Polen, in die Tschechoslowakei und nach Ungarn. In der DDR hatten die Betriebe eigene Ferienheime. Die konnte man sich aber nicht aussuchen, stattdessen entschied die Ferienkommission der Betriebe, wer einen Urlaubsplatz bekam. Für alle, die leer ausgingen, blieb nur Camping oder Urlaub bei Verwandten. 

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          Ob ein DDR-Bürger in den Urlaub fahren oder studieren konnte, war keine Frage des Geldes, sondern hing allein vom Willen des Zentralkomitees ab. Bevorzugt wurden Parteimitglieder und Menschen, die sich systemkonform verhielten. Das bedeutete zum Beispiel, sich aktiv in der Partei zu engagieren oder die Ansichten des Sozialismus zu verbreiten. Ob Mama oder Papa mit der Familie in ein Ferienheim fahren durften, hing also davon ab, wie sie über die DDR dachten und ob sie sich für den Staat engagierten. Sprach jemand kritisch über die DDR, konnte die SED ihn durch das Ministerium für Staatssicherheit überwachen lassen. Die Stasi, wie sie im Volksmund hieß, hörte Telefone ab und spionierte Menschen nach, die mit der DDR-Politik nicht einverstanden waren oder nach Westdeutschland flüchten wollten. Dafür konnte die Stasi auch schon mal Eltern ins Gefängnis und ihre Kinder ins Heim stecken.

          Aber man konnte auch durch viel banalere Dinge ins Visier der Stasi rücken. Zum Beispiel durch das Anschauen von Fernsehsendungen aus Westdeutschland oder weil man Mitglied in der Kirche war. Auch hier versuchte die Stasi, die Mitglieder auszuspionieren, hatte dabei jedoch nur wenig Erfolg. Dem Zentralkomitee waren die Kirchen immer ein Dorn im Auge, weil sie den Menschen einen Freiraum boten, um diskutieren zu können oder Künstler zu sehen und zu hören, die sonst nicht auftreten durften.

          Ein Raum, in dem sie reden konnten

          In den achtziger Jahren bekam die DDR aber immer mehr Probleme. Viele Betriebe waren heruntergewirtschaftet und brauchten dringend neue Maschinen. Auch wenn die SED die Bundesrepublik als „Klassenfeind“ sah, lieh sie sich über die Jahre immer mehr Geld, damit weiter produziert werden konnte und die Versorgung nicht zusammenbrach. Viele DDR-Bürger flüchteten in dieser Zeit über Ungarn und Österreich oder auch über die innerdeutsche Grenze. Gleichzeitig sprachen immer mehr Menschen über ihre Unzufriedenheit und überlegten, wie sie die Situation verändern könnten. Auch in Polen und im heutigen Tschechien forderten die Menschen zunehmend Reformen, also echte Veränderungen. 

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen

          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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          Am Anfang der Proteste versammelten sich DDR-Bürger zum Friedensgebet und für Gespräche in Kirchen. Dort trafen sie auf Menschen, die genauso dachten wie sie, und gründeten Bürgerbewegungen und Oppositionsgruppen wie „Demokratischer Aufbruch“ oder „Neues Forum“. Die Menschen waren verärgert, weil sie vom Staat unterdrückt wurden. Außerdem waren sie wütend darüber, dass die SED-Führung die Wahlergebnisse fälschte. Die Kirchen boten den Menschen besonders in dieser Zeit einen geschützten Raum, in dem sie sich treffen und reden konnten – auch wenn oft die Stasi unerkannt mit dabei war. 

          Endlich ohne Angst und in Freiheit leben

          Die Menschen in Leipzig waren die Ersten, die nach dem Friedensgebet in der Nikolaikirche auf die Straße gingen, um friedlich zu protestieren. Zu diesen wöchentlichen Montagsdemonstrationen gingen bis zum 4. November 1989 Hunderttausende Menschen in der ganzen DDR auf die Straße – bis das Zentralkomitee dem Druck nicht mehr standhielt und am 9. November 1989 die Grenzen öffnete und ihre Bürger ausreisen ließ. 

          Nach dem Mauerfall hatten viele Menschen die Hoffnung, dass das Leben jetzt besser werden würde und sie ohne Angst und in Freiheit leben könnten. Man erhoffte sich mehr Rechte, aber auch endlich die Möglichkeit, alles kaufen zu können, was es in der DDR nicht gab, angefangen bei leckeren Orangen und Schokolade über schicke Klamotten bis hin zu Kassettenrecordern und modernen Autos. Für manche der früheren DDR-Bürger folgte jedoch bald die Ernüchterung.

          Ein paar Jahre später kaum wiederzuerkennen

          Einige Menschen sagen heute, es sei ja gar nicht alles schlecht gewesen in der DDR. Es gab mehr Gemeinschaft, Sicherheit, Übersichtlichkeit. Andere sind froh, weil sie sich an die Unterdrückung durch den Staat erinnern oder die Stasi ihnen die Kinder weggenommen hatte. Für wieder andere ist der Mauerfall mit gemischten Gefühlen verbunden. Nach der anfänglichen Begeisterung über die neu gewonnene Freiheit mussten manche dabei zusehen, wie auch ihre Welt zerfiel: Sie verloren ihren Arbeitsplatz, weil die Unternehmen heruntergewirtschaftet und ihre Produkte zu teuer waren. Um die staatlichen Betriebe in private Betriebe umzuwandeln, wurde in der Wendezeit die Treuhandanstalt gegründet. Ihre Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass die Betriebe wieder effizient arbeiten, also ihre Ziele erreichen, und wettbewerbsfähig im Vergleich zu den westdeutschen Betrieben sind, also ihre Produkte nicht teurer oder schlechter sind. Wenn das nicht möglich war, sollte das Unternehmen geschlossen werden. Um das zu erreichen, mussten, auch wenn das Unternehmen nicht geschlossen wurde, viele Mitarbeiter entlassen werden.

          Manche Menschen fanden in ihren Berufen danach nie wieder Arbeit. Das macht wütend und traurig. Einige glauben, die Treuhand hätte alles kaputt gemacht. Sie können nicht verstehen, dass viele Gebäude marode waren und die Maschinen teilweise so heruntergewirtschaftet, dass die Arbeit dort gefährlich war. Auch die Gemeinschaft, die die Menschen so schätzten, löste sich teilweise auf. Viele Kinder mussten sich von ihren Freunden verabschieden, weil deren Eltern in Westdeutschland Arbeit gefunden hatten. Ein paar Jahre später waren manche Städte kaum wiederzuerkennen.

          Ganz schön überkreuz

          Bis heute sind sich die Erwachsenen nicht ganz einig, ob es die Wende gab, weil die Menschen nicht die Freiheit hatten zu reisen, oder weil ihnen Bürgerrechte wie freie Meinungsäußerung oder Mitspracherecht fehlten. Die Wahrheit liegt sicher irgendwo in der Mitte. Fest steht, dass die DDR 1989 kein Geld mehr hatte, um weiter Löhne, Renten, Schulen und andere Dinge zu bezahlen. Und da die Regierung sich weigerte, die von den Menschen geforderten Veränderungen durchzuführen, ist es nicht überraschend, dass die Menschen das System ablehnten und nicht mehr in der DDR leben wollten. 

          Was vor dreißig Jahren passiert ist, hat das Leben von Millionen Menschen für immer verändert – und jedes einzelne dieser Leben auf eine eigene Weise. Manche haben trotz der Situation in der DDR vor dem Mauerfall ein glückliches Leben geführt, einige sogar genau deswegen. Viele haben erst danach ihr Glück gefunden, weil sie erst durch die friedliche Revolution in Freiheit und ohne Angst selbstbestimmt leben konnten. Da liegen Glück und Unglück, Hoffnungen und unerfüllte Erwartungen, aber auch Fragen von Schuld oder Dankbarkeit, ganz schön überkreuz. Wenn wir heute aus einem Abstand von dreißig Jahren darauf zurückschauen, mischen sich oft die geschichtlichen Ereignisse und deren Einordnung mit dem persönlichen Erleben. Und wenn es schon bei beidem für sich viele Unterschiede und Uneinigkeit gibt, ist klar, dass man bei der Mischung von alledem erst recht immer wieder feststellt, dass diese Münze mehr als zwei Seiten hat.

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