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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum immer noch so viel über die DDR geredet wird

Nach dem Mauerfall hatten viele Menschen die Hoffnung, dass das Leben jetzt besser werden würde und sie ohne Angst und in Freiheit leben könnten. Man erhoffte sich mehr Rechte, aber auch endlich die Möglichkeit, alles kaufen zu können, was es in der DDR nicht gab, angefangen bei leckeren Orangen und Schokolade über schicke Klamotten bis hin zu Kassettenrecordern und modernen Autos. Für manche der früheren DDR-Bürger folgte jedoch bald die Ernüchterung.

Ein paar Jahre später kaum wiederzuerkennen

Einige Menschen sagen heute, es sei ja gar nicht alles schlecht gewesen in der DDR. Es gab mehr Gemeinschaft, Sicherheit, Übersichtlichkeit. Andere sind froh, weil sie sich an die Unterdrückung durch den Staat erinnern oder die Stasi ihnen die Kinder weggenommen hatte. Für wieder andere ist der Mauerfall mit gemischten Gefühlen verbunden. Nach der anfänglichen Begeisterung über die neu gewonnene Freiheit mussten manche dabei zusehen, wie auch ihre Welt zerfiel: Sie verloren ihren Arbeitsplatz, weil die Unternehmen heruntergewirtschaftet und ihre Produkte zu teuer waren. Um die staatlichen Betriebe in private Betriebe umzuwandeln, wurde in der Wendezeit die Treuhandanstalt gegründet. Ihre Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass die Betriebe wieder effizient arbeiten, also ihre Ziele erreichen, und wettbewerbsfähig im Vergleich zu den westdeutschen Betrieben sind, also ihre Produkte nicht teurer oder schlechter sind. Wenn das nicht möglich war, sollte das Unternehmen geschlossen werden. Um das zu erreichen, mussten, auch wenn das Unternehmen nicht geschlossen wurde, viele Mitarbeiter entlassen werden.

Manche Menschen fanden in ihren Berufen danach nie wieder Arbeit. Das macht wütend und traurig. Einige glauben, die Treuhand hätte alles kaputt gemacht. Sie können nicht verstehen, dass viele Gebäude marode waren und die Maschinen teilweise so heruntergewirtschaftet, dass die Arbeit dort gefährlich war. Auch die Gemeinschaft, die die Menschen so schätzten, löste sich teilweise auf. Viele Kinder mussten sich von ihren Freunden verabschieden, weil deren Eltern in Westdeutschland Arbeit gefunden hatten. Ein paar Jahre später waren manche Städte kaum wiederzuerkennen.

Ganz schön überkreuz

Bis heute sind sich die Erwachsenen nicht ganz einig, ob es die Wende gab, weil die Menschen nicht die Freiheit hatten zu reisen, oder weil ihnen Bürgerrechte wie freie Meinungsäußerung oder Mitspracherecht fehlten. Die Wahrheit liegt sicher irgendwo in der Mitte. Fest steht, dass die DDR 1989 kein Geld mehr hatte, um weiter Löhne, Renten, Schulen und andere Dinge zu bezahlen. Und da die Regierung sich weigerte, die von den Menschen geforderten Veränderungen durchzuführen, ist es nicht überraschend, dass die Menschen das System ablehnten und nicht mehr in der DDR leben wollten. 

Was vor dreißig Jahren passiert ist, hat das Leben von Millionen Menschen für immer verändert – und jedes einzelne dieser Leben auf eine eigene Weise. Manche haben trotz der Situation in der DDR vor dem Mauerfall ein glückliches Leben geführt, einige sogar genau deswegen. Viele haben erst danach ihr Glück gefunden, weil sie erst durch die friedliche Revolution in Freiheit und ohne Angst selbstbestimmt leben konnten. Da liegen Glück und Unglück, Hoffnungen und unerfüllte Erwartungen, aber auch Fragen von Schuld oder Dankbarkeit, ganz schön überkreuz. Wenn wir heute aus einem Abstand von dreißig Jahren darauf zurückschauen, mischen sich oft die geschichtlichen Ereignisse und deren Einordnung mit dem persönlichen Erleben. Und wenn es schon bei beidem für sich viele Unterschiede und Uneinigkeit gibt, ist klar, dass man bei der Mischung von alledem erst recht immer wieder feststellt, dass diese Münze mehr als zwei Seiten hat.

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