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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum niemand ein Wahlergebnis vorhersagen kann

Wähler in einer Grundschule in Richmond, Virginia Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 05:13

Wähler in einer Grundschule in Richmond, Virginia Bild: AP

Schon vor Wahlen werden immer Leute befragt, wie sie sich denn entscheiden werden. Doch auch wenn die Umfragewerte – wie jetzt in Amerika – eindeutig wirken, geht es am Ende oft überraschend anders aus. Wie kann das sein?

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          Die Amerikaner wählen in knapp zwei Wochen einen neuen Präsidenten. Und es gibt kaum eine Familie, in der am Küchentisch nicht schon darüber gesprochen wurde. Wahlen in Amerika sind immer wichtig. Denn kein Land der Erde ist mächtiger. Aber dieses Mal ist alles noch spannender als sonst. Täglich werden viele Menschen in Amerika deshalb gefragt, wen sie am 3. November wählen werden. Die Mehrheit von ihnen sagt, dass sie für Joe Biden stimmen wollen, der schon einmal Stellvertreter von Präsident Barack Obama war. Donald Trump, der jetzt Präsident ist, wollen deutlich weniger Menschen ihre Stimme geben.

          Trotzdem ist es noch völlig offen, wer am Ende tatsächlich Präsident wird. Denn der Ausgang einer Wahl lässt sich nicht vorhersehen. Dafür gibt es viele Gründe. Zunächst einmal kann jeder Wahlberechtigte seine Meinung ändern, bis er in der Kabine oder auf dem Wahlbrief wirklich sein Kreuzchen macht. Nicht jeder hält unverbrüchlich zu einem Kandidaten wie zu seinem Fußballclub. Vielleicht stört er sich kurz vor der Wahl plötzlich an einer doofen Aussage oder an einer Fliege auf der Stirn wie bei Trumps Vize Mike Pence im Fernsehduell – und schon geht die Stimme an jemand anderen. Deshalb sind Umfragen immer nur eine Momentaufnahme. Ob alle Befragten am Ende wirklich so wählen werden, ist nicht sicher.

          Bild: F.A.Z.

          Eine andere Unsicherheit ist die Wahlbeteiligung. Wer seinen Kandidaten am Wahltag schon als sicheren Sieger sieht, der denkt vielleicht, dass seine Stimme gar nicht mehr notwendig ist, und bleibt lieber zuhause. Umgekehrt gibt es vielleicht Wähler, die ihrem Kandidaten ohnehin keine Siegeschancen mehr ausrechnen und ebenfalls lieber in der warmen Stube bleiben, als sich bei schlechtem Novemberwetter ins Wahllokal zu quälen. Wenn weniger Menschen abstimmen, zählen die Stimmen derer, die gewählt haben, aber umso mehr. Die Wahlbeteiligung hat also einen großen Einfluss auf das Ergebnis – und auch sie können Umfragen höchstens schätzen. Auch deshalb gibt es am Wahlabend mitunter Überraschungen.

          Kleine Veränderung können den Ausschlag geben

          Auch kann es sein, dass am Ende nicht jede abgegebene Stimme gleich wichtig ist. Durch das Wahlsystem in den Vereinigten Staaten kann es nämlich passieren, dass ein Kandidat zwar weniger Wählerstimmen hat als sein Konkurrent, aber trotzdem die Wahl gewinnt. Das liegt daran, dass so genannte Wahlmänner den Präsidenten wählen, deren Anzahl von der Größe des Bundesstaats bestimmt wird. Wer in einem Bundesstaat gewinnt, bekommt alle Wahlmänner, auch wenn sein Konkurrent nur eine einzige Stimme hinter ihm liegt. So genau können Umfragen aber nie sein, sie haben immer eine Fehlertoleranz von einigen Prozentpunkten. Minimale Veränderungen in einzelnen wichtigen Staaten können am Ende deshalb einen großen Ausschlag geben – und vielleicht sogar eine Wahl entscheiden.

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          Außerdem gibt es auch Menschen, die in Umfragen einfach nicht die Wahrheit sagen. Vielleicht, weil sie sich nicht trauen, offen ihre Vorliebe zu benennen. Und vielleicht auch, weil sie, wie vielleicht jetzt viele Trump-Anhänger, den Umfrageinstituten nicht über den Weg trauen. Noch wichtiger ist aber, dass die Öffentlichkeit manchmal dazu neigt, Umfragen zu viel Glauben zu schenken. Dabei bildet selbst die beste Umfrage am Ende immer nur eine Wahrscheinlichkeit ab. Vor der Amerika-Wahl vor vier Jahren sahen die Zahlen lange so eindeutig gegen Trump aus, dass sich die „New York Times“ sicher war: Hillary Clinton gewinnt mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent. Am Ende siegte Trump – und die vermeintlich geringe „Restwahrscheinlichkeit“ von zehn Prozent hatte sich durchgesetzt. Viele Journalisten und Forscher hatten schlicht unterschätzt, wie unbeliebt Clinton bei vielen Amerikanern war – und dass viele noch am Wahltag offenbar zum „kleineren Übel“ Trump umschwenkten.

          Mindestens ebenso sehr irrten sich die Meinungsforscher und Journalisten beim Brexit. Als die Briten 2016 über den Austritt Großbritanniens aus der EU abstimmten, war sich das Meinungsforschungsinstitut YouGov nach der Schließung der Wahllokale sicher, dass 52 Prozent der Briten gegen den Austritt gestimmt hatten. Das hatte YouGov vor allem aus einer Online-Umfrage nach der Wahl geschlossen. Das Dumme war nur: Viele Ältere, die eher für den Brexit gestimmt hatten, konnten mit einer Online-Umfrage nichts anfangen und nahmen nicht an ihr teil – das verzerrte das Bild. Auch solche Fehler haben die Meinungsforschungsinstitute bei manchen in Misskredit gebracht.

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          Schließlich kann es auch bei der Wahl selbst noch Probleme geben: Immer wieder versuchen böse Menschen, Wahlen in Demokratien zu sabotieren. Über das Internet ist das möglich, auch wenn der Schaden meist nicht besonders groß ist. Zudem können Fehler bei der Auszählung geschehen. Darum werden alle Stimmen immer mehrfach ausgezählt. Ob jemand in ein Wahllokal geht oder seine Stimme vorher per Briefwahl abgibt, hat hingegen keinen Einfluss. Stimmen gehen in Demokratien nur selten verloren. Auch wenn Donald Trump etwas anderes behauptet.

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