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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum fast alle Tiere symmetrisch aufgebaut sind

Schiefe Schnute: Der Butt zählt zu den bekanntesten Tieren, die nicht auf der rechten und der linken Körperhälfte gleich aussehen. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 05:27

Schiefe Schnute: Der Butt zählt zu den bekanntesten Tieren, die nicht auf der rechten und der linken Körperhälfte gleich aussehen. Bild: Picture-Alliance

Die meisten Wirbeltiere sehen auf ihrer rechten und ihrer linken Seite annähernd gleich aus. Das scheint sich in der Evolution bewährt zu haben. Warum ist das so? Und was ist mit den Ausnahmen?

          3 Min.

          Wer sich fragt, warum eigentlich fast alle Tiere symmetrisch aufgebaut sind, muss vielleicht erst einmal erklären, was „symmetrisch“ heißt: auf verschiedenen Seiten gleichmäßig. Warum also? Weil Symmetrie schön ist und sich deshalb besonders leicht fortpflanzt? Bei Schmetterlingen mag das stimmen. Und es stimmt ja auch:  Zwei gleiche Gesichtshälften und auch perfekt symmetrische Körper werden von uns Menschen ebenfalls als ästhetischer wahrgenommen. Dazu gibt es viele Experimente. Andere Tiere nehmen ihre Artgenossen ebenfalls so wahr.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Aber viele der Organismen, die seit Millionen Jahrhunderten auf der Erde leben und auch schon immer symmetrisch gebaut waren, hatten weder damals am Anfang ihrer Evolution noch heute ein Gehirn, um ästhetische Empfindungen zu erzeugen. Symmetrie als Bauplan dürfte also nicht entstanden sein, um anderen zu gefallen. Fest steht: Symmetrie hat sich als Überlebensprinzip durchgesetzt. 99 Prozent der heute lebenden Tiere sind spiegelsymmetrisch wie wir Menschen aufgebaut: zwei gleich aussehende Seiten und eine Symmetrieebene. Fast alle anderen sind radiärsymmetrisch: Bei ihnen gibt es zwei oder mehr Symmetrieebenen. Der Seestern zeigt das besonders schön, auch die Quallen. Und dann gibt es den winzigen Rest an Kreaturen, bei denen eine Symmetrie kaum vorkommt: Schwämme im Meer zum Beispiel.

          Entscheidend an der Symmetrie der Lebewesen ist, dass sie nicht erst dann auftaucht, wenn sie ausgewachsen sind, sondern dass die Symmetrie schon von den ersten Zellen an im Embryo angelegt ist und in der gesamten Entwicklung eine wichtige Rolle spielt. Deshalb sind auch fast alle Organe im Körper symmetrisch aufgebaut.

          Bild: F.A.Z.

          Bei Pflanzen übrigens ist die kreisförmige Form mit der Radiärsymmetrie, bei der die Symmetrieebenen um die Mittelachse verlaufen und den Körper in viele ähnliche gleiche Elemente teilen, viel weiter verbreitet. Damit sind wir auch schon fast auf der richtigen Spur: Pflanzen bewegen sich nicht viel, Tiere sehr wohl. Ein symmetrischer Aufbau hat, wenn man koordinierte Bewegungen vornehmen will, riesige Vorteile. Nicht nur, dass man die Richtung besser halten kann, man spart auch enorm viel Energie, wenn die Gliedmaßen gleichmäßig bewegt werden.

          Schnelligkeit und Sparsamkeit, das ist Trumpf in der Natur. Evolutionsforscher sind sich nicht ganz sicher, seit wann sich die symmetrischen Organismen als Erfolgsmodell durchgesetzt haben. Es war jedenfalls extrem früh. Im Kambrium, vor einer halben Milliarde Jahren schon, sind wohl besonders viele spiegelsymmetrische Organismen entstanden. Unsere Ahnen gewissermaßen. Wir gehören wie diese ersten primitiven Kreaturen zu den Bilateria – zu den „Zweiseitigen“. Die entscheidende Frage, die die Wissenschaftler bis heute nicht endgültig beantwortet haben, lautet: Was war vorher – radiärsymmetrisch wie bei den Quallen oder zweiseitig wie beim Schmetterling? Intuitiv würde man sagen, Quallen sind primitiver, also sind sie älter. Vieles spricht dennoch für die Zweiseitigen. Nicht, weil sie in der Mehrzahl sind, sondern weil viele der radiärsymmetrischen Tiere in ihrem Inneren zweiseitig gebaute Organe besitzen. Manche Biologen glauben, dass es mit der Bewegungsrichtung zu tun hat: Zweiseitige, die entlang der Symmetrieachse ein vorne und hinten haben, müssen sich vor allem in gleichem Abstand zum Erdboden gut und schnell fortbewegen, für die Radiärsymmetrischen ist das nicht so wichtig. Bei vielen von ihnen geht es oft auf und ab.

          So ganz sind viele Forscher mit der Erklärung nicht einverstanden. Viel besser erklärt sich das, wenn man sich den Lebensraum des jeweiligen Tiers ansieht. Im Wasser, wo die Radiärsymmetrischen noch gut vertreten sind, kommt es nicht nur auf die Schnelligkeit an, die energiesparende Fortbewegung ist auch ein wichtiger Vorteil. Und tatsächlich haben Quallen gegenüber Fischen zum Beispiel keinerlei energetische Nachteile. Dazu kommt, dass die Meere auch über lange Zeiträume stabile Bedingungen bieten.

          Der Lebensraum ist es auch, der bei vielen Organismen dazu führt, dass die perfekte Symmetrie nicht immer eingehalten wird. Der Butt zum Beispiel, ein Plattfisch, ist von seiner Herkunft her ein Zweiseitiger. Aber egal, was man auch versucht, bei ihm findet man keine Symmetrieebene mehr. Der Körper scheint verdreht, beide Augen liegen oben, links ist oben, rechts ist der Bauch, und auch die Flossen sind nicht mehr symmetrisch angeordnet. Der Butt ist trotzdem ein Bilateria. Wenn er Embryo ist, kann man das gut sehen, dann hat er einen perfekten symmetrischen Aufbau. Das ändert sich dann im Laufe der Entwicklung – bis er ein für unser ästhetisches Empfinden eher hässlicher Plattfisch ist. Keine Schönheit, aber eben angepasst an seine Umgebung und  perfekt gebaut, um am Meeresgrund fette Beute machen zu können.

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