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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum es Mädchen- und Jungsfarben gibt

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Nur für Mädchen: Die Barbie wird auch im Jahr 2021 in pinken Verpackungen verkauft. Warum eigentlich? Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 07:47

Nur für Mädchen: Die Barbie wird auch im Jahr 2021 in pinken Verpackungen verkauft. Warum eigentlich? Bild: Reuters

Immer wieder will uns die Werbung weismachen, bestimmte Farben gehörten zu bestimmten Geschlechtern: Rosa ist für Mädchen, blau für Jungs. Dabei ist das eigentlich Unsinn – und war sogar mal umgekehrt.

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          Jeder weiß, wie es in einem Spielwarengeschäft aussieht. In der Ecke für die Mädchen stapeln sich die Barbies und Prinzessinnen-Schlösser, in der Ecke für die Jungs gibt es Autos und Actionfiguren. Könnte man die Welt nur in Schwarzweiß sehen, würde man das auf den ersten Blick gar nicht so leicht erkennen. Denn welche Ecke wem „gehört“, das sieht man vor allem an den Farben der Spielsachen und Verpackungen in den Regalen. Die Barbies sind meist pink oder rosa verpackt, die Actionfiguren gibt es vor allem in blauen oder anderen dunkelfarbigen Kartons.

          Kim Maurus
          Volontärin.

          „Das ist doch klar“, kann man jetzt denken. Blau ist eben für Jungs, Rosa eben für Mädchen. Es gibt nicht nur die Spielsachen in den jeweiligen Farben. Auch in Kleiderläden ist die Auswahl ähnlich, das ist schon bei Babys so. Für Jungs gibt es blaue Strampler, für Mädchen rosafarbene. Wenn man schon ein bisschen älter ist, gilt das gleiche für die Oberteile. Pinkes Glitzer findet man nur auf Mädchenpullis, Bagger und Roboter nur auf Sweatshirts für Jungs. Bücher, Schulranzen, Bettwäsche, Geschirr, alles gibt es einmal für Jungs und einmal für Mädchen. Aber warum ist das eigentlich so?

          Immer wieder gibt es Erwachsene, die behaupten, dass diese Aufteilung der Farben ganz natürlich sei. Dass das so nicht stimmt, wird deutlich, wenn man in der Geschichte zurückblickt. Vor mehr als hundert Jahren – das ist solange her, da gab es noch keine Barbies oder Actionfiguren – war das mit den Farben sogar umgekehrt. Die Farbe Rot galt als königlich und stark, man verband damit Männlichkeit, Kampfgeist, Blut und Krieg. Weil Jungs noch keine ausgewachsenen Männer sind, trugen sie damals die Farbe rosa, als eine Verniedlichung der stattlichen roten Farbe. Die schwangere belgische Prinzessin Astrid soll im Jahr 1927 zum Beispiel die Wiege für ihr Kind rosa geschmückt haben, weil sie davon ausgegangen ist, dass sie einen Sohn bekommen wird. Für Mädchen war es dagegen üblich, blau zu tragen. Das kam aus dem christlichen Glauben und orientierte sich am blauen Gewand der Jungfrau Maria.

          Bild: F.A.Z.

          Wieso ist das jetzt, ein Jahrhundert später, andersherum? Es ist nicht so, dass Mädchen und Jungs sich auf einmal abgesprochen haben, die jeweils andere Farbe zu mögen. Oder dass sie einfach ihre Meinung geändert haben und ihnen jetzt die andere Farbe viel besser gefällt. Tatsächlich, das sagen Forscher, ist es eher Zufall. Die gesamte Gesellschaft hat sich im vergangenen Jahrhundert ziemlich geändert – und damit auch unsere Wahrnehmung, was für Mädchen und Jungs „richtig“ ist. In den vierziger Jahren kam zum Beispiel die Jeanshose, die wir heute alle tragen, aus den Vereinigten Staaten nach Europa. Sie war zunächst vor allem eine gängige Arbeitshose für Handwerker – und Handwerker waren meisten Männer. Auch die Uniformen von Matrosen, die meist männlich waren, waren blau. So kam es, dass Blau immer mehr als Farbe für Jungs gesehen wurde. Rosa für Mädchen wurde spätestens dann beliebt, als die Barbiepuppe erfunden wurde. Die Hersteller verkauften die Barbie in den fünfziger Jahren in pinken Verpackungen – und ein Trend war geboren.

          Das alles ist schon ziemlich lange her. Forscher sind aber davon überzeugt, dass uns solche Entwicklungen bis heute prägen. Vor allem, weil die Werbung im Fernsehen und die Verpackungen uns immer wieder zeigen: Rosa ist für Mädchen, Blau für Jungs. Wir alle sind so daran gewöhnt, dass wir das gar nicht mehr infrage stellen – und viele Menschen diese Farbzuordnung als ganz natürlich betrachten. Die Unternehmen, die uns Klamotten und Spielsachen verkaufen, stört das nicht, im Gegenteil.

          Es gibt Menschen in Unternehmen, die sich damit beschäftigen, wie ein Produkt aussehen und präsentiert werden muss, damit es möglichst viele Menschen kaufen. Diese Abteilung nennt sich „Marketing“. Marketing-Forscher haben herausgefunden, dass es sich für Unternehmen lohnt, wenn sie für Mädchen und Jungs verschiedene Spielsachen herstellen und sie verschieden präsentieren, weil sie dann mehr verdienen. Wenn Bagger nur für Jungs vorgesehen sind und Puppen nur für Mädchen, dann kauft eine Mutter für ihren Sohn und ihre Tochter beides. Eigentlich könnten sie sich ja eine Spielsache teilen oder weitergeben, wenn das ältere Geschwisterchen schon zu alt dafür geworden ist.

          Auf den ersten Blick ist es natürlich nicht schlimm, dass viele Mädchen lieber mit Puppen spielen und viele Jungs lieber mit Baggern. Aber dass es so ist, hat eben auch was damit zu, dass Mädchen und Jungs es nicht anders kennen. Und nur, weil das die gängige Vorstellung ist, heißt das noch lange nicht, dass sie immer stimmt. Denn es gibt auch Jungs, die die Farbe Pink mögen und Mädchen, die lieber mit der Carrera-Bahn spielen als mit Puppen – und daran ist nichts falsch. Genau das deuten die Werbung und die Verpackung für solche Produkte aber an. Sie transportieren indirekt die Botschaft: „Das ist nicht für dich, weil du ein Mädchen bist!“

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          Das kann im schlimmsten Fall dazu führen, dass manche Kinder andere Kinder auslachen und mobben, weil sie ihre Vorlieben für Spielsachen komisch finden oder ihre Klamotten als nicht passend bewerten. Deswegen passen sich viele Kinder lieber an oder überlegen erst gar nicht, ob sie nicht vielleicht auch die Spielsachen, die angeblich für das andere Geschlecht sind, interessant finden könnten.

          Für manche ist das besonders schwer. Es gibt nämlich auch Kinder, die biologisch gesehen zwar Mädchen sind, sich aber eigentlich eher als Junge fühlen, und andersherum. Für solche Menschen ist es sehr schwierig, einen Platz in dieser stark in männlich und weiblich geteilten Welt zu finden. Ihnen schlägt, auch von Gleichaltrigen, viel Missverständnis entgegen. Vielleicht mag ein Kind, das sich als Junge fühlt, auch wenn es biologisch gesehen ein Mädchen ist, keinen pinken Glitzerpulli tragen, sondern lieber ein grünes Hemd. In diesem Fall wäre es hilfreich, wenn es mehr Produkte gäbe, die nicht für ein bestimmtes Geschlecht gemacht werden.

          Auch sonst kann diese Einteilung in Mädchen und Jungs darin behindern, ihre Interessen herauszufinden. Denn wenn Mädchen gar nicht erst dazu kommen, mal mit Robotern oder Autos zu spielen, wieso sollten sie sich später dafür interessieren, echte Roboter oder Autos zu bauen? Natürlich spielen in die spätere Entscheidung, welchen Beruf man ausüben möchte, noch viele andere Dinge hinein. Doch weil es noch viel mehr Erwartungen an Jungs und Mädchen in einer Gesellschaft gibt, wie sie sich verhalten sollen und was richtig für sie sei, müssen die Spielsachen ja nicht auch noch dazu beitragen.

          Auch Erwachsene denken übrigens in dieser Einteilung – sie sind es ja auch in der Regel, die Spielsachen und Klamotten für ihre Kinder einkaufen. Deshalb sorgen Menschen wie der britische Popstar Harry Styles auch immer noch für Aufsehen, wenn sie etwas Ungewöhnliches anziehen. Auf dem Cover der amerikanischen Modezeitschrift „Vogue“ trug Styles im vergangenen Jahr ein Kleid, und das, obwohl er ein Mann ist. Das wurde in der Erwachsenen-Welt stark diskutiert. Wenn man länger drüber nachdenkt, war daran aber eigentlich überhaupt nichts schlimm. Wem tut das schon weh, wenn ein Mann sagt: „Das Kleid gefällt mir, das trage ich einfach“? Styles selbst hat sich aus freien Stücken dazu entschieden, etwas Ungewöhnliches zu machen. Und weil es so ungewöhnlich ist, finden wir das erst mal komisch. Das ist eine ganz normale Reaktion. Der Popstar aber schadet damit niemandem – genauso, wie ein Mädchen niemandem schadet, wenn es lieber mit Baggern als mit Puppen spielt.

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