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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Erwachsene manchmal lügen

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Lügen können auch andere Dinge über Menschen verraten. Wenn ein Schulfreund zum Beispiel dauernd lügt, dann möchte er vielleicht einfach mehr Aufmerksamkeit. Oder er möchte sich besser und toller fühlen, als er sich eigentlich fühlt. Lügen machen erstmal niemandem zu einem schlechten Menschen. Sie können aber ein Signal dafür sein, dass jemand Zuhause zu wenig Liebe bekommt oder ihm sein Umfeld vermittelt, dass das, was er ist, nicht ausreicht. Er muss praktisch tolle Eigenschaften hinzuerfinden, um das Gefühl zu haben, gut genug zu sein.

Natürlich ist Lügen keine gute Eigenschaft. Wenn alle Menschen lügen würden, dann wüssten wir gar nicht mehr, was in Wirklichkeit passiert. Deshalb sind wir in der Gesellschaft darauf angewiesen, dass alle sich bemühen, die Wahrheit zu sagen. Die Frage ist, ob Lügen immer böse oder schlecht sind.

Da kommt es darauf an, ob jemand die Wahrheit erfahren möchte, weil er seinem Gegenüber nur das Beste wünscht und ihn beschützen möchte, so wie zum Beispiel Eltern ihre Kinder. Oder ob jemand die Wahrheit erfahren möchte, um den anderen zu beschämen oder ihn zu erpressen. Darüber hat sich zum Beispiel Dietrich Bonhoeffer Gedanken gemacht. Dietrich Bonhoeffer hat im Zweiten Weltkrieg Widerstand gegen die Nationalsozialisten und Adolf Hitler geleistet. Gleichzeitig war er Theologe und kannte sich gut mit der Bibel aus. In der Bibel steht, dass man nicht lügen soll.

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Dietrich Bonhoeffer war häufig in einer Situation, in der er überlegen musste, ob es in Ordnung ist, zu lügen oder nicht. Denn als er lebte, wurde Deutschland gerade von den Nationalsozialisten regiert, die nur Schlechtes für die Gesellschaft wollten. Bonhoeffer kämpfte gegen die Nationalsozialisten und musste entscheiden, ob er sie anlügen durfte oder nicht. Wenn er den Nazis die Wahrheit erzählt hätte, hätte er zum Beispiel seine Freunde verraten müssen. Dagegen hat er sich geweigert. Er hat versucht, seine Freunde vor den Nazis zu schützen und hat deshalb gelogen. Das heißt, ob man lügen darf oder nicht, ist für Bonhoeffer auch davon abhängig, ob der andere das Recht auf die Wahrheit hat. Bonhoeffer hat auch ein Beispiel in seinem Buch „Ethik“ aufgeschrieben. Darin beschreibt er, wie ein Kind von seinem Lehrer vor der Klasse gefragt wird, ob es wahr ist, dass sein Vater oft betrunken nach Hause kommt. Das ist in der Geschichte zwar wahr, aber das Kind verneint es trotzdem. Das Kind verneint es deshalb, weil es seine Familie schützen möchte und spürt, dass das, was in seiner Familie vorgeht, nicht für die Ohren der ganzen Schulklasse bestimmt ist. Es versucht also, das Geheimnis seiner Familie vor der Klasse zu schützen.

Bonhoeffer sagt, der Lehrer hätte wissen müssen, dass das Kind diese Frage nicht vor der ganzen Klasse beantworten kann, aus Angst davor, dann gehänselt oder verspottet zu werden. Und dass das Kind seine Familie und seinen Vater schützen möchte. Deshalb liegt, nach Bonhoeffer, die Schuld für die Lüge beim Lehrer und nicht beim Kind.

Menschen erzählen die Wahrheit eher dann, wenn sie sich respektiert und sicher fühlen. Und wenn sie das Gefühl haben, dass sie für ihre Antwort nicht bestraft werden, ganz egal, wie die Antwort lautet. Eben nicht wie der Lehrer in dem Beispiel von Dietrich Bonhoeffer, der das Kind vor der ganzen Klasse etwas sehr Persönliches fragt. Sondern am besten in einer liebevollen und ruhigen Atmosphäre, in der sich alle Beteiligten wohl fühlen.

Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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