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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Durchhalten so schwer ist

In Spanien, wo die Corona-Regeln noch viel strenger sind als bei uns, schaut ein Junge mit Mundschutz aus dem Fenster. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 04:39

In Spanien, wo die Corona-Regeln noch viel strenger sind als bei uns, schaut ein Junge mit Mundschutz aus dem Fenster. Bild: Picture-Alliance

Kein Sportverein, keine Geburtstagsfeiern, kein Urlaub: Am Anfang ging es ja noch mit den Corona-Regeln, aber irgendwann wird es echt schwer zu ertragen. Woran liegt das – und was kann man dagegen tun?

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          Es ist eine komische Sache mit der Motivation. Wenn wir motiviert sind, spüren wir eine Mischung aus Begeisterung und Entschlossenheit, etwas zu tun. Zum Beispiel: sich beim Sport besonders anzustrengen. Oder in einem neuen Heft besonders ordentlich zu schreiben. Es gibt ganz unterschiedliche Gründe, warum wir motiviert sein können. Beim Sport ist es oft, dass wir einfach gewinnen, also der oder die Beste sein wollen. Wenn man weiß, dass man für etwas gelobt oder belohnt wird, ist das auch motivierend. Oder, wie beim neuen Heft: Wenn man das Gefühl hat, neu anfangen zu können und diesem Neuanfang irgendwie gerecht werden will.

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.

          Nun wissen wir alle, was mit dem neuen Heft nach einer Weile passiert: Es wird immer unordentlicher. Weil es eben nicht mehr neu ist, sondern normal wird. Warum sollte man sich besondere Mühe geben für etwas, das normal ist? Also schludert man doch wieder. Wenn sie einmal eingeschlafen ist, lässt die Motivation sich nämlich nur schwer wieder aufwecken.

          Das merken wir auch gerade bei den Corona-Regeln. Am Anfang war alles noch ein bisschen aufregend, was sich mit ihnen verändert hat: Nicht zur Schule müssen! Länger schlafen! Viel mehr Zeit vor Bildschirmen verbringen dürfen, auch wenn darin nur der Lehrer oder Mathe-Erklärvideos auf Youtube zu sehen sind! Da ließ es sich noch verschmerzen, dass wir zugleich einige Dinge nicht mehr dürfen. Wir waren total motiviert, alles richtig zu machen. Aber nach einer Weile stinkt es auch den Tapfersten, die Freunde nicht treffen zu dürfen. Und das, obwohl die Belohnung doch klar ist: Wenn wir uns alle zusammenreißen, bleiben wir gesund.

          Es gibt ein berühmtes Experiment aus den sechziger Jahren, in dem ein Forscher Kinder in einem Raum allein gelassen und ihnen versprochen hat, dass sie einen Marshmallow kriegen, wann sie wollen – oder zwei Marshmallows, wenn sie warten, bis er von selbst wiederkommt. Total klar, dass man da wartet, oder? Was machen schon zehn Minuten mehr oder weniger aus? Aber viele Kinder haben es nicht geschafft zu warten. Ihnen ging einfach die Geduld aus, so wie vielen Leuten jetzt mit den Corona-Regeln.

          Dieses Experiment wurde mehrmals mit leichten Änderungen wiederholt. Dabei haben die Forscher ein paar Dinge herausgefunden, die uns jetzt helfen können, länger durchzuhalten. Erstens: Einfach nur nichts zu tun, ist wahnsinnig schwer. Deshalb fällt das Warten leichter, wenn man sich beschäftigen kann. Manche Kinder haben sich selbst etwas vorgesungen oder sich bewegt. Manche haben versucht, einzuschlafen, um die Wartezeit zu verkürzen – und einer hat es sogar geschafft. Wenn sie mit etwas spielen durften, ging es noch viel leichter.

          Zweitens: Am schwierigsten war es für die Kinder, denen der Marshmallow vor die Nase gelegt und nicht in einer geschlossenen Dose hingestellt wurde. Wenn man dauernd vor sich sieht, worauf man verzichten soll, wirkt es nämlich noch viel verlockender. Es hindert einen daran, an etwas anderes zu denken.

          Das heißt also für uns, dass Langeweile gerade alles nur noch schwieriger macht. Dann denken wir am Ende nur an all das, was wir gerade nicht dürfen, und werden traurig. Stattdessen brauchen wir neue Beschäftigungen: Zum Beispiel können wir immer dann, wenn wir sonst zum Sport gegangen wären, etwas anderes Sportliches machen. Das können Liegestütze sein oder eine Runde Tanzen. Wenn wir es öde finden, alleine zu spielen, kann es helfen, einen Freund per Videoanruf einfach daneben zu stellen, der derweil in seinem Zimmer etwas spielt, und ab und zu ruft man sich eben etwas zu, auch wenn man gerade kein richtiges Gespräch führen will.

          Auch wenn das Durchhalten schwer ist: Es gibt eine gute Nachricht. Man gewöhnt sich daran, alleine Sport zu machen oder mit den Freunden übers Internet zu reden. Daran gewöhnt man sich viel besser als ans Nichtstun! Weil man nämlich dabei nicht permanent das Gefühl hat, dass man wartet. Man wartet nicht, man tut ja etwas. Und dass wir am Ende doch alle warten und hoffen, dass bald alles wieder ganz normal wird – das kann man ganz gut für eine Weile vergessen, während man sich mit etwas anderem beschäftigt. Wenn wir schon verzichten müssen, können wir es uns dabei wenigstens so schön wie möglich machen.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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