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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum die Katastrophe von Moria passieren konnte

Gerade noch gerettet: Eine Migrantin bringt sich im Flüchtlingslager Moria mit ihrem Kind vor den Flammen in Sicherheit. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 07:17

Gerade noch gerettet: Eine Migrantin bringt sich im Flüchtlingslager Moria mit ihrem Kind vor den Flammen in Sicherheit. Bild: AFP

Nach dem Brand im Flüchtlingslager Moria fragen sich viele: Wie konnten Griechenland und die EU solche Zustände zulassen? Die Antwort ist einfach. Aber sie tut weh.

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          Die Bilder haben viele entsetzt: Auf der griechischen Insel Lesbos ist das Flüchtlingslager Moria durch mehrere Brände völlig zerstört worden. Wie sie entstanden sind, ist noch unklar. Die griechische Regierung ist aber davon überzeugt, dass sie vorsätzlich gelegt wurden – von Flüchtlingen, die so ein Ende des Lagers erzwingen wollten. Eigentlich ist es aber egal, warum es gebrannt hat. Wichtiger ist, dass das Thema Moria durch das Feuer die Aufmerksamkeit erhält, die es schon lange verdient.

          Oliver Georgi

          Redakteur in der Politik.

          Das Lager Moria gibt es seit 2014. Eigentlich bietet es nur Platz für höchstens 3000 Menschen – aber seit Jahren leben dort viel mehr. Im Februar waren es mehr als 20.000, und vor dem Brand lebten dort immer noch mehr als 12.000 Flüchtlinge – darunter mehrere tausend Kinder. Die Menschen hatten nicht genügend Platz und mussten auf engstem Raum hausen; die hygienischen Zustände waren verheerend, es gab nicht für jeden ausreichend Wasser. Die Stimmung war angespannt, oft kam es zu Gewalttaten. Auch Krankheiten brachen immer wieder aus, und diese Gefahr wurde durch das Coronavirus nur noch größer.

          Warum lässt Europa so etwas zu? Und wieso haben die Griechen so lange viel zu viele Flüchtlinge in Moria untergebracht und dabei offenbar in Kauf genommen, dass die Zustände immer menschenunwürdiger wurden? Die Antwort ist einfach, aber sie tut weh: Weil sie es nicht anders wollten. Und das gilt nicht nur für die Griechen, sondern auch für den Rest Europas, der Griechenland mit den Flüchtlingen ziemlich lange ziemlich alleingelassen hat.

          Bild: F.A.Z.

          Jetzt, nach dem Brand, sind viele europäische Politiker plötzlich entsetzt und wollen den Menschen aus Moria ganz schnell helfen. Die langen Jahre vor dem Brand hat viele Europäer deren Schicksal aber herzlich wenig interessiert. Weil Flüchtlinge in einem Lager im fernen Griechenland viel weniger Probleme machen, als wenn man sie zu sich ins eigene Land holt und sich dort um sie kümmert. Dazu sind viele Regierungen in Europa aber nicht bereit. Auch, weil sie Angst vor Kritik und Auseinandersetzungen mit ihren Wählern haben.

          Überhaupt hat man manchmal den Eindruck, dass die Flüchtlinge von Moria für manche nur Figuren auf einem politischen Schachbrett sind, wo sie nach Belieben hin- und hergeschoben werden. Alle Flüchtlinge aus Moria sind aus dem Nicht-EU-Land Türkei über das Mittelmeer nach Lesbos gekommen. Weil seit 2015 immer mehr Menschen auf diesem Wege versucht haben, nach Europa zu gelangen und weil die große Zahl von Flüchtlingen an den innereuropäischen Grenzen die Politiker aufgeschreckt hat, hat die EU 2016 mit der Türkei ein Abkommen geschlossen. Es sah vor, dass abgelehnte Migranten und Flüchtlinge aus Griechenland in die Türkei zurückgeschickt werden sollen. Für jeden abgelehnten Asylbewerber, den die Türkei wieder aufnimmt, sollte im Gegenzug ein syrischer Flüchtling aus der Türkei nach Europa kommen dürfen.

          Nach dem Brand: Kinder schlafen auf der Straße nahe der Stadt Mytilene auf Lesbos.
          Nach dem Brand: Kinder schlafen auf der Straße nahe der Stadt Mytilene auf Lesbos. : Bild: AFP

          Mit dieser Abmachung sollte eigentlich verhindert werden, dass die Migranten die gefährliche Flucht über das Mittelmeer wagen. Aber manche sagen, das Abkommen habe vieles noch schlimmer gemacht. Denn zum einen werden viel weniger abgelehnte Asylbewerber von Griechenland aus in die Türkei zurückgebracht als vereinbart. Zum anderen dürfen die Flüchtlinge, die in Lagern wie in Moria auf Lesbos sind, die griechischen Inseln seither nicht mehr verlassen, bis über ihren Asylantrag entschieden ist. Doch das dauert nicht wenige Tage oder Wochen, wie ursprünglich geplant, sondern Monate oder manchmal sogar Jahre.

          All das hat dazu geführt, dass die Zahl der Flüchtlinge in Moria lange immer weiter gewachsen ist. Manche sagen deshalb, es sei der griechischen Regierung ganz recht, wenn dort so schlimme Zustände herrschen. Denn das halte viele Flüchtlinge in der Türkei vielleicht davon ab, sich auf den Weg nach Lesbos zu machen: das Lager Moria als Abschreckungsmaßnahme.

          Doch auch die EU trägt eine gehörige Mitschuld an der Lage. Seit 2016 hat sie viel weniger syrische Flüchtlinge aus der Türkei aufgenommen als ursprünglich vereinbart. Genau das ist aber der wichtigste Punkt: Viel zu viele Politiker in Europa, die in schönen Sonntagsreden über Mitmenschlichkeit und Solidarität sprechen, sind eigentlich überhaupt nicht bereit, Verantwortung für Menschen in Not zu übernehmen. Sonst würden sie nämlich eine größere Zahl von Flüchtlingen bei sich aufnehmen. Vor allem die deutsche Regierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) bemüht sich deshalb schon seit Jahren, einen gerechten Verteilmechanismus für die Flüchtlinge und Migranten zu erreichen, um die Last gleichmäßig unter allen EU-Ländern aufzuteilen. Wenn Mittelmeerländer wie Griechenland oder Italien nicht mehr fast alle Flüchtlinge und Migranten alleine aufnehmen und versorgen müssten, sondern alle 27 Mitgliedsstaaten je nach ihrer Größe, wären Lager wie Moria nicht mehr so überfüllt. Dann könnten die Menschen dort auch in besseren Verhältnissen auf ihre Asylentscheidung warten. Aber diese Verteilung lehnen vor allem Länder wie Ungarn, Tschechien oder Polen kategorisch ab. Auch in Ländern wie Frankreich oder Deutschland machen Parteien wie der Front National oder die AfD immer wieder Stimmung gegen die Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten.

          Lieber schnell umschalten auf die Sportschau

          Es ist ein alter Reflex: Wie nach jeder erschütternden Meldung über gekenterte Flüchtlingsboote im Mittelmeer fordern auch nach dem Brand von Moria wieder viele Politiker, jetzt müsse Europa helfen, dieses Mal aber wirklich! Zum Beispiel, indem ein Land wie Deutschland mehrere tausend Asylbewerber vom griechischen Festland aufnimmt. Das ist aller Ehren wert – aber es steht zu befürchten, dass diese Solidarität schnell vergessen ist, wenn Moria wieder aus den Hauptnachrichten verschwindet. Die EU tut sich schwer mit der Solidarität. Das zeigt schon die Tatsache, dass Angela Merkel und der französische Präsident Macron sich am Donnerstag mit anderen EU-Ländern vorerst nur darauf einigen konnten, 400 unbegleitete Minderjährige aus Moria aufzunehmen.

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          Das ist der tragischste Grund von allen, warum es den Menschen in Moria so schlecht geht: Weil Europa sich viel zu lange vor seiner Verantwortung gedrückt hat. Und weil vielen die eigene Bequemlichkeit im Zweifel näher ist als das Schicksal namenloser Flüchtlinge in einem fernen Lager in Griechenland. Das gilt übrigens nicht nur für manche Politiker, sondern auch für viele von uns Bürgern. Wenn wir im Fernsehen Bilder aus einem Flüchtlingscamp sehen, dann finden wir das einen Moment lang ganz furchtbar – und danach schalten wir um auf die Sportschau und haben die Bilder schon wieder vergessen.

          Den Menschen von Moria ist aber nicht damit geholfen, wenn wir jetzt, nach dem Brand, für ein paar Tage entsetzt sind. Sondern nur, wenn uns ihr Schicksal an keinem Tag egal ist.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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