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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Ob man Feste anderer Religionen mitfeiern soll

Palästinenser feiern den Ramadan mit abendlichen Feuerwerken. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 03:50

Palästinenser feiern den Ramadan mit abendlichen Feuerwerken. Bild: dpa

Zuckerfest, Weihnachten, Holi: Manche religiösen Feste sind so cool, dass man sofort mitmachen möchte. Aber darf man das überhaupt, wenn man nicht dazugehört?

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          Tagelang essen und feiern – wie klingt das? Nach Weihnachten, könnte man sagen, aber auch nach dem Fastenbrechen nach Ramadan, das die Türken Zuckerfest nennen und das in jedem Jahr anders liegt, diesmal am 4. Juni. Einen Monat lang haben viele Muslime tagsüber nichts gegessen und oft auch nichts getrunken, und diese Zeit beschließen sie mit mehrtägigen Feierlichkeiten. Da gibt es unter anderem leckere Süßigkeiten, deshalb der Name Zuckerfest. Einige muslimische Gemeinden in Deutschland laden alle dazu ein, die vorbeikommen wollen. Sie stellen riesige Büffets zusammen, und es spielt für sie keine Rolle, ob man selbst Muslim ist oder gefastet hat oder nicht. Das ist sehr gastfreundlich.

          Julia Bähr
          Koordinatorin F+Inhalte und redaktionelles SEO.

          Aber wäre es nicht doch ein bisschen unhöflich, die Einladung anzunehmen? Schließlich haben Nicht-Muslime munter weiter Eiscreme in der Nachmittagssonne gegessen, während die Fastenden mit knurrenden Mägen an ihnen vorbeigegangen sind. Viele wissen nicht mal, worum es beim Ramadan genau geht. Unter diesen Voraussetzungen kann es sich komisch anfühlen, mitzufeiern. So als käme man zu einer Party, die für die anderen viel wichtigere Gründe hat als für einen selbst.

          Wer sich darüber Gedanken macht, kann sich ja einfach mal vorstellen, es wäre umgekehrt. Dass also zum Beispiel Muslime Weihnachten mitfeiern würden. Dass sie abends unterm geschmückten Tannenbaum sitzen und Gans essen würden. Oder dass sie an Ostern ihren Kindern im Garten Schoko-Eier verstecken würden. Das ist doch eine total nette Vorstellung, oder? Und irgendwie könnte man da auch stolz sein und denken: Andere finden es so schön, wie wir unsere Feste feiern, dass sie mitmachen wollen.

          Dabei spielt natürlich eine Rolle, dass weder der Tannenbaum noch der Osterhase viel mit Religion zu tun haben. Das sind einfach Traditionen, die zum Fest gehören. Ein bisschen anders würde es sich vielleicht anfühlen, wenn Muslime sich eine Krippe in die Wohnung stellen würden. Aber wer macht das schon. So wie mit dem Tannenbaum verhält es sich mit dem Festessen beim Fastenbrechen eigentlich auch: Gebetet wird vorher, da bleiben die Religionen oft unter sich, und danach wird gefeiert. Zum Fest Holi zum Beispiel, das die Hindus feiern, gehört auch erst mal ein feierlicher Tag – und erst am zweiten Tag kommt die lustige Schlacht mit Farbbeuteln, bei der in ganz Europa auch viele mitmachen, die gar keine Hindus sind. Wer ein solches Fest mitfeiert, der muss vorher nichts darüber wissen. Die Feier selbst ist eine tolle Gelegenheit, mehr über den Anlass und die Religion zu erfahren. Interessieren sollte man sich auf jeden Fall dafür, das ist eine Frage des Respekts.

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          Trotzdem muss man aufpassen, wenn man Dinge übernimmt, die für andere religiöse Bedeutung haben. In deutschen Gärten oder Wellness-Bereichen stehen zum Beispiel oft als Dekoration Buddha-Köpfe. Buddha ist der Begründer des Buddhismus, und dessen Anhänger finden diese Köpfe ganz schlimm, nicht nur weil sie als Dekoration missbraucht werden, sondern auch weil der Kopf eben abgeschnitten ist. Buddhisten zeigen Buddha immer nur ganz, mit seinem Körper, und würden nie einfach nur seinen Kopf hinstellen. Auch das kann man sich einfach mal umgekehrt vorstellen: Das wäre also, als würden sich Buddhisten einen an der Hüfte abgeschnittenen Jesus am Kreuz in die Sauna hängen. Man muss nicht mal gläubig sein, um das irgendwie geschmacklos zu finden. Deshalb ist es immer ein ganz guter Test, sich solche Situationen umgekehrt vorzustellen. Das hilft nämlich, sich in andere hineinzuversetzen. Und das ist nicht nur in Sachen Religion gut.

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