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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Ob man mit Büchern reich werden kann

  • -Aktualisiert am
J.K. Rowling im November 2016 bei der Premiere von „Fantastic Beasts And Where To Find Them“ in London Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 07:17

J.K. Rowling im November 2016 bei der Premiere von „Fantastic Beasts And Where To Find Them“ in London Bild: Picture-Alliance

Klar, man kann mit Büchern reich werden, J.K. Rowling hat es gezeigt, und man kann arm bleiben wie der Dichter auf einem berühmten Bild. Zum Glück verdienen Autoren nicht nur mit dem Bücherschreiben Geld.

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          In einem Münchener Museum hängt ein Bild, das angehenden Schriftstellern ganz schön die Laune verderben kann. Es wurde 1839 von Carl Spitzweg gemalt und zeigt einen armen Poeten, der zu Hause ein Manuskript liest. Damit tut er sich natürlich keinen Gefallen, denn wie wir inzwischen wissen, macht Homeoffice eher krank als glücklich. So richtig unzufrieden wirkt der Dichter jedoch nicht, obwohl es sich bei seinem Mikro-Apartment um eine vollgerümpelte Dachkammer handelt, in die es auch noch reinregnet. Da er kein Bett besitzt, hat er seinen Arbeitsplatz direkt unter den Dachsparren auf einer Matratze eingerichtet. Seine Klamotten: Pyjama und Schlafmütze.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          In so einem Aufzug haben wir J.K. Rowling noch nie gesehen. Wann immer eines ihrer Bücher verfilmt wurde und sie bei der Premiere über den roten Teppich lief, wirkte das wie das Gegenteil von armer Poetin. Aus gutem Grund, ihr Vermögen wird auf 770 Millionen Euro geschätzt. Allerdings war das mal anders, denn mit Ende zwanzig war sie eine alleinerziehende Mutter, die von Sozialhilfe lebte. Dann dachte sie sich eine Geschichte über einen sympathischen Zauberlehrling aus, tippte sie auf einer Schreibmaschine ab, bot sie verschiedenen Verlagen an – und bekam lauter Absagen. Vorerst. Nachdem das Buch dann doch erschienen ist, gab es kein Halten mehr. Bis heute haben sich die Harry-Potter-Bände mehr als 500 Millionen mal verkauft.

          Ein solcher Erfolg versteht sich nicht von selbst. Tatsächlich muss die Frage, ob man mit Büchern reich werden könne, mit einem klaren „so gut wie nie“ beantwortet werden. Die deutsche Autorin Eva Demski hat einmal gesagt, das Schreiben sei in finanzieller Hinsicht ein „unbeschreiblich demütigender Beruf“. Dabei sollte man bedenken, dass sie keine Anfängerin ist. Im Gegenteil, Demski hat schon etliche Bücher veröffentlicht und Preise gewonnen. Wieviel deutsche Autoren genau verdienen, weiß – abgesehen von den Autoren selbst und ihren Verlagen – kaum jemand. Denn es ist eine Art Tradition des Literaturbetriebs, Informationen über Honorare und Auflagen als streng geschütztes Geheimwissen zu behandeln.

          Carl Spitzweg malte sein Bild „Der arme Poet“ im Jahr 1839
          Carl Spitzweg malte sein Bild „Der arme Poet“ im Jahr 1839 : Bild: Picture-Alliance

          Ein paar Zahlen kennen wir aber doch. Zum Beispiel sind 2018 ungefähr 71.500 neue Buchtitel in Deutschland erschienen. Im Jahr 2007 waren es noch mehr als 86.000. Trotz dieses Rückgangs erwirtschaftet der deutsche Buchmarkt jedes Jahr einen Umsatz von immerhin 9 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Unsere Filmindustrie schafft gerade mal 7,85, die Musikindustrie 1,58 Milliarden Euro. Jedenfalls landet das ganze Geld, das mit Büchern verdient wird, an allen möglichen Orten, aber eher nicht im Portemonnaie der Autoren. Viele von ihnen schreiben, weil es ihnen ein Bedürfnis ist, nicht weil sie davon leben können.

          Die Künstlersozialkasse (bei der sich Autoren versichern können) schätzt, dass Schriftsteller durchschnittlich 22.142 Euro im Jahr verdienen, Schriftstellerinnen hingegen nur 18.395 Euro. Auf dem Konto eines Lehrers der Sekundarstufe 1 landen in Deutschland dagegen jährlich mehr als 55.000 Euro. Wie sind die bescheidenen Einkünfte von Dichtern zu erklären? Nehmen wir an, ein Autor, der kein Star wie J.K. Rowling ist, möchte einen Roman schreiben. Das macht er selbstverständlich nicht in einer Woche und auch nicht in einem Monat. Stattdessen wird er sich, zumindest wenn er ambitioniert ist und sehr genau arbeitet, bis zu zwei Jahre Zeit nehmen. Falls er einen normalen Brotjob hat, bleiben nur der Morgen und der Abend zum Schreiben. Falls er keinen normalen Brotjob hat, bedeutet das: 730 Tage ohne regelmäßiges Einkommen. Wie man es auch dreht und wendet, gut klingt das alles nicht.

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          Nachdem das Manuskript fertiggeschrieben, lektoriert und gesetzt ist, nachdem ein Cover gefunden, eine Werbekampagne erdacht und reichlich Kleinkram besprochen wurde, druckt der Verlag 2000 bis 5000 Exemplare des Buchs. Dann geht es in den Handel. Vom Ladenpreis müssen wir nun 7 Prozent Mehrwertsteuer und rund 40 Prozent für den Buchhändler abziehen. Der Verlag bekommt etwa 60 Prozent, bezahlt davon allerdings Reklame, Mitarbeiter, Druckkosten und den Verfasser. Am Ende verdienen beide – Verlag und Autor – etwa gleich viel an einem Titel. Wenn das Buch im Geschäft 9,90 Euro kostet, verdient sein Urheber pro verkauftem Exemplar um die zehn Prozent davon, also weniger als einen Euro. Ist das sein einziger Verdienst, läuft er in der Tat Gefahr, als armer Poet in einer Dachkammer zu enden. Deswegen lesen Schriftsteller ihre Schmöker oft vor: aufgenommen für ein Hörbuch und vor Publikum. Die Pressesprecherin eines wichtigen deutschen Literaturhauses sagt, 500 bis 600 Euro seien kein ungewöhnliches Honorar für den Auftritt bei einer Lesereise. Die Pressesprecherin eines anderen wichtigen Literaturhauses sagt, die Spanne zwischen der niedrigsten und der höchsten Gage sei enorm. Mehr könne, dürfe und wolle sie nicht verraten. Wir erinnern uns: alles streng geheim.

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen

          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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          Dann gibt es da noch die zahlreichen Literaturpreise in Deutschland. Von den meisten hat noch nie jemand gehört: Stefan-Andres-Preis, GEDOK Literaturförderpreis, Ehm-Welk-Literaturpreis. Manche haben lustige Namen (Buxtehuder Bulle), andere haben lange Namen (Johann-Friedrich-von-Cotta-Literatur- und Übersetzerpreis der Landeshauptstadt Stuttgart), und einer macht von sich reden, weil sein Gewinner nicht nur Geld, sondern auch Wein bekommt (Rheingau Literatur Preis). Die angeseheneren Preise sind mit ein paar tausend Euro dotiert, welche vor allem als Monatsverdienst nicht übel wären, denn auch die klügsten Schöngeister müssen sich um die ganz und gar alltäglichen Dinge Gedanken machen: Miete, Versicherungen, Steuern. Die einzige Auszeichnung, die finanziell auf längere Sicht helfen könnte, ist der Literaturnobelpreis. Umgerechnet ist er mehr als 830.000 Euro wert. Wie viele deutsche Autoren haben ihn in den vergangenen zwanzig Jahren gewonnen? Zwei.

          Als Faustregel kann man sich merken, dass Leute, die sowieso schon berühmt sind, mit dem Schreiben aber eigentlich nichts am Hut haben, mehr Geld für ein Buch bekommen als gestandene Dichter, die unter dem Radar der breiten Masse ihrem Geschäft nachgehen. Der ehemalige amerikanische Präsident Barack Obama – dem man übrigens nachsagt, er habe einen guten Literaturgeschmack – soll von der Verlagsgruppe Penguin Random House mehr als 50 Millionen Euro für seine Memoiren erhalten haben – bevor er auch nur ein einziges Wort aufgeschrieben hatte. Ein Vorschuss dieser Größenordnung ist für jemanden, der nicht prominent ist, undenkbar. Insofern kann man mit Büchern doch richtig reich werden, solange man vorher schon ein bisschen reich gewesen ist.

          In der November-Folge des F.A.Z.-Bücher-Podcasts:

          Karen Krüger über ein frühes Buch von Elif Shafak, Dietmar Dath über ein neues von Philip Ording und Kai Spanke über Campinos „Hope Street“

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