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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum viele Kinder in Deutschland Eltern aus einem anderen Land haben

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Beim Spielen in der Turnhalle einer Kita in Hamburg Bild: Picture Alliance / dpa / Christian Charisius

Nassiba, Su-Yeon, Paolo, Ilja: An deutschen Schulen haben zahlreiche Schülerinnen und Schüler Eltern, die aus einem anderen Land kommen. Man sagt dann, dass sie einen „Migrationshintergrund“ haben. Was heißt das eigentlich?

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          Wer die Liste der Namen einer deutschen Schulklasse liest, dem wird auffallen, dass viele Kinder nicht Hannah oder Emma, Paul oder Felix heißen, sondern Namen wie Nassiba oder Su-Yeon, Paolo oder Ilja tragen. Manchmal liegt das daran, dass Eltern sich bei der Suche nach den Namen für ihre Kinder große Mühe geben und auch in anderen Gegenden der Welt umsehen. Meist rühren solche Namen jedoch daher, dass die Eltern dieser Kinder aus einem anderen Land als Deutschland stammen.

          Man spricht dann davon, dass diese Kinder einen „Migrationshintergrund“ haben. Das Wort ist nicht nur etwas lang und umständlich, es wird auch unterschiedlich verstanden. Am bekanntesten ist vielleicht die Definition des Statistischen Bundesamt in Wiesbaden, das im Auftrag der Regierung viele Zahlen über die Bevölkerung und die Wirtschaft in Deutschland sammelt. Demnach hat eine Person einen Migrationshintergrund, „wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde.“

          Zählt man auf diese Weise, dann haben gut ein Viertel der Menschen in Deutschland einen Migrationshintergrund. 26,7 Prozent, um genau zu sein. Das sind mehr als 20, nämlich 21,9 Millionen, eine sehr große Zahl also. In den Städten ist ihr Anteil noch deutlich größer als auf dem Land. In Frankfurt am Main etwa haben rund vierzig Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund, unter Kindern und Jugendlichen ist es schon fast die Hälfte, und unter den Neugeborenen haben sogar zwei Drittel, die überwiegende Mehrheit also, mindestens einen ausländischen Elternteil.

          Bild: F.A.Z.

          Dass so viele Kinder in Deutschland leben, deren Eltern aus anderen Ländern kommen, hat geschichtliche Gründe. Im Laufe der Zeit kamen Zuwanderer in vielen Schüben aus den verschiedensten Ländern Europas und der ganzen Welt nach Deutschland. So zogen schon Ende des 19. Jahrhunderts viele Polen ins Ruhrgebiet, um dort in Kohleminen und Stahlwerken zu arbeiten.

          Mit den sogenannten „Gastarbeitern“ sind später ganz besonders viele Menschen in einigermaßen kurzer Zeit aus anderen Ländern zu uns gekommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Wirtschaft in Deutschland sehr schnell wieder größer. Schon bald wurden in Fabriken und auf Baustellen mehr Arbeitskräfte benötigt, als es hierzulande gab. Deswegen verabredete die deutsche Regierung mit anderen Ländern, in denen es nicht genug Arbeit gab, auch dort Arbeiter anzuwerben. Solche „Anwerbeabkommen“ wurden mit Ländern wie Italien (1955), Spanien und Griechenland (1960) oder der Türkei (1961) geschlossen, aus der dann die größte Gruppe an Gastarbeitern kam.

          Ursprünglich hatte man sich vorgestellt, dass die Gastarbeiter kommen und wieder gehen. Sie würden nur eine begrenzte Zeit in Deutschland arbeiten, dachte man, bevor sie wieder in ihre Herkunftsländer zurückkehrten und von jemand anderem von dort abgelöst würden. Dass sie dauerhaft hier leben würden, war eigentlich nicht vorgesehen. Doch das sollte sich bald als Täuschung herausstellen. Schon 1965 hat der Schriftsteller Max Frisch es so ausgedrückt: „Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“

          Zwar sind viele Gastarbeiter nach ihrem Arbeitsaufenthalt tatsächlich wieder in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt. Von den insgesamt vierzehn Millionen Menschen, die über die verschiedenen Anwerbeabkommen nach Deutschland kamen, haben elf Millionen das Land auch wieder verlassen. Aber wie sich schon am Unterschied dieser beiden Zahlen zeigt: Viele sind doch in Deutschland geblieben, haben sich hier ein Leben aufgebaut und später ihre Familien nachgeholt oder neue Familien gegründet.

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          Es hat lange gedauert, bis man in Deutschland verstanden hat, dass manche der Gastarbeiter auf Dauer bleiben und ein Teil dieses Landes werden würden. Noch 1983 hatte die Regierung unter dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl die Idee, die Arbeitslosigkeit zu senken, indem sie einigen Migranten eine „Rückkehrprämie“ von 10.500 DM zahlen wollte, wenn sie Deutschland wieder verlassen – eine Maßnahme, die heute kaum mehr vorstellbar wäre. Denn auch wenn noch immer umstritten ist, wie viel und welche Art von Zuwanderung erwünscht ist: Mittlerweile ist weitgehend unbestritten, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist.

          Obwohl nach dem sogenannten „Anwerbestopp“ von 1973 niemand mehr als Gastarbeiter nach Deutschland kommen konnte, sind weiter Menschen aus vielen Teilen der Welt zugewandert. In den letzten Jahren etwa aus Osteuropa, seit sich die Europäische Union im Jahr 2004 dorthin vergrößert hat. Immer wieder kommen Menschen auch deshalb nach Deutschland, weil sie vor Kriegen in ihren Heimatländern fliehen, in den neunziger Jahren etwa aus den Ländern des Balkans oder 2015 aus Syrien. Durch das im Jahr 2000 überarbeitete Staatsangehörigkeitsrecht oder das Zuwanderungsgesetz von 2005 wurde Migranten und ihren Kindern schließlich der dauerhafte Aufenthalt und das Erwerben der deutschen Staatsbürgerschaft erleichtert.

          Viele Kinder und Kindeskinder der Familien von Gastarbeitern und anderen Zuwanderern leben längst in zweiter und dritter Generation in Deutschland. Viele von ihnen haben einen deutschen Pass und sind so Bürger dieses Landes wie jeder andere. Darum wird auch diskutiert, ob man überhaupt von „Menschen mit Migrationshintergrund“ sprechen sollte. Denn das klingt fast so, als ob sie nicht genauso deutsch wären wie alle anderen, die hier geboren und aufgewachsen sind. Doch das sind sie. Selbst wenn ihre Namen ein wenig anders klingen.

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