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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum manche Menschen Rot und Grün nicht unterscheiden können

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Junge beim Augenoptiker Bild: Picture-Alliance

Ein Feuerwehrauto, der Himmel, eine Wiese – schon im Kindergarten lernen wir, was welche Farbe hat. Doch es gibt Menschen, denen fällt es schwer, bestimmte Farben auseinanderzuhalten. Warum ist das so?

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          Dass wir die Welt in vielen unterschiedlichen Farben wahrnehmen können, haben wir sechs Millionen Zapfen zu verdanken. So heißen die Sinneszellen, die in unserem Auge auf der Netzhaut sitzen. Sie nehmen rotes, blaues oder grünes Licht wahr und leiten diese Information an unser Gehirn weiter. Außerdem sind sie für die Sehschärfe zuständig. Neben den Zapfen gibt es auf der Netzhaut auch noch die sogenannten Stäbchen. Ungefähr 120 Millionen Stück hat jeder Mensch. Sie helfen uns, zwischen hell und dunkel zu unterscheiden, und reagieren deswegen viel empfindlicher auf helles Licht als die Zapfen.

          Madeleine Brühl
          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Wie wir die Welt wahrnehmen werden, ist schon bei unserer Geburt festgelegt, nämlich in unserem Erbgut, auf unseren Chromosomen. Durch Veränderungen kann es passieren, dass Gene nicht mehr richtig funktionieren. So ein Fehler kann zum Beispiel dazu führen, dass die Zapfen andere oder auch gar keine Farbreize aufnehmen können. Menschen, bei denen das so ist, haben eine Farbsehstörung. Dabei muss man zwischen Farbenblindheit und Farbsehstörungen unterscheiden.

          Kann jemand überhaupt keine Farben erkennen, spricht man von totaler Farbenblindheit oder auch Achromatopsie. Wegen eines genetischen Fehlers können die Zapfen keine Farbreize weiterleiten und bilden sich im Laufe der Zeit zurück. Diese Erkrankung ist allerdings sehr selten, in Deutschland gibt es nur etwa dreitausend Betroffene. Farbenblinde sehen ihre Umgebung nur in Schwarz-Weiß-Kontrasten und sehr unscharf, ohne funktionierende Zapfen haben sie maximal zwanzig Prozent Sehkraft. Da die Stäbchen eigentlich nicht für die Lichtverhältnisse am Tag ausgelegt sind, fühlen sich Achromaten schon bei normalem Licht geblendet. Ob Menschen mit Achromatopsie sich bewusst sind, dass sie die Welt nur in schwarz-weiß sehen, wissen wir jedoch nicht.

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          Farbblindheit kann man sogar schon bei Babys feststellen. Bei diesen Menschen versucht das Gehirn, einen scharfen Punkt in der Umgebung zu fixieren. Weil aber die Sehkraft nicht ausreicht, klappt das nicht. Also versucht es das Gehirn mit einem anderen Punkt. So kommt es, dass sich die Augen die ganze Zeit hin und her bewegen. Dieses unkontrollierte Augenzittern ist für den Augenarzt ein Hinweis auf Achromatopsie.

          Wie merkt man, ob man eine Farbschwäche hat?

          Anders ist es bei Farbsehschwächen. Zwar werden diese Sehfehler ebenfalls vererbt, allerdings kommt es bei den sogenannten Dyschromatopsien nicht zum völligen Ausfall des Farbsinns. Stattdessen nehmen Betroffene Farben anders wahr und haben manchmal Probleme, sie auseinanderzuhalten. Je nachdem, welche Zapfenart betroffen ist, unterscheidet man zwischen Rot-, Grün- und Blaublindheit. Am häufigsten sind Rot- und Grün-Schwächen verbreitet, weil sie über das X-Chromosom vererbt werden. Da Jungs nur ein X-Chromosom haben, sind sie öfter betroffen als Mädchen. Das ist aber kein Grund zur Sorge: Menschen mit Farbschwäche haben im Durchschnitt genauso viel Sehvermögen wie Menschen ohne. Und sie nehmen ihre Umgebung auch nicht in schwarz-weiß wahr, sondern für sie sehen nur einige Farben ein bisschen grauer aus als für andere. Zum Beispiel verwechseln Menschen mit einer Blau-Schwäche häufig hellblau mit grau, dunkellila mit schwarz oder orange mit rot. Mit einer Rot- oder Grün-Schwäche können diese beiden Farben nur schlecht unterschieden werden. In Deutschland haben etwa vier Millionen Menschen eine Farbschwäche.

          Ob ein Kind eine Farbsehstörung hat, kann man mit Isihara-Tafeln herausfinden. Das sind Tafeln mit vielen bunten Punkten, zwischen denen eine Zahl oder ein Buchstabe in einer anderen Farbe versteckt ist. Ausgedacht hat sich das der japanische Augenarzt Shinobu Ishihara. Für Menschen, bei denen die Farbwahrnehmung normal funktioniert, ist es leicht, die Zeichen zu erkennen. Hat aber jemand eine Farbschwäche, sieht er entweder ein falsches oder gar kein Zeichen, sondern einfach nur viele kleine Kreise.

          Heilbar sind Farbschwächen übrigens nicht, und Wissenschaftler sehen auch keinen Grund, nach einer Heilung zu suchen. Schließlich sieht man die Welt ja nicht schlechter, sondern einfach nur anders.

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          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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