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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Was das Gute daran ist, heute noch Latein zu lernen

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Was hat er gesagt? Und was hat er gemeint? Caesar im Zeichentrickfilm „Asterix versus Caesar“ aus dem Jahr 1985 Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 05:22

Was hat er gesagt? Und was hat er gemeint? Caesar im Zeichentrickfilm „Asterix versus Caesar“ aus dem Jahr 1985 Bild: Picture Alliance / Everett Collection / Gaumont International

Gesprochen wird Latein heute kaum mehr, viele Schüler lernen die Sprache trotzdem. Wofür brauchen wir noch Lateinunterricht? Die Antwort gibt uns ausgerechnet ein Feldherr, der vor mehr als zweitausend Jahren gelebt hat.

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          Alea iacta est. Das ist einer der bekanntesten lateinischen Sätze. Übersetzt wird er meistens so: „Die Würfel sind gefallen“. Gesagt haben soll ihn der römische Feldherr und Politiker Julius Caesar und zwar in dem Moment, als er die Entscheidung traf, gegen seinen Feind Pompeius in den Bürgerkrieg zu ziehen.

          Damit scheint alles klar zu sein: Caesar verdeutlicht, dass seine Entscheidung gefallen ist. So weit so bekannt. Warum sollten wir uns noch weiter mit diesem lateinischen Zitat beschäftigen? Nun, wenn man genauer hinsieht, gibt es da doch noch ein paar Dinge, über die man nachdenken könnte.

          Das Wort iacta zum Beispiel. In der gängigen Übersetzung wird es mit „gefallen“ wiedergegeben. Etwas näher an der Aussage des lateinischen Textes dürfte aber „geworfen“ sein. Denn Caesar meinte wohl nicht, dass die Würfel einfach (hin-) gefallen sind. Sie wurden bewusst geworfen, wie bei einem Glücksspiel, um eine Entscheidung zu treffen: Bürgerkrieg – ja oder nein?

          Vielleicht meinte Caesar aber auch etwas ganz anderes: Mit seiner Entscheidung für den Bürgerkrieg hat er die Würfel hoch geworfen, jetzt fliegen sie durch die Luft. Damit ist nur klar, dass es bald zu einer endgültigen Entscheidung kommen wird. Aber zu wessen Gunsten wird diese ausfallen, wer also wird den Krieg gewinnen: Caesar oder Pompeius?

          Es geht aber noch weiter: „Die Würfel sind geworfen“ müsste lateinisch eigentlich alea iacta sunt heißen. Alea iacta est müsste mit „Die Würfel ist geworfen“ übersetzt werden. Das aber ist kein korrekter deutscher Satz. Die Lösung dieses Rätsels: alea meint hier nicht die einzelnen Würfel, sondern das aus einzelnen Würfeln bestehende Würfelspiel als Ganzes, das Caesar geworfen hat.

          Bild: F.A.Z.

          Caesar? Hier lauert das nächste Problem. Caesar hat zwar selber Bücher geschrieben. Aber in keinem davon kommt der Satz alea iacta est vor. Diesen Ausspruch finden wir bei dem Schriftsteller Sueton, der ein Buch über Caesar geschrieben hat, allerdings erst mehr als hundert Jahre nach dessen Tod. Ist der berühmte Satz also lediglich eine Erfindung des Schriftstellers Sueton und gar nicht von Caesar selbst?

          Fragen über Fragen – und jede einzelne von ihnen verändert das Bild, das wir von Caesar haben. Eine weitere Frage scheint nicht viel mit den bisher gestellten zu tun zu haben – auf den ersten Blick: Warum soll man heute noch Latein lernen? Es gibt doch Übersetzungen zu fast allen lateinischen Texten. Und wenn nicht, hilft der Google-Übersetzer.

          Die Antwort auf diese Frage geben uns all die anderen. Sie zeigen: Es gibt nicht die eine korrekte Übersetzung eines lateinischen Textes. Jede Übersetzung hat ihre Schwachstellen. Diese können im Bereich der Sprachregeln, also der Grammatik entstehen („ist“ oder „sind“?) und sich bis in den Bereich der Bedeutung, also der Interpretation ziehen (geht es um zufällig hingefallene oder bewusst in einem Spiel geworfene Würfel?). Das Übersetzen gleicht einer ewigen Detektivsuche, bei der wir unser allgemeines Sprachverständnis trainieren. Wir lernen, ganz genau hinzuschauen und zu fragen: Was war mit diesem Satz eigentlich gemeint?

          Warum aber sollten wir diese Suche ausgerechnet bei lateinischen Texten betreiben? Das hängt mit dem Einfluss der Römer, der Sprecher der lateinischen Sprache, auf die europäische Geschichte zusammen. Das römische Reich existierte über eintausend Jahre lang und umfasste zeitweise alle Gebiete um das Mittelmeer. Viele Sprachen wie das Französische oder Spanische entwickelten sich aus der Sprache der Römer. Sie werden daher heute auch „romanisch“ genannt. Die Römer schufen ein Rechtssystem, auf dessen Grundlage noch viele heutige Gesetze beruhen. Unter anderem deshalb war die Sprache an Schulen und Universitäten bis vor etwa zweihundert Jahren Latein. Und dann war da noch Caesar. Das deutsche Wort „Kaiser“ geht auf seinen Namen zurück. Warum? Weil alle europäischen Herrscher mit diesem Titel den Anspruch hatten, rechtmäßige Nachfolger Caesars und der Römer als Herrscher zu sein. Aber sind Caesar und die Römer überhaupt gute Vorbilder? Und wie glaubhaft ist der Anspruch späterer Kaiser, ihre Nachfolger zu sein? Man sieht: Wer sich mit Latein befasst, beschäftigt sich immer auch mit der Geschichte und lernt, sie besser zu verstehen.

          Damit sind wir zum Schluss wieder bei Caesar und der offenen Frage: Hat er tatsächlich selbst den Satz alea iacta est gesagt? Die unbefriedigende Antwort: Wir wissen es nicht mit Sicherheit. Was Caesar dazu wohl gesagt hätte? Libenter homines id quod volunt credunt: „Gerne glauben die Menschen das, was sie wollen.“ Diese Aussage stammt sicher von ihm, aus seinem Buch über den Gallischen Krieg.

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