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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Was neunzigprozentiger Impfschutz gegen das Coronavirus heißt

Biontech-Mitarbeiter in einem Labor des Unternehmens in Mainz Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 06:10

Biontech-Mitarbeiter in einem Labor des Unternehmens in Mainz Bild: Picture-Alliance

So sehr man auch wünschte, ein Impfstoff könnte alle Menschen vor der Ansteckung schützen: Nicht nur der Blick auf andere Krankheiten zeigt, dass auch ein neunzigprozentiger Impfschutz gegen das Coronavirus schon ein Riesenerfolg ist.

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          Der Impfstoff gegen das neue Coronavirus wird von allen groß gefeiert, sogar von sonst eher kritischen Experten. Aber ist er wirklich so gut? Oder freut man sich nur so, weil es bisher ja sonst nicht viele Mittel gegen den Erreger gibt – außer die wichtigen Corona-Verhaltensregeln Maske, Hände Waschen, Abstand Halten und Lüften? Neunzigprozentiger Impfschutz heißt erstmal, dass nicht alle geschützt sind, nämlich nur neun von zehn Menschen, die geimpft werden. Das sagt die Statistik. Bei neun von zehn wird eine Infektion und damit die Krankheit Covid-19 verhindert. Endgültig sicher sein können wir da allerdings noch nicht.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Denn noch ist die Studie mit den fast 44.000 Freiwilligen, die sich impfen lassen, nicht ganz abgeschlossen. Es kann also sein, dass der Wert noch etwas sinkt. Aber angenommen, das Zwischenergebnis bestätigt sich. Dann gilt: Neun von zehn Menschen können durch die Impfung vor einer Infektion langfristig geschützt werden. Rechnerisch jedenfalls. So ist Statistik: Sicher sein, dass sie oder er auch zu diesen neunzig Prozent gehört und damit geschützt ist, kann keiner. Doch bei vielen großen Infektionskrankheiten ist nicht einmal das geschafft: Gegen Aids oder Tuberkulose hat man auch nach Jahrzehnten noch keinen wirksamen Impfstoff. Und der Vergleich mit den Statistiken anderer Impfstoffe, zum Beispiel gegen die Influenza-Grippe, zeigt: Neunzig Prozent ist ein sehr hoher Wert.

          Die meisten anderen Impfstoffe sind viel weniger wirksam. Das liegt nicht nur am Impfstoff selbst, es liegt auch am Virus: Die Erreger verändern sich mit der Zeit, bei der Grippe sogar im Vergleich sehr stark. Die Viren mutieren, sobald sie sich vermehren. Der Impfstoff ist aber passgenau zugeschnitten auf einzelne Teile der Virusoberfläche. Wenn also der Impfstoff nicht mehr genau zum Virus passt, könnte er unwirksam sein. Außerdem ist Immunsystem nicht gleich Immunsystem – die Menschen unterscheiden sich durch ihre Erbanlagen und durch mögliche Krankheiten darin, wie sie auf den Impfstoff reagieren. Bei den allermeisten schafft es der Impfstoff, eine starke Immunreaktion in unserem Körper auszulösen. Die ist dann bei einem guten Impfstoff sogar stärker, als wenn man sich normal ansteckt mit dem Virus. Und wenn es gut läuft, hält diese Immunität gegen das Virus eben auch einige Jahre lang. Die Immunzellen behalten den Erreger quasi im Gedächtnis.

          Bild: F.A.Z.

          Gleichzeitig aber darf der Impfstoff das Immunsystem auch nicht übermäßig beanspruchen. Das ist ein schwieriger Balanceakt. Und deshalb wird bei den Geimpften der Studie auch ganz genau nachgesehen, ob sie nach der Impfung krank werden. Bis jetzt ist nichts passiert, aber die Ärzte und Forscher müssen auch da noch statistische Beweise vorlegen, dass der Impfstoff sicher ist.

          Die ganzen Vorversuche, die zuerst an Tieren und dann Schritt für Schritt an freiwilligen Menschen vorgenommen werden, haben also ihren Sinn. Bei den Experimenten mit dem Impfstoff der Mainzer Firma Biontech und des amerikanischen Konzerns Pfizer wusste man vorher überhaupt nicht, was dabei herauskommt. Denn dieser Impf-Typ ist ganz neu. RNA-Impfstoff wird diese neue Impftechnik genannt. Dabei werden nicht Teile des Virus oder abgetötete Viren geimpft, sondern ein kleiner Teil des genetischen Bauplans des Virus. Der Vorteil ist, dass solche Impfstoffe schnell in großen Mengen herzustellen sind. Und weil solche neuen RNA-Impfstoffe weltweit noch nie in so großen Studien getestet und zugelassen wurden, war der erste Beweis, dass sie offenbar richtig gut funktionieren, ein Riesenschritt.

          Zweimal im Abstand von drei Wochen bekommt jeder ein Spritze, der sich impfen lassen will. Sieben Tag später etwa ist man dann geschützt. Das heißt also, dass wir uns bis dahin auch weiterhin konsequent schützen müssen mit den Corona-Maßnahmen.

          Außerdem müssen wir an die zehn Prozent denken, die auch nach einer Impfung nicht geschützt sind. Die Hoffnung ist, dass der Impfstoff auch ihnen irgendwie hilft. Wenn sie sich schon anstecken und das Virus in den Körper gelangt, dann wäre es doch großartig, wenn zumindest die Massenvermehrung des Virus durch den Impfstoff abgebremst wird. Die Infizierten erkranken dann auch nicht so schwer. Möglich ist das durchaus. Aber gezeigt worden ist das in den bisherigen Tests noch nicht. 

          Über die neunzig Prozent Erfolgsquote sollten wir uns aber auch noch aus einem anderen Grund freuen: Wenn der Impfstoff bei fast allen wirkt und sie sich nicht mehr infizieren, dann ist es auch wahrscheinlich, dass die Menschen insgesamt weniger das Virus verbreiten. Die Chancen, die Pandemie zu besiegen, steigen dann beträchtlich.

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          Und zwar werden die Chancen umso größer, je mehr Menschen sich auch wirklich impfen lassen. Um es auf eine Zahl zu bringen: Ungefähr zwei Drittel müssen geimpft werden, dann sind so viele Menschen immun gegen das Virus, dass das Virus ganz schlechte Karten hat, noch andere Menschen zu finden, in denen es sich weiter vermehren kann. Die Pandemie wird dann gestoppt. „Herdenimmunität“  nennt man das.

          Ob wir das schaffen, hängt also ganz entscheidend davon ab, wie viele Menschen sich impfen lassen. Und natürlich brauchen wir auch etwas Glück: Das Glück nämlich, dass sich das Virus nicht stark verändert. Passiert das doch, könnten die gerade entwickelten Impfstoffe schlechter wirken oder unwirksam werden. Momentan sieht es aber nicht so aus, dass das Coronavirus Sars-CoV-2 solche unerwünschten Sprünge macht.

          Schließlich brauchen wir auch weiter das Glück, dass die Zulassung und die Verteilung des Impfstoffs nicht durch Skandale oder schwere Impfnebenwirkungen gestoppt wird. Auch deshalb heißt es jetzt erstmal: Daumen drücken und weiter die Corona-Regeln einhalten!

          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen
          Noch mehr Antworten auf neugierige Kinderfragen

          Eine illustrierte Auswahl von Beiträgen unserer Kolumne „Wie erkläre ich’s meinem Kind?“ ist bei Reclam erschienen.

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