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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Warum Quallen wichtig sind

Eigentlich ein zauberhaftes Wesen: Ohrenqualle im Meer Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 07:20

Eigentlich ein zauberhaftes Wesen: Ohrenqualle im Meer Bild: picture alliance / Arco Images

Egal ob man im Sommer an die Ostsee oder ans Mittelmeer fährt: Man trifft auf Quallen. Die einen finden sie schrecklich glibberig, die anderen spielen mit ihnen herum. Dabei sind sie wenig erforscht und echt interessant.

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          Seit mehr als fünfhundert Millionen Jahren schwimmen Quallen durch die Ozeane. Bisher wurden sie von Forschern jedoch kaum beachtet, weil diese Tiere nicht als mögliches Fischfutter angesehen wurden und deswegen kein wirtschaftliches Interesse an ihnen bestand. Lange Zeit wussten Forscher nicht, an welcher Stelle sie die Qualle in der Nahrungskette einordnen sollten, da die sich durch ihren hohen Wassergehalt im Bauch ihrer Fressfeinde sehr schnell auflösen. Heute sind die Wissenschaftler da ein kleines bisschen weiter: Quallen gelten unter Schwertfischen, Blauflossen-Thunfischen und Meeresschildkröten als besonderer Leckerbissen. Aber auch der Nachwuchs des Europäischen Aals frisst gern Quallen. Doch darüber hinaus wissen wir immer noch sehr wenig über das Leben der zarten Meeresbewohner. Das liegt zum einen an ihrem filigranen Körper, der fast vollständig aus Wasser besteht und schwer zu fangen ist, ohne ihn zu beschädigen. Andererseits ist es schwierig, Quallen in Gefangenschaft zu halten und im Labor zu untersuchen, weil sie viel Platz und als Karnivoren, also Fleischfresser, bestimmtes Futter brauchen.

          Das Wort „Qualle“ ist genau genommen ein Überbegriff für alle wabbeligen Meeresbewohner, die sich nur mit der Strömung bewegen können, sogenannte gelatinöse Planktonorganismen. Sie gehören zu den Nesseltieren und bestehen aus Collagen, einem Fasereiweiß. Außen am Körper der Qualle, der ein bisschen wie ein Sonnenschirm geformt ist, läuft ein Ringmuskel entlang. Durch das Zusammenziehen des Muskels schließt sich der Schirm und die Qualle bewegt sich durch das Wasser. An den Schirm schließen sich die Tentakeln mit den Nesselzellen an, mit denen die Qualle auf die Jagd nach kleinen Fischen und Krebstieren geht. Sobald ein Beutetier mit den Tentakeln in Berührung kommt, schießt aus jeder Nesselzelle ein kleiner Schlauch wie eine Harpune und befördert das Gift in das Opfer, um es zu töten oder wenigstens zu betäuben. Die Reaktion der Nesselzellen passiert in weniger als drei Millisekunden und ist einer der schnellsten Prozesse in der Natur. Zum Vergleich: Ein menschlicher Wimpernschlag dauert hundert Millisekunden. Für eine Qualle ist es überlebenswichtig, dass die Beute sich nicht mehr bewegt, denn sie kann ihr ja nicht aktiv hinterher schwimmen. Anschließend befördert die Qualle ihre Beute in den Mundarm im Inneren des Schirms.

          Ihr Gift, das die Tiere zum Jagen und zur Verteidigung nutzen, macht Quallen zu den gefährlichsten Tieren weltweit – auch für uns Menschen. Das giftigste Exemplar ist die Seewespe, die zu den Würfelquallen gehört. Ihr Gift verursacht Atemlähmung und führt zum Herzstillstand. Eine solche Qualle hat genug Gift, um zweihundertfünfzig Menschen zu töten, und selbst, wenn die Qualle schon tot ist, werden die Giftharpunen beim Kontakt mit Wasser wieder aktiv. Zum Glück kommt sie nur vor der australischen Küste vor. Um sich vor ihrem Gift zu schützen, tragen die Menschen beim Schwimmen nesselsichere Badeanzüge. Die heißen auf Englisch „Stinger Suits“ und sehen aus wie ganz dünne Taucheranzüge.

          Generell sind alle Quallen auf der Erde giftig, die meisten jedoch weit weniger als die Seewespe. Sogar die Ohrenquallen in der Ostsee haben giftige Nesselzellen, die jedoch so schwach sind, dass wir davon nichts merken. Von den vielen Quallenarten, die es um Europa herum gibt, sind lediglich die Leuchtqualle und die Feuerqualle auch für uns Menschen unangenehme Zeitgenossen, die Reizungen und leichte Verbrennungen auf unserer Haut hinterlassen. Generell ist es wichtig, nach dem Kontakt mit Nesselgift die restlichen Tentakeln von der Haut zu entfernen. Dafür spült man die Wunde mit Salzwasser ab und reibt nassen Sand darüber, den man anschließend mit einer Schaufel oder einer Kreditkarte abstreift, um nicht wieder in Kontakt mit Nesselzellen zu kommen. Alternativ kann man auch eine Pinzette verwenden. Würde man die Verletzung mit Trinkwasser ausspülen, würde das Gift erst recht aktiv. Besonders gut funktionieren hingegen Essig und Backpulver, denn die enthaltene Säure zerstört das Gift.

          Polypen, Partyteller, Quallen-Chips

          Wie sich Quallen vermehren, ist besonders ungewöhnlich: Im Inneren des Quallenschirms liegen auch die Fortpflanzungsorgane. Da diese Tiere Zwitter sind, können sie sowohl Eier als auch Samen bilden. Die befruchteten Eier werden im Mundarm ausgebrütet. Daraus entwickeln sich Larven, die ins Wasser abgegeben werden. Sie schwimmen zum Meeresboden, halten sich dort fest und wachsen zu Polypen. Bei Quallen sind diese zwischen einigen Millimetern und mehreren Zentimetern groß. Die Polypen der Aurelia aurita, der bekannten Ohrenqualle, werden beispielsweise fünf Millimeter groß.

          Polypen sind wirklich faszinierend, denn nach allem, was die Forscher heute wissen, sind Polypen zumindest theoretisch unsterblich. Wenn sie nicht gerade von Schnecken gefressen werden. Schneidet man einen Polypen in zwei Teile, stirbt er nicht, sondern beide entwickeln sich wieder zu vollwertigen Polypen. Das funktioniert, weil Polypen Stammzellen besitzen, aus denen sie die fehlenden oder beschädigten Teile nachwachsen lassen. Zu bestimmten Jahreszeiten schnürt der Polyp einen Teil seines Körpers ab und bildet daraus mehrere tellerförmige Gebilde. Das sieht aus wie ein Stapel winzige Partyteller, die über dem Meeresboden schweben. Diese abgetrennten Bereiche werden zu winzigen Baby-Quallen, so genannten Ephyralarven, die nach ihrer Trennung vom Polypen wegschwimmen. Der Polyp bleibt, nachdem er den Quallennachwuchs abgegeben hat, auf dem Meeresboden, wächst nach, und der Kreislauf beginnt von vorn.

          Doch Quallen sind nicht nur eklig und glitschig, sondern auch sehr nützlich für das Ökosystem, einige Arten fressen sogar Plastik wie Forscher herausfanden. Außerdem sind sie nicht nur für Fische und Schildkröten genießbar. Auch wir Menschen können problemlos die weniger giftigen Quallen essen. In der asiatischen Küche werden sie zum Beispiel als Salat mit Gurke gegessen. Dänischen Wissenschaftlern ist es sogar gelungen, „Quallen-Chips“ herzustellen.

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          Die Qualle ihrerseits bevorzugt Algen und kleine Krebstiere. Das Problem ist, dass mit abnehmendem Fischbestand die Nahrungskonkurrenten und Fressfeinde der Quallen immer weniger werden. Da Quallen anpassungsfähiger sind als Fische und mit Schwankungen des Sauerstoffgehalts im Wasser besser umgehen können, vermehren sie sich stärker und sind dadurch häufiger anzutreffen.

          Weil sich Quallen nicht gegen die Strömung bewegen können, werden sie häufig bei ungünstigem Wind an den Strand gespült. Dort sorgen sie dann für Ekel, Neugier und Quallen-Schlachten. Spürt eine Qualle eigentlich, wenn sie angepiekt oder durch die Gegend geworfen wird? Obwohl Quallen nur ein primitives Nervensystem besitzen, können sie Reize aus ihrer Umgebung wahrnehmen. Sie bemerken sehr wohl, wenn sie statt im Wasser zu schwimmen auf dem Trockenen sitzen. Quallen wissen, wo oben und unten ist und aus welcher Richtung der Wind weht, können nach allem, was wir heute wissen, jedoch weder Schmerz empfinden noch kommunizieren. Sie sind also eher mit im Wasser waberndem Wackelpudding vergleichbar. Trotzdem wäre es netter, wenn man den gestrandeten salzigen Wackelpudding, anstatt ihn durch die Gegend zu werfen oder anzupieken, wieder zurück ins Wasser bringt. Und sei es zum Fischefüttern.

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