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Wie erkläre ich’s meinem Kind? : Der lange Weg der Kartoffel

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Wie gut sie schmeckt, mussten wir erst lernen: dampfende Kartoffel. Bildbeschreibung einblenden Podcast starten 06:32

Wie gut sie schmeckt, mussten wir erst lernen: dampfende Kartoffel. Bild: Picture-Alliance

Bratkartoffeln, Kartoffelbrei, Pommes – ein Leben ohne Kartoffeln wäre möglich, aber wäre es auch schön? Dabei war die Knollenfrucht bei uns zunächst ziemlich unbeliebt und als Giftgewächs verschrien.

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          Wer genau die ersten Kartoffeln aus Südamerika mitbrachte, ist umstritten. Eine Theorie besagt, dass der berühmt-berüchtigte spanische Eroberer Franzisco Pizarro, der den Inkas ab 1532 nicht nur haufenweise Gold abnahm, sondern auch ihr Grundnahrungsmittel, die Kartoffel, sie als erster nach Europa brachte. Die Inkas hatten ihr gesamtes Reich in den Anden auf der Kartoffel aufgebaut. Denn während Mais und anderes Getreide in großen Höhen kaum gedeiht, wächst die Kartoffel dort munter und produziert jede Menge Knollen, die man noch dazu lange aufheben kann.

          Ob es nun wirklich Pizarro war oder nicht – jedenfalls gelangten die ersten Kartoffeln spätestens in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhundert nach Spanien und von dort bald nach ganz Europa. Bekannt wurde die exotische Pflanze aus der Neuen Welt aber zunächst unter wohlhabenden Bürgern und Adeligen wegen ihrer hübschen lila Blüten, mit denen man in seinem privaten botanischen Garten angeben konnte.

          Als Nahrungsmittel für das oft genug hungernde Volk hatte es die Kartoffel in Europa dagegen zu Beginn schwer. Einer oft erzählten Legende zufolge soll das daran gelegen haben, dass die Leute anfangs anstatt der unterirdischen Knollen die grünen Beeren der Kartoffel aßen. Die enthalten jedoch in großen Mengen das Gift Solanin, das schlimme Bauchkrämpfe verursacht.  Und auch die Knollen können schwer im Magen liegen und schmecken alles andere als lecker, wenn man sie roh ist. Solche Missverständnisse mögen in manchen Fällen zum schlechten Image der Kartoffel beigetragen haben, mit historischen Quellen belegt ist diese Legende allerdings nicht. Und hätten die Spanier wirklich in größeren Mengen Kartoffeln über den Atlantik geschippert, wenn sie nicht gewusst hätten, was man damit macht?

          Bild: Johannes Thielen

          Es gibt zwei plausiblere Erklärungen dafür, warum die Kartoffel recht lange brauchte, um die skeptischen Europäer von ihren Vorzügen zu überzeugen: Die eine lässt sich mit einem Sprichwort zusammenfassen: „Was der Bauer nicht kennt, das isst er nicht“. Und irgendwie ist es ja durchaus verständlich, wenn ein Landwirt, der mit seinem Getreideanbau gerade so über die Runden kommt, wenig Lust auf Experimente mit exotischen Feldfrüchten verspürt.

          Die andere Erklärung kommt aus der Botanik: Von ihrer Heimat nahe des Äquators her waren  Kartoffelpflanzen an Tageslängen angepasst, die das ganze Jahr über in etwa gleich waren. Unter den Bedingungen langer europäischer Sommertage produzierten sie deshalb zunächst nur wenige Knollen. Dieses Problem ließ sich zwar durch die Züchtung entsprechender Sorten beheben, doch das dauerte eben seine Zeit. Und da hatte die Kartoffel ihr Image als Kümmerpflanze schon weg.

          Dabei haben Kartoffeln viele Vorzüge: Sie sind anspruchslos, ihre Knollen sind unter der Erde vor Tieren geschützt, die sich wegen des Giftes auch nicht über die oberirdischen Teile der Pflanze hermachen. Man muss die Kartoffel im Gegensatz zu Getreide weder dreschen noch mahlen noch zu Brot backen. Und sie bringt, wenn man alles richtig macht, eine deutlich größere Ernte ein und ist wegen ihres großen Gehalts an  Vitaminen, Mineralstoffen und Ballaststoffen auch noch gesund.

          Zu den ersten, die sich von diesen Argumenten im großen Stil umstimmen ließen, gehörten die Iren: Auf der kargen Insel mit dem kühlen Klima gehörte sie spätestens um das Jahr 1700 zu den Grundnahrungsmitteln. Andernorts dauerte es ein wenig länger mit der Liebe zu Kartoffelgerichten. In Preußen erließ der als „Alter Fritz“ bekannte König Friedrich II. 1746 den ersten von etlichen „Kartoffelbefehlen“. Darin wies er seine Beamten an, den Bauern die Vorteile der „Tartoffeln“, wie sie damals hießen, schmackhaft zu machen und sie mit Nachdruck zu deren Anbau anzuhalten. Auf diese Weise müsste das arme Landvolk sein Getreide nicht mehr selbst essen, sondern könnte es gewinnbringend verkaufen, argumentierte Fritz, der übrigens nicht Namenspate für die vermutlich in Belgien erfundenen Pommes frites ist.

          Tatsächlich wurden die Knollen bald in weiten Teilen Europas zum Arme-Leute-Essen. Doch die Abhängigkeit von der Kartoffel barg auch Gefahren. Überdeutlich wurde das Mitte des 19. Jahrhunderts in Irland: Englische Großgrundbesitzer nahmen den wie Sklaven lebenden irischen Bauern dort sämtliches Getreide und Fleisch ab und verschifften es gewinnbringend nach England. Übrig blieben nur Kartoffeln, von denen die irische Landbevölkerung fast ausschließlich lebte. Missernten und Hungersnöte hatte es schon vorher gegeben, doch 1845 gelangte aus Amerika die von einem Pilz ausgelöste Kartoffelfäule nach Irland und vernichtete noch im gleichen Jahr fast die komplette Ernte. Weil die englische Besatzungsmacht weiterhin ungerührt sämtliches Getreide außer Landes brachte, kam es in den folgenden Jahren zur Großen Hungersnot. Von rund acht Millionen Iren starb eine Million, wer es sich leisten konnte, packte seinen Koffer: Zwei Millionen Iren wanderten nach Amerika aus, das Land entvölkerte sich.

          Teure Delikatesse : 500 Euro für ein Kilo Kartoffeln

          Heute ist die Kartoffelfäule dank Spritzmitteln und der Züchtung resistenter Kartoffelsorten halbwegs unter Kontrolle. Kartoffeln sind in so ziemlich allen Ländern Europas sehr beliebt, der Durchschnittsdeutsche zum Beispiel isst davon mehr als 50 Kilo pro Jahr und liegt damit noch deutlich hinter anderen Kartoffelfreunden wie den Polen oder Griechen. Sie alle können aber nicht dem Ursprungsland der Knolle das Kartoffelwasser reichen: In Peru, wo die Inkas einst ein ganzes Großreich darauf aufbauten, isst man noch heute mehr als 100 Kilo Kartoffeln pro Jahr.

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