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Pharma : Ausverkauf im Pharmamittelstand

  • Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Konsolidierungsphase in der europäischen Pharmaindustrie: In Deutschland gibt es nur noch drei forschende Arzneimittelhersteller mit einer nennenswerten Größe. Die fragmentierte Branche steht vor weiteren Zusammenschlüssen, glauben Experten.

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          In der europäischen Pharmaindustrie verlagert sich der Konsolidierungsdruck auf die mittelgroßen Anbieter. Nach Schering und der Pharmasparte von Altana verliert jetzt der Monheimer Medikamentenhersteller Schwarz Pharma seine Selbständigkeit. Der im internationalen Vergleich ebenfalls nur mittelgroße belgische Biopharmazie-Hersteller UCB will den Konkurrenten für 4,4 Milliarden Euro übernehmen. Der Schwarz-Pharma-Mehrheitseigentümer, die Familie Schwarz, hat das Angebot schon akzeptiert.

          Das fusionierte Unternehmen wird sich mit einem Umsatz von mehr als 3,3 Milliarden Euro und einem Forschungs- und Entwicklungsbudget von 770 Millionen Euro unter den größeren biopharmazeutischen Unternehmen der Welt wiederfinden. Nur wenige Tage zuvor hatte die deutsche Merck KGaA für gut 10 Milliarden Euro das Schweizer Biotechnologieunternehmen Serono gekauft und damit ebenfalls die Flucht nach vorn angetreten.

          Nur noch drei große forschende Arzneimittelhersteller

          Damit gibt es in deutscher Hand nur noch drei forschende Arzneimittelhersteller mit einer nennenswerten Größe: Bayer, Boehringer Ingelheim und die Merck KGaA. Analysten sind davon überzeugt, daß die Konsolidierung der noch immer stark fragmentierten, also von einer Vielzahl von Anbietern bestimmten Branche damit aber nur einen vorübergehenden Höhepunkt erreicht hat.

          „Die mittelgroßen Firmen fürchten, daß keiner mehr zum Heimgehen da sein könnte, wenn die Musik aufhört zu spielen“, sagt Pharmaanalyst Christian Wenk von der Ratingagentur Standard & Poor's. „Auf dem Pharmamarkt ist immer noch genügend Zersplitterung da, so daß auch in Zukunft mit einer weiteren Konsolidierung zu rechnen ist“, sagt Pharmaanalyst Karl-Heinz Scheunemann vom Bankhaus Metzler.

          Stada als potentieller Übernahmekandidat

          Ein weiterer Übernahmekandidat in Europa dürfte die Pharmasparte der niederländischen Akzo sein, die unter dem Namen Organon in Kürze als selbständiges Unternehmen an die Börse gebracht wird. Die belgische Solvay soll an Teilen von Altana interessiert gewesen sein und muß sich nun weiter umschauen. Anbieter wie UCB, Solvay und Novo Nordisk oder Lundbeck aus Dänemark sind ihrerseits zwar durch Familienmehrheiten oder Stiftungsbesitz vor Übernahmen geschützt, was aber einvernehmliche Zusammenschlüsse alles andere als ausschließt. Denn auch Schwarz Pharma und Serono befanden sich ja bisher in Familienbesitz.

          Indischen Pharmaunternehmen wie Dr. Reddy's, Wockhardt und Ranbaxy traut die Schweizer UBS den Kauf weiterer mittelgroßer europäischer Pharmaunternehmen ebenso zu wie zum Beispiel dem israelischen Anbieter von Nachahmermedikamenten (Generika) Teva. Immer wieder taucht in diesem Zusammenhang der Name des drittgrößten deutschen Generikaanbieters, des Bad Vilbeler Unternehmens Stada, auf. Der Stada-Aktienkurs spiegelt die Erwartung, daß es sich bei dem Unternehmen um einen Übernahmekandidaten handeln könnte, schon seit geraumer Zeit wider. Das Papier hat in den vergangenen Tagen abermals deutlich an Wert gewonnen und am Montag im Verlauf um 3,25 Prozent auf Kurse oberhalb von 40 Euro zugelegt.

          Hohe Kosten für Forschung und Vermarktung

          „Deutschland ist der wichtigste Pharmamarkt in Europa“, begründet Nycomed-Vorstandsvorsitzender Håkan Björklund den Kauf von Altana-Pharma. Das dürfte auch für andere ausländische Unternehmen eine wichtige Motivation sein. Und das gilt besonders für diejenigen, die ein Auge auf den Markt für Nachahmermedikamente geworfen haben. Die deutsche Betapharm zum Beispiel ist längst von der indischen Dr. Reddy's übernommen worden. Die Schweizer Novartis war bereit, für Hexal 5,65 Milliarden Euro zu zahlen.

          Im Geschäft mit patentgeschützten Arzneimitteln kommen andere Beweggründe hinzu: Den hohen Kosten für die Forschung und die Vermarktung durch ein weltumspannendes Vertriebsnetz stehen bei mittelständischen Anbietern oft zu wenige junge Präparate aus der eigenen Entwicklung gegenüber, die diese Struktur auch in Zukunft rechtfertigen würden. Eine breite Risikostreuung gibt es nicht. Zugleich wird der Druck durch Patentabläufe größer, was Altana und UCB gleichermaßen gespürt haben: Nach UBS-Berechnungen sind bei UCB 28 Prozent des Umsatzes des vergangenen Jahres durch Patentabläufe bedroht gewesen, bei Altana sogar 42 Prozent.

          Und neben den jüngsten Übernahmen geht das Rennen um den Kauf an Rechten von Medikamenten weiter, die von dritten Unternehmen entwickelt worden sind (sogenannte Einlizenzierungen). Hier kommen dann auch wieder die großen Pharmakonzerne ins Spiel, die ihrerseits verzweifelt nach Quellen neuen Wachstums suchen, die sich häufig bei Biotechnologieunternehmen finden.

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