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Angela Merkel bei Anne Will : Wir schaffen das, Teil zwei?

Im Zeichen der Raute: Angela Merkel Anfang Oktober des vergangenen Jahres bei ihrem letzten Auftritt in Anne Wills Talkshow. Bild: dpa

Heute Abend gibt sich die Bundeskanzlerin in der ARD die Ehre. Ob Angela Merkel das zu einem Befreiungsschlag nutzt? Vielleicht hat sie auch ein paar Tipps für Journalisten, die nicht mehr wissen, wie man über die Flüchtlingskrise berichten soll.

          Auf die heutige Talkshow von Anne Will darf man gespannt sein. Denn sie hat nur einen Gast, und das ist die Person, auf die in diesem Land und in Europa alle schauen: Bundeskanzlerin Angela Merkel. Vor vier Monaten hatte sie sich bei Anne Will zu ihrem Schritt erklärt, die Grenzen für Flüchtlinge zu öffnen. Ihr Spruch lautete: „Wir schaffen das.“ Wie „wir“ das schaffen, darum mussten sich andere kümmern: Länder, Kommunen, hauptamtliche und viele freiwillige Helfer, während Angela Merkel darauf hoffte, dass andere EU-Mitgliedstaaten ihrem Beispiel folgten und ihre Entente mit dem türkischen Präsidenten Erdogan dazu führe, dass der Zuzug von Flüchtlingen abnehme.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das Gegenteil ist bekanntlich der Fall. Mehr als eine Million Flüchtlinge sind gekommen, wie viele genau, weiß man nicht. In der EU springt der Bundesregierung niemand zur Seite, mit Österreich hat sie ihren letzten Verbündeten verloren, und für den Bund mit der Türkei bezahlt die Kanzlerin einen hohen Preis. Noch ist nicht ersichtlich, dass Erdogan weniger Flüchtlinge in die EU reisen ließe, stattdessen führt er einen Krieg gegen die Kurden. Darüber muss Angela Merkel ebenso hinwegsehen wie über die Kritik in der Bevölkerung, in ihrer Partei und inzwischen auch bei ihrem Koalitionspartner SPD, der gerade die Pferde wechselt. Vizekanzler Sigmar Gabriel fordert ein „neues Solidaritätsprojekt“ – für die hiesige Bevölkerung. Er hat erkannt, dass die Regierung dem Eindruck entgegentreten muss, sie denke nur noch an die Flüchtlinge und vergesse darüber den Rest der Gesellschaft.

          Eine Antwort auf Sigmar Gabriel?

          Diese Forderung, die Gabriel am Donnerstag in der Talkshow von Maybrit Illner erhob, verlangt nach einer Antwort. Und zwar nicht nur von Wolfgang Schäuble, der Gabriels Wahlkampfmanöver, sich plötzlich um die kleinen Leute kümmern zu wollen, als „erbarmungswürdig“ bezeichnet hat

          Da kommt die Sendung von Anne Will heute für Angela Merkel doch wie gerufen. Die Moderatorin, der inzwischen auch eine gewisse Skepsis anzumerken ist, stand im vergangenen Herbst noch prototypisch für eine Haltung, die viele Journalisten einnehmen, vor allem im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Die Bundeskanzlerin liegt richtig; es gilt, sie zu unterstützen.

          Um das durchzuhalten, muss man allerdings einiges ausblenden. Und wo das hinführt, wissen wir spätestens seit den massenhaften sexuellen Angriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln und in anderen deutschen Städten durch junge Männer aus dem arabischen Raum und aus Nordafrika: Da hatte die Berichterstattung eine Ladehemmung, besonders im ZDF. Bei der gewaltsamen Blockade eines Busses mit Flüchtlingen in Clausnitz und dem Brandanschlag auf eine Unterkunft in Bautzen vor wenigen Tagen war das anders.

          Wer rechnet Köln gegen Clausnitz auf?

          Das gegeneinander aufzurechnen ist fatal, doch es geschieht. So hat der Publizist Jakob Augstein eine Gleichung mit den Vorfällen aufgemacht mit dem Ergebnis, Clausnitz sei „schlimmer“ gewesen als Köln. Er bedient sich dabei einer besonderen Dialektik: „Die Opfer von Köln“, schreibt Augstein, „waren ihren Tätern im unmittelbaren Moment der Tat unterlegen. Jene Frauen waren ohnmächtig und hilflos genau in dem Augenblick, als sie bedrängt und bestohlen wurden. Sie waren davor und danach ihren Tätern weit überlegen. Den Opfern von Clausnitz geht es anders: Sie sind ihren Tätern vor der Tat unterlegen, sie sind es während der Tat, und sie werden es hinterher sein. Sie sind immer unterlegen.“

          „Wir schaffen das“ sagte Angela Merkel damals. Anne Will hörte aufmerksam zu.

          Das dürfen wir wohl so verstehen, dass die Mädchen und jungen Frauen, auf die in Köln Jagd gemacht wurde, den Tätern immer und überall überlegen sind, nur leider nicht in der Silvesternacht auf der Domplatte und am Kölner Bahnhof: So werden aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer gemacht. Eine solche Argumentation zeugt von einem hysterischen Denken, von einer Haltung, die eine Seite der Medaille sieht, die andere aber nicht und dazu auch von anderen nichts hören will. Beispielhaft widerspiegelt das ein Kommentator von „Spiegel Online“, der dem Chef des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes jetzt anlässlich der Vorlage des regelmäßig erscheinenden Armutsberichts vorhielt, solche „Schwarzmalerei“ verbiete sich, „gerade in Zeiten der Flüchtlingskrise“.

          Zu den sexuellen Übergriffen auf junge Frauen und Mädchen, denen sie sich in einer ihrer vergangenen Sendungen gewidmet hat, könnte Anne Will der Bundeskanzlerin heute auch ein paar Fragen stellen. Denn dass es sich dabei nicht um ein einmaliges Ereignis in der Silvesternacht gehandelt hat, sondern flächendeckend ein Dauerzustand zu werden droht, zeigt ein Blick auf die Polizeiberichte in den Regionalzeitungen. Zuletzt sorgte die Jagd von zwei Dutzend Männern auf drei Mädchen in einem Einkaufszentrum in Kiel für Aufmerksamkeit, die zwei afghanische Asylbewerber angezettelt hatten. Vorfälle wie diese deuten darauf, dass sich das Tharir-Platz-Syndrom auch in Deutschland ausbreitet: Für Frauen und Mädchen wird der öffentliche Raum in einer Weise zur Gefahrenzone, wie man es sich vor einigen Monaten noch nicht vorstellen konnte.

          In der Presse tun sich manche schwer damit, diese Vorkommnisse beim Nennwert zu nehmen und als das zu beschreiben, was sie sind: Kriminalität und sonst nichts. Der daraus hervorgehende „Lücken-Journalismus“ kommt den Krakeelern von AfD und Pegida nur zu gelegen, wenn sie gegen die vermeintliche „Lügenpresse“ hetzen. Dass man aber mit Verschweigen und Schönreden nichts zur Lösung der Probleme und viel zum Aufstieg der Rechten beiträgt, sollte auch die Bundesregierung erkannt haben. Heute Abend um 21.45 Uhr im Ersten hat Angela Merkel Gelegenheit, sich zu all dem zu erklären. Oder verkündet sie nur „Wir schaffen das, Teil zwei“?

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