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Arbeitsmarkt und Konjunktur : Die Folgen des Flüchtlingszuwachses für die deutsche Wirtschaft

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Flüchtlinge erlernen in einer Ausbildungswerkstatt die Grundfertigkeiten der Metall- und Elektrotechnik. Bild: dpa

Täglich kommen Tausende neuer Flüchtlinge nach Deutschland. Viele von ihnen sind potentielle Arbeitskräfte und können die deutsche Wirtschaft stärken. Doch es gibt auch kritische Folgen.

          Rund 800.000 Flüchtlinge werden in diesem Jahr in Deutschland erwartet. So lautet die offizielle Flüchtlingsprognose der Bundesregierung. Vizekanzler Sigmar Gabriel sagte am Montag, er erwarte einen Anstieg auf bis zu eine Million. Das ist nicht nur eine Herausforderung für Politik und Gesellschaft, sondern der Zustrom hat auch ökonomische Konsequenzen. Nachfolgend ein Überblick über die Folgen der starken Zuwanderung für die deutsche Wirtschaft.

          Wie sind die kurzfristigen Auswirkungen?

          Sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr rechnen Experten mit einem leichten Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes. „In Deutschland dürfte die Wirtschaftsleistung 2015/2016 grob geschätzt um ein viertel Prozent steigen“, schätzt Holger Sandte, Europa-Chefvolkswirt der Großbank Nordea. Sein Argument: Der Staat erhöht seine Ausgaben zur Unterbringung der Asylbewerber. „Schätzungen gehen von Kosten der Unterbringung und Versorgung von rund 12.000 Euro pro Person pro Jahr aus“, so Sandte. „Das wären Mehrausgaben von 5,4 Milliarden Euro oder knapp 0,2 Prozent des für 2015 erwarteten nominalen Bruttoinlandsprodukts.“ Ein kleines Konjunkturprogramm also sozusagen.

          Wie sind die mittelfristigen Prognosen?

          In den kommenden fünf Jahren dürfte das Bruttoinlandsprodukt durch die starke Zuwanderung um etwa 1,7 Prozent steigen, sagt Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt von Unicredit. „Das entspricht einem Zuwachs von rund 50 Milliarden Euro, verglichen mit einem Szenario ohne zusätzliche Einwanderung.“ Rees geht davon aus, dass 2015 - wie von der Bundesregierung vorausgesagt - etwa 800.000 Flüchtlinge nach Deutschland kommen. In den Jahren danach rechnet er mit jeweils rund 500.000 Flüchtlingen. „Wenn man davon ausgeht, dass jeder zweite Einwanderer mittelfristig einen Job findet, dann erhöht sich dadurch das Arbeitskräfteangebot“, sagte Rees. „Das ist eine Chance für mehr Wachstum in Deutschland in den kommenden Jahren.“

          Braucht die Wirtschaft eine starke Zuwanderung?

          Ja, sagen Verbände und Analysten. In Deutschland gibt es so viele offene Stellen wie nie zuvor - derzeit sind offiziell 574.000 Stellen als unbesetzt gemeldet. „Das Beschäftigungswachstum hat sich in den vergangenen Monaten verlangsamt, das Wirtschaftswachstum aber nicht“, sagt Nordea-Experte Sandte. „Das deutet auf ein wachsendes Missverhältnis auf dem Arbeitsmarkt hin: unter den offiziell 2,8 Millionen Arbeitslosen haben viele Unternehmen Schwierigkeiten, die Qualifikationen zu finden, die sie benötigen.“

          Auch das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle geht davon aus, dass der deutsche Arbeitsmarkt zunehmend von Migrationsprozessen beeinflusst wird. Durch die Arbeitnehmerfreizügigkeit, aber auch durch die Schuldenbelastung vieler südeuropäischer Staaten und die Fluchtmigration rechnet das Institut mit rund 128.000 zusätzlichen Personen im erwerbsfähigen Alter.

          Die Zunahme des Arbeitskräfteangebotes - wenn aus einem Großteil der Flüchtlinge permanente Einwanderer werden - dürfte von deutschen Unternehmen daher begrüßt werden. Viele von ihnen versuchen daher bereits in verschiedenen Programmen, die Integration von Flüchtlingen voranzutreiben. Doch die Hürden sind oft sehr hoch. Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel sagt in Hinblick auf den Fachkräftemangel: „Schaffen wir es, die Menschen, die zu uns kommen, schnell auszubilden, weiterzubilden und in Arbeit zu bringen, dann lösen wir eines unserer größten Probleme.“

          Steigt die Arbeitslosigkeit?

          „Nicht alle, die da kommen, sind hoch qualifiziert. Der syrische Arzt ist nicht der Normalfall“, sagt Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles. Denn nicht einmal jeder zehnte Flüchtling bringt die Voraussetzungen mit, um direkt in eine Arbeit oder Ausbildung vermittelt zu werden.

          Das wird sich wohl auch in der Arbeitslosenstatistik niederschlagen. Dennoch sieht das Essener Wirtschaftsforschungsinstituts RWI positive Effekte. Mittel- bis langfristig dürften insbesondere die vielen jungen Zuwanderer die Sozialsysteme entlasten, sagen die Forscher. Dazu sei es allerdings nötig, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Problematisch ist hier vor allem der rechtliche Status eines Flüchtlings, denn nicht jeder darf eingestellt werden. Auch die Anerkennung von Berufsabschlüssen ist oft schwierig, da die Flüchtlinge die entsprechenden Dokumente oft nicht vorweisen können oder auf der Flucht verloren haben.

          Muss Finanzminister Schäuble wieder Schulden machen?

          Steuerschätzer sehen die schwarze Null für kommendes Jahr nicht in Gefahr. Trotz der Milliarden-Zusatzausgaben für die Flüchtlingshilfe sei ein schuldenfreier Bundeshaushalt im kommenden Jahr machbar. „Die schwarze Null ist immer noch erreichbar“, sagt der Ökonom Jens Boysen-Hogrefe vom Kieler Institut der Weltwirtschaft (IfW). „Vorher gab es dafür ein recht komfortables Polster für den Haushalt, jetzt ist er eher auf Kante genäht.“

          Die Spitzen der Koalitionsparteien haben sich darauf geeinigt, dass der Bund für die Flüchtlinge insgesamt sechs Milliarden Euro bereitstellt. „Ein bisschen von dem Geld fließt auch wieder in die Staatskasse zurück“, sagt Boysen-Hogrefe, der im Steuerschätzerkreis des Bundesfinanzministeriums sitzt. Durch den hohen Zustrom an Flüchtlingen erhöhe sich die Zahl der Verbraucher im Land. Ein Teil ihrer Ausgaben fließe etwa in Form von Mehrwertsteuer wieder zurück in die Staatskasse.

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