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Kommentar : Deutschland schafft sich ab

Schloss Neuschwanstein in Schwarz-Rot-Gold: Flüchtlinge zieht es hier her, weil es uns sehr gut geht. Bild: AP

Flüchtlinge suchen ihr Glück bei uns. Das Land verändert sich. Zum Guten, zum Schlechten? Ein Kommentar.

          Hat Deutschland wirklich die vielen Flüchtlinge und Asylbewerber herangelockt? Das behauptet der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán. Sein Argument ist schlicht: Die Flüchtlinge wollen nach Deutschland, nicht nach Ungarn. Stimmt. Fast die Hälfte aller Flüchtlinge, die derzeit nach Europa strömen, kommen nach Deutschland. Und sehr viele wollen das auch, sind nicht etwa hier gelandet, weil andere Länder – an den Außengrenzen der Europäischen Union – sie nicht haben wollten. Nur: Bedeutet das wirklich, dass Deutschland die neue Völkerwanderung verursacht hat? Es ist leicht, das als Unsinn abzutun. Denn wesentliche Ursachen liegen ganz offensichtlich in den Herkunftsländern der Flüchtlinge, zum Teil haben diese Gründe akuten, zum anderen chronischen Charakter. Dass dafür Berlin verantwortlich sein soll, behauptet sogar Orbán nicht. Deutschland kann auch nichts dafür, dass sich plötzlich im Westbalkan wie ein Lauffeuer Gerüchte über deutsche Gastfreundschaft ausgebreitet haben, die dann doch mit der Wirklichkeit so gut wie gar nichts zu tun haben. Gleichwohl ist wahr: Deutschland zieht Flüchtlinge an. Aber nicht, weil es das will oder leichtfertig in Kauf nimmt, sondern weil es ein reiches und freundliches Land ist. Und das soll es bitte auch bleiben.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wenn Angela Merkel sagt: „Wir schaffen das!“ – so ist das keine Einladung an alle Armen und Elenden auf diesem Planeten, sich auf den Weg ins gelobte Deutschland zu begeben. Die Kanzlerin hat vielmehr den Menschen hierzulande Mut machen, hysterische Deutungen entdramatisieren und den Hasskappisten entgegentreten wollen. Das war richtig. Natürlich weiß auch Merkel, dass Gastfreundschaft nicht nur moralische Grenzen hat, sondern auch objektive. Diese sind im Gegensatz zu jenen nicht frei verschiebbar. Die Kanzlerin hat darauf schon vor Monaten hingewiesen: Als sie deutlich machte, dass sie dem Flüchtlingsthema höchste Bedeutung beimisst. Und erst unlängst wieder, als sie, einfühlsam und lieb, einer jungen Palästinenserin ehrlich sagte, dass Deutschland nicht allen helfen kann, die Hilfe dringend benötigen.

          Was Merkel sagt, wird überall gehört

          Aber Merkel weiß auch, dass nicht wir unsere Aufgaben wählen, sondern die Aufgaben uns. Und dass die Aufgaben, wenn wir sie nicht bewältigen, dann eben uns bewältigen. Das war es wohl, was sie vor Jahren mal mit „alternativlos“ meinte. Und trotzdem kann natürlich eine Bundeskanzlerin nicht nur nach innen sprechen. Was sie sagt, wird auch anderswo gehört. Deshalb haben diese Worte, „Wir schaffen das!“, Deutschland ein freundliches Gesicht gegeben, wieder. Auch das soll es bitte behalten.

          Merkel selbst ist ein wichtiger Grund dafür, dass Fremde ihr Glück in Deutschland suchen. „Sie ist eine sehr gute Frau, sie gefällt mir“, hat die Afrikanerin gesagt, die ihre kleine Tochter in Hannover nach der Kanzlerin „Angela Merkel“ benannte. Das war mehr als ein putziger Einfall: ein Zeugnis rührenden Zutrauens. Merkel, seit zehn Jahren im Amt, ist das Gesicht Deutschlands in der Welt. Vielleicht ist es für uns Deutsche am schwersten, das nachzuvollziehen: Was für ein ganz außerordentliches Gesicht in der politischen Landschaft unserer Zeit Merkel diesem Lande gibt – mit ihrer ungekünstelten, freundlichen Ausstrahlung, ihrer Ruhe und Beharrlichkeit. Und bei alledem wirkt sie nicht wankelmütig, sondern sicher und entschlossen. Es klingt, so unverblümt aufgezählt, geradezu schleimig. Und doch sind diese Eigenschaften erst einmal das, was die Welt von Deutschland vor Augen hat. Besonders ist es die Sicht der Armen, Entrechteten, Verängstigten. Und die haben weiß Gott andere Politikertypen kennengelernt. Für sie ist jeder Uniformierte, jeder Polizist eine Schreckensgestalt, kein Freund und Helfer.

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