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Kommentar : Deutschland schafft sich ab

Wer vor fünfundzwanzig Jahren Kind war, hat schon Mühe, zu erklären, wie anders das Leben damals gewesen ist. Wer vor fünfzig Jahren Kind war, lebte tatsächlich in einem anderen Land, in einer anderen Welt. Es ist mehr fort als blieb. So groß sind die Unterschiede, dass es kaum möglich ist, sie den Jungen zu erklären, ohne komisch zu wirken. Unsere Kinder können unsere Kindheit nicht mehr verstehen. Aber wir können auch die Kindheit unserer Kinder nicht wirklich verstehen. Die Welt schafft sich ab.

„Der Mensch blüht wie eine Blume auf dem Feld, wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennt sie nicht mehr.“ Aber auch das Feld vergeht. In modernen Staatswesen findet ein unaufhörlicher Veränderungsprozess statt. Sie sind offen, weil sich technologische, ökonomische und soziale Entwicklung, also der Fortschritt, nur in geschlossenen Systemen verhindern lässt (etwa Japan vom 16. bis zum 19. Jahrhundert). Das Leben in offenen Gesellschaften ist für jeden mit riesigen Vorteilen, aber auch erheblichen Verlusten verbunden. Denn offene Gesellschaften schaffen sich sozusagen ständig ab.

Jung und Alt als Parallelgesellschaften

Viel von dem Unbehagen in der Kultur, von den Ängsten und mitunter dem Zorn, rührt aus diesen Verlusten. Altern in einer solchen Gesellschaft bedeutet: lange gesund bleiben, lange leben, neue Gelenke für die Hüften bekommen und neue Hornhäute für die Augen – ja. Aber es bedeutet auch, einer Welt, der man traute, beim Untergehen zuzusehen. Es gibt nämlich nicht nur eine horizontale Segregation in „Parallelgesellschaften“, sondern auch eine vertikale. Die Älteren stehen zumindest mit einem Bein in einer Welt, die nachlässt, untergeht oder schon gar nicht mehr existiert. Und so schmerzlich die Einsicht auch sein mag: Mitunter verteidigen sie eine Wirklichkeit, die bereits enteilt ist, schütteln Würfel im Becher, die schon gefallen sind. Die Jüngeren können die Welt in den Köpfen der Alten nicht sehen, und den Wert dieser Welt auch nicht.

Älter werden bedeutet in einer solchen Gesellschaft: Man wird zum Fremden in der eigenen Heimat, und nicht etwa nur, weil Fremde zuwandern, sondern weil das ganze Land von einem weg wandert. Deutschland schafft sich ab. Das ist kein moralischer oder unmoralischer Prozess. Es ist naiv, manchmal geradezu boshaft dumm, so zu tun, als gehe dabei nur Schlechtes verloren – wie es Progressisten tun. Und es ist genauso dämlich oder finster zu glauben, man könne diesen Vorgang rückgängig machen – wie es Reaktionäre anstreben. Die Bewegung einer offenen Gesellschaft gleicht dem Wachstum der Weinpflanze: Im Zeitraffer tasten die Ranken wie suchend hin und her. So ähnlich tastet der Fortschritt. Versuch und Irrtum, Versuch und Erfolg. Aber es geht nicht zurück.

Das heißt.

Der konstruktive Umgang mit der Völkerwanderung unserer Tage ist vorgezeichnet. Man darf sie nicht passiv hinnehmen, weder verteufeln noch benedeien. Ethnisch korrekte Nationen auf unserem Kontinent sind allerdings Schnee von vorgestern. Die Freizügigkeit in Europa kann nur aufrechterhalten werden, wenn es seine Grenzen kontrolliert und schützt. Zuwanderung muss nach Kräften in legale Bahnen gelenkt werden. Es kann nicht sein, dass Europa über die Einwanderung nicht mitbestimmt. Sie muss möglich bleiben, nicht nur zähneknirschend ertragen werden, sondern aus vielen guten Gründen auch gewollt. Aber sie kann sich ihr Recht nicht wildwüchsig selber schaffen, weil sonst die Optionen guten Regierens verschlissen würden. Wir können es schaffen, aber wir können nicht alles schaffen. Flüchtlinge und Asylbewerber müssen in Europa nach Quoten auf die einzelnen Staaten gerecht verteilt werden. Nationale Selbstbestimmung kann es auch in dieser Frage nicht mehr geben. Deutschland schafft sich ab, ja. Und leuchtet bitte weiter.

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