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NDR: „Das Schweigen der Quandts“ : Das ganze Ausmaß in voller Länge

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Die Quandts (im Bild: Johanna und Stefan Q.) bei der Eröffnung des neuen BMW-Auslieferungszentrums Bild: dpa

Deutschlands reichste Familie hat den Menschen Produkte von Weltruf beschert, in der NS-Zeit aber auch Leid über viele gebracht. Das ganze Ausmaß der Verstrickungen mit dem Nazi-System zeigt die heute (21 Uhr) im NDR ausgestrahlte Langversion einer kürzlich zu später Stunde gezeigten Fernsehdokumentation.

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          „Die brauchen keinen Historiker“, sagt Carl-Adolf Soerensen in der Fernseh-Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“, „die brauchen mich.“ Ihn, den Überlebenden also, einen der Letzten, der noch darüber berichten kann, was die reichste Familie Deutschlands und deren Produkte von Weltruf den Menschen alles bescherten - neben Autos von BMW, Arzneien von Altana, Babykost von Milupa, Batterien von Varta oder Karlsruher Landminen nämlich auch dies: Unrecht, Zwangsarbeit, Ausbeutung. So lautet die Essenz des Films von Eric Friedler und Barbara Siebert, der nach seiner kurzfristig angesetzten und trotz später Stunde vielgesehenen Ausstrahlung Ende September (siehe auch Fernsehkritik: „Das Schweigen der Quandts“) heute - um dreißig Minuten verlängert - im NDR-Fernsehen läuft.

          Carl-Adolf Soerensen ist eines der beiden Opfer, die darin noch von ihrem Leid unter der großen Industriellendynastie im Nationalsozialismus berichten können. Schon die erste Fassung in der ARD hatte so hohe Wellen geschlagen, dass die Nachkommen von Günther Quandt und seinen Söhnen Herbert und Harald selbst zur Aufarbeitung riefen. Mit Skepsis äußern sich dazu Betroffene wie Carl-Adolf Soerensen, Historiker wie Ralf Blank, Weggefährten wie der Verleger Wolf Jobst Siedler. Dem honorigen Vorhaben der Nachgeborenen um die Milliardärin Susanne Klatten, nun, nach sechzig Jahren, die düsteren Seiten der Familiengeschichte aufzuarbeiten, begegnet Herbert Schui im Film mit blanker Ironie. Das, so mutmaßt der Volkswirtschaftler, sei „die Fortsetzung des Schweigens mit anderen Mitteln“.

          Arisierungen, Zwangsarbeit und nachlässige Entnazifizierung

          Schon die einstündige Version gewährte sensationelle Einblicke in die Verstrickung der Quandts in das NS-System. Das tatsächliche Ausmaß aber zeigt erst die heutige Fassung. Wie intensiv Herbert, der ältere Sohn des Patriarchen Günther Quandt, das KZ Hannover-Stöcken für seine angrenzende Batteriefabrik Afa nutzte; wie fröhlich dessen Bruder Harald den väterlichen Nachlass mit Waffengeschäften mehrte und Überschüsse verprasste; wie prototypisch sein Neffe Sven den erbfinanzierten Lebemann ohne Erinnerungsbewusstsein gibt. Dass an den Vorwürfen Zweifel bestehen, darf als ausgeschlossen gelten. Dementis hat es jedenfalls nicht gegeben.

          Nun hat die Familie ihrerseits den Bonner Historiker Joachim Scholtyseck engagiert. Er will sich besonders dem Firmengründer Günther Quandt vom Kaiserreich bis zu seinem Tod im Jahr 1954 widmen. Das ist insofern bemerkenswert, als auch seine Söhne der Dokumentation zufolge vor 1945 Schuld auf sich geladen haben und danach den eigentlichen Mythos der Quandts schufen: den Weltkonzern BMW, finanziert, daran lässt der Film keinen Zweifel, auch durch Arisierungen, Zwangsarbeit und nachlässige Entnazifizierung. Die Wirtschaftswundergeschichte hat seit je die Verantwortung für die Zeit des Nationalsozialismus überlagert. Gegenüber dieser Zeitung sagte der Filmautor Eric Friedler, eigentlich könnten nur Historiker vom Format eines Norbert Frei oder eines Saul Friedländer die Quandt-Geschichte schreiben.

          Eine Entschuldigung blieb bisher aus

          Dies ist das eigentliche Verdienst von Friedler und Siebert: dramaturgisch konsequent, filmisch gelungen und mit eindrücklicher Kameraführung belegen sie, dass die Schuld mit der Tat erst ihren Anfang nimmt. Die Quandts hätten, wäre es mit rechten Dingen zugegangen, in der Stunde null auch finanziell von vorn beginnen müssen, wären nicht Politik, Justiz, selbst die Alliierten im Interesse reibungsloser Industrialisierung des zerstörten Landes zur Seite gesprungen. Das Eingeständnis, ihr Erbe ziehe eine Verantwortung gegenüber den Opfern nach sich, bleibt die Familie weiter schuldig. Interviews gibt sie den Filmautoren bis heute nicht, Anfragen bleiben unbeantwortet. Das wird sich wohl erst ändern, wenn Jan Mojtos Produktionsfirma EOS, wie angekündigt, die internationale Vermarktung des Films übernimmt. Gerade in den Vereinigten Staaten wird die nationalsozialistische Vergangenheit deutscher Firmen gern mit Kaufverweigerung geahndet.

          Dabei geht es den einstigen Zwangsarbeitern wie Carl-Adolf Soerensen nicht um finanzielle Entschädigung, die ihm die Familie in den siebziger Jahren bereits brüsk verwehrte. Er fordert nur eine Entschuldigung. Lange bleibt dem kranken Mann, der noch immer an den Arbeitsbedingungen im Batterien-Werk Afa leidet, dafür nicht mehr.

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