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Warum vermisst sie niemand?

Von DAVID KLAUBERT, Fotos TOBIAS SCHMITT
Foto: Tobias Schmitt

30.04.2018 · Vor 35 Jahren lagen an der Autobahn bei Erlangen zwei brennende Leichen. Bis heute weiß die Polizei nicht, wer die beiden waren. Aber es gibt eine neue Spur.

J etzt im Frühjahr wachsen am Tatort wieder Buschwindröschen. Auf einem schmalen Trampelpfad geht Kriminalhauptkommissar Klaus Bauer durch die Wiese, die Augen nach unten, man weiß schließlich nie, was die Leute neben einem Autobahnrastplatz hinterlassen, selbst wenn es ein Toilettenhäuschen gibt. Nach ein paar Schritten bleibt er stehen: „Da sind sie gelegen“, sagt er. „Zwischen den Bäumen.“

Nachts um 3.30 Uhr hatte sich damals, am 1. Mai 1983, ein Autofahrer von einer Notrufsäule gemeldet: Am Rastplatz „Breslau“ an der Bundesautobahn 3 bei Erlangen brenne der Wald. Als die Feuerwehr kam, schlugen die Flammen noch immer zwei, drei Meter hoch. Und so dauerte es einen Moment, bis die Männer erkannten, dass sie keinen Waldbrand zu löschen hatten, sondern zwei menschliche Körper.

Am Tatort: Kriminalhauptkommissar Klaus Bauer leitet die Ermittlungen im „Doppelmord BAB“ seit 2014.

Klaus Bauer, damals Streifenpolizist, ein Greenhorn, 21 Jahre alt, wurde am Morgen zu Hause alarmiert. Er hatte sich eigentlich auf einen freien Feiertag gefreut. Es war der zweite Mordfall, zu dem er gerufen wurde. Noch heute, 35 Jahre später, hat er die Bilder im Kopf: die beiden Leichen, die verbrannt im Gras lagen, der Mann auf dem Rücken, die Frau auf dem Bauch; ihr Geruch, der nur schwach vom ersten Mai-Regen überdeckt wurde.


Bauer musste den Kollegen der Kripo helfen, den Tatort zu vermessen und abzusuchen. Sie durchkämmten die Wiese und den Wald neben dem Rastplatz. Sie liefen die Autobahn ab bis zur Anschlussstelle Tennenlohe, und dort die Herzen, wie die Grasflächen zwischen den Auffahrten heißen. Doch sie fanden nicht viel. Die Opfer hatten keine Ausweise dabei und nichts, was ihre Identität verraten hätte. Der Mann war so stark verbrannt, dass die Ermittler nicht einmal seine Körpergröße sicher feststellen konnten. Sie fanden keine Spur von dem Auto, mit dem die beiden auf den Rastplatz gekommen oder gebracht worden waren, und keine Tatwaffe.

Die Obduktion der Leichen in der Gerichtsmedizin der Universität Erlangen ergab, dass die beiden von hinten mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen worden waren, einem Wagenheber vielleicht. Sogar das Schulterblatt der Frau, eigentlich ein sehr stabiler Knochen, war gebrochen. Die Täter mussten mit roher Gewalt auf die Opfer eingeprügelt haben. Erde an den Schuhsohlen deuteten darauf hin, dass die Frau auf der Wiese beim Rastplatz einige Schritte gemacht haben musste. Rußspuren in ihrer Lunge zeigten: Sie hatte noch gelebt, als die Täter sie mit Benzin übergossen und anzündeten.

Tatort: Als junger Streifenpolizist vermaß Klaus Bauer nach dem Doppelmord den Rastplatz für Zeichnungen wie diese.

Das Alter des Mannes schätzten die Gerichtsmediziner auf 30 bis 40, vielleicht auch etwas jünger. Er war schlank, drahtig, hatte wohl braunes Haar und einen Oberlippenbart. Die Frau war 25 bis 35 Jahre alt, kräftiger Körperbau, schwarzes, graumeliertes Haar. Ihr Blinddarm fehlte. Außerdem ergab die Obduktion: Sie hatte mindestens ein Kind zur Welt gebracht.

Bei der Kriminalpolizei in Erlangen wurde die Sonderkommission „BAB“ (wie „Bundesautobahn“) eingerichtet. Die Ermittler gingen alle Vermisstenmeldungen in Europa durch. Keine passte zu ihrem Fall. Da die Frau nicht so stark verbrannt war, konnte ein Graphiker ein Foto ihres Gesichtes so retuschieren, dass es in Zeitungen und bei „Aktenzeichen XY“ veröffentlicht werden konnte. Die Behörden setzten 8000 Mark Belohnung aus. Doch auch das brachte keinen Erfolg. Niemand schien die beiden Toten zu vermissen.

Wer kennt sie? Mit dieser Retusche eines Fotos sucht die Polizei seit 1983 nach Bekannten der getöteten Frau.

Die „Soko BAB“ musste sich auf die wenigen Spuren stützen, die sie vom Tatort hatte: Schuhe und Kleidung der Toten, Schmuckstücke, eine Rolex am Handgelenk der Frau, stehen geblieben um 1.40 Uhr, womöglich durch einen harten Schlag und damit zum Tatzeitpunkt. Die Armbanduhr war etwa 4000 Mark wert, weshalb die Ermittler einen Raubmord ausschlossen. Das Uhrwerk stammte aus Italien, zusammengebaut und verkauft wurde das Modell von einer Schweizer Firma – allerdings nicht bei deutschen Juwelieren. Und auch die anderen Fundstücke, deren Spuren die Ermittler folgten, führten in den Süden: Halsketten und Eulenanhänger der beiden stammten aus der Toskana, die Bluse der Frau aus Florenz, ihre Schuhe aus der Frühjahr-/Sommerkollektion 1979 eines Herstellers in Ascoli Piceno. Und dann waren da noch die beiden Eheringe, 750er Gelbgold, hergestellt in Arezzo und mit einer Gravur versehen: „3-4-81“.

Die Opfer waren offenbar ein Ehepaar und stammten aus Italien. Über das italienische Generalkonsulat in München besorgte sich die „Soko BAB“ deshalb die Adressen der katholischen Diözesen in Italien und verschickte Hunderte Briefe mit der Bitte, in den Kirchenbüchern nach Trauungen zu suchen, die am 3. April 1981 stattgefunden hatten. Auch den Vatikan baten die Ermittler um Hilfe. Doch sie erhielten nur wenige Rückmeldungen. Keine davon brachte sie weiter.

Da der Fall in Deutschland und Italien für viel Aufsehen sorgte, meldeten sich immer wieder Anrufer, die Hinweise gaben. Einer brachte den Doppelmord mit der Sacra Corona Unita in Verbindung, der apulischen Mafia. Das passte zu einer der Tathypothesen der Ermittler. Die Täter waren so skrupellos vorgegangen und hatten so wenige Spuren hinterlassen, dass die „Soko BAB“ nicht an eine spontane Tat glaubte. War das Ehepaar Opfer von Profikillern? Waren sie der Mafia in die Quere gekommen? Warum in Deutschland? Was war aus dem Kind der Frau geworden?

  • Wertvolles Stück: Einen Raubmord schlossen die Ermittler schnell aus, auch weil die Frau noch diese Rolex-Armbanduhr trug.
  • 3-4-81: Weil die Opfer identische Ringe trugen, geht die Polizei davon aus, dass sie verheiratet waren.
  • Made in Italy: Schmuckstücke wie dieser Eulenanhänger führten die Erlanger Ermittler schnell nach Italien.

Statt auf Antworten zu stoßen, landeten die Ermittler jedes Mal in einer Sackgasse, egal welchen Hinweisen oder Spuren sie folgten. Auch die Zusammenarbeit mit italienischen Kollegen und eine Reise nach Norditalien führten nicht weiter. Am 31. Mai 1983 wurde das Paar auf dem Westfriedhof in Erlangen-Steudach anonym begraben. Die „Soko BAB“ wurde kleiner und kleiner. Und schließlich aufgelöst.

Dass Morde nicht aufgeklärt werden, ist in Deutschland selten. In mehr als 90 Prozent der Fälle kann die Polizei auch den oder die Täter finden. In ungelösten Fällen werden die Ermittlungen nie ganz eingestellt, da Mord eine Straftat ist, die nicht verjährt. Mit jedem Jahr aber wird es schwieriger, Zeugen und Hinweisgeber zu finden, die sich verlässlich erinnern. Manchmal hilft den Ermittlern der technische Fortschritt – wie zum Beispiel die DNA-Analyse. Im Jahr 2000 holten die Erlanger Kriminalpolizisten deshalb noch einmal alle Kartons und Tütchen mit den Fundstücken des „Doppelmords BAB“ aus ihrer Asservatenkammer. Die Identität der Opfer aber konnte auch anhand ihrer DNA nicht geklärt werden. Und von den Tätern fanden sie keine verwertbaren Spuren, nicht an dem Feuerzeug, nicht an den Zigarettenstummeln und den anderen Beweisstücken vom Rastplatz. Der Mai-Regen hatte alles abgewaschen.

2014 beauftragte der Chef der Erlanger Dienststelle Klaus Bauer, den Fall zu übernehmen. Er war inzwischen zum Leiter des Kommissariats Staatsschutz aufgestiegen. Bauer bekam drei Kollegen zur Seite gestellt, Spezialisten für Tötungsdelikte. Und dann las er sich ein, die beiden Leitz-Ordner mit der Hauptakte, den Illustrationsbericht mit den Fotos und den Tatortzeichnungen, für die er selbst damals den Rastplatz vermessen hatte. Und schließlich die übrigen 18 Ordner, in denen die Kollegen all die Hinweise und Spuren abgeheftet hatten, denen sie im Lauf der Zeit erfolglos nachgegangen waren.

Phantombilder: Am Computer konnte die Gesichtsform des Mannes nun rekonstruiert und mit unterschiedlichen Frisuren und Bärten versehen werden.

„Ein Vierteljahr braucht man, bis man so einen Fall im Kopf hat“, sagt Bauer. Er ist kein Mann großer Worte. Eine Alt-Ermittlung sei auch nichts anderes als ein frischer Fall. Der Druck durch die Öffentlichkeit und die Chefs falle weg, so dass sie nicht Nächte und Wochenenden durcharbeiten müssten. „Aber wir wollen den Täter genauso. Wer den Ehrgeiz nicht hat, ist falsch bei der Polizei.“ Und so machten sich Bauer und seine Kollegen in Tausenden vergilbten Aktenseiten auf die Suche nach einem Ansatzpunkt für neue Ermittlungen, nach einer Kleinigkeit, die ihre Kollegen womöglich übersehen hatten. Nach einem neuen Blickwinkel auf den Fall.

Weil sie nicht ganz sicher waren, dass das unbekannte Paar tatsächlich in Italien geheiratet hatte, schrieben sie alle bayerischen Standesämter an – über das Innenministerium, so dass sie einen Rücklauf von fast 100 Prozent bekamen; aber keine Eheschließung, die zu ihrem Fall passte. Als nächstes versuchten sie es in Hessen. Der Rastplatz, der inzwischen nicht mehr „Breslau“, sondern „Weißer Graben“ hieß, lag an der entsprechenden Fahrtrichtung der A3. Die Obduktion hatte ergeben, dass das Paar etwa anderthalb Stunden vor der Tat noch etwas gegessen hatte, womöglich zu Hause. Doch auch in Hessen gab es keine passende Trauung. Die Antwortschreiben füllten zehn Ordner.

Ermittlungen in Italien erwiesen sich als schwierig. Bauers Anfragen auf Rechtshilfe beantworteten die italienischen Behörden oft monatelang nicht. Und die Befragungen, die dann doch möglich waren, brachten nicht viel. Wie schon die Kollegen Jahrzehnte zuvor stieß Bauer auf Schweigen, vor allem als er den Hinweisen auf eine Verbindung zur Mafia folgte. „Ganz oft war die Antwort: Ich kann mich nicht erinnern. Plötzlich sind den Leuten einfache Vornamen nicht mehr eingefallen“, sagt Bauer. „Wir hatten den Eindruck, dass sie Angst haben.“

Im vergangenen Jahr dann hatte Bauer noch eine Idee: Er wandte sich an „Chi l’ha visto?“, die italienische Variante von „AktenzeichenXY“. Und tatsächlich schickte die Redaktion ein Kamerateam nach Erlangen. Bauer zog Anzug und Krawatte an und erzählte von seinem Fall. Er präsentierte die Schmuckstücke, das Porträt der Frau – und erstmals auch Phantombilder des Mannes. Dank neuer Computerprogramme war es einer Expertin gelungen, seine Gesichtsform zu rekonstruieren und mit unterschiedlichen Bart- und Frisurvarianten zu ergänzen. Mehr als 100 Anrufer meldeten sich, als die Sendung Anfang November ausgestrahlt wurde. Viele hatten etwas zu den Eulenanhängern zu sagen, Mutmaßungen über deren Herkunft und Bedeutung, also nichts, was die Ermittler weiterbringen würde. Ein Hinweis aber ließ Bauer aufhorchen: Eine Frau erzählte, dass ihre Mutter Anfang der achtziger Jahre als Gastarbeiterin nach Deutschland gegangen war, nach Frankfurt. Als Kindermädchen passte sie dort auf die einjährige Tochter eines italienischen Paares auf. Bis die Familie plötzlich spurlos verschwand.

Wer hat was gesehen? Klaus Bauer in der Fernsehsendung „Chi l´ha visto?“, der italienischen Variante von „Aktenzeichen XY“ Screenshot: Chi l´ha visto?

Mit der Hilfe eines Dolmetschers rief Bauer bei der Frau an. Sie bestätigte ihm die Angaben. Die Familie, sagte sie, habe vor ihrem Verschwinden nicht einmal ihre Wohnung in Frankfurt aufgelöst. Und ja, die Frau habe dem Phantombild aus der Sendung ähnlich gesehen.

Viel mehr konnte Bauer am Telefon nicht in Erfahrung bringen, auch weil der Übersetzer Probleme mit dem süditalienischen Dialekt der Anruferin hatte. Um die Zeugin vernehmen zu können, stellte Bauer deshalb Anfang Januar ein Rechtshilfeersuchen. Die italienischen Behörden haben darauf noch nicht geantwortet. Und auch die Überprüfung der Daten aus Einwohnermelde- und Standesämtern in Frankfurt dauert. Anfang der achtziger Jahre lebten dort Tausende italienische Gastarbeiter, und weil die Akten von damals nicht digital vorliegen, müssen die Polizisten alles händisch durchgehen.

Trotzdem ist Bauer optimistisch – noch. Endlich hat er wieder eine konkrete Spur, der er folgen kann. Eine Spur, die ihm vielleicht verrät, wer das Paar war, das vor 35 Jahren tot im Gras neben dem Rastplatz lag. Die ihn vielleicht einen Schritt weiterführt bei der Suche nach den skrupellosen Mördern der beiden. „Wenn wir den Fall diesmal nicht lösen“, sagt er aber auch, „dann ist er ausermittelt.“

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 30.04.2018 08:10 Uhr