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Als die Welt im Fieber lag

Von Jörg Al­brecht, Il­lus­tra­tio­nen Jan Rieck­hoff

6.03.2018 · Heu­te vor hun­dert Jah­ren wur­de das ers­te Op­fer ei­ner Seu­che re­gis­triert, die am En­de mehr To­te for­der­te als zwei Welt­krie­ge zu­sam­men. Was kann uns die Spa­ni­sche Grip­pe leh­ren?

I n den An­na­len der Mi­li­tär­ge­schich­te spielt die 89. In­fan­te­rie­di­vi­si­on der U. S. Ar­my nur ei­ne Ne­ben­rol­le. Sie wur­de im Au­gust 1917 in al­ler Ei­le re­kru­tiert und im dar­auf­fol­gen­den Jahr nach Frank­reich ver­legt, wo sie in der Schluss­pha­se des Ers­ten Welt­krie­ges an der ent­schei­den­den Ar­gon­nen-Of­fen­si­ve teil­nahm. Bald nach Kriegs­en­de wur­de sie wie­der auf­ge­löst. „Above the rest“, lau­te­te ihr Slo­gan. Das war ein we­nig ge­prahlt.

Mi­li­tär­his­to­rie ist das ei­ne, Me­di­zin­ge­schich­te ein an­de­res Fach. Manch­mal hän­gen sie zu­sam­men. Die has­tig zu­sam­men­ge­wür­fel­te In­fan­te­rie­trup­pe der Ame­ri­ka­ner könn­te die Welt nach al­lem, was man weiß, nach­hal­tig ver­än­dert ha­ben. Ih­re Sol­da­ten hat­ten nicht nur Ma­schi­nen­ge­weh­re und Gra­na­ten im Ge­päck. Son­dern ei­ne weit­aus töd­li­che­re Waf­fe. Sehr wahr­schein­lich wa­ren sie es, die ein Vi­rus auf das Schlacht­feld brach­ten, das ei­ne der ver­hee­rends­ten Seu­chen in der Mensch­heits­ge­schich­te aus­lö­sen soll­te.

Die Grip­pe-Pan­de­mie von 1918/19 ist in vie­ler Hin­sicht ein Mys­te­ri­um ge­blie­ben. Bis heu­te weiß man nicht, wie vie­le Op­fer sie ge­for­dert hat. Die Schät­zun­gen schwan­ken zwi­schen zwan­zig und ein­hun­dert Mil­lio­nen To­ten. Das wä­ren mehr, als durch die krie­ge­ri­schen Hand­lun­gen in zwei auf­ein­an­der­fol­gen­den Welt­krie­gen um­ge­kom­men sind. Rech­net man die In­fi­zier­ten hin­zu, die den Kampf mit dem Er­re­ger über­lebt ha­ben, könn­ten an die fünf­hun­dert Mil­lio­nen Men­schen be­trof­fen ge­we­sen sein. Das war An­fang des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts ein Drit­tel der ge­sam­ten Welt­be­völ­ke­rung.

Noch an­de­re Fra­gen sind of­fen. War­um traf es vor al­lem ge­sun­de Men­schen im blü­hen­den Al­ter zwi­schen zwan­zig und vier­zig? Und nicht Kin­der, Ge­schwäch­te und Al­te, wie bei je­der nor­ma­len Grip­pe? Wa­ren die mi­se­ra­blen Le­bens­um­stän­de in den Schüt­zen­grä­ben schuld? Gab es wei­te­re Fak­to­ren? Hät­te man die Ka­ta­stro­phe recht­zei­tig ein­däm­men kön­nen?

Do­ku­men­te über den Be­ginn der Seu­che fin­den sich nur spär­lich. Ei­ne Zeit­lang glaub­te man, der Er­re­ger stam­me aus dem Fer­nen Os­ten und sei durch ei­ne chi­ne­si­sche Bri­ga­de ein­ge­schleppt wor­den, die auf Sei­ten der Al­li­ier­ten zu Hilfs­ar­bei­ten hin­ter der Front ein­ge­setzt wur­de. Tat­säch­lich war in der Pro­vinz Shan­xi En­de 1917 ei­ne Epi­de­mie aus­ge­bro­chen, de­ren Sym­pto­me al­ler­dings eher an die Lun­gen­pest den­ken lie­ßen. Der ame­ri­ka­ni­sche Bak­te­rio­lo­ge Ed­win Jor­dan ist die­ser Spur ge­folgt und hat sie ver­wor­fen; sein 1925 er­schie­ne­nes Buch „Epi­de­mic In­flu­en­za“ war ein frü­her Ver­such, den Ver­lauf der Pan­de­mie nach­zu­zeich­nen. Auch Russ­land wur­de als Her­kunfts­land ins Au­ge ge­fasst. Im­mer­hin hat­te Eu­ro­pa be­reits in den Jah­ren 1889/90 ei­ne „Rus­si­sche Grip­pe“ er­lebt. Doch in Russ­land herrsch­te nach der Ok­to­ber­re­vo­lu­ti­on ein chao­ti­scher Bür­ger­krieg, nie­mand führ­te Buch über even­tu­el­le An­ste­ckungs­fäl­le. Ge­ei­nigt hat man sich auf den Na­men „Spa­ni­sche Grip­pe“. Aber das auch nur, weil das neu­tra­le Spa­ni­en of­fen über den Seu­chen­zug be­rich­tet hat. Die krieg­füh­ren­den Par­tei­en un­ter­drück­ten Be­rich­te von der Front selbst dann noch, als die Krank­heit täg­lich Tau­sen­de da­hin­raff­te.

Die Mehr­heit der Ex­per­ten nimmt heu­te an, dass die Spa­ni­sche Grip­pe ih­ren Aus­gangs­punkt in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ge­nom­men hat. Der His­to­ri­ker Al­fred Cros­by hat in sei­nem 2003 neu auf­ge­leg­ten Buch „Ame­ri­ca’s For­got­ten Pan­de­mic“ al­le In­di­zi­en da­für zu­sam­men­ge­tra­gen. Im Früh­jahr 1918 wa­ren nach dem Kriegs­ein­tritt der Ame­ri­ka­ner bei­spiel­lo­se An­stren­gun­gen im Gan­ge, In­va­si­ons­trup­pen auf­zu­stel­len. Al­lein im März wur­den 80.000 Sol­da­ten nach Eu­ro­pa ver­schifft, im dar­auf­fol­gen­den April wa­ren es mehr als hun­dert­tau­send. Je­de an­ste­cken­de Krank­heit hät­te un­ter sol­chen Um­stän­den leich­tes Spiel ge­habt. Dass die In­flu­en­za das Ren­nen ma­chen wür­de, war an­fangs gar nicht aus­ge­macht.

Der erste, der Alarm schlägt, ist der Landarzt Loring Miner. Man hört nicht auf ihn.

D er Ers­te, der Ver­dacht schöpp­fen soll­te, war der Über­lie­fe­rung zu­fol­ge ein Land­arzt na­mens Lo­ring Mi­ner aus dem Bun­des­staat Kan­sas. Er prak­ti­zier­te seit vie­len Jah­ren im Has­kell Coun­ty. Das war ei­ne gott­ver­las­se­ne, dünn­be­sie­del­te Ge­gend im Süd­wes­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, in der sich ein paar Klein­far­mer nie­der­ge­las­sen hat­ten. Im Som­mer tob­ten dort Sand­stür­me, im Win­ter zo­gen Bliz­zards über die Prä­rie. Um ih­ren Le­bens­un­ter­halt auf­zu­bes­sern, hiel­ten die Far­mer Ge­flü­gel und Schwei­ne. Has­kell Coun­ty ge­hör­te da­mals zu den ärms­ten Ge­mein­den, ein­zi­ges Zei­chen von Wohl­stand wa­ren die Mist­hau­fen vor der Tür.

Lo­ring Mi­ner war ein ge­bil­de­ter Mann. Er hat­te im Sü­den von Ohio an der Uni­ver­si­tät in Athens stu­diert, be­herrsch­te das Alt­grie­chi­sche und be­trieb ne­ben sei­ner Arzt­pra­xis ei­ne Apo­the­ke und ei­nen Le­bens­mit­tel­la­den. Au­ßer­dem hat­te er sich ein La­bor ein­ge­rich­tet, was für ei­nen nie­der­ge­las­se­nen Me­di­zi­ner in der tiefs­ten Pro­vinz wirk­lich au­ßer­ge­wöhn­lich war. Zu sei­nen Pa­ti­en­ten muss­te er gan­ze Ta­ges­rei­sen un­ter­neh­men. Nicht im­mer kam er nüch­tern an, was sei­nem gu­ten Ruf aber we­nig scha­de­te.

Im Ja­nu­ar und Fe­bru­ar wird Lo­ring Mi­ner 1918 häu­fi­ger als sonst zu Vi­si­ten ge­ru­fen. Die Pa­ti­en­ten kla­gen über ra­sen­de Kopf- und Glie­der­schmer­zen, ho­hes Fie­ber und quä­len­den Hus­ten. Die meis­ten Me­di­zi­ner hät­ten ei­ne Lun­gen­ent­zün­dung dia­gnos­ti­ziert. Doch Mi­ner ist an­de­rer Mei­nung. Ihm fällt auf, dass die Krank­heit aus­ge­rech­net die Stärks­ten und Ge­sün­des­ten er­wischt. Kein Mit­tel hilft, egal was er ver­schreibt. Dut­zen­de von Bett­lä­ge­ri­gen ster­ben nach er­schre­ckend kur­zer Zeit.

Mi­ner nimmt Blut- und Spu­tum­pro­ben, stu­diert die Fach­li­te­ra­tur, kon­sul­tiert Kol­le­gen und kommt zu dem Schluss, dass es sich um ei­ne be­son­ders bös­ar­ti­ge Form von Grip­pe han­deln muss. Mel­de­pflich­tig ist die Krank­heit nicht, die Ge­sund­heits­be­hör­den ha­ben zu die­ser Zeit an­de­re An­ste­ckungs­ge­fah­ren wie Di­ph­te­rie oder Po­cken im Au­ge; hin­zu kom­men Trip­per und Sy­phi­lis als die häu­figs­ten In­fek­tio­nen un­ter den frisch ein­ge­zo­ge­nen Re­kru­ten.

Mi­ner lässt nicht lo­cker und sen­det ei­ne Mit­tei­lung an den Pu­blic Health Ser­vice. Dies sei ein Aus­bruch, „der ver­mu­ten lässt, dass ein neu­es Grip­pe­vi­rus sich dem Men­schen in hef­ti­ger Wei­se an­passt“. Sein Be­richt bleibt wo­chen­lang in der Schub­la­de, bis er im April doch noch ver­öf­fent­licht wird. Er ist das frü­hes­te Zeug­nis über den mög­li­chen Be­ginn der Pan­de­mie.

Sol­che lo­ka­len Aus­brü­che sind in der Ge­schich­te der Seu­chen kei­ne Sel­ten­heit. Im Hoch­land von Ma­da­gas­kar bei­spiels­wei­se hat es 2002 ei­ne ähn­li­che ag­gres­si­ve In­flu­en­za-At­ta­cke ge­ge­ben, die rasch wie­der in sich zu­sam­men­brach. Vom Er­re­ger des töd­li­chen Ebola­fie­bers wuss­te man bis vor kur­zem nur, dass er sei­ne Op­fer der­art rasch er­le­dig­te, dass sich die Seu­che nicht groß aus­brei­ten konn­te; ge­än­dert hat sich das erst in jüngs­ter Zeit. Auch im Has­kell Coun­ty taucht der un­heim­li­che Keim be­reits nach we­ni­gen Wo­chen wie­der ab. En­de März gibt es kei­ne neu­en Fäl­le mehr, und Lo­ring Mi­ner kann wie­der sei­nen All­tags­ge­schäf­ten nach­ge­hen. Die kur­ze Epi­so­de wä­re längst ver­ges­sen. Wenn der Krieg nicht ge­we­sen wä­re.

Der Spanische Grippe-Erreger

W est­lich von Has­kell Coun­ty wird zu die­ser Zeit ein Trai­nings­la­ger für Sol­da­ten aus dem Bo­den ge­stampft. Sie sol­len als In­fan­te­ris­ten nach Frank­reich an die Front ge­schickt wer­den. Zehn­tau­sen­de Män­ner sind im Um­kreis von drei­hun­dert Mei­len re­kru­tiert wor­den. In pro­vi­so­risch er­rich­te­ten Holz­ba­ra­cken und Zel­ten wer­den sie zu­sam­men­ge­pfercht. Der mi­li­tä­ri­sche Drill setzt ih­nen zu. Die Un­ter­künf­te kön­nen kaum ge­heizt wer­den. Auch mit der Hy­gie­ne steht es nicht zum Bes­ten. Rings um das La­ger wer­den Her­den von Pfer­den, Schwei­nen und Gän­sen ge­hal­ten, die Ab­fäl­le und Ex­kre­men­te von Zeit zu Zeit ver­brannt. Ge­stank und Rauch ver­dun­keln ta­ge­lang den Him­mel.

Am Mor­gen des 4. März 1918 mel­det sich der Ge­frei­te Al­bert Git­chell auf der Kran­ken­sta­ti­on, mit un­er­träg­li­chen Kopf­schmer­zen und 40 Grad Fie­ber. Er ist als Koch ein­ge­teilt, noch am Abend zu­vor hat er Es­sen aus­ge­ge­ben. Bis zur Mit­tags­zeit er­höht sich die Zahl der Ma­la­den auf mehr als hun­dert, es muss ein Not­la­za­rett ein­ge­rich­tet wer­den. In­ner­halb von drei Wo­chen ha­ben sich mehr als tau­send Mann an­ge­steckt, doch die meis­ten er­ho­len sich rasch wie­der. Ge­zählt wer­den vier Dut­zend Fäl­le von Lun­gen­ent­zün­dung, die töd­lich en­den. Aber das ist nicht un­ge­wöhn­lich für die­se Jah­res­zeit und für die Trup­pen­ärz­te kein An­lass, groß Alarm zu schla­gen.

Camp Funs­ton ist nur ei­nes von mehr als drei­ßig Aus­bil­dungs­la­gern der Ame­ri­can Ex­pe­di­tio­na­ry Forces. Die ein­zel­nen Trup­pen­tei­le wer­den kreuz und quer durch das Land ver­scho­ben. So schafft es die Grip­pe­wel­le in die Städ­te. Krank­heits­fäl­le wer­den aus den Ford-Wer­ken in De­troit und aus dem Hoch­si­cher­heits­ge­fäng­nis von San Quen­tin ge­mel­det. Sie ver­lau­fen noch ver­gleichs­wei­se harm­los. Es geht die Re­de vom „knock down fe­ver“, das die Pa­ti­en­ten für drei Ta­ge mit hef­ti­gen Sym­pto­men aufs Kran­ken­la­ger wirft, von dem sie bald wie­der ge­ne­sen. Noch hat nie­mand die In­flu­en­za auf dem Schirm. Das soll sich gründ­lich än­dern.

Millionen von Soldaten werden an die Front geworfen. Die Spanische Grippe rollt im Frühjahr über sie hinweg. Als sie im Herbst wiederkehrt, hat sie sich in einen tödlichen Killer verwandelt.

D er Krieg hat mitt­ler­wei­le die gan­ze Welt er­fasst. Nie zu­vor sind ähn­li­che Men­schen­mas­sen in der­art kur­zer Zeit in Be­we­gung ge­setzt wor­den. Groß­bri­tan­ni­en hat mehr als ei­ne Mil­li­on Kämp­fer an die West­front ge­schickt. Sie sam­meln sich in ei­nem La­ger bei Étap­les, ei­nem klei­nen Fi­scher­dorf süd­lich von Bou­lo­gne-sur-Mer. Ki­lo­me­ter um Ki­lo­me­ter er­stre­cken sich dort die Ba­ra­cken. Al­lein die Kran­ken­sta­ti­on um­fasst 23.000 Bet­ten. Im­mer wie­der kommt es zu An­ste­ckun­gen. Von „pu­ru­len­ter Bron­chi­tis“ be­rich­ten die Ärz­te, bei der die Lun­gen der Pa­ti­en­ten ver­schlei­men.

Im Mai 1918 wer­den wei­te­re Fäl­le aus Bres­lau ge­mel­det. We­nig spä­ter hat die Krank­heits­wel­le den tau­send Ki­lo­me­ter öst­lich ge­le­ge­nen rus­si­schen Ha­fen Odes­sa er­reicht. Von dort aus ge­langt sie nach Nord­afri­ka, we­nig spä­ter nach In­di­en. Dann sind Ja­pan, Chi­na und Aus­tra­li­en an der Rei­he. Der Er­re­ger legt ein Tem­po vor, das selbst ein hal­bes Jahr­hun­dert spä­ter im Zeit­al­ter der Dü­sen­jets kaum über­trof­fen wird. Dampf­schif­fe sind da­mals schon schnell ge­nug, die Pan­de­mie in kür­zes­ter Zeit um den ge­sam­ten Erd­ball zu ja­gen.

Die­se ers­te Epi­so­de ver­läuft nicht viel an­ders als je­de sai­so­na­le In­flu­en­za. An der eu­ro­päi­schen Front setzt sie Tei­le der feind­li­chen Ar­me­en vor­über­ge­hend au­ßer Ge­fecht. Aber die meis­ten In­fi­zier­ten kön­nen wie­der ge­sund­ge­schrie­ben wer­den. Aus Frank­reich be­rich­tet der Of­fi­zier und an­ge­hen­de Schrift­stel­ler Ernst Jün­ger per Feld­post, dass er ein pro­ba­tes Mit­tel ge­gen die spa­ni­sche Krank­heit ent­deckt ha­be: „Ich beu­ge durch aus­ge­dehn­te Son­nen­bä­der vor und bin so braun ge­wor­den, dass kein Flie­ger mich ent­deckt.“

Im Früh­som­mer sieht es so aus, als sei der Spuk be­reits wie­der vor­bei. Die deut­sche Hee­res­füh­rung be­ginnt, ei­ne neue Of­fen­si­ve vor­zu­be­rei­ten. Im Me­di­cal Bul­le­tin der U. S. Ar­my vom Ju­li 1918 heißt es, die Epi­de­mie sei weit­ge­hend ab­ge­flaut und eher gut­ar­tig ver­lau­fen. Ein bri­ti­sches Ärz­te­jour­nal schreibt so­gar, die In­flu­en­za sei voll­stän­dig ver­schwun­den.

Dann pas­siert et­was, was Seu­chen­me­di­zi­ner bis heu­te nicht er­klä­ren kön­nen. Der Er­re­ger kehrt in ver­än­der­ter Form zu­rück. Nicht erst im dar­auf­fol­gen­den Win­ter, wie wir es von der jähr­li­chen Grip­pe ge­wohnt sind. Son­dern schon im Spät­som­mer des­sel­ben Jah­res. Fast könn­te man mei­nen, er ha­be ir­gend­wo über dem At­lan­tik töd­li­che Kräf­te ge­sam­melt. Gleich an drei Stel­len bricht die Krank­heit par­al­lel aus, dies­mal mit un­ge­heu­rer Wucht. Aus den Ha­fen­städ­ten Free­town in Si­er­ra Leo­ne, dem ame­ri­ka­ni­schen Bos­ton und dem fran­zö­si­schen Brest lau­fen wah­re Hor­ror­mel­dun­gen ein. Bin­nen kur­zem schlägt die zwei­te Wel­le der Spa­ni­schen Grip­pe über­all zu.

Den spä­te­ren ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Fran­klin Roo­se­velt er­wischt es an Bord des be­schlag­nahm­ten deut­schen Pas­sa­gier­schiffs „Va­ter­land“, mit dem er im Sep­tem­ber 1918 von ei­ner Trup­pen­in­spek­ti­on an der West­front in die Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu­rück­kehrt. Aus Äthio­pi­en be­rich­tet der kom­men­de Kai­ser Hai­le Sel­as­sie, es ha­be in der Haupt­stadt Ad­dis Abe­ba zehn­tau­send To­te ge­ge­ben. In Prag trifft es den oh­ne­hin schon tu­ber­ku­lo­se­kran­ken Franz Kaf­ka. In War­schau er­krankt Jan Stecz­kow­ski, der Füh­rer des pro­vi­so­ri­schen pol­ni­schen Kö­nig­reichs. In Wien schreibt der Ma­ler Egon Schie­le sei­ner Mut­ter ei­nen letz­ten Brief: Sei­ne Frau Edith, im sechs­ten Mo­nat schwan­ger, sei am 28. Ok­to­ber an den Fol­gen der Spa­ni­schen Grip­pe ver­stor­ben. Nur drei Ta­ge spä­ter er­liegt er ihr, ge­ra­de mal 28 Jah­re alt, selbst. Die Lon­do­ner Times mel­det, die In­flu­en­za sei im rus­si­schen Pe­tro­grad ein­ge­trof­fen. Mit der Ei­sen­bahn reist sie wei­ter gen Os­ten. Nur sehr we­ni­ge Ge­gen­den der Welt wer­den nicht von die­ser zwei­ten At­ta­cke ge­trof­fen. Nach­weis­lich ver­schont blei­ben die Ant­ark­tis, Sankt He­le­na im Süd­at­lan­tik und die In­sel Ma­rajó in der Mün­dung des Ama­zo­nas.

Die ers­te Wel­le im Früh­jahr hat­te noch die satt­sam be­kann­ten Sym­pto­me her­vor­ge­ru­fen. Als die Krank­heit im Au­gust wie­der­kehrt, hat sie nichts mehr von der nor­ma­len Grip­pe an sich. Schon nach kur­zer Zeit lei­den die Pa­ti­en­ten an gra­vie­ren­den Atem­pro­ble­men, auf ih­ren Wan­gen zeich­nen sich ma­ha­go­ni­far­be­ne Fle­cken ab, die sich bin­nen we­ni­ger Stun­den übers gan­ze Ge­sicht aus­brei­ten, bis man, wie es ein ame­ri­ka­ni­scher Mi­li­tär­arzt vol­ler Schre­cken schil­dert, Far­bi­ge kaum noch von Wei­ßen un­ter­schei­den konn­te. Auch Hän­de und Fü­ße, Nä­gel und Ober­kör­per fär­ben sich schwarz, der Tod folgt un­mit­tel­bar.

Die Schweiz bleibt neutral. Doch auch dort bekommen die Truppenärzte alle Hände voll zu tun.

In man­chen zeit­ge­nös­si­schen Be­rich­ten fin­det sich der Hin­weis, die Spa­ni­sche Grip­pe ha­be nach fau­li­gem Stroh ge­ro­chen. Et­li­che Pa­ti­en­ten fal­len ins De­li­ri­um. Man muss sie ans Bett fes­seln, da­mit sie sich nicht ver­let­zen. Nicht we­ni­ge stür­zen sich in ih­rer Ver­zweif­lung aus dem Fens­ter. Über­le­ben­de kla­gen über Schwin­del, Schlaf­lo­sig­keit, den Ver­lust von Ge­hör und Ge­schmacks­sinn, Seh­stö­run­gen und an­hal­ten­de De­pres­sio­nen.

Aus heu­ti­ger Sicht hat da­mals ei­ne gro­ße dia­gnos­ti­sche Ver­wir­rung ge­herrscht. Nie­mand konn­te wirk­lich sa­gen, was vor sich ging. Die seit dem Mit­tel­al­ter herr­schen­de Vor­stel­lung, dass Seu­chen wie Pest oder Cho­le­ra durch so­ge­nann­te Mi­as­men, al­so ver­dor­be­ne Luft, aus­ge­löst wür­den, war noch nicht lan­ge ad ac­ta ge­legt. Der deut­sche Hy­gie­ne­me­di­zi­ner Ro­bert Koch hat­te En­de des 19. Jahr­hun­derts zwar nach­ge­wie­sen, dass an­ste­cken­de Krank­hei­ten wie Milz­brand und Schwind­sucht durch Kei­me her­vor­ge­ru­fen wer­den. Doch die muss­te man im Zwei­fels­fall erst ein­mal fin­den.

In der Öf­fent­lich­keit kur­sie­ren oh­ne­hin an­de­re Er­klä­run­gen. Es heißt, das „Flan­dern­fie­ber“ wer­de von den Aus­düns­tun­gen un­ge­zähl­ter Lei­chen ver­ur­sacht, die nach den ent­setz­li­chen Schlach­ten an der West­front un­be­stat­tet lie­gen ge­blie­ben wa­ren. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten geht das Ge­rücht um, deut­sche U-Boo­te hät­ten ei­ne bio­lo­gi­sche Waf­fe in die Hä­fen an der ame­ri­ka­ni­schen Ost­küs­te ge­schmug­gelt. An­de­re glau­ben, dass die vom Phar­ma­un­ter­neh­men Bay­er pro­du­zier­ten As­pi­rin­ta­blet­ten, die in gro­ßen Men­gen ge­gen das Fie­ber ver­schrie­ben wer­den, ab­sicht­lich ver­seucht wor­den sind.

In vie­len Län­dern wer­den dras­ti­sche Maß­nah­men er­grif­fen. Schu­len, Thea­ter und Got­tes­häu­ser wer­den ge­schlos­sen, die Be­nut­zung öf­fent­li­cher Ver­kehrs­mit­tel wird ein­ge­schränkt, dass Aus­spu­cken auf of­fe­ner Stra­ße un­ter Stra­fe ge­stellt. Über See­hä­fen und Bahn­hö­fe wer­den Qua­ran­tä­nen ver­hängt, Kran­ken­häu­ser rich­ten Iso­lier­sta­tio­nen ein. All­ge­mein wird der Ge­brauch von Ta­schen­tü­chern und gründ­li­ches Hän­de­wa­schen emp­foh­len; im Grun­de das, was als Pro­phy­la­xe bis heu­te an­ge­ra­ten wird. Auch wird das Tra­gen von Atem­mas­ken pro­pa­giert. Zur Des­in­fek­ti­on setzt man Chlor­blei­che oder Kar­bol­säu­re ein.

S ehr viel mehr hat die Me­di­zin nicht zu bie­ten. Es gibt kei­nen wirk­sa­men Impf­stoff und schon gar kei­ne Me­di­ka­men­te, die ge­gen ein Vi­rus hel­fen könn­ten, das noch nicht ein­mal iden­ti­fi­ziert wor­den ist. An­ti­bio­ti­ka, mit de­nen sich die Be­gleit­erschei­nun­gen der In­flu­en­za be­kämp­fen lie­ßen, sind eben­falls noch un­be­kannt. In ih­rer Not ver­ord­nen die Ärz­te al­les, was der Apo­the­ken­schrank her­gibt. Da ist die ver­meint­li­che Wun­der­dro­ge As­pi­rin, die im­mer­hin Fie­ber senkt und Schmer­zen lin­dert. Es wird in der­art ho­hen Do­sen ver­ab­reicht, dass die Ver­mu­tung na­he­liegt, man­cher Da­hin­sie­chen­de sei da­mit re­gel­recht ver­gif­tet wor­den. Auch Chi­nin wird be­den­ken­los ver­schrie­ben, weil es sich als Mit­tel zur Be­hand­lung von Ma­la­ria be­währt hat. Den Pa­ti­en­ten wird zur Stär­kung Ar­sen ver­ord­net, Kamp­fer ge­gen Kurz­at­mig­keit, Di­gi­ta­lis und Strych­nin ge­gen Kreis­lauf­schwä­che so­wie Ri­zi­nus­öl und Jod zur in­ne­ren Des­in­fek­ti­on. Als po­pu­lär er­weist sich der Rat­schlag, mög­lichst viel Al­ko­hol zu trin­ken. So­gar Ta­bak­rauch wird emp­foh­len. Der Ar­chi­tekt Le Cor­bu­si­er soll sich dar­auf­hin in sei­ner Pa­ri­ser Woh­nung so lan­ge mit Co­gnac und Zi­ga­ret­ten trak­tiert ha­ben, bis die Pan­de­mie ab­ge­klun­gen war.

Auch an der Front spitzt sich die La­ge mehr und mehr zu. Nörd­lich von Ver­dun ha­ben die Ame­ri­ka­ner En­de Sep­tem­ber im Rah­men der Maas-Ar­gon­nen-Of­fen­si­ve mehr als ei­ne hal­be Mil­li­on Sol­da­ten zu­sam­men­ge­zo­gen. Die kom­men­de Schlacht, die in meh­re­ren Pha­sen bis zum Waf­fen­still­stand am 11. No­vem­ber dau­ern soll­te, ist als die ver­lust­reichs­te be­zeich­net wor­den, die ame­ri­ka­ni­sche Trup­pen je ge­führt ha­ben. 26.000 Mann gel­ten of­fi­zi­ell als ge­fal­len. Aber zur glei­chen Zeit ge­hen fast dop­pelt so vie­le To­te der Ame­ri­can Ex­pe­di­tio­na­ry Forces auf das Kon­to der Spa­ni­schen Grip­pe. In­mit­ten der Kampf­hand­lun­gen ist es kaum mög­lich, die fie­bern­den Sol­da­ten zu ver­sor­gen. Die ein­gangs er­wähn­te 89. In­fan­te­rie­di­vi­si­on, die di­rekt an der Front liegt, be­kommt das aus­ge­spro­chen hef­tig zu spü­ren. Kran­ke und Ver­wun­de­te müs­sen un­ter Ma­schi­nen­ge­wehr­feu­er ki­lo­me­ter­weit durch knie­tie­fen Matsch ge­schleppt wer­den, ehe sie auch nur in die Nä­he ei­nes Sa­ni­täts­pos­tens kom­men. In ein La­za­rett schaf­fen es die we­nigs­ten.

Die deut­sche Ar­mee ist ähn­lich ge­schwächt. Aber das gan­ze Aus­maß wird nur in Um­ris­sen deut­lich. „Die Grip­pe griff über­all stark um sich“, er­in­ner­te sich der stell­ver­tre­ten­de Ge­ne­ral­stabs­chef Erich Lu­den­dorff spä­ter: „Es war für mich ei­ne erns­te Be­las­tung, je­den Mor­gen von den Vor­ge­setz­ten die gro­ßen Zah­len von Aus­fäl­len zu hö­ren und ih­re Kla­gen über die Schwä­che der Trup­pen.“ Mit­leid kön­nen die Be­trof­fe­nen den­noch nicht er­war­ten: Wer sich krank­mel­det, ge­rät schnell in den Ver­dacht, sich bloß vor den Kämp­fen drü­cken zu wol­len. Da­bei sind die Fol­gen der Krank­heits­wel­le selbst in der Haupt­stadt Ber­lin nicht mehr zu über­se­hen. Max von Ba­den, der letz­te Kanz­ler des Deut­schen Reichs, liegt von den fünf Wo­chen, in de­nen er über­haupt im Amt ist, fast zwei mit Grip­pe dar­nie­der, „un­fä­hig, die Ge­schäf­te wirk­lich zu füh­ren“, wie Kai­ser Wil­helm II. be­män­gelt, der sich aus Furcht vor An­ste­ckung gar nicht erst in die Nä­he des Kran­ken wagt. Staats­se­kre­tär Mat­thi­as Erz­ber­ger, der we­nig spä­ter nach Com­piègne reist, um den Waf­fen­still­stand zu un­ter­zeich­nen, hat kurz zu­vor sei­ne Frau und sei­nen Sohn an der Grip­pe ster­ben se­hen.

His­to­ri­ker sind sich bis heu­te un­eins dar­über, wel­chen Ein­fluss die Seu­che auf den Kriegs­ver­lauf und sein En­de hat­te. Die Deut­schen klag­ten gleich­zei­tig über schwe­re mi­li­tä­ri­sche und wirt­schaft­li­che Ver­lus­te, hin­ter ih­nen lag der be­rüch­tig­te Steck­rü­ben­win­ter von 1916/17, in dem selbst Sei­fe ra­tio­niert wer­den muss­te und fast ei­ne Mil­li­on Men­schen an Un­ter­ernäh­rung star­ben. In völ­li­ger Ver­ken­nung die­ser Um­stän­de er­wägt man in der obers­ten Hee­res­lei­tung kurz vor Kriegs­en­de ei­ne letz­te Mo­bi­li­sie­rung, um den Sieg doch noch her­bei­zu­füh­ren. Au­ßen­mi­nis­ter Paul von Hint­ze, der über die aus­sichts­lo­se mi­li­tä­ri­sche La­ge in­for­miert ist, ver­fasst dar­auf­hin ei­ne No­te, in der er fest­hält, es sei „ei­ne Il­lu­si­on, zu glau­ben, das halb­ver­hun­ger­te, von schwe­rer Grip­pe­seu­che ge­plag­te, durch mi­li­tä­ri­sche Aus­he­bun­gen schon hun­dert­mal aus­ge­kämm­te und in sei­nem Pa­trio­tis­mus längst über­for­der­te deut­sche Volk wür­de sich jetzt noch ein­mal zu ei­nem Fu­ror Teu­to­ni­cus ent­flam­men las­sen“.

Die Opfer sind häufig im besten Alter. Mit 28 Jahren trifft es den Wiener Maler Egon Schiele.

Als die Waf­fen end­lich schwei­gen, keh­ren die Sol­da­ten, die das In­fer­no über­lebt ha­ben, in über­füll­ten Trans­por­ten nach Hau­se zu­rück. Die not­lei­den­de Zi­vil­be­völ­ke­rung ist in re­vo­lu­tio­nä­rem Auf­ruhr. Wäh­rend­des­sen fei­ern die Sie­ges­mäch­te mit Pa­ra­den und Auf­mär­schen. In den auf­ge­wühl­ten Men­schen­mas­sen holt die Seu­che noch ein­mal neu­en Schwung. Ei­ne drit­te Wel­le schließt sich an, die bis in den Som­mer 1919 an­hält. Dann ebbt die Pan­de­mie ab. Und ge­rät selt­sam rasch in Ver­ges­sen­heit.

Die Spa­ni­sche Grip­pe hat lan­ge Zeit kei­nen Ein­gang in die Ge­schichts­bü­cher ge­fun­den. Selbst Me­di­zin­his­to­ri­ker wie Ste­fan Wink­le, der ein en­zy­klo­pä­di­sches Buch über die Kul­tur­ge­schich­te der Seu­chen ver­fasst hat, ha­ben ihr nur we­ni­ge Zei­len ge­wid­met. Im öf­fent­li­chen Be­wusst­sein hat die Pan­de­mie kaum Spu­ren hin­ter­las­sen, ob­wohl es prak­tisch kei­ne Fa­mi­lie gab, in der es nicht den ei­nen oder an­de­ren Ver­wand­ten ge­trof­fen hat­te. Viel­leicht liegt es dar­an, dass das, was sich nach­träg­lich in den Köp­fen der Men­schen fest­setzt, in der Re­gel auf ge­mein­sa­men Er­zäh­lun­gen oder Bil­dern be­ruht. Die Su­che nach sol­chen Zeug­nis­sen führt in Eu­ro­pa und an­ders­wo prak­tisch ins Lee­re. Ein­zig aus Nord­ame­ri­ka ist ei­ne Hand­voll Fo­to­gra­fi­en er­hal­ten, die im­mer wie­der her­an­ge­zo­gen wer­den, um das un­fass­ba­re Ge­sche­hen zu il­lus­trie­ren. Der Schrift­stel­ler Tho­mas Wol­fe hat in sei­nem au­to­bio­gra­phi­schen Ro­man „Schau heim­wärts, En­gel“ von 1929 ein­drück­lich ge­schil­dert, wie sein Bru­der an der In­fek­ti­on zu­grun­de ging. Doch sol­che Er­in­ne­run­gen blie­ben Aus­nah­men. Die größ­te Seu­che des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts war kein The­ma für das kol­lek­ti­ve Ge­dächt­nis.

D as ist um­so er­staun­li­cher, weil die In­flu­en­za nach wie vor ei­ne erns­te Be­dro­hung dar­stellt. Schon im Ver­lauf ei­ner nor­ma­len Grip­pe­sai­son muss in ei­nem Land wie der Bun­des­re­pu­blik mit Tau­sen­den zu­sätz­li­chen To­des­fäl­len ge­rech­net wer­den. Rund um den Glo­bus sind es rund ei­ne hal­be Mil­li­on. Ver­gleich­bar sind sol­che Zah­len nur mit der Tu­ber­ku­lo­se und der Ma­la­ria, den bei­den an­de­ren gro­ßen un­be­sieg­ten In­fek­ti­ons­krank­hei­ten.

Was hat die ver­häng­nis­vol­le Spa­ni­sche Pan­de­mie von al­len bis­lang nach­fol­gen­den un­ter­schie­den? Die Auf­zeich­nun­gen der Ärz­te aus dem Ers­ten Welt­krieg las­sen we­nig Rück­schlüs­se zu. Man­che von ih­nen tipp­ten zwar auf ein „Vi­rus“. Doch das war sei­ner­zeit nicht mehr als die va­ge Um­schrei­bung ei­nes un­be­kann­ten Gif­tes. Schon da­mals gab es Zwei­fel, dass nur ein ein­zi­ger Keim am Werk war.

Zu Be­ginn äh­ne­le die­se Krank­heit ei­ner ganz or­di­nä­ren Grip­pe, no­tiert im Sep­tem­ber 1918 ein un­ge­nann­ter ame­ri­ka­ni­scher Mi­li­tär­arzt. Kaum sei­en die Kran­ken je­doch auf den heil­los über­las­te­ten Sta­tio­nen an­ge­kom­men, hät­ten sie in­ner­halb von Stun­den die „ag­gres­sivs­te Lun­gen­ent­zün­dung ent­wi­ckelt, die ich je ge­se­hen ha­be. Hier sind ver­schie­de­ne Er­re­ger ge­mein­sam am Werk. Nur ha­be ich kei­ne Ah­nung, wel­che.“ Der ame­ri­ka­ni­sche Tro­pen­me­di­zi­ner Den­nis Shanks, der lan­ge in den Diens­ten der U. S. Ar­my stand und heu­te das Ma­la­ria-For­schungs­in­sti­tut der aus­tra­li­schen Streit­kräf­te lei­tet, hat sich vor zehn Jah­ren durch Mi­li­tär­ar­chi­ve ge­wühlt und zahl­rei­che Be­rich­te auf­ge­stö­bert, die die­sen Ver­dacht be­stä­ti­gen.

Bei Aut­op­si­en wa­ren die Pa­tho­lo­gen da­mals nicht nur auf ei­nen, son­dern gleich auf meh­re­re Kei­me ge­sto­ßen. Sie fan­den Pneu­mo­kok­ken, Strep­to­kok­ken oder das fälsch­li­cher­wei­se so ge­tauf­te Bak­te­ri­um Ha­emo­phi­lus in­flu­en­zae, die al­le­samt schwe­re Lun­gen­ent­zün­dun­gen aus­lö­sen kön­nen. Das Vi­rus selbst selbst hat­te zu­vor of­fen­bar die Wän­de der Atem­we­ge ge­schä­digt und das Im­mun­sys­tem so weit ge­schwächt, dass sich der Kör­per nicht mehr ge­gen zu­sätz­li­che mi­kro­bi­el­le At­ta­cken weh­ren konn­te. Ei­ne sol­che Su­per­in­fek­ti­on wird bei Grip­pe­kran­ken auch heu­te noch be­ob­ach­tet, al­ler­dings ist sie dank der in­zwi­schen ent­deck­ten An­ti­bio­ti­ka in der Re­gel heil­bar.

Den­nis Shank hat das Er­geb­nis sei­ner Ar­chiv­stu­di­en 2008 zu­sam­men mit dem Epi­de­mio­lo­gen John Brunda­ge ver­öf­fent­licht. Die bei­den ste­hen mit ih­rer The­se nicht al­lein. Auch Wil­fried Wit­te, An­äs­the­sist und His­to­ri­ker von der Ber­li­ner Cha­rité, ist da­von über­zeugt, dass bak­te­ri­el­le Su­per­in­fek­tio­nen im Zu­sam­men­hang mit der Spa­ni­schen Grip­pe ei­ne zen­tra­le und bis­lang un­ter­schätz­te Rol­le ge­spielt ha­ben. Das wür­de auch er­klä­ren, war­um vie­le Men­schen mit dem an­geb­lich le­bens­ge­fähr­li­chen Kil­ler al­lein er­staun­lich gut zu­recht­ka­men. Im west­li­chen Teil der Welt hat­te ei­ne In­fek­ti­on mit dem In­flu­en­za­vi­rus nur bei je­dem zwei­hun­derts­ten Pa­ti­en­ten töd­li­che Fol­gen. Zum Ver­häng­nis ge­wor­den ist die Spa­ni­sche Krank­heit vor al­lem den Re­kru­ten in den Aus­bil­dungs­camps, den Sol­da­ten an vor­ders­ter Front und in den Mi­li­tär­hos­pi­tä­lern. Die bes­ser un­ter­ge­brach­ten Of­fi­zie­re muss­ten deut­lich ge­rin­ge­re To­des­ra­ten hin­neh­men. Ähn­li­ches galt für gleich­alt­ri­ge Zi­vi­lis­ten oder Kran­ke, die sich zu Hau­se aus­ku­rier­ten. Be­sit­zer ei­nes Ei­gen­heims in Chi­ca­go bei­spiels­wei­se hat­ten be­son­ders gro­ße Über­le­bens­chan­cen. Das traf ge­ne­rell für ge­bil­de­te und so­zi­al hö­her­ge­stell­te Men­schen zu. Sie wa­ren we­ni­ger der Ge­fahr aus­ge­setzt, sich beim Kon­takt auf engs­tem Raum und un­ter haar­sträu­ben­den hy­gie­ni­schen Be­din­gun­gen mit wei­te­ren Kei­men an­zu­ste­cken.

Der amerikanische Pathologe Jeffery Taubenberger und die Molekularbiologin Ann Reid präsentieren die Gensequenz des Erregers von 1918. Sie haben ihn in alten Gewebeproben aufgespürt.

Man hat im Nach­hin­ein al­le mög­li­chen Sta­tis­ti­ken auf­ge­stellt. Doch Zah­len al­lein lie­fern noch kein kla­res Bild. Der Er­re­ger war nach der Pan­de­mie erst ein­mal ab­ge­taucht und konn­te mit den da­ma­li­gen Mit­teln der Mi­kro­sko­pie und der An­zucht von Ba­zil­len auf Koch’schen Plat­ten so­wie­so nicht nach­ge­wie­sen wer­den. Erst die enorm ver­bes­ser­ten Me­tho­den der Mo­le­ku­lar­bio­lo­gie und der Zu­fall ha­ben es acht­zig Jah­re spä­ter mög­lich ge­macht, den Aus­lö­ser der Spa­ni­schen Grip­pe doch noch zu re­kon­stru­ie­ren.

Im Sep­tem­ber 1918 wird der 21-jäh­ri­ge Ge­frei­te Roscoe Vaug­han in ei­nem Aus­bil­dungs­la­ger in Ca­ro­li­na zu­sam­men mit vier­zig­tau­send an­de­ren Män­nern zum Ar­til­le­rie­sol­da­ten ge­drillt. Ein Vier­tel von ih­nen ist be­reits er­krankt, und auch Vaug­han kommt nicht da­von. Am 19. des Mo­nats fühlt er sich zer­schla­gen und fieb­rig, ei­ne Wo­che spä­ter stirbt er an Lun­gen­ver­sa­gen. Ein Mi­li­tär­arzt ob­du­ziert sei­ne Lei­che und be­schei­nigt, er sei an­sons­ten wohl­ge­nährt und in gu­tem Zu­stand ge­we­sen. Ein Teil des be­fal­le­nen Lun­gen­ge­we­bes wird ent­nom­men, in For­ma­lin kon­ser­viert und in ei­nen Klum­pen Par­af­fin ge­bet­tet. Das Ma­te­ri­al geht nach Wa­shing­ton, wo im pa­tho­lo­gi­schen In­sti­tut der ame­ri­ka­ni­schen Streit­kräf­te seit dem Bür­ger­krieg al­le ver­däch­ti­gen Pro­ben ar­chi­viert wer­den.

Dort­hin wan­dert auch ein klei­ner Teil der mit blu­ti­gem Schaum über­zo­ge­nen Lun­ge des Ge­frei­ten Ja­mes Downs, der et­wa zur glei­chen Zeit mit Fie­ber­de­li­ri­um ins La­za­rett von Camp Up­t­on im Bun­des­rat New York ein­ge­lie­fert wird und dort um­ge­hend da­hin­schei­det. Wäh­rend­des­sen spielt sich weit ent­fernt in der Ein­sam­keit von Alas­ka ein an­de­res Dra­ma ab. Fast al­le er­wach­se­nen Ein­woh­ner der heu­ti­gen Ort­schaft Bre­vik, da­mals ei­ne Mis­si­ons­sta­ti­on mit acht­zig See­len, sind der Krank­heit zum Op­fer ge­fal­len. Hun­de ha­ben sich über die Lei­chen her­ge­macht. Um die To­ten zu be­stat­ten, müs­sen Gold­grä­ber den stein­hart ge­fro­re­nen Bo­den mit hei­ßem Dampf auf­tau­en. In dem aus­ge­ho­be­nen Mas­sen­grab fin­det auch ei­ne na­men­lo­se Frau ih­re letz­te Ru­he, die zu Leb­zei­ten stark über­ge­wich­tig war. Dies und der Per­ma­frost sor­gen da­für, dass ihr Kör­per über die kom­men­den Jahr­zehn­te hin­weg na­he­zu per­fekt kon­ser­viert bleibt.

Auf die ver­we­ge­ne Idee, ei­ni­ge Op­fer der Spa­ni­schen Grip­pe wie­der aus­zu­gra­ben, kommt An­fang der fünf­zi­ger Jah­re der schwe­di­sche Pa­tho­lo­ge Jo­han Hul­tin, den es an die Uni­ver­si­tät von Io­wa ver­schla­gen hat. Un­ter aben­teu­er­li­chen Be­din­gun­gen reist er nach Bre­vik und bud­delt dort mit pri­mi­ti­ven Hilfs­mit­teln ein paar sterb­li­che Über­res­te aus. Doch im La­bor ge­lingt es ihm trotz al­ler Be­mü­hun­gen nicht, das Vi­rus wie­der zum Le­ben zu er­we­cken. Zum Glück, könn­te man im Nach­hin­ein sa­gen: Die Vor­sichts­maß­nah­men, die er da­bei er­grif­fen hat, wa­ren ge­lin­de ge­sagt ziem­lich lax.

Wie klug ist es über­haupt, ei­nen his­to­ri­schen Kil­ler­keim aus dem Schlaf zu ho­len? Die Fra­ge stellt sich na­tür­lich nicht, wenn man da­für als Be­grün­dung ins Feld führt, dass es zwin­gend not­wen­dig sei, ihm sei­ne Ge­heim­nis­se zu ent­rei­ßen, be­vor ein mög­li­cher­wei­se noch töd­li­che­rer Nach­fol­ger auf den Plan tritt.

So macht sich vier­zig Jah­re spä­ter der ame­ri­ka­ni­sche Vi­ro­lo­ge Jef­fe­ry Tau­ben­ber­ger an die Ar­beit und durch­fors­tet das Ge­we­be­ar­chiv der U. S. Ar­my nach mög­li­chen Kan­di­da­ten (sie­he „Die Mut­ter al­ler Pan­de­mi­en“). In den Pro­ben der Ge­frei­ten Roscoe Vaug­han und Ja­mes Downs wird er nach müh­sa­mer Klein­ar­beit fün­dig. Das reicht zwar nicht, um das kom­plet­te Vi­rus zu­sam­men­zu­stü­ckeln. Doch dann mel­det sich über­ra­schend der Ve­te­ran Jo­han Hul­tin, den das The­ma seit sei­ner Dok­tor­ar­beit nicht los­ge­las­sen hat. Er bie­tet an, er­neut ein Op­fer in Bre­vik zu ex­hu­mie­ren. Und dies­mal klappt es tat­säch­lich: Ge­schützt durch das Kör­per­fett der be­sag­ten Inu­it­frau, ist ih­re Lun­ge so weit er­hal­ten ge­blie­ben, dass sich dar­in auch das Erb­gut des Vi­rus fin­den lässt. Tau­ben­ber­ger kann sich dar­an ma­chen, die kom­plet­te Se­quenz zu­sam­men­zu­bas­teln.

I n den neun­zi­ger Jah­ren ist das In­ter­es­se an der Spa­ni­schen Grip­pe schlag­ar­tig wie­der er­wacht. Die aus­ge­klü­gel­ten Me­tho­den der Mo­le­ku­lar­ge­ne­tik ha­ben den In­fek­tio­lo­gen ein neu­es For­schungs­feld ge­öff­net. Als 1997 ein neu­er, auch für den Men­schen be­droh­li­cher Typ von Vo­gel­grip­pe auf­taucht, schla­gen nicht nur die Wis­sen­schaft­ler, son­dern auch die Me­di­en Alarm. Das Schre­ckens­sze­na­rio ei­ner Pan­de­mie nach dem Vor­bild des Ge­sche­hens im Ers­ten Welt­krieg steht plötz­lich im Raum. Und ist seit­dem nicht mehr ver­schwun­den. Ir­gend­wo da drau­ßen, so heißt es, könn­te ein noch un­be­kann­tes „emer­ging vi­rus“ zum nächs­ten An­griff auf die Mensch­heit bla­sen.

Wie re­al ist die­se Ge­fahr wirk­lich?

Das kann einst­wei­len nie­mand sa­gen. In den Au­gen man­cher For­scher ist sie im­mer­hin so groß, dass sie sich an Ver­su­che wa­gen, die ih­rer­seits nicht oh­ne Ri­si­ko sind. Der Nie­der­län­der Ron Fou­chier und der in Ame­ri­ka for­schen­de Ja­pa­ner Yo­shi­hi­ro Ka­wao­ka ver­öf­fent­li­chen 2012 die Er­geb­nis­se von Ex­pe­ri­men­ten an Frett­chen, in de­nen sie durch wie­der­hol­te An­ste­ckung ei­ne Ver­si­on des Vo­gel­grip­pe­vi­rus H5N1 her­an­ge­züch­tet ha­ben, die leich­ter von Lun­ge zu Lun­ge über­tra­gen wer­den kann. In der Na­tur ist die­ser Typ noch nie ge­sich­tet wor­den. Er hät­te durch­aus das Po­ten­ti­al, ei­ne Pan­de­mie un­ter Men­schen aus­zu­lö­sen, die weit ge­fähr­li­cher wä­re als al­le bis­lang be­ob­ach­te­ten Grip­pe­wel­len der Nach­kriegs­zeit.

Wä­re ei­ne Ka­ta­stro­phe wie 1918 un­ter heu­ti­gen Um­stän­den noch ein­mal mög­lich? Die An­sich­ten da­zu ge­hen auch un­ter Ex­per­ten weit aus­ein­an­der. Imp­fun­gen ge­gen die In­flu­en­za sind seit lan­gem ver­füg­bar. Auch wenn sie nicht per­fekt sind, wird an Ver­bes­se­run­gen ge­ar­bei­tet (sie­he „Ei­ner ge­gen al­le“). Ge­gen mög­li­che Su­per­in­fek­tio­nen hel­fen An­ti­bio­ti­ka. Zu­min­dest in den In­dus­trie­na­tio­nen ver­fü­gen Kran­ken­häu­ser im Ernst­fall über Be­at­mungs­ge­rä­te und In­ten­siv­sta­tio­nen. Frag­lich ist nur, ob sich die Mil­li­ar­den, die in Tamif­lu und an­de­re An­ti­vi­ren-Mit­tel in­ves­tiert wur­den, ge­lohnt ha­ben; ihr Nut­zen scheint nach neue­ren Stu­di­en ge­rin­ger zu sein als er­war­tet.

Op­ti­mis­ten ver­wei­sen dar­auf, dass ein Groß­teil der Mensch­heit heu­te viel bes­ser er­nährt und da­mit deut­lich we­ni­ger in­fek­ti­ons­an­fäl­lig ist als in den ma­ge­ren Welt­kriegs­jah­ren. An­de­rer­seits ist die Welt­be­völ­ke­rung seit­dem auf das Fünf­fa­che an­ge­wach­sen. Mit Au­to­mo­bi­len, Bah­nen, Schif­fen und vor al­lem Flug­zeu­gen ist sie au­ßer­dem er­heb­lich mo­bi­ler ge­wor­den. Doch so­gar dar­aus kann man Po­si­ti­ves ab­lei­ten: Es gibt kaum noch Men­schen, die nicht im Lau­fe ih­res Le­bens ir­gend­wann mit der In­flu­en­za in Be­rüh­rung ge­kom­men wä­ren. Die al­ler­meis­ten be­sit­zen da­durch ge­wis­se Ab­wehr­kräf­te. Vor hun­dert Jah­ren war das nicht der Fall. Die größ­ten Op­fer for­der­te die Seu­che da­mals in ent­le­ge­nen Re­gio­nen wie West-Sa­moa, wo es je­den fünf­ten Ein­woh­ner da­hin­raff­te. Die Welt ist seit­dem ei­ne an­de­re ge­wor­den. Und in vie­ler Hin­sicht bes­ser.

Text: Jörg Albrecht
Il­lus­tra­tio­nen: Jan Rieck­hoff

Umsetzung: FAZ.NET-Multimedia


Nächstes Kapitel:

Mutter aller Pandemien


Die Spa­ni­sche Grip­pe und ihr Er­be



Von Son­ja Kas­ti­lan

W enn es ei­nen Men­schen gibt, der ei­ne lang­jäh­ri­ge und be­son­ders en­ge Be­zie­hung zum Er­re­ger der Spa­ni­schen Grip­pe ein­ge­gan­gen ist, dann dürf­te das Jef­fe­ry Tau­ben­ber­ger sein. Der ame­ri­ka­ni­sche Me­di­zi­ner lei­tet die Ab­tei­lung für „Vi­ral Pa­tho­ge­ne­sis and Evo­lu­ti­on“ am Na­tio­na­len In­sti­tut für All­er­gi­en und In­fek­ti­ons­krank­hei­ten in Be­thes­da. Hier er­forscht er mit sei­nen Mit­ar­bei­tern un­ter an­de­rem das Po­ten­ti­al der Grip­pe­vi­ren zur Pan­de­mie und sucht nach ei­nem uni­ver­sell wir­ken­den Impf­stoff. „Bis­her sind uns die schnell mu­tie­ren­den Vi­ren im­mer ein paar Schrit­te vor­aus, ih­re ge­ne­ti­sche Wand­lungs­fä­hig­keit kennt schier kein En­de, und wir ja­gen ih­nen hin­ter­her. Das muss sich än­dern.“

Die In­flu­en­za hat Tau­ben­ber­ger Mit­te der 1990er Jah­re in ih­ren Bann ge­zo­gen, als er mit sei­nen Kol­le­gen am Ar­med Forces In­sti­tu­te of Pa­tho­lo­gy in Wa­shing­ton ver­such­te, ei­nen prak­ti­schen Nut­zen aus dem le­gen­dä­ren Mu­se­ums­ar­chiv zu zie­hen. Dort la­ger­ten da­mals Mil­lio­nen von Ge­we­be­pro­ben, teils noch aus Zei­ten des Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krie­ges. Sie wa­ren mit For­ma­lin fi­xiert und ein­ge­bet­tet in Par­af­fin auf­be­wahrt wor­den, al­so un­ter Be­din­gun­gen die nicht ge­ra­de ide­al sind, um Erb­in­for­ma­tio­nen in Form von DNA- und RNA-Mo­le­kü­len zu kon­ser­vie­ren. „Aber wir woll­ten dar­an un­be­dingt un­se­re Dia­gno­se­tech­nik mit den neu­en Me­tho­den der Mo­le­ku­lar­bio­lo­gie ver­fei­nern“, er­zählt Tau­ben­ber­ger. Das Team, dem auch die Mo­le­ku­lar­bio­lo­gin Ann Reid an­ge­hör­te, ha­be sich ne­ben Tu­mor­ge­nen für In­fek­ti­ons­krank­hei­ten in­ter­es­siert, und ir­gend­wann sei die ver­rück­te Idee auf­ge­kom­men, nach dem noch nicht iden­ti­fi­zier­ten Er­re­ger der Spa­ni­schen Grip­pe zu fahn­den.


„Bis­her sind uns die schnell mu­tie­ren­den Vi­ren im­mer ein paar Schrit­te vor­aus, ih­re ge­ne­ti­sche Wand­lungs­fä­hig­keit kennt schier kein En­de, und wir ja­gen ih­nen hin­ter­her. Das muss sich än­dern.“
Jef­fe­ry Tau­ben­ber­ger

Tat­säch­lich ließ sich im Be­stand des In­sti­tuts ei­ne po­si­ti­ve Pro­be auf­spü­ren, bald dar­auf ei­ne zwei­te, so dass man mit der Ent­zif­fe­rung des vi­ra­len Erb­guts be­gin­nen konn­te. Durch die Zu­sam­men­ar­beit mit dem Pa­tho­lo­gen Jo­han Hul­tin konn­te au­ßer­dem Lun­gen­ge­we­be ei­ner Inu­it­frau aus Nord­a­las­ka un­ter­sucht wer­den, die im No­vem­ber 1918 ver­stor­ben war. In ih­rem Grab im Per­ma­frost blieb das Gen­ma­te­ri­al gut er­hal­ten.

Im Jahr 1997 leg­ten Tau­ben­ber­ger, Reid und Kol­le­gen in Sci­ence die ers­ten vi­ra­len Se­quen­zen der Spa­ni­schen Grip­pe vor. 2005 prä­sen­tier­ten sie dann ih­re Re­kon­struk­ti­on des kom­plet­ten Erb­guts. In­zwi­schen um­fasst die un­ge­wöhn­li­che Aut­op­sie­rei­he na­he­zu sieb­zig Fäl­le, in de­nen die Pa­ti­en­ten an un­ter­schied­li­chen Or­ten und in ver­schie­de­nen Pha­sen der In­fek­ti­on zum Op­fer fie­len. Nach ei­nem mil­den Start im Früh­jahr 1918 hat­te die­se Grip­pe im Herbst dra­ma­ti­sche Aus­ma­ße an­ge­nom­men. Über die Ur­sa­chen ließ sich lan­ge Zeit nur spe­ku­lie­ren, heu­te sind mo­le­ku­lar­bio­lo­gi­sche De­tails wie Gen­se­quen­zen und Pro­te­in­struk­tu­ren ent­schlüs­selt. Die­se hel­fen Wis­sen­schaft­lern wie Tau­ben­ber­ger beim Ver­ständ­nis ei­ner Pan­de­mie, die vor hun­dert Jah­ren Aber­mil­lio­nen Men­schen tö­te­te. Sie könn­ten er­klä­ren, was die wan­del­ba­ren Vi­ren für den Men­schen so ge­fähr­lich macht. Und wie sie sich viel­leicht ir­gend­wann auf­hal­ten las­sen.

Je­des Jahr in­fi­zie­ren sich Mil­lio­nen von Men­schen mit In­flu­en­za, Hun­dert­tau­sen­de ster­ben nach wie vor an den Fol­gen. Auch weil vie­le die Grip­pe ge­mein­hin un­ter­schät­zen und des­halb auf ei­ne sai­so­na­le Schutz­imp­fung ver­zich­ten. Die Er­re­ger ge­hö­ren zur Fa­mi­lie der Or­tho­my­xo­vi­ri­dae und wer­den in die Klas­sen A, B, C, D ein­ge­ord­net. Vor al­lem die ag­gres­si­ven Ver­tre­ter der A-Grup­pe sind ge­fürch­tet, sie kön­nen die un­ter­schied­lichs­ten Wir­bel­tier­ar­ten in­fi­zie­ren, dar­un­ter Schwei­ne, Kat­zen und Vö­gel. Ihr Ge­nom be­steht aus RNA-Strän­gen, ver­teilt auf acht Seg­men­te, wel­che die ver­schie­de­nen Er­re­ger leicht un­ter­ein­an­der aus­tau­schen kön­nen, wenn sie gleich­zei­tig in ein- und dem­sel­ben Wirt vor­kom­men. Ein sol­ches Um­sor­tie­ren des Erb­guts nen­nen For­scher „an­ti­ge­nic shift“, wäh­rend sie mit dem Be­griff „an­ti­ge­nic drift“ die nicht ge­ra­de sel­te­nen Mu­ta­tio­nen be­zeich­nen. Die Vi­ren­stäm­me wer­den mit An­ga­ben zum Jahr so­wie dem Ort ih­rer Iso­la­ti­on nä­her be­stimmt; zwei wich­ti­ge Ober­flä­chen­pro­te­ine die­nen der Klas­si­fi­ka­ti­on: das pilz­för­mi­ge En­zym Neur­ami­ni­da­se (N) mit sei­nen neun Va­ri­an­ten so­wie Häm­ag­g­luti­nin (H), von dem sech­zehn Sub­ty­pen be­kannt sind.

Häm­ag­g­luti­nin spielt ei­ne be­son­de­re Rol­le für die Pa­tho­ge­ni­tät der Vi­ren, da sie mit des­sen Hil­fe mehr oder we­ni­ger gut an Wirts­zel­len bin­den. Die Struk­tur die­ses aus drei glei­chen Tei­len auf­ge­bau­ten Gly­ko­pro­te­ins ent­schei­det dar­über, ob die Grip­peer­re­ger bes­ser an Vö­gel, Säu­ge­tie­re oder an den Men­schen an­ge­passt sind. Ein plötz­li­cher Wirts­wech­sel kann harm­lo­se Vo­gel­vi­ren durch­aus in bru­ta­le Kil­ler ver­wan­deln. Na­tür­lich hät­ten die Vi­ren kein Ge­fühl da­für, sagt Tau­ben­ber­ger, aber je­ne, die sich im Ver­dau­ungs­sys­tem von En­ten wohl füh­len, möch­ten ei­gent­lich in kei­nem Säu­ge­tier zu Hau­se sein. „Es setzt sie er­heb­lich un­ter Se­lek­ti­ons­druck.“ Sie müs­sen ja ir­gend­wo an­do­cken, sich ver­meh­ren und wei­ter über­tra­gen wer­den, sonst ist es vor­bei. Auf die­se Wei­se sind sie ge­zwun­gen, ih­re Ei­gen­schaf­ten zu ver­än­dern.


Wie das Erbgut mutiert und immer wieder neu sortiert wird

Die ver­schie­de­nen In­flu­en­za­vi­ren von Mensch und Tier kön­nen ih­re Erb­in­for­ma­tio­nen un­ter­ein­an­der aus­tau­schen, wenn sie in ei­nem Wirt auf­ein­an­der tref­fen. Das Ge­nom be­steht meist aus acht RNA-Seg­men­ten, die ent­we­der mu­tie­ren kön­nen (an­ti­ge­nic drift) oder die sich an­ders sor­tie­ren (an­ti­ge­nic shift). Das muss nicht un­be­dingt in ei­nem Schwein pas­sie­ren, wie hier ver­ein­facht dar­ge­stellt. Ein neu­er ge­fähr­li­cher Grip­pestamm kann auch di­rekt vom Ge­flü­gel auf den Men­schen über­sprin­gen.

Vö­gel gel­ten als Quel­le sämt­li­cher In­flu­en­za-A-Vi­ren. Ob das die Vo­gel­grip­pe zur po­ten­ti­ell ge­fähr­lichs­ten Form macht, lässt sich trotz­dem nicht sa­gen. Letz­ten En­des sind al­le Wirts­tie­re und In­fek­ti­ons­we­ge mit­ein­an­der ver­knüpft. Zu Zei­ten, in de­nen Pfer­de un­ver­zicht­ba­re Last- und Zug­tie­re wa­ren und auch in Städ­ten üb­lich, dien­ten sie wohl oft als Über­trä­ger. „Und Men­schen ge­ben ih­re Er­re­ger häu­fi­ger an Schwei­ne wei­ter als um­ge­kehrt“, meint Tau­ben­ber­ger. Als zum Bei­spiel 2009 die Schwei­ne­grip­pe welt­weit für Auf­re­gung sorg­te, be­sa­ßen de­ren Er­re­ger ei­nen H1-Be­stand­teil, der 1918 noch ziem­lich fa­ta­le Wir­kung zeig­te. Mitt­ler­wei­le hat­te die­ses Er­be je­doch fast hun­dert Jah­re in Schwei­nen über­dau­ert und nach et­li­chen Mu­ta­tio­nen an Vi­ru­lenz ver­lo­ren. Die Pan­de­mie ver­lief re­la­tiv glimpf­lich.

Wel­che Grip­peer­re­ger vor 1918 in Er­schei­nung tra­ten, weiß nie­mand ge­nau. Ei­ne frü­he­re Pan­de­mie war ver­mut­lich von H3-Vi­ren aus­ge­löst wor­den, dar­auf wei­sen zu­min­dest An­ti­kör­per hin, die sich in Blut­pro­ben fan­den. Die hef­ti­ge Wel­le in den 1830er Jah­ren könn­te ein H1-Er­re­ger ver­ur­sacht ha­ben, sehr al­te Men­schen schie­nen 1918 des­halb ge­schützt zu sein. Als Spa­ni­sche Grip­pe trieb je­den­falls ein H1N1-Vi­rus sein Un­we­sen, das sich in Vö­geln ent­wi­ckelt ha­ben muss, wie sich an­hand der Ana­ly­sen her­aus­stell­te. Ir­gend­wie hat es zu­fäl­lig den Sprung auf den Men­schen ge­schafft. Ob das di­rekt ge­schah oder über ein an­de­res Wirts­tier, lässt sich laut Tau­ben­ber­ger nicht er­ken­nen. Ein Un­fall. Aber auch die spä­te­ren Pan­de­mi­en ge­hen dar­auf zu­rück: Was in den Jah­ren 1957, 1968 und 2009 gras­sier­te, stammt von 1918-Vi­ren ab. Nur fiel kei­ne die­ser Wel­len der­art ex­trem aus.


„Wir wis­sen jetzt, dass einst das H1-Häm­ag­g­luti­nin den Schwe­re­grad der In­fek­ti­on be­stimm­te. Setzt man das ent­spre­chen­de Gen in Er­re­ger ei­ner nor­ma­len Grip­pe­sai­son ein, wir­ken die­se eben­falls pa­tho­gen. Wenn auch nicht in vol­lem Aus­maß“.
Jef­fe­ry Tau­ben­ber­ger

Das Re­zep­tor­pro­te­in schien sich im Ver­lauf der Pan­de­mie auch an die mensch­li­chen Zel­len an­zu­pas­sen, doch wa­ren es nur ge­ring­fü­gi­ge Ver­än­de­run­gen: Sie al­lein lie­fern nicht die gan­ze Er­klä­rung für das Hor­ror­sze­na­rio im Herbst 1918. Ne­ben wei­te­ren vi­ra­len Fak­to­ren kommt dem kör­per­ei­ge­nen Im­mun­sys­tem ei­ne Rol­le zu so­wie op­por­tu­nis­ti­schen Kei­men. „Vi­ren mit die­sem aviä­ren H1-Pro­te­in pro­vo­zie­ren star­ke Ab­wehr- und Ent­zün­dungs­re­ak­tio­nen“, er­klärt Tau­ben­ber­ger. Neu­tro­phi­le Im­mun­zel­len drin­gen ins Lun­gen­ge­we­be ein, set­zen En­zy­me und Sau­er­stoff­ra­di­ka­le frei. In Tier­ver­su­chen er­wie­sen sich Me­di­ka­men­te als le­bens­ret­tend, durch die sich die Ra­di­ka­le ab­fan­gen lie­ßen. Denn die­se grei­fen das Ge­we­be an, der Wirt scha­det sich selbst und be­rei­tet so Bak­te­ri­en das Ter­rain.

Im Lun­gen­ge­we­be der Grip­pe­op­fer von 1918 fie­len au­ßer­dem Blut­ge­rinn­sel auf. „Die ent­stan­den in Zu­sam­men­hang mit Ko-In­fek­tio­nen“, sagt Tau­ben­ber­ger. Man­che Bak­te­ri­en­stäm­me neh­men Ein­fluss auf die Ge­rin­nungs­kas­ka­de, und es ent­steht ein re­gel­rech­ter Teu­fels­kreis. Die Vi­ren for­dern die mensch­li­che Im­mun­ab­wehr her­aus, was wie­der­um Pneu­mo­kok­ken ver­an­lasst, sich mit­tels En­zy­men zu ver­tei­di­gen. So ver­schlim­mern sich so­wohl Ab­wehr­re­ak­tio­nen als auch die Schä­den. Und es kann zu je­ner bläu­li­chen Haut­fär­bung füh­ren, die als ei­nes der merk­wür­di­gen Sym­pto­me der Spa­ni­schen Grip­pe be­schrie­ben wur­de. Nie wie­der hat man das bei ei­ner In­flu­en­za be­ob­ach­tet.

Al­ler­dings ist H1 nicht der ein­zi­ge Sub­typ, den man fürch­ten muss. H7, H10 und ein paar wei­te­re Häm­ag­g­luti­ni­ne ver­ur­sa­chen eben­so schwe­re Er­kran­kun­gen. Des­halb steht bei­spiels­wei­se H7N9 un­ter Be­ob­ach­tung, ein Hüh­ner­vi­rus, das fa­tal, aber noch nicht sehr an­ste­ckend ist. Sei­ne wei­te­re An­pas­sung an den Men­schen könn­te je­doch zur nächs­ten hef­ti­gen Pan­de­mie füh­ren.


Nächstes Kapitel:

Gesucht wird einer gegen alle


Gesucht wird einer gegen alle



Von Mi­cha­el Brend­ler

Bis­lang wird je­des Jahr ein neu­er Impf­stoff zu­sam­men­ge­mischt. Bald könn­te ein ein­zi­ger rei­chen.



W enn der Er­re­ger ir­gend­wo auf­zu­hal­ten war, dann auf Al­a­me­da Is­land. Zur Ma­ri­ne­ba­sis auf die­ser klei­nen In­sel in der San Fran­cis­co Bay drang da­mals nur ein streng be­wach­tes Ver­sor­gungs­boot vor, zum Schutz vor In­fek­tio­nen wa­ren täg­li­che Ra­chen­des­in­fek­tio­nen vor­ge­schrie­ben. Wür­de ei­ne Imp­fung die fünf­tau­send Sol­da­ten vor der an­rol­len­den Spa­ni­schen Grip­pe schüt­zen kön­nen?

Der Mi­li­tär­arzt Ro­bert Ir­vi­ne woll­te es wis­sen. Ins­ge­samt elf­tau­send Men­schen, dar­un­ter auch An­ge­hö­ri­gen auf dem Fest­land, spritz­te er im Ok­to­ber 1918 sein Ge­misch ver­däch­ti­ger Bak­te­ri­en in den Arm. An­geb­lich mit Er­folg. Auf der In­sel trat je­den­falls kein Fall von In­flu­en­za auf. So­gar die ge­impf­ten Zi­vi­lis­ten, hieß es in sei­nem Be­richt in der me­di­zi­ni­schen Fach­zei­tung JA­MA, er­krank­ten deut­lich sel­te­ner. Aus heu­ti­ger Sicht kann man dar­über nur stau­nen, denn das zu die­ser Zeit noch un­be­kann­te In­flu­en­za­vi­rus war in der Vak­zi­ne gar nicht ent­hal­ten.

Ir­vi­ne und sei­ne Kol­le­gen hat­ten bei ih­rem Ver­such vor al­lem auf ei­nen Er­re­ger ge­setzt, den der deut­sche Bak­te­rio­lo­ge Ri­chard Pfeif­fer 26 Jah­re zu­vor als Ur­sa­che der Krank­heit aus­ge­macht zu ha­ben glaub­te: das Bak­te­ri­um Ha­emo­phi­lus in­flu­en­zae. Schon da­mals hat­te sich man­cher dar­über ge­wun­dert, dass die­ser Keim bei ei­ni­gen Grip­pe­pa­ti­en­ten gar nicht – oder wenn, dann meist in der Ge­sell­schaft vie­ler an­de­rer Kei­me – zu fin­den war. Trotz der kri­ti­schen Stim­men lie­ßen sich aber we­der Ir­vi­ne noch an­de­re ame­ri­ka­ni­sche Me­di­zi­ner da­von ab­brin­gen, Pfeif­fers Ba­zil­lus, Pneu­mo­kok­ken und wei­te­re Kei­me zu mi­schen und die­se Mix­tur ih­ren Pro­ban­den zu ver­ab­rei­chen. „Aus heu­ti­ger Sicht ist es sehr un­wahr­schein­lich, dass ir­gend­ei­ner die­ser An­sät­ze tat­säch­lich er­folg­reich war“, sagt der His­to­ri­ker und An­äs­the­sist Wil­fried Wit­te von der Ber­li­ner Cha­rité. Bes­ten­falls hät­ten man­che die­ser Char­gen die Fol­gen bak­te­ri­el­ler Zweit­in­fek­tio­nen ab­ge­schwächt. Der Pan­de­mie konn­ten sie auf kei­nen Fall Ein­halt ge­bie­ten.


„Aus heu­ti­ger Sicht ist es sehr un­wahr­schein­lich, dass ir­gend­ei­ner die­ser An­sät­ze tat­säch­lich er­folg­reich war“.
Wil­fried Wit­te

In­zwi­schen sind hun­dert Jah­re ver­gan­gen. Aber noch im­mer ge­lingt es nicht, die Grip­pe zu stop­pen. Ge­ra­de mal bei je­dem sechs­ten Pa­ti­en­ten, be­rich­te­ten En­de Ja­nu­ar ka­na­di­sche Me­di­zi­ner, kön­ne der ak­tu­el­le Impf­stoff ei­ne Er­kran­kung ver­hin­dern. In Eu­ro­pa sieht es wie­der­um bes­ser aus, hier kur­sie­ren in die­ser Win­ter­sai­son vor al­lem an­de­re Er­re­ger­ty­pen. Weil sich Grip­pe­vi­ren stän­dig ver­än­dern, muss auch der ent­spre­chen­de Impf­stoff je­des Jahr neu zu­sam­men­ge­stellt wer­den. Über die je­wei­li­ge Re­zep­tur wird mit fast ei­nem Jahr Vor­lauf ent­schie­den, so lang­wie­rig sind die Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se. Im­mer wie­der kommt es vor, dass sich die Vi­ren in die­ser Zeit noch ein­mal neu sor­tie­ren und die Ex­per­ten mit ih­rer Pro­gno­se teil­wei­se da­ne­ben­lie­gen. An­t­ho­ny Fau­ci, Di­rek­tor des ame­ri­ka­ni­schen In­sti­tuts für all­er­gi­sche und in­fek­tiö­se Krank­hei­ten, muss­te kürz­lich im New Eng­land Jour­nal of Me­di­ci­ne ein­ge­ste­hen, dass es auch in die­ser Sai­son ei­nen sol­chen Miss­er­folg ge­ge­ben hat.

Der im Zwei­ten Welt­krieg ent­wi­ckel­te Grip­pe­impf­stoff der Ame­ri­ka­ner ver­sag­te schon 1947 aus ei­nem ähn­li­chen Grund sei­nen Dienst: Der Er­re­ger, ge­gen den er sich rich­te­te, war durch mu­tier­te Nach­fol­ger ab­ge­löst wor­den. Seit ähn­lich lan­ger Zeit exis­tiert ein wei­te­res Pro­blem, auf das An­t­ho­ny Fau­ci eben­falls hin­weist. Die für die Imp­fung be­nö­tig­ten Vi­ren wer­den seit sech­zig Jah­ren größ­ten­teils in Hüh­ner­ei­ern ge­züch­tet. Um sich zu ver­meh­ren, müs­sen sich die Er­re­ger je­doch an die­ses Mi­lieu an­pas­sen. Auch da­durch schlei­chen sich im­mer wie­der Feh­ler ein, die da­zu füh­ren, dass das mensch­li­che Im­mun­sys­tem ein Impf­vi­rus ken­nen­lernt, das den tat­säch­lich gras­sie­ren­den Grip­pe­vi­ren nur be­dingt äh­nelt.

Die Ge­fahr ei­ner In­flu­en­za wird oh­ne­hin un­ter­schätzt. Bis An­fang der 1970er Jah­re, be­rich­tet Wil­fried Wit­te, schien sich hier­zu­lan­de fast nie­mand für die Grip­pe­schutz­imp­fung aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten zu in­ter­es­sie­ren. Erst 1982 ran­gen sich die deut­schen Be­hör­den zu ei­ner Emp­feh­lung durch. Doch die gilt bis­lang nur für die be­son­ders ge­fähr­de­ten Se­nio­ren, chro­nisch Kran­ke, Schwan­ge­re so­wie für An­ge­hö­ri­ge von Heil­be­ru­fen. Ak­tu­ell folgt ge­ra­de mal je­der drit­te Rent­ner die­sem Rat, ob­wohl die sai­so­na­len Impf­stof­fe al­len Pro­ble­men zum Trotz im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt al­lein in Ame­ri­ka vier­zig­tau­send To­des­fäl­le ver­hin­dert ha­ben, so die Schät­zung.

„Wir brau­chen ei­ne neue, bes­se­re Imp­fung“, for­dert An­t­ho­ny Fau­ci. Er meint da­mit ei­ne Uni­ver­sal-Vak­zi­ne, die sich ge­gen Be­stand­tei­le rich­tet, die bei al­len Er­re­ger­ty­pen gleich sind und gleich blei­ben. So ein Impf­stoff müss­te nicht je­des Jahr neu an­ge­passt wer­den. An der Icahn School of Me­di­ci­ne des Mount Si­nai Hos­pi­tal in New York ar­bei­tet der Vi­ro­lo­ge Pe­ter Pa­le­se an die­sem Zu­kunfts­pro­jekt: „Ein sol­cher Impf­stoff ist mach­bar, dar­an glau­be ich.“ Sei­nen Op­ti­mis­mus schöpft der in Linz ge­bo­re­ne For­scher un­ter an­de­rem aus der Be­ob­ach­tung, wie Grip­pe­epi­de­mi­en ver­lau­fen. Im Ver­gleich zu jün­ge­ren Men­schen ste­cken sich Se­nio­ren deut­lich sel­te­ner mit In­flu­en­za­vi­ren an. Ihr Im­mun­sys­tem at­ta­ckiert mit sei­nen An­ti­kör­pern an­de­re Zie­le, und die­sen Me­cha­nis­mus will Pa­le­se nun ko­pie­ren.

Der Impfstoff wird in Hühnereiern produziert. Dabei kann manches schiefgehen.

Das mensch­li­che Ab­wehr­sys­tem er­kennt Grip­peer­re­ger vor al­lem an ei­ner Struk­tur auf der Ober­flä­che, mit der das Vi­rus an die Kör­per­zel­len an­dockt: dem aus drei iden­ti­schen Mo­le­kül­tei­len be­ste­hen­den Häm­ag­g­luti­nin. Die Ab­wehr­kräf­te jün­ge­rer Men­schen – wie auch bis­lang al­le sai­so­na­len Impf­stof­fe – zie­len nun vor al­lem auf den obe­ren Be­reich des Pro­te­ins. Doch die­sen ver­än­dern die Vi­ren ste­tig. Im Blut äl­te­rer Men­schen fin­det sich noch ein zwei­ter An­ti­kör­per-Typ, der sich ge­gen die un­te­re Re­gi­on rich­tet. Die­se bleibt in der Re­gel un­ver­än­dert und gilt als kon­ser­viert. Dem­entspre­chend hat Pa­le­se nun sei­ne Impf­vi­ren ge­ne­tisch so mo­di­fi­ziert, dass sich das Im­mun­sys­tem auf eben­die­sen un­te­ren Be­reich des Häm­ag­g­lutinins kon­zen­triert – und zu­sätz­lich auf ein zwei­tes Ober­flä­chen­pro­te­in, das En­zym Neur­ami­ni­da­se, mit des­sen Hil­fe sich neu­ge­bil­de­te Er­re­ger aus ih­ren Wirts­zel­len be­frei­en. Auch die Neur­ami­ni­da­se be­sitzt für ei­ne Imp­fung ge­eig­ne­te kon­ser­vier­te Re­gio­nen.


„Bei Mäu­sen und Frett­chen funk­tio­niert un­se­re Imp­fung schon wun­der­bar“.
Wil­fried Wit­te

In Zu­sam­men­ar­beit mit dem Phar­ma­kon­zern Gla­xoS­mith­Kli­ne ver­sucht Pa­le­se seit Ok­to­ber zu de­mons­trie­ren, dass Ähn­li­ches für den Men­schen gilt. An vier­hun­dert Frei­wil­li­gen wird sein Impfse­r­um ge­tes­tet; ei­ne zwei­te ver­gleich­ba­re Stu­die läuft jetzt mit Un­ter­stüt­zung der Bill-und–Me­lin­da-Gates-Stif­tung. In zwei, drei Jah­ren soll sich zei­gen, ob tat­säch­lich aus­rei­chend An­ti­kör­per ent­ste­hen und wel­che Impf­do­sen und Impf­sche­ma­ta da­für not­wen­dig sind. Die bei­den Phar­ma­un­ter­neh­men Sa­no­fi und John­son&John­son set­zen auf ei­nen ähn­li­chen uni­ver­sel­len An­satz, den sie bald in kli­ni­schen Stu­di­en tes­ten wol­len. In Is­ra­el und Groß­bri­tan­ni­en ver­su­chen es Fir­men wie­der­um mit an­de­ren kon­ser­vier­ten Re­gio­nen im Bau­plan der Grip­pe­vi­ren.

Meist be­die­nen sich die For­scher da­bei ei­nes Tricks, den der rus­si­sche Vi­ro­lo­ge Ana­to­li Smo­rod­int­sev 1936 ent­wi­ckel­te. Er ver­pflanz­te Vi­ren so lan­ge von ei­nem Hüh­ner­ei ins nächs­te, bis er sie be­den­ken­los Men­schen sprit­zen konn­te. Der Er­re­ger war nach die­sen Pas­sa­gen zu schwach ge­wor­den, um noch Sym­pto­me zu er­zeu­gen. Gleich­zei­tig führ­te die­ser Le­ben­dimpf­stoff zu ei­ner um­fas­sen­de­ren und an­hal­ten­de­ren Im­mun­ant­wort als die in an­de­ren Vak­zi­nen ver­wen­de­ten ab­ge­tö­te­ten Vi­ren oder Vi­ren­be­stand­tei­le. Fünf­zig Jah­re lang wur­de Smo­rod­ints­effs Ver­fah­ren in der So­wjet­uni­on prak­ti­ziert, al­ler­dings mit um­strit­te­nem Er­folg. Das zen­tra­le Pro­blem der Me­tho­de, wie sich die Impf­vi­ren sta­bi­li­sie­ren las­sen, gilt erst seit 2003 als ge­löst. Zu­min­dest für Kin­der und Ju­gend­li­che exis­tiert seit­dem ein Le­ben­dimpf­stoff in Form ei­nes Na­sen­sprays, auf dem die Ent­wick­ler der Uni­ver­salimp­fung nun auf­bau­en wol­len.

In zehn Jah­ren, hofft Pe­ter Pa­le­se, könn­te sei­ne Ent­wick­lung auf dem Markt sein. Vor­aus­ge­setzt, die Zu­las­sungs­be­hör­den spie­len mit. Aber das sind auch schon sei­ne größ­ten Be­den­ken. Sei­nen Op­ti­mis­mus tei­len frei­lich nicht al­le Ex­per­ten: „Aus un­se­rer Sicht ist der idea­le An­satz für ei­nen Uni­ver­salimpf­stoff noch nicht ge­fun­den“, sagt bei­spiels­wei­se Klaus Ci­chu­tek, Prä­si­dent des Paul-Ehr­lich-In­sti­tuts in Lan­gen, das in Deutsch­land ei­ne sol­che Vak­zi­ne vor der Zu­las­sung be­wer­ten müss­te. Doch dass die Zu­kunft ei­nem uni­ver­sel­len Kon­zept ge­hört, wird auch in Lan­gen nicht be­zwei­felt. Und ein sol­cher Impf­stoff wür­de wo­mög­lich selbst vor ei­nem noch un­be­kann­ten, wie aus dem Nichts auf­tau­chen­den Pan­de­mie-Vi­rus schüt­zen, wie es vor hun­dert Jah­ren der Er­re­ger der Spa­ni­schen Grip­pe war.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 06.03.2018 10:28 Uhr