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Raus ins Grüne!

Foto: AP

01.05.2018 · Manche Gärten bedeuten einem nichts, an vielen Parks geht man achtlos vorüber. Andere bleiben lange in Erinnerung, weil sie etwas besitzen, das einzigartig ist: Zwölf Sehnsuchtsorte der Feuilleton-Redaktion, vom Hochbeet-Dschungel Manhattans bis zur grünen Lunge eines Duisburger Industriegebiets.


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Promenade


Foto: Helmut Fricke

Der Highline Park in New York

J eder, der an der West Side Manhattans wohnte, wusste früher, wie man auf die Highline kam, eine hochliegende Wiese auf dem Gelände einer ehemaligen Frachtlinie der Eisenbahn aus den dreißiger Jahren, verwachsen, verwunschen, mit Blick nach Westen über den Hudson und nach Süden zum Hafenbecken hin. Streng verboten war es, aber unwiderstehlich. Unwiderstehlich auch für einige Immobilienentwickler, die düstere Pläne mit der Brache hatten, die immerhin von der 34. Straße bis zur Gansevoort Street im Meetpacking District verlief. Doch nicht sie setzten sich durch, als es darum ging, dieses sozusagen exterritoriale Gebiet zum Teil der Stadt zu machen, sondern eine Bürgerinitiative, unterstützt vom damaligen Bürgermeister Bloomberg. So entstand der Highline Park. Wobei der Name Park etwas irreführend ist. Eher handelt es sich um eine wunderbar und scheinbar wild bewachsene Rampe, eine Promenade in Höhe etwa des dritten Stocks der umliegenden Häuser, durch die sie sich schlängelt und die den Gleisen von einst nachgebildet sind. Seit Fertigstellung vor einigen Jahren gehört sie zu den beliebtesten Orten Downtown, sowohl für New Yorker wie für Touristen. Drum herum sind Luxuswohnhäuser entstanden, darunter ein geschwungener Bau von Zaha Hadid, ihr letzter Entwurf, wie es heißt. Man kann sich also gegenseitig beäugen – von der Highline in die Fenster der Reichen schauen und von dort auf die Flaneure hinaus. So ist der Park Laufsteg und Aussichtplattform zugleich und verkörpert damit das ureigene New Yorker Lebensgefühl: Zuschauer zu sein und auch Akteur. Mit Natur hat das trotz der üppigen Pflanzen wenig zu tun, das verbindet den Park mit der Stadt, in der er liegt.

Von Verena Lueken


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City-See


Foto: Picture Alliance

Der City-See von Marl

G laubte man dem Kalender, war es noch Winter. Aber der Park um den City-See von Marl war unter einem zartblauen Himmel in gleißendes Sonnenlicht getaucht, gerade so, als sei der Sommer ausgebrochen. Die Jacke konnte man über den Arm nehmen, eine Mütze brauchte man nicht. Umso rätselhafter waren die Warnschilder entlang des Ufers: „Das Betreten der Eisfläche ist noch nicht erlaubt.“ Aber vielleicht wendeten sie sich gar nicht an Schlittschuhläufer, vielleicht waren es Skulpturen. Von denen gibt es nicht wenige in der Grünanlage. Marl wurde Anfang der sechziger Jahre als moderne Boomtown aus dem Boden gestampft, und gerne erweckte man damals den Eindruck, man wisse gar nicht, wohin mit dem Geld. Großzügig wurde auch die Kultur bedacht.

Skulpturen karrte man gleich containerweise an: Hans Arp und Max Ernst, Ulrich Rückriem und Alfred Hrdlicka, James Reineking und Richard Serra, und so geht das weiter und weiter. Die Liste liest sich wie das Register eines Handbuchs der modernen Bildhauerei. Wie nebenbei wurde der Spaziergang im Park deshalb zum Museumsbesuch. Es war zum Herzaufgehen. Und doch legte sich der schönen Kunst zum Trotz und auch des schönen Wetters eine seltsame Stimmung der Melancholie über die Szenerie. Was nicht allein daran lag, dass der Park an jenem Sonntagvormittag völlig verwaist war. Aus der Perspektive einer Stadt, von der viele sagen, sie sei mit ihren Ambitionen gescheitert, glichen viele der Plastiken mit einem Mal Chiffren des Verfalls. Emilio Grecos „Große Badende“ lag vor einem lange schon geschlossenen Hallenschwimmbad. Unter Wolf Vostells riesiger Lokomotive „La Tortuga“, also „Die Schildkröte“, die mit den Rädern nach oben an einem Gerüst aufgehängt ist, sammelte sich der Rost in einem feinen Haufen wie der Sand in einer Eieruhr, gerade so, als solle jeder sehen, dass die Zeit abläuft. Und James Turrells Lichtkasten „Close Call“, in dem man jegliches Gefühl für Orientierung verliert, vermittelte statt Schwerelosigkeit das Bild eines weißen Lochs, das eines nicht fernen Tages alles verschlingen wird. Zehn Jahre liegt der Spaziergang zurück. Höchste Zeit für einen neuen Besuch. Die Sonne scheint schon mal.

Von Freddy Langer


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Seerosenpagode


Foto: Andrea Diener

Kaifeng, Park an der Eisenpagode

D er erste Anblick war eine Enttäuschung: Ich wehrte mich mit Händen und Füßen dagegen, mich in eines dieser unvermeidlichen Golfwägelchen verfrachten zu lassen, die in China überall eingesetzt werden, damit man keinen Meter laufen muss, und flanierte über eine öde Betongerade. Sie lief direkt auf die altehrwürdige Eisenpagode zu, die nicht aus Eisen gebaut ist, sondern ihrer rostbraunen Keramikbekachelung wegen so heißt. Rund um die Pagode hatte sich ein Landschaftsgärtner ausgetobt, der sich keine große Mühe gab, diesem Ort auch nur einen Hauch Würde zu verleihen. Um Bächlein und Tümpelchen scharte sich ein eklektisches Ensemble an Brückchen und Figürchen, Lampions baumelten, ein Bronzekleinkind pinkelte in einen Teich, Krimskramshändler verkauften Souvenirkitsch, und aus Plastikbäumen mit Lautsprechern dudelte Dudelmusik. Der Bevölkerung gefiel es anscheinend, sie sprang fröhlich knipsend durch die Kulisse. Und weil das hier China war, lag der krasse Gegensatz gleich um die Ecke. Hinter einem zur Souvenirbude umfunktionierten Tempelbau lagen ein wunderschöner kleiner Bonsaigarten mit gepflegten Baumminiaturen und dahinter ein mindestens ebenso wunderschöner Garten mit Seerosenteich. Und weil das noch nicht reichte, saß auf einem Bänkchen im Baumesschatten ein chinesischer Greis mit imposantem Rauschebart und spielte auf einer Querflöte Melancholisch-Fernöstliches. Interessanterweise schien sich keiner der Besucher für diesen Gartenabschnitt zu interessieren, sie lachten über die Pinkelfigürchen und fotografierten sich neben Kunststeintierchen und verließen niemals den Beschallungsbereich der Dudelbäume, so dass ich den Seerosenteich mitsamt Staffagegreis ganz für mich allein hatte.

Von Andrea Diener


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Eisblumen


Foto: Picture-Alliance

Zentralrusslands Gemüsegärten

O b dreihundert Kilometer östlich oder ebenso weit südlich von Moskau: Trotz Sonnenwärme wagen sich keine Blätter hervor, hier und da liegt Schnee, die Erde ist in der Tiefe gefroren, Wintereinbrüche im Mai gehören zur Norm. Daher verunzieren Hobbybauern Grünflächen mit Treibhäusern, während arme Naturgärtner ihre Tomaten- und Auberginensetzlinge auf der Fensterbank heranreifen lassen. Jetzt ist die Zeit, da Krokusse und Tulpen, deren Zwiebeln den russischen Frost problemlos überstehen, aber auch vorjährige Veilchen grüne Triebe hervorbringen. Die warme Jahreszeit kommt, wie auch die kalte, überfallartig; Ende dieses Monats schlagen die Bäume aus, die Obstbäume blühen, oft wird es im Mai schon brütend heiß. Die Gemüsegärtner, als welche sich fast alle Rentnerinnen betätigen, hoffen auf ein mild-regnerisches Frühjahr und auf einen trocken-warmen Sommer. In den letzten Jahren war leider eher das Frühjahr heiß und der Sommer kühl und feucht, so dass die Freilandtomaten verdarben, ebenso wie viele Gurken, die, in schwacher Salzlake eingelegt, im Herbst die köstlichste Wodka-Unterlage abgeben. Glücklicherweise ist auf Kartoffeln, Kohl, Knoblauch und Zwiebeln Verlass. Sie wachsen immer und werden als Wintervorrat eingelagert. Für den täglichen Gebrauch gedeihen Petersilie, Dill, Koriander; leider nicht der aromatische Rosmarin, den etliche meiner Bekannten auf russischer Scholle zu ziehen versuchten. Gut geht es dafür Basilikum und Rukola, die hier huflattichartig herb geraten, oder dem wetterfesten Grünkohl, der als mannshoch prangendes Herbstgewächs die Blicke der Nachbarn anzieht wenn der Garten längst abgeerntet ist.

Von Kerstin Holm


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Brezenplantage


Foto: Paul Hiller

Der Taxisgarten in München

K nirschen muss es, bevor es zischt. Kies grundiert den Biergarten, Kastanien überwölben ihn. Aus Sicht des Botanikers wenig interessant, ist es ein Biergarten für Beobachter des Menschengeschlechts umso mehr. Die Kundschaft schleppt ihr Essen selbst herbei – ja, wo gibt’s denn so was? In Teilen Bayerns und sogar in der Geldmaschine München. Familien knöpfen ihre neuzeitlich en Bschoadtüchl auf, fischen also ihre eingetupperte Brotzeit aus dem Rucksack. Dann holt man sich eine frische Mass und eine Brezen, und, zisch, ist die Welt in Ordnung. Ein stattliches Wirtshaus mit einem ebensolchen Biergarten stellt in der Landeshauptstadt zum Beispiel der Taxisgarten vor, eineinhalbtausend Plätze, bei weitem nicht der größte seiner Art. Bedienung gibt es auch, aber nur an ausgewählten Tischen, dazu Brotzeitstandl mit den beliebten Schmankerln der mediterranen Haxn-Küche Süddeutschlands. Ein klassischer Biergarten mitten in der Stadt, zwischen Wohnbebauung, Altenheimen, einer Frauenklinik und einem Abenteuerspielplatz. Am besten kommt man zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit der U-Bahn. Das von hohem Grün gerahmte Geviert ist eine volkstümliche Variante des Hortus conclusus, des eingefriedeten Gartens, in dem traditionsbewusste Biergartler die Muttergottes geborgen wissen – schließlich wacht am Marienplatz die Patrona Bavariae über das Schicksal des Landes. Das geht in Neuhausen ohne Berg- oder Seeblick, der Taxisgarten ist ein Schutzraum vor den Belästigungen des Alltags, die hier bei einer Mass abgestreift werden („Schwoammas owe!“). Naherholung im Verdichtungsgebiet: Ob der Heimatminister in Berlin darüber sinniert, wie er die Bayerische Biergartenverordnung zum Bundesgesetz erheben könnte?

Von Hannes Hintermeier


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Schlosspark


Foto: Picture-Alliance

Park Altenstein in Thüringen

S chloss und Park von Altenstein muss man erst mal finden. „Du nimmst die Ausfahrt Waltershausen auf der A4, nicht weit von Eisenach, dann ganz stur Richtung Bad Liebenstein, und wenn die Straße immer enger wird, bist du richtig“, sagen mir Freunde, die schon da waren. Die Fahrt ist nichts für Feiglinge: Haarnadelkurven, Serpentinen, starke Steigungen und ebensolche Abfahrten, dass einem die Ohren dröhnen im Auto. Aber dann! Man vergisst alles, sobald man durchs Halbrund des Hofmarschallamtes den Park von Altenstein betritt, vergisst alles so vollständig wie ein spielendes Kind, das ganz in der Gegenwart lebt. Vergisst die Strapazen der Fahrt, vergisst, dass hier, in der Sommerresidenz der Herzöge von Sachsen-Meiningen, allen voran des Theaterherzogs Georg II., lauter Berühmtheiten von Johannes Brahms bis André Gide zu Gast waren. Die Kunstwerk gewordene Landschaft – hundertsechzig Hektar englischer Park, eingepasst in den Westhang des Thüringer Waldes – tilgt alles vorab Gewusste, Angelesene, bei der Anfahrt Erlittene aus. Der Blick vom Terassengarten hinterm Schloss mit seinen Teppichbeeten über das Werratal hin zur hessischen Rhön hat Wucht. Die Solitäre auf der Katzenkopfwiese, unweit vom Morgentorfelsen, Kastanien von der Höhe einer gotischen Hallenkirche, sind von unvermuteter Majestät. Ganze Tage kann man in diesem Park zubringen, kann wandern vom Neorenaissanceschloss über die Ritterkapelle zur Teufelsbrücke, irgendwann weiter nach Norden zur Sennhütte mit dem Luisentaler Wasserfall, wo ein Wasserlauf so geschickt geführt wird, dass man meint, er steige bergauf. Unterwegs trifft man auf Schafe, die ein Hirt eigens zum Kurzhalten der Wiesen hier langführt. Arkadien ist kein Phantom.

Von Jan Brachmann


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Wasserpavillon


Foto: Victor Hedwig

Der Bethmannpark in Frankfurt

A uch diesseits der hohen weißen Mauer mit ihren zarten Schindeldächern hat der Bethmannpark in Frankfurt seine Qualitäten: Stattliche Eiben, Kastanien, Linden und Gingko-Bäume beschatten Teile der Rasenflächen, in den Rabatten geben die Tulpen und Primeln gerade ihr Finale, während nebenan bereits die Azaleen blühen und die prallen Knospen der Pfingstrosen die nächste Pracht versprechen. Was den einen hier das Schachfeld, ist den anderen die kaum größere Sandkiste. Neben den Rabatten und Rasenflächen, auf denen mitunter sogar Liegesessel zu finden sind, laden Bänke zu einem Moment der Muße ein, und neben den Gewächshäusern, in denen die Gärtner dreimal die Woche eine Pflanzensprechstunde anbieten, finden sich unter der Pergola ein paar Tische und Stühle, neben denen nicht einmal gleich jemand auftaucht und eine Bestellung aufnehmen will, sobald man sich gesetzt hat. Schon der nördliche, der größere Teil des Parks jenseits der weißen Umfriedung ist eine Idylle der Freiheit, der Gelassenheit, des Glücks. Jenseits der Mauer aber liegt das Paradies: ein chinesischer Garten mit Pavillons, Pagoden, Tempelchen, Teichen mit Karpfen und Schildkröten, mit Brücken und einem Wasserfall, dessen Rauschen den Verkehrslärm des angrenzenden Anlagenrings souverän überspielt. Ein Garten, prachtvoll bepflanzt, liebevoll gepflegt, gut besucht und dabei so mit Nischen und Winkeln ausgestattet, dass man sich hier für ein paar Stunden ungestört in ein Buch vertiefen kann. Konnte. Denn seit bald einem Jahr sind die Tore zum Paradies geschlossen, der chinesische Garten ist auf unbestimmte Zeit unzugänglich. Ein Brandstifter ließ in einer Sommernacht den großen Wasserpavillon in Flammen aufgehen. Jetzt sind die Teiche trockengelegt, der Garten verwildert, und das einsturzgefährdete Gerippe des prächtigen Baus lässt sich nur durch Sprossenfenster in der weißen Mauer betrauern: das Mahnmal eines hässlichen Angriffs auf eines der schönsten Beispiele großstädtischer Großzügigkeit. Dass ihre Zahl zurückgeht, darf niemanden wundern.

Von Fridtjof Küchemann


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Doldenregen


Foto: Jan Wiele

Der Hermannshof in Weinheim

W enn die weit ausladende „TulpenMagnolie“ im Frühling in voller Blüte steht und man sich einen der frei auf der Wiese plazierbaren Stühle danebenstellt, dann hat man im Weinheimer Garten Hermannshof einen der schönsten Ruhe- und Leseplätze der Welt. Der Baum ist ein Hybrid aus zwei in China beheimateten Magnolienarten, das 1820 im französischen Gartenbauinstitut Fromont entstand, und das 1890 gepflanzte Weinheimer Exemplar ist überaus prachtvoll. Tatsächliche Tulpen blühen in diesem Garten auch, nämlich im Mai etwa 70 000 Stück und denkbar viele Arten, darunter die Honky-Tonk-Tulpe, die der englische Gartenspezialist Robin Lane Fox wegen ihrer Überfülle an aprikosengelben Blüten besonders mag. Er spricht in seinem neuen Buch, nicht nur wegen ihr, vom „himmlischen Hermannshof“. Angelegt ist dieser hinter Mauern versteckte Ort als „Schau- und Sichtungsgarten“, das heißt wissenschaftlich geordnet nach einem Prinzip, welches Pflanzen gemäß ihrem Standort und Ursprung unterscheidet: Waldgebiet, Prärie, Steppe oder Wiese, feucht oder trocken. Hermannshof, den sein heutiger Leiter Cassian Schmidt in einem eigenen Buch vorstellt (Verlag Eugen Ulmer), hat auch didaktische Funktion für alle, die Gartenkunst lernen wollen. Für die prächtigsten Ergebnisse braucht man allerdings viel Zeit: Da zeigt sich etwa an der um 1930 angelegten Glyzinien Blauregen-Pergola, wie diese zopfartig wachsenden Ranken nach Jahrzehnten elefantöse Stämme ausbilden – und was für einen erstaunlichen Doldenregen über den langen Laubengang, jedes Jahr aufs Neue.

Von Jan Wiele


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Polargarten


Foto: Tilman Spreckelsen

Inuviks Gewächshaus

Z u den Dingen, die man rasch begreift, wenn man in der Arktis unterwegs ist, gehört, dass man sich besser auf nichts verlässt, was einem die Wahrnehmung so vorgaukelt: Gleißender Sonnenschein um drei Uhr kann sich genauso gut am Nachmittag wie am frühesten Morgen einstellen, Bären und Elche gehören vielleicht in die Wildnis, treiben sich aber auch in den Siedlungen herum und sind, trifft man sie dort, besonders hungrig. Bäume wiederum können sehr klein sein, wenn sie nur einen kurzen Sommer zum Wachsen haben, bevor um sie herum aufs Neue alles zu Eis und Schnee wird. Die Stadt Inuvik, Kanadas größte Siedlung nördlich des Polarkreises, hat an die dreitausend Einwohner, die links und rechts von einer langen Straße leben. Der mächtige Mackenzie-River berührt Inuvik, dann macht er sich in seinem flachen Bett auf zum Polarmeer, das hundert Kilometer weiter nördlich liegt, ein Klacks in dieser Gegend, wo der Blick ins ganz Weite geht, weil nichts ihn hindert und die schwarzen Rabenvögel in der Leere nur umso größer wirken. Und dann ist da dieses Gewächshaus am Rand der Stadt. Eine Halle mit Runddach, die aussieht, als ob sie einmal einen Indoor-Tennisplatz beherbergt hat, bevor sich noch der letzte Spieler in den Süden absetzte, ist innerhalb von zwanzig Jahren zu einer Art kommunalem Schrebergarten geworden. In einer Gegend, die frisches Obst und Gemüse sonst von sehr weit her importiert, ziehen die Bürger gemeinsam Tomaten und Gurken und wetteifern um den schönsten Kürbis. Wer das gesehen hat, wer einmal durch die Reihen zwischen diesen Beeten gelaufen ist, der nimmt kein Grün mehr für selbstverständlich. Was es ja auch nicht ist.

Von Tilman Spreckelsen


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Wunderwald


Foto: Harald Sachsenmeier

Der Waldpark in Mannheim

D er Waldpark war ein Kindheitsparadies für alle, die in Mannheim in seiner Nähe aufgewachsen sind. Er liegt südlich der Innenstadt hinter dem Schloss, direkt beim Stadtteil Lindenhof oberhalb des Rheins. In den Waldpark waren es von dort – und sind es natürlich bis heute – nur ein paar Meter, mit den Fahrrädern war man flugs in seinem Reich, einer beschatteten Wunderwelt, die zu Füßen des Stephanienufers beginnt. Die Promenade hat ihren Namen von der Großherzogin Stéphanie de Beauharnais, die sich Anfang des neunzehnten Jahrhunderts darum kümmerte, dass der einstige Schlossgarten zu einem englischen Park gestaltet wurde, den die Bürger benutzen durften. Ihr marmornes Standbild, das immer „die Stephanie“ heißt, war ein erstes Ziel – und gleich voller Geheimnis. Denn die Adoptivtochter von Napoléon Bonaparte hatte 1806 den Erbprinzen Karl von Baden geheiratet, und wir alle kannten die Legende, dass ihr 1812 geborener und nur wenige Tage darauf verstorbener Sohn, also der badische Thronfolger, ausgetauscht worden wäre, um später als Kaspar Hauser in Nürnberg wiederaufzutauchen. „Die Stephanie weint“, sagten wir andächtig voller Mitleid vor der Statue im Waldpark. Sei‘s in Wahrheit, weil feine schwarze Linien ihr schönes marmornes Gesicht vertikal durchziehen; sei‘s, weil damals noch viel schmutziger Regen auf sie fiel in Mannheim und seine Spuren hinterließ.

Der Waldpark hat natürlich noch mehr Stellen, die seinen anhaltenden Zauber ausmachen. Zu verdanken sind sie der Schleife des Rheins, der hier der Begradigung durch den Ingenieur Johann Gottfried Tulla (1770 bis 1828) entging. Da gibt es seinen Seitenarm des „Bellenkrappen“, was „Pappelgraben“ bedeutet, der schon immer die „Reißinsel“ bei Hochwasser überflutet hat, was eine wundervolle Flora hervorbringt. Und im „Strandbad“ wurde im Rhein schon gebadet, als das bestimmt gar nicht gesund war. Die Stadtkinder von damals verdanken dem Waldpark, als Mannheim noch von der Industrie überschattet war – von der BASF am anderen Ufer in Ludwigshafen, deren Ausdünstungen von jenseits des Stroms herüberzogen –, ihr Wissen über so manches: wie kräftig der Bärlauch riecht, ehe das wilde Gemüse Karriere machte; dass Maiglöckchen einfach wild wachsen können im Unterholz und dass Bäume und Sträucher so schief sein dürfen, wie sie wollen. Wir konnten im Waldpark lernen, dass die Natur, wenn sie in Ruhe gelassen wird, eine Freundin ist, die ein wenig später auch Verstecke für ganz heimliche Begegnungen bereithält. Längst ist Mannheim eine andere Stadt geworden – und der Waldpark zum Landschaftsschutzgebiet in weiten Teilen erklärt. Die Kindheitswildnis gibt es nicht mehr; das heißt jetzt Naherholungsgebiet, samt Grillwiese und so. Ob „die Stephanie“ noch immer weint, müssen wir demnächst überprüfen.

Von Rose-Maria Gropp


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Balkonien


Foto: epd-bild / Rolf Zöllner

Mein Hochbeet auf dem Balkon

N icht über einen Garten zu verfügen ist keine Ausrede. Man kann sich den Garten auf den Balkon holen. Das Hochbeet macht es möglich. Keinesfalls lässt es, das Hochbeet, sich darauf reduzieren, ein Design-Element im Außengelände zu sein. Es ist im Gegenteil ein Gärtlein für sich, es lässt sich auf jeden Balkon wuchten, auf dem das Wünschen noch etwas gilt. Dieses beispielsweise aus stapelbarem, robustem Akazienholz gefertigte, in mehreren Schichten zu befüllende, über das übliche ebenerdige Beetniveau kniehoch herausgehobene Hochbeet ist in seiner Architektur eine gärtnerische Kühnheit. Als solche verspricht es den Anbau von Gemüse und Zierpflanzen für jedermann und kann dem Balkonbesitzer, der bar weiter Flur durch den Sommer kommen muss, schon das ganze Gartenglück sein, ein Glück, das im allgemeinen Bewusstsein ja zu Unrecht mit Grünflächen welchen Ausmaßes auch immer verbunden wird. Dazu ist von der Warte des Hochbeetes aus richtigzustellen: Ein Garten bedarf der Grünfläche nicht. Hat ein Garten bei uns überzeugten Eskapisten schon als Bewusstseinstatsache Bestand, als Luft und Liebe, so allemal als Hochbeet wo auch immer: in Toreinfahrten, Empfangshallen oder eben auf dem Balkon. Dort wird dieser von Haus aus portable Garten zum leichten Gepäck dessen, der es ablehnt, sich in Hege und Pflege den saisonalen Launen einer Grünfläche zu unterwerfen, sich auf ihr, der Grünfläche, jahrelang festsetzen zu lassen und damit, sagen wir es frei heraus, das Wünschen im Kompost zu ersticken. Das Hochbeet in den Maßen 240 mal 60 mal 20 Zentimeter ist dagegen die Form, in der sich praktikabel wünschen lässt, es ist der gärtnerische Anti-Garten, welcher dem Menschen nicht nur existentiell den Rücken freihält, sondern auch ganz leiblich verstanden: Bei der handlichen Pflege ist kein Bücken nötig, und wenn, dann nur ein gelindes. Entsprechend vermindert sich bei der Hochbeet-Hege das Risiko von Rückenbeschwerden doch beträchtlich. Was wäre noch zu sagen zum Lob des Hochbeets? Kaum Unkraut – der Hauptsamenflug geschieht am Boden –, kaum Schädlinge. Aber Achtung: Ohne Ölen klaffen in der Holzlasur bald Risse.

Von Christian Geyer-Hindemith


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Industrie-Park


Foto: Picture-Alliance

Landschaftspark Duisburg-Nord

I ndustrienatur: Das Paradox hat hier seine Blüten getrieben. Aus einem Hüttenwerk ist eine grüne Lunge geworden, und den nährstoffarmen, sich stark erwärmenden Böden sind Farn- und Blütenpflanzen zugeflogen, die, angezogen von den hohen Asche- und Schlackeanteilen, nur hier gedeihen. Knapp die Hälfte der dreihundert Arten sind Neophyten; auch seltene Reptilien und Amphibien haben sich niedergelassen. Der Landschaftspark Duisburg-Nord erzählt die Geschichte eines gewaltigen Stadtumbaus: Mehr als achtzig Jahre lang wurde auf dem Gelände Roheisen erzeugt (der letzte Abstich erfolgte 1985) und danach der Industriekomplex nicht verschrottet, sondern in ein Gartenreich verwandelt. Die industriellen Spuren und Strukturen blieben weitgehend erhalten: Bahntrassen wurden zu Promenaden, Winderhitzer zu Großskulpturen, Möllerbunker zu Klettersteigen, Erztaschen zu Teichen und Ziergärten, der Gasometer zum Tauchbecken, das Magazin zum Museum, die Gießhalle zur Open-Air-Bühne, das Gebläsehaus zum Theater, der Kompressorenraum zur Disco, die Kraftzentrale zur Messe-, Ausstellungs- und Konzerthalle. Auf einem Hochofen ist eine Aussichtsplattform installiert, im ehemaligen Verwaltungsgebäude eine Jugendherberge entstanden. Die Alte Emscher wurde mit Regenwasser renaturiert und zu einem System aus Flachwasserläufen, Sumpfzonen, Uferböschungen und Feuchtgebieten umgestaltet. Was eine „verbotene Stadt“ war, die nur Werksangehörige betreten durften, ist heute ein Naherholungsgebiet, das die Stadtteile Meiderich und Hamborn verknüpft – Industriemuseum, Freizeitpark, Abenteuerspielplatz und Kulturforum. Die Schornsteine, die einst Feuer und Flugstaub in den Nachthimmel spuckten, illuminieren die bunten Neonringe einer Lichtinstallation: als Aushängeschild für den Strukturwandel im Ruhrgebiet.

Von Andreas Rossmann

Dieser Beitrag stammt aus der Feuilleton Live-Ausgabe „Gärten“.

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 01.05.2018 12:10 Uhr