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Das Haus mit den Ringen

Von JULIA LÖHR, Fotos ANDREAS PEIN

18.04.2018 · Für die fünfköpfige Familie ist die Olympia- Villa aus dem Jahr 1936 ein Glücksgriff. Doch wie schüttelt man die dunkle Vergangenheit ab, ohne sie zugleich zu ignorieren?

D er Berliner Westen ist dafür bekannt, dass er dem Wandel der Hauptstadt weitgehend trotzt. Auf dem Teufelsberg, wo einst die Amerikaner den russischen Feind abhörten, rotten die weißen Kuppeln der Abhöranlagen langsam, aber sicher vor sich hin. Und auch den Wohnvierteln zu Füßen des Teufelsbergs geht jegliche Berliner Latte-macchiato-Start-up-Hipness ab. Lange Straßen, deren Asphalt mit den Jahren buckelig geworden ist, stattliche Grundstücke, auf denen sich nicht minder stattliche Häuser erheben: Die Gegend westlich des Berliner S-Bahn-Rings atmet den Geist der Vergangenheit.

Für ein Haus gilt das ganz besonders, das sogenannte Olympia-Haus. Auf den ersten Blick wirkt es ebenso unscheinbar wie seine Nachbarn – wenn, ja wenn da nicht diese Metallstreben vor den Fenstern im Erdgeschoss wären, in die links die olympischen Ringe und rechts ein Foto von Sprintstar Jesse Owens eingelassen sind. Das Olympia-Haus ist eines mit Geschichte, wenn auch keiner ruhmreichen. Gebaut wurde es zu den Olympischen Spielen 1936 nach einem Entwurf Walther Wickops. Das NSDAP-Mitglied war nach der deutschen Besetzung Polens „Vertrauensarchitekt für die ersten Neuplanungsgebiete im Warthegau““ von Reichskommissar Heinrich Himmler. In dieser Eigenschaft entwarf Wickop „typisch deutsche“ Häuser, die dort nach der Vertreibung der polnischen Bevölkerung entstehen sollten. Die ersten Bewohner waren regimenahe Mitarbeiter des Siemens-Konzerns.

Vor den Fenstern im Erdgeschoss entdeckt man noch die olympischen Ringe, die in weiße Metallstreben eingelassen sind.

Wie haucht man einem solchen Haus neues Leben ein? Wie schüttelt man die dunkle Vergangenheit ab, ohne sie zu ignorieren? An diesen Fragen hat sich in den vergangenen zwei Jahren die Berliner Architektin Michelle Howard mit ihrem Mann abgearbeitet. Sie haben das Haus für seine heutigen Bewohner, eine fünfköpfige Familie, von Grund auf umgestaltet.

Dabei ging es vor allem darum, dem Bau seine Schwere zu nehmen. Die Hausherrin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, erinnert sich noch gut an den ersten Eindruck. „Alles wirkte so gedrungen“, sagt sie. „Es gab so viele gleichförmige Zimmer – vermutlich für die vielen Kinder, die Frauen damals bekommen sollten.“ Deshalb ging es auch als Erstes darum, diesen Grundriss aufzubrechen.

Walther Wickop, Architekt von SS-Führer Himmler, hatte die Villa geplant.
Früher verdunkelten die schweren grünen Libellenvorhänge das Schlafzimmer der ehemaligen Besitzer, heute erstrahlen sie im Gartenzimmer.

Wo früher eine Wand Küche und Esszimmer trennte, findet sich heute nur noch eine kleine Erhebung. Auch sonst sind viele Türen offenen Durchgängen gewichen. Im ersten Stock, wo die Schlafzimmer liegen, wurde ebenfalls großflächig umgeplant. Ein Teil des langen Flurs und ein vermeintliches Kinderzimmer wurden dem Elternschlafzimmer zugeschlagen. Das ist jetzt eine kleine Wohnung für sich: Neben dem Doppelbett thront eine freistehende Badewanne, es gibt jede Menge Bücherregale und eine große Ankleide. Eigentlich hätten Bauherren und Architekten auch gerne die Decke im Erdgeschoss zu einer Empore im ersten Stock geöffnet. Doch diesen Plan machten die Denkmalschützer zunichte – so viel sollte sich dann doch nicht verändern.

Das Haus sei ihnen im Jahr 2003 mehr oder weniger „in den Schoß gefallen“, erzählt die heutige Eigentümerin mit einem Schmunzeln. Die Familie wohnte damals noch im nicht weit entfernten Stadtteil Schöneberg. Als sich die Eltern nach einer Schule für ihre Tochter umschauten, fuhren sie immer wieder auch durch diese Siedlung im Stil der englischen Gartenstadt. Eines Tages fiel ihnen ein offenkundig unbewohntes Haus auf. Sie klingelten beim Nachbarn direkt gegenüber und hatten Glück. Er gab ihnen den Tipp, mal bei Siemens nachzufragen. Was die beiden dann auch prompt taten und den für den Immobilienbesitz zuständigen Sachbearbeiter so lange bearbeiteten, bis das Haus ihnen gehörte.

Eine freistehende Badewanne thront im Schlafzimmer.
Das Dachgeschoss bietet zahlreiche Rückzugsmöglichkeiten.

Zunächst einmal veränderten die neuen Bewohner nicht viel. Die abgenutzten Teppiche im Obergeschoss kamen raus, viel mehr aber auch nicht. „Ich bin überhaupt kein Architektur-Freak“, erzählt die Hausherrin, allein der Gedanke an einen langwierigen Umbau war ihr ein Graus. Ohnehin brauchte sie erst mal Zeit, um sich mit diesem Haus zu arrangieren. „Meine Gefühle waren immer sehr ambivalent“, sagt sie. „Ich habe dieses Haus schon als Verantwortung empfunden.“ Das galt umso mehr, als eines Tages ein älterer Herr um das Haus herumschlich – der Sohn eines Siemens-Vorstands, der dort einst gelebt hatte, wie sich später im Gespräch herausstellte.

Spätestens da war für die neuen Besitzer klar: „Wir müssen uns dieses Haus aneignen. Wir können darin nicht länger leben wie in einem geliehenen Mantel, so tun, als hätten wir damit nichts zu tun.“ Der entscheidende Impuls kam schließlich, als eine Architektin aus dem Bekanntenkreis zu einer Führung durch ihr umgebautes Haus eingeladen hatte: besagte Michelle Howard. „Mich hat sehr beeindruckt, wie sie das gemacht hat“, erzählt ihre spätere Auftraggeberin. „Sie hat nicht alles rausgerissen und neu gemacht, sondern mit dem vorhandenen Material gearbeitet.“ Mit der Tradition umgehen statt sie zu verdrängen – das sollte auch das Leitmotiv für den Umbau des Olympia-Hauses werden.

Die alten Bücherregale wurden überall aus dem Haus ausgebaut, neu gestrichen und in veränderter Form wieder zusammengesetzt.

Das Architekten-Duo betrieb in großem Stil das, was man heute gemeinhin „Upcycling“ nennt: Es gab bereits vorhandenen Möbelstücken ein neues Antlitz. „Solange es am Ende nicht teurer wird, bin ich immer dafür, Dinge zu erhalten und zu renovieren“, sagt Michelle Howard. So wurden überall aus dem Haus die alten Bücherregale ausgebaut, neu gestrichen und in veränderter Form wieder zusammengesetzt. Dem unwissenden Beobachter fällt das zunächst gar nicht auf. Nur kleine Vorsprünge hier und dort verraten den Bruch mit der Norm.

Auch viele der Vorhänge gehören schon seit langer Zeit zum Haus. Die schweren grünen Exemplare mit dem Libellenmuster zum Beispiel verdunkelten früher die Schlafzimmer im ersten Stock. Nach einer ordentlichen Reinigung erstrahlen sie heute – ganz im Retrotrend – im Gartenzimmer im Erdgeschoss zu neuem Glanz und geben dem lichten Raum mit den hohen Fenstern einen Rahmen.

Überhaupt spielte der Einsatz von Farbe beim Umbau eine wichtige Rolle. „Es war wirklich alles sehr braun hier“, erinnert sich Howard, „und das meine ich jetzt nicht politisch.“ Heute leuchtet der Flur dunkelblau, die Küche rot und das Gartenzimmer – was sonst – grün. Nicht zu vergessen jenes Zimmer, das alle in der Familie nur noch „das Lillyfee-Puff“ nennen. Dort wird gelesen oder gefläzt, auf einem Divan, der auf einem pinken Podest vor einer pinken Bücherwand ruht. Und auf dem man sich mit orientalisch anmutenden Vorhängen von der Außenwelt abschotten kann. So verschwindet auch das letzte bisschen Deutschtümelei.

In der Küche lädt ein langer Tresen Besucher zur Selbstbedienung ein.
Blau statt Braun: Frische Farben vertreiben das letzte bisschen Deutschtümelei.

Ein weiterer Rückzugsort findet sich im zweiten Obergeschoss, der heutigen Gäste-Ebene. Auch dort sah es einmal ziemlich düster aus, durch die winzigen Dachfenster drang nur wenig Licht nach innen. Das hat sich geändert. Ein raumhohes Fenster führt zu einem kleinen Austritt, auf den gerade so ein Stuhl passt. Die Perspektive ist nicht zufällig gewählt: Von dort öffnet sich der Blick auf das Nachbarhaus, in dem einst der Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer lebte.

Ob das Haus jetzt fertig ist? Endlich angekommen in der Gegenwart? Die Besitzerin ist sich da noch nicht so sicher. „Ich fand das Haus ja von Anfang an viel zu groß.“ Dieser Eindruck hat sich mit den Jahren noch verstärkt. Zwei der drei Kinder sind mittlerweile aus dem Haus, und auch wenn zur Familie noch eine ziemlich wilde Mischung aus Labrador und Pudel und eine nicht ganz so wilde Katze gehören: 330 Quadratmeter Wohnfläche und 2000 Quadratmeter Grundstücksfläche wollen erstmal bespielt werden. Das Paar überlegt deshalb in letzter Zeit häufiger, Erdgeschoss und obere Ebenen zu trennen und Letztere mit einem eigenen Eingang zu versehen. Bei den Denkmalschützern stößt diese Idee bisher aber auf wenig Begeisterung.

Zeuge der Vergangenheit: Das Foto von Sprintstar Jesse Owens wurde erst nachträglich eingefügt.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Charakter. Von Anfang an haderte die Hausherrin damit, welche Rolle die Erbauer dieses Hauses für die Frau vorgesehen hatten: die Dienerin, die den Gästen ihre Mäntel abnimmt und das Essen aus der Küche reicht. Eigentlich sollte der Umbau diesen Geist vertreiben. Die Garderobe ist heute bewusst nicht mehr in einer Nische neben dem Eingang versteckt, sondern bildet, für alle selbsterklärend, das Zentrum des Flurs. In der Küche soll ein langer Tresen Besucher zur Selbstbedienung einladen. Doch diese subtilen architektonischen Signale verfehlen offenbar ihre Wirkung: „Egal, was wir machen, es lassen sich immer noch alle bedienen.“

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 18.04.2018 11:53 Uhr