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Mein Großvater, der Täter

Von LORENZ HEMICKER

20. März 2021 · Ernst Hemicker starb, bevor ich auf die Welt kam. Doch seine Beteiligung am Holocaust lässt mich nicht los.

Mein Vater hat die Massengräber nie gesehen. Er starb, plötzlich und unerwartet, keine zwei Wochen vor unserer geplanten Reise in den Wald von Rumbula – wo die SS Ende 1941 gemeinsam mit ihren Helfern an zwei Tagen rund 27.500 Menschen jüdischen Glaubens ermordete, die meisten von ihnen Frauen und Kinder.

Dass mein Großvater Ernst an diesem unfassbaren Verbrechen beteiligt war, weiß ich seit meiner Kindheit. Mein Vater erzählte mir das erste Mal davon, als wir auf der Autobahn 4 nach Hause unterwegs waren. Die Sonne ging unter, im Radio lief WDR 4. Wir unterhielten uns über den Zweiten Weltkrieg, so wie wir es häufiger taten. Der Krieg interessierte mich. Schon damals schaute ich mir häufig seine Bücher über den Zweiten Weltkrieg an. Besonders angetan hatte es mir eine „Time Life“-Reihe, die in unserem Wohnzimmer stand. Es war wohl eine Mischung aus Faszination und Grauen, die mich antrieb; die schwarz-weißen Aufnahmen von Soldaten in tadellosen Uniformen und Panzern in voller Fahrt, dazwischen zerstörte Städte – und entstellte Opfer, die mir Albträume bereiteten.

Wie wir auf dieser Fahrt auf Ernst kamen, weiß ich nicht mehr. Aber ein Satz ließ mich zwischen Schlagermusik und den Erzählungen meines Vaters über Frontverläufe aufhorchen: „Dein Großvater hat sich verdient gemacht.“ Was sollte das bedeuten?

Häufig in Gesellschaft, gern im Mittelpunkt: Ernst Hemicker 1963 mit dem ersten Amtsdirektor seiner Heimatstadt Kierspe
Häufig in Gesellschaft, gern im Mittelpunkt: Ernst Hemicker 1963 mit dem ersten Amtsdirektor seiner Heimatstadt Kierspe Foto: Frank Röth

Ich verstand nicht direkt, was er meinte, auch wenn ich die Ironie, die sein liebster Schutzschild war, in seiner Stimme wahrnahm. Ich fragte nach. Der „alte Ernst“, so nannte er seinen Vater meist, wenn er mit mir sprach, sei angeklagt gewesen auf Beihilfe zum Mord in mehr als 25.000 Fällen. Von der Anklage sollte ich noch häufig hören. Mein Vater erzählte von ihr an Weihnachten unter Verwandten genauso wie im Sommer in den Gärten unserer Nachbarn. „Peter, lass gut sein“, sagte dann irgendwann der ein oder andere.

Mit dem Wissen, dass mein Großvater „sich verdient gemacht hatte“, wuchs ich auf, ohne die Geschichte groß zu hinterfragen. Dass die Ermordung von Millionen Juden, Sinti und Roma, von Regimegegnern, Kranken und Andersdenkenden fürchterlich war, begriff ich zwar immer mehr, je älter ich wurde. Andererseits führte diese Erkenntnis in meinem Kopf eine seltsame Koexistenz mit einer unbekümmerten Sichtweise auf Ernst. Vermutlich hatte das neben meiner damaligen Begeisterung fürs Militärische damit zu tun, dass ich niemanden kannte, der zu den Opfergruppen der Nationalsozialisten gehörte. Außerdem setzten sich einige Details über Ernst bei mir fest: Mein Großvater sei als Fachmann bei der SS gewesen. Er habe nie einen Menschen erschossen. Zum Kriegsende habe er verbotenerweise KZ-Häftlingen Sonder-Brotrationen gegeben, weil sie ihm leidgetan hätten. Tuberkulose, lange Gefangenschaft, späte Reue: Die Erzählungen über meinen Großvater, der nur irgendwie in diese Sache hineingeraten war, ließen mich gut schlafen.

Ernst Hemicker mit seiner Frau und Sohn Peter bei einem Besuch der Staatsbauschule Höxter
Ernst Hemicker mit seiner Frau und Sohn Peter bei einem Besuch der Staatsbauschule Höxter Foto: Frank Röth

Bei meinem Vater schien das anders zu sein. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass die Geschichte ihn belastete. Mehr noch: dass er sich selbst schuldig fühlte. Als ich älter wurde, verstand ich, wieso. Als mein Großvater Anfang der siebziger Jahre angeklagt wurde, war er schon schwerkrank. Doch obwohl ein Arzt ihn vernehmungsunfähig geschrieben hatte, setzte sich mein Vater mit meiner Mutter und einem Anwalt („1000 Mark pro Tag“) ins Auto und fuhr nach Hamburg zur Verhandlung. Damals sei etwas in ihm zerbrochen, sagte mir Jahre später meine Mutter. Danach setzte sich mein Vater mit den Verbrechen meines Großvaters nicht mehr auseinander. Wusste er nicht, wie er vorgehen sollte? Das Internet gab es noch nicht. Hatte er nicht den Mut, weiter nachzufragen? Oder fehlte es ihm schlicht an Zeit? Vermutlich spielte all das eine Rolle. Dabei lag die Vergangenheit in Griffweite. Direkt neben ihm, in einem Bürocontainer, schlummerte über Jahre der Brief eines amerikanischen Professors, der mehr über Ernsts Rolle beim Holocaust erfahren wollte, unter „Wiedervorlage“.

Als mein Vater begraben worden war, begann die Vergangenheit in mir zu arbeiten. Zugleich merkte ich, wie wenig ich über meinen Großvater wusste. Ernst war für mich ein Phantom. Und die Geschichte meines Vaters klang zu sehr nach „Opa war kein Nazi“. Das machte mich skeptisch. Viel Hoffnung, Neues zu entdecken, hatte ich nicht. Dennoch entschloss ich mich dazu, auf die Suche zu gehen und alles Material zusammenzutragen, das ich nach all den Jahrzehnten noch finden konnte.

Ludwigsburg, Schorndorfer Tor: Hinter einer Mauer und einer dicken Stahltür erstreckt sich die „Zentrale Stelleder Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen“. Von hier aus wurden Tausende Vorermittlungen gegen Personen geführt, die im Verdacht standen, sich wie Ernst „verdient gemacht“ zu haben. Noch heute laufen Verfahren. Es ist der Ort, an den, so heißt es in der Familie, Ernst gefahren sei, um „reinen Tisch“ zu machen. Das Bundesarchiv unterhält hier eine Außenstelle mit den Verfahrensunterlagen. Ein Mitarbeiter führt mich durch graue Korridore in einen Lesesaal. Im Labyrinth der Verfahrensnummern und Archivsignaturen ist jeder Laie hoffnungslos verloren. Auf einen Tisch hat der Mitarbeiter rund ein Dutzend dicke Bände nebeneinander gelegt. Es bleibt nur wenig Zeit. Drei Stunden sind für den Besuch vorgesehen. Halb sitzend, halb stehend blättere ich durch die Vorgänge. Namen von Mitangeklagten tauchen auf und verschwinden wieder. Ich lese von Männern, die sich in Widersprüche verwickeln oder während der Vernehmungen zusammenbrechen; dazwischen reihenweise ärztliche Bescheinigungen über Vernehmungsunfähigkeiten und Sterbemitteilungen. Ich notiere die Schriftstücke auf einem Zettel, in denen es um Ernst geht. Am Ende werden es 200 Seiten sein, die man mir kopiert und zuschickt. Zwischen Korrespondenzen von Staatsanwälten und Gerichten stoße ich auf fünf Vernehmungsprotokolle von Ernst aus den Jahren 1965 bis 1969 – lange bevor die Anklage über meine Familie „hereinbrach“, wie ich es erzählt bekam. Die meisten fanden in Kierspe statt, unserer Heimatstadt in Nordrhein-Westfalen, oder im benachbarten Meinerzhagen; zwei Stunden Mittagspause inklusive. Hat Ernst sie seiner Familie gegenüber geheim gehalten?

Seite um Seite lese ich die Vernehmungsprotokolle. Dabei kommt es mir vor, als ob mein Großvater zum ersten Mal in meinem Leben zu mir spricht. Die Art, wie er es tut, passt zu der Geschichte meines Vaters. Ernst erzählte, wie er im Herbst 1941 aus seinem Stadtbauamt in Lüdenscheid von der SS für den Einsatz im Osten einberufen wurde. Als Bauführer, wie er betonte. Ernst war gelernter Tiefbauingenieur. Es war das dritte Kriegsjahr, Hitlers Armeen hatten weite Teile Europas besetzt und versuchten nun in ihrem größten Feldzug, die Sowjetunion zu besiegen. Noch stießen die Heeresgruppen rasch vor; in ihrem Rücken die SS, die dafür sorgen sollte, dass in Hitlers „Lebensraum im Osten“ die „arische Rasse“ auf keine Menschen mehr stieß, die die Nazis für lebensunwert hielten. Ernst wurde in den Stab von Friedrich Jeckeln versetzt. Als er in Kiew auf ihn traf, hatte der SS-Obergruppenführer in der heutigen Ukraine schon Zehntausende Juden ermorden lassen. Ernst war nur zwei Wochen in Kiew, bevor Jeckeln und sein Stab ins Baltikum abkommandiert wurden. Ob er schon in der Ukraine oder erst in Riga erfuhr, zu was für einer Truppe man ihn versetzt hatte, werde ich nie erfahren.

Dass die Juden in Riga umgebracht werden sollten,

gab er zu Protokoll, habe er schnell mitbekommen. Niemandem in der Stadt habe das verborgen bleiben können. Dennoch nannte er den Befehl, den er Mitte November bekam, „mein einschneidendstes Erlebnis (. . .) in Riga“. Sein Auftrag lautete, in einem Wäldchen, rund zehn Kilometer östlich, sechs Gruben für die Erschießung von 25.000 bis 28.000 Juden anlegen zu lassen. Zunächst sei er „wie vor den Kopf geschlagen“ gewesen, vor allem wegen der Zahl der Opfer. Dann übernahm offenbar der gelernte Tiefbauingenieur in ihm: Ein menschlicher Körper misst zwischen 1,80 und zwei Metern, mit entsprechenden Maßen in der Breite. 5000 bis 6000 Personen passen in eine Grube von zehn Meter in der Breite, zehn Meter in der Länge, drei Meter in der Tiefe. Ernst steckte das Gelände ab, mied sumpfiges Gebiet und zeigte sich erleichtert darüber, dass der Sandboden schon angefroren war. „Was bei Regen geworden wäre, das kann ich mir nicht vorstellen.“ Im Kopf meines Großvaters schienen getrennte Sphären zu existieren. Die Ermordung der Juden und der zivilisierte Umgang mit Menschen standen nebeneinander, ohne dass sie für ihn zu einem offenkundigen Widerspruch wurden: Mal sprach er wie ein Techniker, dann wieder mitfühlend wie eine Person, der ihre Arbeit widerstrebte. Um den Menschen den Weg in die Grube zu erleichtern, plante er Rampen. „Denn ich sagte mir, die armen Menschen können ja nicht drei Meter in die Tiefe springen.“ Die Drecksarbeit mussten russische Kriegsgefangene erledigen. Pro Grube gruben 30 bis 50 Mann mit bloßen Händen, keine drei Tage lang. „Natürlich lief alles reibungslos“, gab Ernst zu Protokoll. Gedanken habe er sich keine gemacht. Der Auftrag sei ja eine Fachaufgabe gewesen.

In der Anklageschrift gegen meinen Großvater lese ich, wie das Grauen am 30. November 1941 von sechs Uhr morgens an seinen Lauf nahm. Die Schilderungen, von der Staatsanwaltschaft am Landgericht Hamburg anhand zahlreicher Zeugenaussagen zusammengestellt, lassen keine Fragen offen. Im Rigaer Getto, das sich im Bezirk Moskauer Vorstadt befand, ging die Angst um. Zehntausende Juden waren dort eingepfercht worden. Alle arbeitsfähigen Männer zwischen 18 und 60 Jahren wurden im nordöstlichen Teil isoliert. Auch einige hundert Frauen wurden verschont, vor allem Schneiderinnen, die man brauchte. Lettische Polizeibeamte drangen in die Wohnungen ein und forderten alle Bewohner auf, binnen einer halben Stunde auf der Straße anzutreten. Wer zu spät kam oder sich weigerte, der wurde von den Polizisten und den Angehörigen des jüdischen Ordnungsdienstes mit Gewalt dorthin getrieben. Wer zu fliehen versuchte, wurde erschossen.

Auf dem Weg in den Tod: eine Kolonne jüdische Bewohner des Gettos 1941 auf dem Weg zur Hinrichtung nach Rumbula
Auf dem Weg in den Tod: eine Kolonne jüdische Bewohner des Gettos 1941 auf dem Weg zur Hinrichtung nach Rumbula Foto: Lettisches Kriegsmuseum


Dann marschierten die Kolonnen hinaus aus dem Getto auf die Straße in Richtung Dünaburg. Stunde um Stunde ging das so. Deutsche Schutzpolizisten führten Aufsicht. Es war bitterkalt, die Straßen waren verschneit und glatt. Viele Menschen trugen Koffer bei sich. Um sie über ihr Schicksal zu täuschen, hatte die SS anordnen lassen, dass jeder von ihnen bis zu 20 Kilogramm Handgepäck dabei haben durfte. Viele kamen bei dem Tempo nicht mit. Wer ausrutschte oder sich an den Rand setzte, weil er nicht mehr konnte, riskierte, an Ort und Stelle erschossen zu werden. Es waren Hunderte. Kranke, Alte und Gehbehinderte wurden auf Lastwagen geworfen oder in Busse gepfercht und in Rumbula abgeladen.

Um kurz vor neun Uhr erreichte die erste Kolonne den Exekutionsort. Um das Wäldchen hatte die SS eine dichte Postenkette aus Polizisten aufstellen lassen. Zwei weitere Ketten formten einen Kegel, der sich zu den Gruben hin verengte. Die Menschen mussten ihre Wertgegenstände in Holzkisten legen und sich bis auf die Unterwäsche ausziehen. Die SS achtete darauf, dass sie in einem schmalen, gleichmäßigen Strom durch das Todesspalier zu den Gruben geführt wurden. Sie sollten weder zu früh in Panik geraten noch den Zeitplan durcheinander bringen. Die Sorge war unbegründet, die wehrlosen Opfer blieben meist ruhig. Sie waren sich der Aussichtslosigkeit ihrer Lage bewusst. Kaum jemand leistete Widerstand. Über die Rampen gingen sie in die Gruben und legten sich mit dem Gesicht nach unten – einer neben den anderen. Schützen traten hinter sie, hielten ihnen russische Maschinenpistolen ins Genick und drückten ab. Die Nachfolgenden legten sich auf die Toten.

Ernst stand an diesem Morgen zu Beginn des Massakers pünktlich um neun Uhr an Grube eins. Von dort verfolgte er, wie sie sich mit Toten füllte, Schicht um Schicht, unter ihnen viele Alte, Frauen und Kinder. Selbst zu schießen hatte Jeckeln seinen Offizieren verboten. Aber die SS-Führer dirigierten das Töten. Für den Fall, dass ein Schuss danebenging, hatte Ernst den Befehl bekommen, den Schützen in seiner Grube zum „Gnadenschuss“ aufzufordern „Ich war kaum in der Lage hinzuschauen. Das Ganze bedrückt mich und quält mich bis heute“, gab Ernst zu Protokoll. „Furchtbar und schrecklich“ sei es an der Grube gewesen, sagte mein Großvater bei der Befragung durch einen Richter, „ein widerwärtiges Morden“. Nach einer halben Stunde sei er so am Ende gewesen, dass er Jeckeln, der den Massenmord beobachtete, um Ablösung gebeten habe. In seinen Schilderungen wird Ernst nun selbst zum Opfer. Sein Vorgesetzter habe getobt und sei „wie ein Löwe auf und ab gelaufen“. Jeckeln habe geschrien und ihm mit Erschießung und Straflager gedroht. Nichts davon passierte. Ernst bekam den Befehl, eine Lagerstätte für die Kleidung und die Wertgegenstände der Opfer zu finden. Er beschlagnahmte eine der Markthallen gegenüber dem Rigaer Bahnhof. Dort beaufsichtigte er in den kommenden Monaten die Lettinnen, die die Hinterlassenschaften der Ermordeten sortierten: Stiefel, Brillen, Kleidung, Schmuck, Puppen, Mützchen.

Aus Ernst wurde, wie er selbst sagte, ein Lumpensammler.

In der Zeit ging das Morden im Wald von Rumbula weiter. Rund 15.000 Einwohner des Gettos wurden bis zum Einbruch der Dunkelheit erschossen, zudem noch mehr als 1000 Juden aus Berlin, die eigentlich mit dem Zug nach Riga und von dort in die Wohnungen der zur Hinrichtung marschierenden Personen aus dem Getto gesteckt werden sollten. Doch Jeckeln entschied anders. Den Zug ließ er stoppen und die Berliner Juden direkt über die Gleise in das angrenzende Wäldchen führen. Starker Schneefall zwang die SS dazu, das Massaker zu unterbrechen. Am 8. Dezember brachte sie es zu Ende. Jeckeln meldete Heinrich Himmler am Telefon die Liquidierung des Rigaer Gettos. Der Reichsführer SS zeigte sich zufrieden mit den beiden „Aktionen“ und kündigte weitere Vernichtungstransporte an, während andere im Reich schon an einer industriellen Vernichtung der Juden arbeiteten, ihrer massenhaften Vergasung.

Gedenken an die Opfer: Eine Metallkonstruktion an der Autobahn Richtung Dünaburg weist auf die Massengräber von Rumbula und die Gedenkstätte auf einem Hügel in unmittelbarer Nähe hin Fotos: Lorenz Hemicker


Einige Wochen, nachdem ich Ernsts Protokolle gelesen habe, steige ich gegenüber der Gedenkstätte von Rumbula aus einem Bus. Die Gedenkstätte ist nicht zu verfehlen. Eine pechschwarze Metallkonstruktion, die an Flammen oder Getier erinnert, ragt über die A 6, eine der lettischen Hauptstraßen, Richtung Dünaburg. Hinter ihr führt eine Stichstraße zu dem Kiefernwäldchen. Zwei Gedenksteine stehen am Weg. Der Pfad führt über einen Bach, bevor er ansteigt und auf dem Hügel mit dem Wäldchen ausläuft, wo Ernst die sechs Massengräber ausheben ließ. Oben stoße ich auf Grube eins; ein rechteckiges Rasenstück, eingefasst von Beton, mit einem Findling darauf. Der Weg führt vorbei an mannshohen Stelen, die mit Nägeln gespickt sind, hin zu einem kleinen Steingarten. Der Künstler hat ihn zwischen den Gruben in der Form eines Davidsterns angelegt. Auf den Hunderten Findlingen stehen jüdische Vornamen. Zwischen ihnen reckt eine Menora, der jüdische Leuchter, ihre sieben Arme gen Himmel. 

Ich gehe an den Massengräbern entlang, mache ein paar Fotos, lege einen Stein mit meinem Namen, den ich mitgebracht habe, an ein Grab. Er ist größer als die vielen kleinen Steine hier, die alle keine Namen tragen. Ich stecke ihn wieder in die Jackentasche. Zwischen den Bäumen entdecke ich einen kleinen, verdreckten Stein. Ich hebe ihn auf und lege ihn auf den Rand der Einfassung. Dann setze ich mich daneben. Ich beginne zu beten. Und ich höre mich mit meinem Vater sprechen. Es ist einer der seltenen Momente seit seinem Tod, in dem ich spüre, wie sehr ich ihn vermisse. Ich weine. Nach einer Stunde mache ich mich auf den Rückweg.

Kahlköpfig und mit festem Blick: Ernst Hemicker (obere Reihe Mitte) auf eine Schaufel gestützt nach der Fertigstellung eines Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkriegs 1925 in Kierspe-Bahnhof
Kahlköpfig und mit festem Blick: Ernst Hemicker (obere Reihe Mitte) auf eine Schaufel gestützt nach der Fertigstellung eines Ehrenmals für die Gefallenen des Weltkriegs 1925 in Kierspe-Bahnhof Foto: Hanneli Sure und Engelbert Harnisch


Aus dem Bundesarchiv in Berlin habe ich weiteres Material von der SS bekommen, viel Material. Darunter Zeugnisse, Briefwechsel von Kommandostellen und vor allem ein handgeschriebener Lebenslauf von Ernst. Damit ist das Bild hinfällig, das ich mir von ihm gemacht hatte. Kaum 18 Jahre alt, meldete sich Ernst bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs freiwillig an die Front. Dort kämpfte er im Westen wie im Osten, bis zu einer Verwundung in den Karpaten. Anschließend setzte er alles daran, seinen Garnisonsstatus loszuwerden und wieder mitzumischen. Sein ältester Bruder war gefallen. Als Sohn eines erfolgreichen Bauunternehmers zählte Ernst sich zur Elite. In seiner Heimat fuhr er das erste Auto. Einer seiner Brüder flog das erste Flugzeug. Bilder aus der Zeit zeigen Ernst kahlköpfig und mit festem Blick. Auf mich wirkt das wie eine Mischung aus Selbstbewusstsein und Arroganz. Ernst war kein Einzelgänger. Er war gesellig, ging in Gemeinschaft auf, stand gerne im Mittelpunkt.

Er trat nicht nur der Feuerwehr bei, sondern als Student auch einem Freikorps und dem Jungdeutschen Orden, einem elitär-antisemitischen Zusammenschluss von Kriegsheimkehrern, dem er dann den Rücken kehrte, als er sich mit der Weimarer Republik zu arrangieren begann. Für das dritte Kind eines Bauunternehmers waren die zwanziger Jahre eine Zeit des Niedergangs, obwohl er damals meine Großmutter heiratete und sie die erste Tochter bekamen.

Sie gaben Ernst Hemicker früh Halt: Nationalsozialisten 1934 in Kiersper Ortsteil Bahnhof 
Sie gaben Ernst Hemicker früh Halt: Nationalsozialisten 1934 in Kiersper Ortsteil Bahnhof  Foto: Heimatverein Kierspe, Sammlung Hellmund


Die Tuberkulose raffte seinen Vater dahin, ebenso wie seinen zweitältesten Bruder, mit dem er das Bauunternehmen weiterführen sollte. 1928 musste Ernst Konkurs anmelden – wegen der Wirtschaftskrise, wegen Erbzahlungen an seine vielen verbliebenen Geschwister und, so schreibt er, wegen seiner „kämpferischen, nationalen Einstellung“. Die Behörden gaben ihm ihretwegen keine Aufträge mehr. Ernst musste die Villa der Familie verkaufen und bezog zwischenzeitlich Unterstützungsleistungen. Halt fand er bei den Nationalsozialisten.


Ernst Hemickers Kommandos waren Hunderte Meter weit zu hören: Die SS marschiert 1934 im Kiersper Ortsteil Bahnhof.
Ernst Hemickers Kommandos waren Hunderte Meter weit zu hören: Die SS marschiert 1934 im Kiersper Ortsteil Bahnhof. Foto: Heimatverein Kierspe, Sammlung Hellmund


In die NSDAP trat er 1931 ein und führte später einen Papierkrieg, weil die Aufnahme nicht bestätigt wurde und er weder ein späteres Eintrittsdatum noch die damit verbundene viel höhere Mitgliedsnummer akzeptieren wollte. 1933 stieß er zur SS, für die er direkt die Führung des Zugs in seinem Heimatort übernahm. In Uniform fühlte Ernst sich wohl. Seine Kommandos, wenn er die SS habe antreten lassen, seien über Hunderte Meter weit zu hören gewesen, heißt es nach Kriegsende in Kierspe. 1936 trat Ernst mit Frau und Tochter aus der evangelischen Kirche aus. Mit den Nazis ging es für ihn in dieser Zeit steil bergauf. Die SS verschaffte ihm eine Stelle als Ingenieur beim Bauamt in der nahe gelegenen Stadt Lüdenscheid und eine geräumige Wohnung für die wachsende Familie. Nebenbei spannte sie ihn für ihre Zwecke ein und übertrug ihm dabei immer mehr Verantwortung. Ernst wurde befördert und stieg bis zum Ortsringleiter in Lüdenscheid auf. Sieht so ein Mitläufer aus?

Auch nach dem Massaker von Rumbula schien niemand in der SS mit Ernst zu hadern. Im Gegenteil: Jeckeln, der Ernst angeblich drohte, ihn erschießen zu lassen, war seinem Baudezernenten nicht lange böse. Er beauftragte ihn damit, seine Villa am Riga-Strand einzurichten – mit der Hilfe von Juden. Danach gab er ihm immer weitere Aufgaben. Mehr noch: Mit einer anderen SS-Stelle in Berlin lieferte sich der SS-General sogar eine monatelange Auseinandersetzung, um eine Versetzung von Ernst zu durchkreuzen – wobei nicht klar ist, ob Ernst selbst sie zu bewirken versuchte. Hemicker, schrieb Jeckeln, sei „für Aufgaben, die im Hinblick auf die Frontlage einmal von heute auf morgen auftreten könnten, besonders geeignet“. Grundsätzlich hielt die SS Ernst offenbar nicht für einen Überflieger und auch für ein wenig schlampig. Dafür aber bescheinigte sie ihm „Loyalität“ und „Gesinnungsfestigkeit“; gut genug für einen kleinen Offizier. Ernst tat, was von ihm verlangt wurde. Er baute, machte einen Fronteinsatz vor Leningrad mit und übernahm das Kommando über ein Arbeitslager mit holländischen Zwangsarbeitern.


Danach führt seine Spur nach Österreich,

in ein Konzentrationslager, in dem „Vergeltungswaffen“ produziert wurden, die Hitler noch kurz vor Kriegsende auf Amerika abfeuern lassen wollte. Internierte Juden sollten „produktiv vernichtet“ werden bei der Arbeit in unterirdischen Stollen. Es war Ernsts letzter Einsatzort, an dem er, zum SS-Obersturmführer befördert, laut eigener Aussage für 6000 Häftlinge zuständig war, rund ein Drittel von ihnen Juden.

In einem Buch lese ich über die höllischen Verhältnisse in dem SS-Lager am Ebensee. In den letzten Kriegsmonaten gab es für die Häftlinge dort kaum noch Kleidung, Schuhe oder Essen. Augenzeugen berichteten von Kannibalismus. Die Häftlinge lagen nur noch lethargisch in ihren mit Exkrementen verschmutzten Kojen. Die SS hielt die Lagerordnung bis zuletzt aufrecht. Was Ernsts Aufgabe in der Vernichtungsmaschinerie war, finde ich nicht mehr heraus. Es sei sein „entsetzliches Schicksal gewesen“, sagte Ernst in seiner ersten Vernehmung, dass er praktisch nur mit Juden habe zusammenarbeiten müssen. Er habe aber nie einen einzigen von ihnen misshandelt oder getötet. Im Gegenteil, er habe sie „immer als Menschen behandelt“ und sich auch um das Schicksal Einzelner gekümmert. Es gebe keinen Juden, der etwas Belastendes über ihn sagen könne.

Am Hauptbahnhof in Riga angekommen, laufe ich durch die Stadt, in der Hand ein altes Bild. Es zeigt Ernst während des Kriegs in SS-Uniform, mit meinem Vater auf seinen Knien. Nach einer halben Stunde bin ich am Ziel. Im dritten Stock eines schmucklosen Gründerzeitbaus an der Elisabethstraße öffnet Alexander Bergmann die Tür. Als wir uns das erste Mal treffen, ist er Ende 80, ein kleiner, liebenswerter Mann mit Kugelbauch und großen Augen. Seit Jahrzehnten sucht er nach Spuren seiner Mutter, seines kleinen Bruders Danja und seiner Großmutter, die in den Gruben, die Ernst plante, erschossen wurden. Ist er ihm womöglich begegnet?

Als ob die Zeit still stünde: Häuserfassaden im früheren jüdischen Getto der Moskauer Vorstadt in Riga Fotos: Lorenz Hemicker


Bergmann überlebte das Rigaer Getto, weil er jung war, arbeiten konnte und unfassbares Glück hatte. Mein schlechtes Gefühl verfliegt, je länger wir uns unterhalten. Nach ein paar Minuten reden wir, als ob wir uns schon lange kennen würden. Ich zeige ihm das Bild von Ernst mit meinem jungen Vater. Er blickt es lange an und sagt dann: „Ich kenne Ihren Großvater nicht.“ Bergmann ist promovierter Jurist und spricht hervorragend Deutsch. In seinen Wohnzimmerschränken stehen meterweise lettische, russische und deutsche Bücher. Wir treffen uns mehrmals. Bei unserer nächsten Begegnung erzähle ich ihm von den Protokollen und von meinen Gedanken dazu. Bergmann schweigt eine Weile. Dann sagt er: „Ich würde gerne eine Vernehmung Ihres Großvaters hören.“ Mir wird unwohl, aber ich habe sie dabei. Ich beginne zu lesen, Zeile um Zeile, Seite um Seite. Die Minuten werden zu Stunden. Immer wieder sehe ich auf und meine zu erkennen, wie Bergmann mich traurig mustert, auch Wut scheint in ihm aufzusteigen.

Als ich fertig bin, schweigt Bergmann lange. Dann fällt er sein Urteil: „Als Anwalt muss ich sagen, dass mich das Verhör Ihres Großvaters nicht überzeugt.“ Er habe nur zugegeben, was ohnehin nicht mehr abzustreiten war. Weder Jeckelns Ausraster noch sein plötzlicher Befehl ergäben Sinn. Der Plan der SS sei perfide und perfekt organisiert gewesen. Bergmann kann sich nicht vorstellen, dass Jeckeln sich eine solche Blöße in Rumbula gab. „Warum sollte er einem kleinen Untersturmführer gegenüber ausrasten? Dem befiehlt man einfach!“ Dass Ernst angab, „reinen Tisch“ machen zu wollen, lässt er ebenfalls nicht gelten. Es gebe genug Täter, die vieles für sich behielten. Wir sprechen noch eine Weile miteinander, dann führt Bergmann mich zur Tür. Als ich mich schon verabschiedet habe und aus der Tür gehe, legt Bergmann seine Hand noch einmal kurz auf meine Schulter. Die Berührung fühlt sich wie eine Erlösung an.

Hat er wirklich „reinen Tisch“ gemacht? 1965 wurde Ernst Hemicker erstmals zum Massaker in Rumbula vernommen. Das Foto entstand im selben Jahr.
Hat er wirklich „reinen Tisch“ gemacht? 1965 wurde Ernst Hemicker erstmals zum Massaker in Rumbula vernommen. Das Foto entstand im selben Jahr. Foto: Frank Röth


Das Gericht stellte das Verfahren gegen Ernst im Februar 1972 vorläufig ein. Es begründete den Schritt damit, dass der Angeklagte voraussichtlich dauerhaft verhandlungsunfähig bleiben werde. Ernst starb im Sommer 1973 an den Folgen einer Krebserkrankung. Seine Frau verbrannte danach alle Erinnerungen an die SS-Zeit. Auch der SS-Julleuchter, mit dem sich Ernst am Tag der Wintersonnenwende noch im hohen Alter jedes Jahr allein ins Wohnzimmer zurückzog, verschwand. Das alles gehe niemanden etwas an, soll meine Großmutter gesagt haben. Sie und ihre beiden Töchter, die lange aus dem Haus sind, ließen die Vergangenheit ruhen.

Verurteilt wurde Ernst nie. Aber das beantwortet nicht die Fragen, die mich beschäftigen. Wie viel Schuld hat er auf sich geladen? Und was würde ihm heute widerfahren? Im Herbst 2020 bekomme ich zumindest auf die letzte Frage eine Antwort. „Ernst Hemicker wäre heute sicherlich verurteilt worden, wenn man ihm das Wissen darum, wozu seine Planung diente, hätte nachweisen können“, schreibt Cornelius Nestler. Der Rechtswissenschaftler ist Fachmann für NS-Verfahren in Deutschland. In Strafprozessen gegen SS-Leute tritt er häufiger als Nebenklägervertreter auf. Ernst Hemicker habe offenkundig einen den Mord vorbereitenden Tatbeitrag geleistet, ohne den die Ermordung nicht wie geplant hätte ablaufen können. Nestler wertet die Vernehmungen anders als Bergmann. Im Unterschied zu vielen Vernehmungen, die er gelesen habe, habe Ernst erstaunlich wenig gemauert. „Er ist nicht Teil jenes Schweigekartells, bei dem sich niemand an irgendetwas erinnern kann, es sei denn, es ist ihm schon nachgewiesen.“

Im November jährt sich das Massaker von Rumbula zum 80. Mal. Die letzten Zeitzeugen gehen von uns. Alexander Bergmann ist gestorben. Ernst bleibt für mich ein Phantom, das ich weiterhin nicht greifen kann. Ein Urteil über ihn maße ich mir nicht an. Die Spuren meines Großvaters, denen ich gefolgt bin, haben mich weiter gebracht, als mein Vater je gelangt ist. Aber meinen Frieden werde ich mit ihm nicht machen können.


VON DEN NAZIS ERMORDET? Für Elise
MARGERS VESTERMANIS Der letzte jüdische Partisan

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 22.03.2021 13:18 Uhr