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Tränenreich

Von MARC BÄDORF
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05. Juni 2020 · Charolette Richards hat das Hochzeitsbusiness in Las Vegas erfunden. Ihr Vermächtnis ist reich. Doch jetzt muss sie zusehen, wie ihre Branche siecht.

Es ist elf Uhr fünfundvierzig am Vormittag, die Sonne steht hoch am Himmel, Charolette Richards’ Leben könnte schön sein. Nur gibt es ein Problem: Sie hat an diesem Dienstag im Februar noch niemanden verheiratet. Das ist keine gute Sache, wenn du Besitzerin einer Hochzeitskapelle bist, in Las Vegas zumal. Sieben Stretch-Limousinen, weiß wie Schnee, lang wie Lastwagen, dämmern auf einem Parkplatz vor sich hin. Ein Gärtner, der den Teer auf der Straße vor der Kapelle nun zum dritten Mal mit einem Besen abrubbelt, sieht so aus, als würde er seinen Eimer mit dem aufgesammelten Dreck gleich wieder ausschütten – damit er immerhin irgendetwas zu kehren hat. Über ihm streckt sich eine Tafel, wie sie sonst am Rande der Highways für Fast-Food-Restaurants werben. Ihre frohe Botschaft: Hier gibt es 24 Stunden am Tag Drive-in-Hochzeiten.

Drinnen, im Vorraum der Kapelle, brummt ein Kühlschrank, mit Blumen gefüllt, die welken. Den Boden bedecken Marmorplatten, Tische mit goldenen Beinen stehen ohne Sinn und Funktion herum. Unter Plastikkronleuchtern hängt ein Schild, im gezeichneten Herz die Aufschrift: Ruhe bitte, hier findet eine Hochzeit statt. Nun ja.

Manchmal kommt auch ein Elvis-Imitator und singt für die Frischvermählten.
Manchmal kommt auch ein Elvis-Imitator und singt für die Frischvermählten. Foto: AP

Ein Mann mit Glatze und Vollbart lehnt an einer Wand, die Augen halb von Lidern verborgen. Neben ihm, am Empfang, steht eine Frau an einem Computer, sie erweckt den Eindruck einer Frau, die die Scheinarbeit am Bildschirm zur Vollendung geübt hat. In dieses zähe Nichtstun stößt das Geräusch einer sich öffnenden Tür, es treten ein: eine ältere, sehr dünne Frau – und ein weißer Pudel. Charolette Richards ist da. „Hallo Miss Charolette“, rufen ihre Angestellten. Sie knipsen ihr Lächeln an, wie es nur Amerikaner können, es gibt Küsschen auf die Wange rechts und links und noch mal rechts.

„Hatten wir heute schon jemanden?“, fragt Richards.
„Nein“, sagt die Empfangsdame.
„Und wann kommen die Ersten?“
„Sie müssten jetzt gleich da sein.“

Da öffnet sich die Tür wieder, ein Pärchen tritt ein, Schritt für Schritt tasten sie sich in die Marmor-Höhle – jemand will heiraten, der Tag kann beginnen.


I.

Eine Hochzeitskönigin im Werden

Es fängt damit an, dass Charolette Richards, die siebzehn Jahre alt ist, in Oregon lebt und nicht so recht weiterweiß mit ihrem Leben, sich in einen Mann verliebt. Sie möchte den Mann heiraten, am liebsten direkt, aber ihre Eltern lassen sie nicht; du bist zu jung, sagen sie. Irgendwann geben sie ihrem Flehen nach, und Richards zieht mit ihrem Ehemann fort, nach Kalifornien, dann nach Kentucky, zu seiner Familie. Sie bekommt drei Jungen – ein, drei und fünf Jahre alt, als ihr Vater verschwindet.

Charolette Richards kommen bis heute die Tränen, wenn sie Paare traut.
Charolette Richards kommen bis heute die Tränen, wenn sie Paare traut. Foto: Kelia Anne Macclluskey

Er komme schon wieder, sagt er zu Richards, sie solle so lange bei seinen Eltern bleiben. Das tut sie, die Eltern leben in den Hügeln von Kentucky, es gibt keine Elektrizität, kein fließendes Wasser, kein Telefon, es sind die späten Fünfziger, und Sandy Hook in Kentucky, wo bis heute kein Alkohol verkauft werden darf, fühlt sich für Richards an wie das Ende der Welt. Dann – so erzählt es Richards, und es gibt niemanden sonst, der es erzählen könnte – trifft ein Brief ihres Ehemanns ein. Er sei in einem Hotel-Casino in Las Vegas, schreibt er, sie solle sich das alte Auto seiner Eltern nehmen und kommen. Dem Brief liegen 150 Dollar bei, Richards bricht am nächsten Tag mit ihren Jungen auf; zehn Tage lang quält sie sich 2000 Meilen quer durchs Land. Als sie im Morgengrauen des elften Tages in Las Vegas eintrifft, fährt sie sofort zum Hotel-Casino, in dem ihr Mann das Wiedersehen versprochen hat. Er ist nicht da.

Richards verlässt mit ihren Jungen das Hotel-Casino, ein wenig Geld hat sie noch, und für fünf Dollar die Nacht findet sie eine Bleibe. Las Vegas ist damals eine Stadt, die Anlauf nimmt, die ersten Hotels und Casinos auf dem Strip haben geöffnet, Frank Sinatra tritt mit dem Rat Pack auf, ein Schild am Stadteingang verkündet: Welcome to Fabulous Las Vegas. Immer weiter knabbern die Straßen der Stadt die umliegende Wüste an, in zehn Jahren ist Las Vegas um 70000 Einwohner gewachsen auf immer noch weniger als 100000. Heute leben mehr als 600000 Menschen in der Stadt.

Zwei Wochen lang – Richards malt dieses Bild aus wie eine Drehbuchautorin, sie ist die Meistererzählerin ihrer Geschichte, aber das ist ja auch, was zählt in Vegas: wenn sie nicht so ganz stimmt, ist das auch nicht schlimm – steht Richards im Morgengrauen auf, packt ihre Jungs, läuft über den Strip, vorbei an den blinkenden Casinos und den Wasserfontänen, bis sie das Hotel-Casino erreicht, in dem ihr Mann auf sie warten soll. Jeden Morgen stellt sie dieselbe Frage, jeden Morgen erhält sie dieselbe Antwort: Nein, er ist nicht da, nein, niemand kennt ihn.


„Ich war am Ende. Ich hatte drei Kinder, keinen Mann, keinen Job, keine Unterkunft, kein Geld.“
Charolette Richards

„Ich war am Ende“, sagt Richards. „Ich hatte drei Kinder, keinen Mann, keinen Job, keine Unterkunft, kein Geld.“
Eines Morgens, Richards ist auf dem Rückweg zu ihrer Unterkunft, tritt ein Mann aus einem Diner und fängt sie ab. „Ich sehe dich hier jeden Morgen, wie du mit deinen Jungs über den Strip läufst. Was tust du?“, fragt er.
Sie suche ihren Mann, sagt Richards, er habe auf sie warten wollen.
„Er wird nie kommen. Ich helfe dir. Ich habe ein Zuhause, einen Job, einen Babysitter.“

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Richards nimmt das Angebot des Mannes an. Am nächsten Morgen kommt er zu ihr aufs Zimmer und hält ihr ein kurzes Kleid hin. Ich möchte, sagt er, dass du das trägst, wenn du morgen arbeitest. Richards nimmt das Kleid an, sie frisiert sich und schminkt sich und geht zu der Adresse, die ihr der Mann gegeben hat. Es ist eine Hochzeitskapelle.

Die Kapelle ist eine von drei in Vegas, Richards wird Empfangsdame, ihr gefällt die Arbeit, nur ist sie manchmal einsam. Der Mann, der ihr die Arbeit gegeben hat, fragt sie, ob sie ihn heiraten würde. Nein, sagt Richards, sie liebe ihn nicht, außerdem werde ihr Ehemann bald zurückkommen. Er kommt nicht zurück. Sie sieht ihn nie wieder. Jahre vergehen, bis der Mann sie wieder fragt: Willst du heiraten?
Richards antwortet: Ja. „Es war eine fürchterliche Idee“, sagt sie. „Er war ein Alkoholiker, jeden Abend torkelte er durch die Wohnung. Und dann schlug er mich. Ich weinte, die Kinder weinten.“

Richards flieht nach Oregon, doch Oregon ist nichts für sie, sie gehört nach Las Vegas, und so kehrt sie zurück und eröffnet – mit dem Geld, das sie sich in ihrer Zeit in der Kapelle angespart hat – einen Blumenladen. Hierhin kommt jeden Morgen ein Mann, um einen Strauß zu kaufen. Sie habe, erzählt Richards ihm irgendwann, eine Anzeige in der Zeitung gelesen: Ein Ehepaar wolle seine Hochzeitskapelle am Strip versteigern. Wenn sie nur genug Geld hätte, sagt sie, würde sie ein Angebot abgeben. Da, sagt der Mann, lasse sich was machen. Er leiht ihr mehrere zehntausend Dollar, Richards gibt ein Angebot ab. Es ist das höchste.

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II.

Ein praktisches Vergnügen

Der Mann und die Frau, die am Dienstag die erste Hochzeit in A Little White Wedding Chapel begehen wollen, bleiben am Empfang stehen. Sie halten Händchen, der Mann trägt die Uniform des mittelalten, amerikanischen Mannes (Poloshirt, beige Stoffhose, Turnschuhe), die Frau Jeans und Top.
„Sie haben das 50-Dollar-Paket gebucht?“, fragt die Empfangsdame.
„Ja“, antwortet er. „Ich denke schon.“
„Dann dürfen Sie sich eine Blume aus dem Kühlschrank aussuchen. Die rote, weiße und gelbe sind in Ihrem Budget.“

Die Frau löst sich von der Hand ihres Mannes, geht zum Kühlschrank, greift nach der gelben Blume. Ihr Mann hat sich derweil vom Empfang abgewendet, verloren steht er unter einem Plastikkronleuchter, bis seine Frau bei ihm angekommen ist. Jetzt stehen sie zusammen verloren da.

Der Mann mit Glatze und Bart verlässt seine Stellung an der Wand. „Hallo“, sagt er, während er auf die beiden zugeht. „Ich bin John, euer Pfarrer heute. Und ihr seid Margret und Rey?“
Nicken.
„Wunderbar. Ich habe nur ein paar Fragen zur Zeremonie“, sagt Pfarrer John. „Wollen Sie Ringe austauschen?“
„Nein.“
„Irgendwelche persönliche Worte?“
„Nein“
„Wunderbar, so wollen es die meisten. Aber ich versuche natürlich, jede Hochzeit so weit wie möglich zu personalisieren. Wo kommen Sie her?“
„Aus Tucson, Arizona“, sagt der Mann. „Heute ist unser Hochzeitstag. Vor zwanzig Jahren geheiratet, genau hier. Jetzt wollen wir unser Gelübde erneuern.“
„Wunderbar, das ist mir eine große Ehre“; sagt Pfarrer John. Dann geht er zur Kapelle. Jetzt wird geheiratet.

Margret und Rey marschieren zu einem Lied vom CD-Player ein, Pfarrer John hält eine ergreifende Rede (obwohl er sie wohl schon mehrere tausend Mal gehalten hat), Rey und Margret schwören sich ewige Liebe, „kann ich einen kleinen Kuss haben?“, fragt der Pfarrer – klar, kann er haben. Die Besucher (Charolette Richards, ein befreundetes Ehepaar von Margret und Rey und der Pudel) klatschen begeistert, fünf Minuten sind vorüber, CD-Player wieder an, Ausmarsch Margret und Rey.

Am Ausgang stellen sich die frisch auf die Ehe Eingeschworenen für ein Foto auf, Richards wackelt zu ihnen, drückt ihnen ein Küsschen auf die Wange und das Rezept für die gelungene Ehe in die Hand. Richards wischt sich die Tränen weg.


„Entschuldigung! Ich kann einfach nicht anders, ich muss jedes Mal weinen. Dafür habe ich die Kapelle eröffnet – für die Liebe.“
Charolette Richards

Und, damit das nicht in Vergessenheit gerät: für das Geld. Sechs Monate brauchte Richards in den Sechzigern, um das geliehene Geld zurückzuzahlen. Sie aß und schlief in der Kapelle, verheiratete fünfzig Paare am Tag, kaufte Land an und fügte eine zweite Kapelle hinzu, dann einen Blumenladen. Las Vegas wuchs von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, in der Wüste wuchs eine Stadt des schnellen Glücks – und was passte besser als Hochzeiten im Fünf-Minuten-Takt? Eine Kapelle nach der anderen eröffnete, bald waren es mehr als 70, die den Umsatz, der mit Hochzeiten in Las Vegas gemacht wurde, auf 3,5 Milliarden Dollar im Jahr klettern ließen.

Und wer profitierte am meisten? Charolette Richards. Niemand konnte mit ihrer Kraft und ihrem Charme und ihren Ideen mithalten. Erst hing sie einen Holz-Elvis an den Eingang, dann kamen die Promis: Sinatra, Willis, Jordan, Stallone, Britney Spears (sie blieb ganze 55 Stunden verheiratet, wofür Richards aber als Allerletzte etwas konnte). 800000 Hochzeiten. Sie richtete einen Tunnel ein, unter Sternen und dem Mond und Engeln konnten sich Paare jetzt gleich im Auto trauen lassen. Sie entwarf ein Spezial nach dem anderen, zum Beispiel: das Michael-Jordan-Spezial (540 Dollar), die Hummer-Experience (620 Dollar), das Aloha-Spezial (595 Dollar). Sie war die unumstrittene Hochzeitskönigin von Las Vegas. Sie war.

Viele Innovationen wie ein Tunnel haben Hochzeiten am Fließband ermöglicht.
Viele Innovationen wie ein Tunnel haben Hochzeiten am Fließband ermöglicht. Foto: Laura Kleinherz


III.

Und nun?

Richards verlässt die Kapelle, durch den Drive-in-Tunnel geht sie zu ihrem Büro. Unter dem Tunnel steht ein pinker Cadillac, früher, sagt Richards, früher war das das Highlight, da wollten alle im Cadillac heiraten. Der Blumenladen gegenüber des Tunnels ist geschlossen, früher, sagt Richards, früher wollte jeder großartige Blumen haben.

Richards ist 86 Jahre alt. Sie ist mit dem Hochzeitsgeschäft gewachsen, Las Vegas wurde die Hochzeits-Hauptstadt der Welt, Charolette Richards eine reiche Frau. Doch das Hochzeitsgeschäft in Las Vegas stottert seit Jahren, seit 2004 hat sich die Anzahl der durchgeführten Hochzeiten fast halbiert, der Umsatz ist um mindestens eine Milliarde zurückgegangen. Millennials fehlt das Geld oder der Wunsch, sich so zu vermählen.

Richards öffnet die Tür zu ihrem Büro, die Klimaanlage dröhnt, sie setzt sich in einen schwarzen Ledersessel. Wie die Lage insgesamt so sei? Phantastisch, sagt Richards, 150 Hochzeiten habe sie allein am Samstag, stimme doch, ruft sie ihrer Angestellten, die am Computer arbeitet, zu. Ja, sagt die Angestellte, das wird eine Riesensache. Was bleibt ihr denn auch anderes übrig.

Richards hat zu kämpfen mit Billiganbietern. Ihre letzte Idee, die andere kopierten? Sie überlegt eine Weile, dann fällt ihr nichts ein. Richards hat ein Leben lang gearbeitet, nie ist sie in den Urlaub gefahren, jeden Tag war sie in der Kapelle. Muss sie jetzt dabei zuschauen, wie ihr Lebenswerk den Bach runtergeht?

2019 hat sie versucht, ihre Kapelle zu verkaufen. Einige Wochen lang sah es so aus, als wollte jemand zuschlagen, aber der bot dann nur sechs statt zwölf Millionen. Lächeln und Weinen auf Knopfdruck ist das eine, aber damit überlebt man nicht in Las Vegas, man überlebt mit Härte und Willen und Rücksichtslosigkeit. Vor einigen Jahren wurde bekannt, dass Richards ihre Angestellten mit Kameras überwacht hatte. Daraufhin schaltete sie sie ab.

Die Kapelle ist immer noch zu kaufen. Aber keiner möchte sie haben. „Ich warte auf Angebote“, sagt Richards. „Aber ich weiß nicht, wie ich das aushalten soll, wenn ich wirklich verkaufe. Wahrscheinlich müsste ich mir in den Vertrag schreiben lassen, dass ich die Kapelle jeden Tag besuchen darf. Sie ist doch mein Leben.“

Ihr Handy klingelt, eine Altenpflegerin ist am anderen Ende. Richards’ Schwester, die in Oregon in einem Altenheim lebt, gehe es gar nicht gut. Richards hat sie seit Monaten nicht besucht, keine Zeit, sagt sie. Die Altenpflegerin möchte Richards unauffällig dazu bewegen, nach Oregon zu kommen, um ihre Schwester zu besuchen. Richards lehnt weniger unauffällig ab. Sagen Sie ihr nette Grüße, sagt sie, auch vom Pudel, den mag sie besonders gern. Dann legt sie auf. Sie hat zu tun.


Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 05.06.2020 12:57 Uhr