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Fotos Dominik Gierke, Sammlungen Christoph Kappes und Peter Wenzig

Die Perlen des Untergangs

Von CHRISTOPH KAPPES
Fotos Dominik Gierke, Sammlungen Christoph Kappes und Peter Wenzig

3. Oktober 2022 · Vor 50 Jahren brachten Technik-Pioniere die ersten LED-Armbanduhren auf den Markt. Die Geschichte der vollelektronischen Armbanduhren voller Ideen und Pleiten.

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m Jahr 1972 wird Geschichte in Amerika geschrieben: Die Hamilton Corporation bringt die Pulsar P1 auf den Markt, eine Uhr mit LED-Anzeige, einem kleinen Computerboard und als Taktgeber einem Quarz – ein Luxusprodukt in Kissenform aus Gold. Der Presse wurde sie schon 1970 vorgestellt, ein halbes Jahr nach Verkaufsbeginn der Seiko Astron, sodass beide Entwicklungen fast gleichzeitig wirken. LED-Displays dieser Zeit verbrauchen viel Strom und haben eine geplante Batterielaufzeit von vier bis sechs Monaten, weil sie nur auf Knopfdruck leuchten und dann die Helligkeit mit einem Sensor herabgeregelt wird.

Die Werthaltigen

Von vielen Digitaluhren der ersten Stunde sind viele nur in Kleinstauflage erschienen, heute nicht mehr funktionsfähig, oft sind Ersatzteile schwer erhältlich. Das betrifft vor allem die allerersten, beispielsweise die Hamilton Pulsar. Von deren 450er-Auflage soll es heute noch etwa 25 Stück geben, die Besitzer sind in einem feinen Klub organisiert. Andere aus den ersten Jahren, wie die Seiko O614, werden nur mit defektem Display gehandelt. Viele Exotenmarken wurden unerkannt vernichtet. Manche Hersteller, wie Ragen/Riehl oder Sinclair, hatten oft Konstruktionsfehler. Alle Modelle betrifft: Batterien laufen aus, Gummidichtungen lösen sich auf, LCD-Panels werden undicht und fleckig.

Was ist nun die typische Sammleruhr? Es gibt keinen Sammlerklub und keine Statistiken.

Wir haben daher nach bestem Wissen hier einige Modelle zusammengestellt, die Sammlerkriterien am ehesten erfüllen: Markenprodukte, die robust, halbwegs reparabel und werthaltig sind. Andere Uhren wechseln im Extremfall auch für 20 000 Euro den Eigentümer, wenn es sehr seltene Stücke sind (etwa eine schwarze Braun DW 30). Einen „Markt“ kann man das aber aufgrund der persönlichen Vorlieben Einzelner kaum nennen. Mehr unproblematischen Tragespaß hat man eventuell mit anderen Uhren wie einer Bulova Driver oder einer Seiko oder Casio ab 1975, die es mit Gebrauchsspuren für ein paar Hundert Euro auf Ebay gibt. Hier ist allerdings Vorsicht geboten, einige Bastler flicken Uhren notdürftig zusammen (defekte Lötstellen, Pfuscher-Polierungen), tauschen Module durch Nachbauten aus, betrügen mit falschen Schachteln oder verschweigen LED-Segmentfehler. In der Tat kann es passieren, dass eine Uhr durch den Transport schon ihr Leben aushaucht. Wer sich das nicht zumuten will, greift zu Repliken oder Neuauflagen, ganz solide und empfehlenswert die von Hamilton, Casio und Bulova. Wahre Sammler meiden jedoch diese Uhren, weil ihnen die Aura fehlt und die Module Cent-Produkte sind.

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Von allen Omega-Uhren sticht die „Time Computer“ ab 1973 wegen der Verarbeitung und des Designs hervor. Die TC1 dürfte die erste serienreife Digitaluhr in Europa sein, ihr Innenleben stammt jedoch von Pulsar und das Gehäuse vom selben Zulieferer. Alle Omega-Modelle sind Sammlerstücke.

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Die Heuer Chronosplit LCD/LED war die erste vollelektronische Armbanduhr der Welt mit Chronographenfunktion. Die Stoppanzeige musste noch über ein LED-Display angezeigt werden, da die verfügbaren LCD-Panels zu träge reagierten. Viele Rennfahrer, etwa Niki Lauda, stiegen 1976/77 auf solche Uhren um.

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Diese Girard-Perregaux von 1976 steht in besonderer Weise für den Aufbruchsgeist des „Space Age“ der 1970er. Von ihren Fans liebevoll „Casquette“ genannt („Mütze“), hat sie ein futuristisches Design und eine Hochkant-Anzeige („Driver“). Besonders gilt das für diese anthrazitfarbene Version aus dem damals neuen Polycarbonat Makrolon, mit Glasfaser, einem besonders leichten und kratzfesten Material.

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Die Hewlett-Packard LED Calculator HP-01 von 1977 ist zwar nicht die erste Uhr mit Taschenrechner (das ist die Pulsar Calculator Watch), aber die markanteste. 38 000 Transistoren, 40 Funktionen. Rechenfunktionen zu bedienen nur mit einem Stift, daher sind heute Tasten selten in bestem Zustand. Mit der Taste „21“ kann man ein Jahr im 21. Jahrhundert einstellen.

Die Geschichte der LED-Uhren wird noch im selben Jahrzehnt in einem ökonomischen Desaster enden, denn das stromsparendere und ständig ablesbare LC-Display setzt sich durch. Dann beträgt die kalkulatorische Batterielaufzeit 15 Monate statt bisher vier. Doch die soziale Praxis macht durch beide Berechnungen einen Strich. Weil sich LCD-Käufer den Wechselrhythmus besser merken konnten, riet man ihnen zum jährlichen Wechsel. Und auch LED-Käufer hatten öfter als geplant die Batterie zu wechseln, denn sie mussten ständig auf den Knopf drücken, um ihr Umfeld vom Funktionieren der Uhr zu überzeugen. Zum Vergleich: Heutige Batterielebensdauern bei LCD-Uhren liegen bei drei bis fünf Jahren, mitunter auch weit mehr.

Überraschenderweise kommen LCD-Armbanduhren 1972 und damit einige Monate nach LED-Uhren in den Markt, wenn auch nur in kleinsten Auflagen. Hersteller sind die amerikanischen Unternehmen Optel und Microma. Mit der Intel-Tochter Microma haben somit der heutige PC und Digitaluhren eine Wurzel gemeinsam, die Intel-Gründer sahen allerdings den Microma-Chip damals schon oft kopiert und trennten sich bald von der Herstellung. Diese Uhren verwenden noch eine Vorform heutiger LC-Displays, die schon 1968 erfundenen Dynamic-Scattering-Displays. Beide Hersteller haben mit dem traditionellen Uhrenmarkt keine Berührung, sie sind Elektronikproduzenten und Chiphersteller. In Basel entwickelt währenddessen der Physiker Martin Schadt bei Roche das Flüssigkristalldisplay so weiter, wie wir es heute kennen. Die Serienproduktion von LCDs dauert noch ein bisschen, und so entsteht der Eindruck, die LED sei weit vorher da. Zudem erkennt man bei Roche das Potential nicht und vergibt Lizenzen nicht nur an Schweizer Produzenten, die ihr Werk schon 1974 wegen wiederum zögerlicher schweizerischer Uhrmacher schließen müssen, sondern auch an japanische Hersteller wie Seiko. Später wird man sich damit trösten, dass das Lizenzgeschäft immerhin kein Verlustgeschäft war.

Die Technologie-Brecher

In den Siebzigerjahren haben viele Uhren innovative Elemente, die erste Uhr mit Datum, mit Chronograph, mit Solarstrom und so weiter. Auch gibt es Grundlagentechnologien wie das Field-Effect Liquid Crystal von Roche aus Basel. Hier zeigen wir jedoch eine Auswahl von Uhren, die das Neue bahnbrechend vereinigen.

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Die BWC Swiss „Liquid Crystal Quartz“, falls dies überhaupt ein Modellname und nicht eine Gattungsbezeichnung sein sollte, ist nicht nur die erste LCD-Armbanduhr der Welt, sie kam auch knapp ein Jahr nach der Pulsar P1 als erster LED-Uhr in den Markt. Bedenkt man, dass alle P1-Module zurückgerufen werden mussten, gehört der BWC ein Ehrenplatz in der Innovatorenreihe. Einziger Haken: Dieser Display-Typ war noch nicht perfekt, das geschah erst bei Roche/Seiko.

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Texas Instruments erfand 1978 mit der „Starburst“ die erste analoge Uhr ohne bewegliche Teile, also den „digitalen Zeiger“. Das Prinzip wurde von Casio, Seiko, Citizen und anderen übernommen.

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Die Hamilton „Pulsar“ gilt heute als die erste LED-Armbanduhr der Welt. Sie war Weihnachten 1971 bestellbar und wurde von März 1972 an ausgeliefert. Die Herstellung erfolgte als Joint Venture mit Electro/Data, einem Chiphersteller. Die Uhr hat 25 integrierte Schaltkreise. Die Marke Pulsar ging nach dem Niedergang der LED-Uhren an das Unternehmen Seiko, das die Marke dann für Billiguhren nutzte.

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Die Seiko Quartz LC 06LC kam im Herbst 1973 in den japanischen Markt und war die erste serienmäßige digitale Armbanduhr der Welt mit einem modernen LC-Display. Die Displaytechnik wurde in Basel bei Hoffmann-La Roche erfunden, Seiko erwarb eine Lizenz.

In den Jahren bis 1975 kommen immer mehr LED-Uhren auf den Markt. Traditionsmarken wie Waltham, Gruen, Benrus und Bulova – zwei davon übrigens von Gründern mit deutsch-schweizerischen Bezügen – starten, aber auch etablierte Luxusuhren-Hersteller wie Omega, Longines, Heuer, Breitling, Wittnauer oder Juweliere wie Tiffany. Die Luxusmarken bringen jeweils hochwertige Produkte auf den Markt, die heute noch gern gesammelt werden. Tiffany’s schaltet ganzseitige Anzeigen für Uhrenmarken, die Pulsar wird von Gerald Ford und Leonid Breschnew getragen, aber auch Autokraten wie Haile Selassie von Äthiopien und der Schah von Persien Pahlawi lassen sich mit ihrer Pulsar sehen. Promis wie Jerry Lewis tragen sie, Lieutenant Kojak und James Bond präsentieren sie im Film. Kein Wunder, kostet eine Uhr wie die Pulsar oder eine Omega doch rund 2000 Dollar, etwas mehr als eine Rolex und in heutiger Kaufkraft ein Kleinwagen.

In der Folge sinken die Preise schon Mitte der Siebzigerjahre durch technischen Fortschritt. Es wird schrittweise das Innenleben kompakter und die Fertigung vereinfacht. Ähnlich wie in der heutigen PC-Industrie steckte als „Uhrwerk“ zunehmend ein Chip von National Semiconductor, Hughes Aircraft oder Fairchild in den Uhren, während in Europa nur Girard-Perregaux, Heuer und ESA selbst produzierten. Mit diesen Modul-Innenleben erschienen Hunderte von Modellen vieler heute unbekannter Marken, und es ist selbst für Experten heute nicht immer klar, wer wessen Bauteile verbaute oder nur ein Fremdprodukt mit der eigenen Marke versah. So ergab sich der erste Preisverfall, bei Omega sanken die 2000-Mark-Modelle auf 700. Wieder andere, wie Texas Instruments und Fairchild, verbauten ihre Chips in Uhren der eigenen Marke – der „Mittelmann“ der Wertkette entfiel. Am Ende der Produktoptimierung hatten die Uhren nur noch fünf Bauteile. So konnte vor allem Texas Instruments 1976 die Preise massiv auf 20 Dollar senken, und 1978 hingen Uhren von Commodore für 8 Dollar in Blisterverpackungen an Ständern der Supermärkte. Während Pulsar über alle Produktionsjahre rund 500 000 Uhren verkaufte, erreichte der Jahresausstoß aller Hersteller bis 1978 mehr als 50 Millionen Stück. Da diese Uhren die Zeit nicht schlechter anzeigten als diejenigen mit Goldgehäuse, war das Luxusgut Digitaluhr Geschichte. Das Ende des Preisverfalls wird erreicht, als die Produktion von Japan nach Taiwan, Korea und den Philippinen wandert, die globale LCD-Produktion findet heute in China statt. Ein gutes Beispiel für eine „Fast watch“-Entwicklung ist wohl Timex (inspiriert durch Time plus Kleenex) mit recht anspruchslosen Auftragsproduktionen bei hoher Markenbildung, der wohl einzige amerikanische Modulhersteller, der die Krise halbwegs überlebte.

Die Designer

Während die allerersten Uhren noch recht schlicht „ingenieurmäßig“ sind und Luxushersteller den Luxus einfach fortsetzten (Goldgehäuse, Saphirglas, Edelsteine, feinstes Armband), widmen sich sehr bald Designer der Digitaluhr und geben ihr eine zeitgemäße Prägung. Viele Uhren sind „schön“, diese drei stechen aber vom Gestaltungswillen heraus wie auch die Braun DW 30.

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Roger Tallon, einer der führenden Industriedesigner Frankreichs, designte mehrere Digitaluhren der Serie „Mach 2000“ für Lip, 1974. Dieses Modell fanden wir am schönsten.

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Der Sportwagenhersteller Lancia ließ vom Designer Bertone nicht nur den Lancia Stratos, sondern auch diese Uhr designen. Sie war 1975 eine Zugabe für jeden der knapp 500 Autokäufer. Die Uhr wurde von Buler in der Schweiz hergestellt und in Deutschland auch von Dugena vermarktet. Das „Uhrwerk“ stammt allerdings von National Semiconductor, USA.

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Die Bulova Computron 229 Driver von 1976 besticht durch die autofahrerfreundliche Display-Stellung und markante Formgebung. Es gab sie auch in Silber und verschiedenen Gehäuseoberflächen-Strukturen, Preise damals zwischen 140 und 180 Dollar.

Die Geschichte der Digitaluhr lässt sich jedoch nicht nur als Verfallsgeschichte erzählen, sondern auch als eine von Demokratisierung und Disruption. Demokratisierung insofern, als dass nun japanische Hersteller mit ihrer Produktion günstiger Digitaluhren mit LC-Display noch mehr Fahrt aufnahmen. Seiko – bereits 1881 als Präzisionshaus (Seikō Sha) gegründet – brachte 1973 die erste LCD-Uhr auf den lokalen Markt, die O614. Ihr Nachfolgemodell wird wegen des gelben Filters unter dem Uhrglas Lemonface genannt. Casio legte Ende 1974 nach, und es entstanden in den Folgejahren Dutzende weiterer Modelle. Zu den bedeutenderen Herstellern zählte auch Citizen, und vereinzelt spielten auch Sanyo und Samsung eine Rolle. Man sagt, die japanischen Hersteller hätten sich von vornherein auf einen Massenmarkt fokussiert und daher die Produktionsweise optimiert. Es ist aber keineswegs schlechte Qualität, die dort entstand. Vielmehr sind die Uhren gut verarbeitet und gestalterisch schnörkellos. Bedenkt man, was in den Doxa gern unterschlagen wird, dass von der berühmten amerikanischen P1 1972 fast alle 450 Module der ersten Serie ausgetauscht werden mussten, ist ein japanischer LCD-Start 1973 in solider Massenproduktion gar nicht so schlecht.

Auch funktional haben die Japaner die Nase vorn, bevor ihre Uhren dann in den Achtzigerjahren eher zu Konsum-Pop mit Featuritis und bunten Farben werden. Dieser moderne Geist von erschwinglichen LCD-Uhren zieht auch heute viele Sammler an, die sich an Schlichtheit oder Features erfreuen, und etliche Modelle, vor allem der Achtziger, haben Kultstatus. So, wie die Uhrenlandschaft unübersichtlich und zerklüftet ist, ist es auch die Sammlerszene, sehr viel stärker als bei Luxusuhren. Niemand weiß so recht, wie viele der allerersten Uhren es noch gibt – man warf solche Produkte in den Achtzigern auch weg –, wie viele noch funktionieren, wer sie hat und was sie kosten. Sammler sind untereinander kaum organisiert, vom sagenumwobenen Pulsar-P1-Klub abgesehen, über den man nur erfährt, wenn man eine hat. Während Medienhäuser farbige Qualitätsumfelder für Luxuswerbung entwickeln, existiert bei historischen Digitaluhren nicht mal ein Fachheftchen. Informationen im Internet sind fast immer Hobbyprojekte von Sammlern, unvollständig, oft verwaist. Bücher sind zumeist vergriffen. Die Kommunikation in den Foren wirkt wie ein Vorläufer von Instagram: Man postet seine Uhrenfotos und lässt sich beglückwünschen. Der Rest schreibt über Poliertechniken, sucht alte Manuale und preist „eine Schöne“ mit wenigen Kratzern an. Weitere Hürden zeigen sich beim Sammeln selbst: Man muss zum Beispiel Batterien wechseln und kann dabei die Uhr ruinieren, ein Stoß beim Spazierenführen kann wochenlange Übellaunigkeit zur Folge haben: Nachkaufen geht nicht, Ersatzteile sind rar, und die Reparatur ist eine Kunst, die in Deutschland sehr wenige beherrschen.

Die Deutschen

Digitaluhren von Weltrang hat Deutschland nie produziert. Zum einen ist jedoch erwähnenswert, dass es in der Frühzeit heute fast vergessene Hersteller wie Cristalonic oder Arctos gab, deren Vertriebskanäle oder Modulproduktion nicht mit Amerika oder Japan mithalten konnten. Besonders erwähnenswert sind auch zwei Designlinien: zunächst natürlich Braun mit zwei Modellen (hier zeigen wir die DW 30), aber auch Junghans mit eigenwilliger Gestaltung. Der Rest sind Massenmarken wie MBO und Meister Anker.

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Junghans stellte mehrere Modelle her, am markantesten ist das Caliber 613, von 1976 an in den Farben Silber, Gold und Schwarz erhältlich.

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Die DW 30, gestaltet von Dietrich Lubs und Dieter Rams, kam in Silber 1978 auf den Markt. Eine schwarze Gehäusevariante in 200er-Auflage kam nie in den Handel und gilt Sammlern als ein „Holy Grail“.

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Heute vergessen ist das Modell LCQ575, das in einem Konsortium mehrerer Hersteller entwickelt wurde, darunter Arctos aus der Uhrmacher-Stadt Pforzheim. Der Quarz und der Chip sind allerdings Zulieferungen von amerikanischen Herstellern. Die LCQ575 wurde 1974 auf der Basler Uhrenmesse präsentiert.

Die disruptive Seite der Geschichte digitaler Uhren hat auch mit ökonomischen Entwicklungen zu tun, die für ein Strategielehrbuch taugen. Pulsar – die sich offiziell „Erfinder der digitalen elektronischen Uhr“ nennen können, obwohl in dieser Zeit viele Fortschritte zusammenfielen – schreibt ab 1976 massive Verluste und geht als Marke 1978 an Seiko. Hewlett Packard, immerhin einer der erlauchten Modulhersteller, hat mit der HP-01 zwar nach übereinstimmender Sammlermeinung die hochwertigste Uhr hergestellt, sie ist aber ein One-Trick-Pony in einem neuen Markt. HP hat nicht nur keine Ahnung vom herkömmlichen Uhrmarkt – das haben sie mit den anderen Disrupteuren gemein –, sondern auch keine Vertriebsstruktur. Folglich müssen sie ihr Luxusprodukt vom Markt nehmen, von 12 000 Exemplaren werden die meisten an Mitarbeiter günstig abgegeben.

Die Zenith Corporation, damals ein Hersteller von Radios und später auch TV-Geräten und Computern, stiftet bis heute unter Sammlern Verwirrung. Denn sie kauft die gleichnamige Schweizer Edeluhrenmarke, die sodann zwei LED-Modelle auf den Markt bringt – und Zenith Corporation verkauft anschließend die Uhrentochter wieder, alles vermutlich wegen eines Markenkonflikts. Auch unter Spezialisten gern übersehen wird, dass Omega (Schweiz) eigentlich die richtige Strategie hatte: Sie beteiligten sich an Microma und erhielten so Module für ihre „Schweizer Uhren“. SSIH, die Mutter von Omega, kaufte 1974 die Marke Hamilton. Doch beides war wegen des rasanten Preisverfalls zu spät.

Die „Schrägen“

Pionierjahre bringen oft Skurrilitäten hervor. Manche Uhr ist schwer bedienbar, es gab noch keine Gewohnheiten, manche zeigt eine technische Sackgasse, manche wollen zu viel. Hier einige Beispiele. In den Achtzigerjahren brach dann vor allem unter den japanischen Herstellern eine „Featuritis“ aus: etwa TV-Empfänger, Temperaturmesser, Drum-Machines und Spiele.

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Die Pulsar „Greenie“ von 1977 ist ein Jahr vor der Insolvenz der letzte Versuch des Herstellers Pulsar, noch eine Wende herbeizuführen. Es gibt nur wenige Uhrenmodelle mit grünen LEDs, weil zu dieser Zeit schon die industrielle LCD-Produktion den Markt dominiert und die Preise verfallen.

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Die Synchronar 2100 wurde 1972 von Roger William Riehl herausgebracht, der die Entwicklung später auch für die Firma Ragen fortsetzte. Die Uhr hat einen Kalender bis 2100 und ist innen mit einem Gel vergossen, sodass sie wasserdicht ist und hitzebeständig. Den Akku für den Solarzellenbetrieb zu versiegeln war allerdings eine zweifelhafte Idee: Viele dieser Uhren mussten irgendwann aufgeschnitten werden, um den Akku zu wechseln. Riehl tüftelte bis zu seinem Tod 2005 an der Modellserie weiter, die Uhr hat mitunter schwere Konstruktionsmängel, zum Beispiel ist bisweilen ein Relaisschalter ohne Funktion.

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Die „Black Watch“ von Sinclair – Produzent des gleichnamigen ZX Spectrum – erschien 1975 als Billiguhr für 25 Pfund und war für 18 Pfund sogar als Bausatz erhältlich. Die Uhr hat die Ingenieurqualität eines Überraschungseis und war ein technisches Desaster, man verzichtete auf „teure“ Schalter, und es hielten Batterien nur kurze Zeit. Sinclair machte dadurch Verluste und wurde vom Staat gerettet.

Rolex reitet spät los, nachdem es schon das Rennen gegen Seiko um die Quarzuhr verloren hat, und vergaloppiert sich dann mit einer Uhr mit LED-Zeigern, um schließlich den Mantel des Schweigens über das Pilotprojekt zu hüllen. Der umtriebige britische Elektroniktüftler und stolze Unternehmer Sir Clive Sinclair liefert 1975 die Black Watch aus, eine Billiguhr in Überraschungseier-Qualität, deren Funktionieren eher zufällig ist, und muss dann 1976 ausgerechnet mit Staatsgeld über den National Enterprise Board mit einer Beteiligung gerettet werden. Girard-Perregaux versucht sich noch an einer LCD-Version der „Mütze“, setzt diese aber ab. Der letzte amerikanische Modulhersteller gibt 1983 auf, nachdem seine Konkurrenz bereits 1974 Produktionsstätten auf amerikanischem Boden nie in Betrieb nahm und gleich in Asien assemblieren ließ. Am Ende ist die Produktion in China, Malaysia, Südkorea oder Singapur – und die Technik für Fernseher, Monitore und Smartphones auf Basis moderner OLED- oder LCD-Technik ist heute ein 100-Milliarden-Dollar-Markt.

Die Unternehmen, die erklärtermaßen die Schweizer und die japanische Uhrenindustrie angreifen wollten, haben vor allem die amerikanische Uhrenindustrie getroffen. Immerhin hat man nun die Wahl: Milliarden Menschen können sich eine Uhr leisten, die hundertmal präziser ist, als eine mechanische Uhr jemals war. Einige wenige können Luxusuhren kaufen und vererben. Und wieder andere verschwenden Liebe und Lebenszeit in Recherchen über alte Digitaluhren.

Die Geschichte vor der Geschichte

Bevor die Geschichte dessen anfängt, was wir heute „digitale Armbanduhren“ nennen, revolutioniert Seiko nach zehnjähriger Entwicklungszeit 1969 die Uhrenbranche mit der ersten seriengefertigten elektronischen Armbanduhr mit Quarzuhrwerk, der Seiko Astron – und somit mit Zeiger. Auf der Straße ist von dieser Miniaturisierungsrevolution – die erste Quarzuhr überhaupt entwickelten die Bell Labs 1927 in Schrankgröße – nichts zu sehen. Die Astron erschien als Kleinstauflage von 100 Stück zum Preis eines Mittelklasseautos. Dennoch hatte Seiko den Wettlauf gegen ein Schweizer Konsortium gewonnen. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem die Schweizer 1970 ebenfalls ein Quarzuhrwerk vorstellen, finden zwei Ereignisse statt, welche die nächste Uhrengenerationen einleiten: Die erste LED-Uhr wird von Hamilton unter der Marke Pulsar in Amerika als Prototyp gezeigt, und bei Roche in der Schweiz wird das heute gängige LC-Display erfunden.

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 03.10.2022 15:13 Uhr