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Münchens grünstes Dorf

Text von HENRIK RAMPE
Fotos von FINN WINKLER

13. April 2022 · Anfangs als Betonwüste und Geisterstadt verschrien, zählt das Olympiadorf fünfzig Jahre später zu den zu den gefragtesten Wohnquartieren der Stadt. Doch ohne Beziehungen läuft hier nichts.

Vom zwanzigsten Stock aus reicht der Blick an Sonnen­tagen bis zu den schneebedeckten Gipfeln der Alpen. An schlechten Ta­gen tröstet der Blick auf den grünen Olympiahügel direkt vor der Haustür. Mit der U-Bahn sind es fünfzehn Minuten bis zum Marienplatz. Von au­ßen mag der hoch aufgeschossene Béton Brut abschrecken, doch von ganz oben, von den Penthouse-Fenstern der Hochhäuser, werden die Vorzüge sichtbar.

Als „Musterstadt der Moderne“ entworfen, ist das Olympiadorf heute ein Vorzeigequartier: grün, autofrei und fa­milienfreundlich. Fünfzig Jahre nachdem die Sportler die Wohnanlagen verlassen haben, leben nun rund 8000 Menschen im Quartier. Die Bewerberlisten auf eine Wohnung im Dorf sind lang.

Dabei war der Start holprig. Das Olympiadorf war ein architektonisches Wagnis, entstanden unter größtem Zeitdruck so­wie den Augen der Weltöffentlichkeit. In­nerhalb von fünf Monaten musste nicht nur der städtebauliche Entwurf stehen, sondern es mussten auch rund siebzig verschiedene Grundrisse für sieben Wohnhaustypen entwickelt werden. Das Stuttgarter Architektenbüro Heinle, Wischer und Partner gestaltete das Wohnviertel, das als Teil des Ensembles „Olympiapark“ seit 1998 unter Denkmalschutz steht.

Blick über das Olympische Dorf in München
Blick über das Olympische Dorf in München

Schon in der Planungsphase war vorgesehen, die Wohnungen der Sportler nach dem olympischen Spektakel in eine nachhaltige Stadt zu verwandeln. Heute bietet die Planstadt unter anderem Einzimmer-Apartments in Terrassenhäusern, eingeschossige Atrium-Reihenhäuser mit Garten, Hochhauswohnungen und bunt bemalte Bungalows im Studentendorf.

Das Gemeinschaftsgefühl eines Dorfes mit dem kulturellen Angebot einer Stadt zusammenführen – so lautete das visionäre Ziel der Stadtplaner Ende der Sechzigerjahre. Doch der Plan scheiterte anfangs grandios. München fremdelte mit der Retortenstadt, viele Wohnungen blieben nach den Olympischen Spielen 1972 leer. In den Anfangstagen schlich der Hausmeister durch die verlassenen Wohnungen und knipste dort Licht an, damit es wenigstens ein wenig nach Le­ben aussah, wo kein Leben war. Heute gibt es auf dem 300 Hektar großen Areal eine Schule, ein Kino, ein Ärztehaus so­wie eine große Auswahl an Supermärkten, Bäckereien, Restaurants, Friseuren und Nagelstudios. Das Olympiadorf ist beliebter denn je. Sechs Bewohner er­zählen, warum. 


Die Ureinwohner

Am Anfang war der Beton, und der schreckte ab. Doch Christa Epe und Ludger Korintenberg haben in der Modellstadt immer schon mehr gesehen als die Betonfassaden. Im Frühjahr 1975 sind die beiden mit ihren Familien in die zweigeschossigen Reihenhäuser im Olympiadorf gezogen. Sie sind Nachbarn, seit fast fünf Jahrzehnten trennt sie nur eine 40 Zentimeter dicke Wand. Sie wollten nie wegziehen und sind es auch nie. Als „Ureinwohner“ bezeichnet sich der 86 Jahre alte Korinthenberg. Er ist für ein gemein­sames Gespräch ins Nachbarhaus gekommen, wie so oft in all den Jahren. Epe und Korintenberg waren jahrelang im Vorstand der Interessengemeinschaft der Ein­wohner des Olympiadorfs. Gemeinsam überlegten sie, wie sie Ladengeschäfte attraktiver machen könnten. Zur Jahrtausendwende stemmten sie sich erfolgreich gegen den FC Bayern München, der mit dem Gedanken spielte, ihnen sein neues Stadion direkt vor die Nase zu setzen. Die 79 Jahre alte Epe geht immer noch mit der Stimme hoch, voller Entrüstung über die Pläne.

Christa Epe und Ludger Korintenberg wohnen seit fast fünfzig Jahren Tür an Tür
Christa Epe und Ludger Korintenberg wohnen seit fast fünfzig Jahren Tür an Tür

Die Anfangsjahre waren einsam, weil das Olympiadorf erst von einer Gebäudeformation zur urbanen Dorfgemeinschaft wachsen musste. Im ersten Jahr nach den Spielen waren nur rund 800 der 3000 Häuser und Wohnungen verkauft. Viele Münchner fremdelten zunächst mit dem Gedanken, in einer leblosen Modellstadt zu wohnen. Die Wirtschaftskrise Anfang der Siebzigerjahre machte sich auch in der Bauwirtschaft bemerkbar. Um dem Leerstand entgegenzuwirken, lockte die Stadt München mit günstigen Darlehen. Mit Erfolg. Fünf Jahre nach den Sommerspielen waren nahezu alle Häuser, Bungalows und Wohnungen verkauft. Vor den „Ur­einwohnern“ Epe und Korintenberg wohnten die Olympioniken des karibischen Inselstaats Barbados in den Häusern – eine dreizehnköpfige Delegation, die ohne Medaille abreiste, oft in den Vorläufen scheiterte und entsprechend viel Langweile hatte. Auf der Terrassenwand von Korintenberg ist ein Relikt dieser Zeit zu bestaunen. Eine Bleistiftzeichnung auf Beton, darauf eine „nackerte Da­me mit breiten Hüften und großem Bu­sen“, wie er sie beschreibt. Er hat Efeu darüber wachsen lassen. Viel mehr ist nicht geblieben vom olympischen Sommer. Epe hat ein gerahmtes Bild vom Fackellauf 1972 über ihrem Esstisch hängen. Während der Spiele war sie in den pe­ruanischen Anden. Korintenberg, Ar­chitekt und Leichtathletikfan, fieberte damals im Stadion mit. Über die Jahre verändern sich auch die Wohnansprüche. Ludger Korintenberg schiebt seine Frau nun im Rollstuhl durch das Dorf. Die Hügelformation mache das etwas müh­selig, aber zum Glück sei das Wohnquartier fast überall barrierefrei, sagt er.


Der Makler

Peter Pflug öffnet sein Mailfach und scrollt nach unten, sehr weit nach unten. „Das sind locker 300 Anfragen“, sagt er. 300 Menschen – Familien, Singles, Studenten, die alle auf eine Mietwohnung im Olympiadorf hoffen und jetzt auf der langen Warteliste von Pflug stehen. Er ist seit fünfundzwanzig Jahren Immobilienmakler im Dorf. Aktuell gibt es keine einzige leer stehende Wohnung. Die Eigentumsquote liegt bei schätzungsweise 70 Prozent, genaue Zahlen gibt es nicht. „Wer einmal hierherzieht, bleibt oft lange, sehr lange“, sagt Pflug. Und wenn mal ein Haustürschlüssel den Besitzer wechselt, dann häufig unter der Hand. Im Dorf funktioniert der Flurfunk. Das Olympiadorf mag zwar abgeschottet vom Straßenlärm liegen, von der Preisentwicklung kann sich das Dorf nicht abschotten. „Allein in den letzten zehn Jahren haben sich die Preise verdreifacht – in der In­nenstadt genauso wie im Dorf“, sagt Pflug.

Die Mietpreise liegen bei 20 Euro, die Kaufpreise bei 7000 bis 8000 Euro pro Quadratmeter. Besonders gefragt sind die oberen Etagen, Penthouse-Wohnungen, die sich teilweise über zwei Stockwerke erstrecken. Dabei ist der Zahn der Zeit den Gebäuden anzumerken. Abgeschreckt hat das bisher niemanden.

Eine Frau sitzt auf dem Olympiaberg in München. Im Hintergrund erhebt sich das Olympische Dorf.
Eine Frau sitzt auf dem Olympiaberg in München. Im Hintergrund erhebt sich das Olympische Dorf.


Die Studentin

Das Studentendorf ist auch heute noch eine Leistungsschau. In den kleinen Fensterluken der Bungalows, die nach draußen zeigen, haben Spirituosen ihre große Bühne: Riesling, Chardonnay, Gin, Asbach Uralt. Das Bungalow von Daniela López ist leicht zu erkennen. Zu dem persön­lichen Flaschenensemble hat die Stu­dentin der Elektrotechnik noch ihre Ukulele gestellt. Drei Jahre ist es her, dass die fünfundzwanzig Jahre alte Kolumbianerin für ein Auslandssemester nach München gekommen ist. Für Studenten aus dem Ausland hält das Studentenwerk ein festes Kontingent an Wohnheimplätzen bereit.

Insgesamt 1052 Bungalows stehen in den südlichen Ausläufern des Olympiadorfes. Sie sehen aus wie die Bungalows, die 1972 Teil des olympischen Frauendorfes waren. Doch die Würfelhäuser, die wirken wie große Legosteine, sind Neubauten, keine fünfzehn Jahre alt. Es ist der einzige Teil des Dorfes, in dem der marode gewordene Beton nicht aufwendig sa­niert und repariert, sondern plattgemacht wurde. Dächer und Fenster vieler Wohnungen waren undicht, an den Wänden war Schimmel, und die Fernwärme heizte nicht nur die Bungalows, sondern auch die Fußwege.

Die Studenten bemalen ihre Bungalows selbst
Die Studenten bemalen ihre Bungalows selbst

Seit 2009 steht das Dorf in der Stadt wieder. Der studentische Luxus: Jede zweigeschossige Maisonettewohnung hat eine eigene Dachterrasse. „Ein Raumwunder“, sagt López über ihr 18 Quadratmeter großes Zuhause. Auf der oberen Etage stehen Bett und Schreibtisch. Unten sind Kochzeile und Bad. Den Fassaden ihrer Bungalows dürfen die Bewohner einen eigenen Anstrich verpassen. Das farbenfrohe Ergebnis ist eine Mischung aus Kitsch und Kindheitserinnerung, Re­volutionsgeist, gepaart mit Gesellschaftssatire. Nelson Mandela lächelt von einer Hauswand, Pikachu aus dem gleichnamigen Videospiel ihm entgegen.

Für einzelne WG-Zimmer in dieser Größenordnung und Lage bewegt sich das Preisniveau in München zwischen 500 und 800 Euro. Das Studentenwerk vermietet die Bungalows für 330 Euro, was auch erklärt, warum Studenten zwei bis drei Jahre warten müssen, ehe ein Bungalow frei wird. Es gibt Oberstufenschüler, die sich Jahre vorher auf die Warteliste schreiben, in der Hoffnung, pünktlich zum Unistart einen Platz im Olympiadorf zu bekommen.

López will bis zum Ende ihres Studiums im Olympiadorf bleiben. Hier hat sie alles, was sie braucht, sagt sie. Auch für ihren Nebenjob muss sie das Dorf nicht verlassen. Einmal in der Woche arbeitet sie in der Bierstube. Unzufrieden ist die Studentin nur mit ihrer Hauswand, die ist immer noch grau. Im Sommer will sich López endlich die Zeit nehmen und zum Pinsel greifen: „Ich male irgendetwas, das mich an meine Heimat Kolumbien erinnert. Was genau, das muss ich mir noch in Ruhe überlegen.“


Der Architekt

Ein grünes Rohrsystem auf Stelzen leitet zum Haus, in dem 1972 die afghanischen Sportler eine Bleibe fanden. Im Olympiadorf helfen Farben bei der Orientierung: Orange markiert die Straßbergerstraße, Blau die Conollystraße und Grün die Na­distraße. Dort wohnt Thomas Jocher. Benannt ist die Nadistraße nach nach Nedo Nadi, einem italienischem Säbel- und Florettfechter, der mit achtzehn Jahren olympisches Gold gewann. Jochers Haus zählte zu denen, die anfangs schwer zu verkaufen waren. In der „Süddeutschen Zeitung“ schaltete die Wohnbau München Anzeigen, in der das dreigeschossige Wohnhaus angepriesen wird: „Das mitten im Grünen und doch in der Stadt Haus“, Kaufpreis ab 223 .500 DM. Heute werden für die Reihenhäuser Verkaufspreise von einer Millionen Euro aufgerufen.

Ein grünes Rohrsystem auf Stelzen leitet zum Haus, in dem 1972 die afghanischen Sportler eine Bleibe fanden. Im Olympiadorf helfen Farben bei der Orientierung: Orange markiert die Straßbergerstraße, Blau die Conollystraße und Grün die Na­distraße. Dort wohnt Thomas Jocher. Benannt ist die Nadistraße nach nach Nedo Nadi, einem italienischem Säbel- und Florettfechter, der mit achtzehn Jahren olympisches Gold gewann. Jochers Haus zählte zu denen, die anfangs schwer zu verkaufen waren. In der „Süddeutschen Zeitung“ schaltete die Wohnbau München Anzeigen, in der das dreigeschossige Wohnhaus angepriesen wird: „Das mitten im Grünen und doch in der Stadt Haus“, Kaufpreis ab 223 .500 DM. Heute werden für die Reihenhäuser Verkaufspreise von einer Millionen Euro aufgerufen.

Der 69 Jahre alte Jocher hat selbst schon Dutzende Besuchergruppen durch das Gelände geführt. Eine der häufigsten Fragen: Was steckt eigentlich in den Roh­ren, die offiziell Media Lines heißen: Gas? Wasser? Stromkabel? Die ernüchternde Antwort: „Da ist nichts drin, die Rohre sind innen hohl.“ Farbenfroh sollen sie durch ein verschlungenes Areal führen, alles sollte anders sein als 1936 in Berlin, bei den Olympischen Spielen der Nationalsozialisten.

Kinder spielen im leeren Nadisee im Olympischen Dorf in München.
Kinder spielen im leeren Nadisee im Olympischen Dorf in München.

Das Ensemble in der Parklandschaft ist ein Gegenentwurf zu den klassizistischen Monumentalbauten vergangener Tage. An den hochgeschossenen Betonbrutalismus schmiegt sich eine Parkan­lage mit eigenem See. Seit vierzig Jahren wohnt Jocher mit seiner Frau im Olympiadorf. Er gehört zu der großen Gruppe an Architekten im Areal. Es sind vor allem sie gewesen, die der viele Beton nicht ab­schreckte und die in der An­fangszeit die Fantasie aufbrachten, sich die kleinen, zarten Bäume auf dem Areal als grüne Schattenspender vorzustellen. Bei Jocher war es Liebe auf den zweiten Blick. Sein Architekturprofessor nahm ihn als jungen Studenten mit ins Olympiadorf: „Ich fand’s fürchterlich und wollte sofort wieder weg“, sagt Jocher. Er hat seine Meinung geändert.


Der Pfarrer

Ob er ein guter DJ ist, das kann Bernhard Götz nicht sagen. Aber er legt bei Gemeindefesten leidenschaftlich gern die Musik auf und mischt sich unter die Dorfbewohner. Ein Vierteljahrhundert schon ist der 65 Jahre alte Götz Pfarrer der evangelischen Olympiakirche und Bewohner des Olympiadorfs. Der Gemeinschaftssinn, das zeichne das Dorf aus, sagt er. Sein Ar­­beitsplatz sei da der beste Beleg. Im Dorfzentrum steht das erste ökumenische Zentrum in Bayern. „Sehr wahrscheinlich ist es auch das erste in Deutschland, vermutlich auch das erste der Welt“, sagt Götz. 1972, noch während der Olympischen Spiele, fand hier die erste Trauung statt. Seitdem gehen Katholiken und Protestanten durch denselben Haupteingang in die Kirche, die sich in zwei Flügel aufteilt. Das Kirchenzentrum fußt auf zwölf Säulen in Anlehnung an die zwölf Apostel. Ein Mero-System, ein Baukastenprinzip aus Stahlrohren, verleiht dem Gemeindezentrum einen Zeltcharakter. Statt unverrück­barer Betonwände gibt es mobile Trennwände, die sich in Sekundenschnelle raus- und reinschrauben lassen. „Wir ha­ben viele ökumenische Messen, ich ha­be als evangelischer Pfarrer auch schon katholische Beerdigungen übernommen“, sagt Götz.


ZIMMERPFLANZEN MIT STIL: Wie grün wollt ihr wohnen?
ZUKUNFT IN DEN METROPOLEN: Einfach cool bleiben!

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 13.04.2022 08:21 Uhr