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Illustration: Dudenverlag

Der mit dem Fuchs tanzt

Von CORD RIECHELMANN
Illustration: Dudenverlag



18.09.2019 · Alfred Brehm beobachtete genau, ließ aber auch die Grenzen zwischen Tier und Mensch verschwimmen. Das wird oft belächelt, doch nicht alles ist überholt.

A lfred Brehm war hin und weg. Der Fuchs, so schrieb er, sei ein vollendetes Tier seiner Art. Zierlicher zwar als seine größeren Verwandten, aber feiner, vorsichtiger, berechnender, biegsamer und von großem Gedächtnis und Ortssinn, dazu noch: erfinderisch, geduldig und entschlossen. Gleich gewandt im Springen, Schleichen, Kriechen und Schwimmen, vereinige er alle Erfordernisse eines „vollendeten Strauchdiebes“, und wenn man seinen „geistreichen Humor“ noch dazu nehme, erscheine der „angenehme Eindruck eines abgerundeten Virtuosen in seiner Art“. Kurz: Der Fuchs war für Alfred Brehm „unser Schlaukopf und Strauchdieb in jeder Hinsicht“.

Schlau, wie Alfred Brehm sie beschrieb, sind Füchse durchaus. Neun Jungen im Wurf wären aber ungewöhnlich. Illustration: Dudenverlag

Es gehört zu den vielen gelungenen Griffen des Dudenverlags, die vor ein paar Monaten erschienene kleine Sammlung „Brehms Tierleben. Die Gefühle der Tiere“ mit dem Fuchs beginnen zu lassen. Die Auswahl des Bandes beschränkt sich auf einige einheimische Tiere, von eben dem Fuchs über den Igel, den Rothirsch und Wolf bis zu den Schmetterlingen und Landschildkröten. Die Texte und Illustrationen sind in diesem Fall ohne eine sogenannte moderne Angleichung der zweiten, zehnbändigen Auflage von „Brehms Thierleben“ entnommen, die in den Jahren 1876 bis 1879 erstmals veröffentlicht wurde. Auch das ist gut, denn gegenüber der sechsbändigen Erstausgabe, die unter dem Namen „Illustrirtes Thierleben“ von 1864 bis 1869 veröffentlicht wurde, hatte man die Texte teilweise stark überarbeitet und die Schwarzweißzeichnungen durch farbig-szenische Illustrationen ersetzt.


Darüber hinaus war Alfred Brehm durch den Erfolg seines „Illustrirten Thierlebens“ zu einem Markennamen geworden. Eine Marke, deren Wert bis heute Bestand hat, obwohl Brehms Tierbeschreibungen eigentlich obsolet geworden sind, nachdem in den 1930er Jahren sich eine wissenschaftliche Verhaltensbiologie entwickelt hat und das Wissen über Tiere seither enorm angewachsen ist und auch durch andere Disziplinen weiterhin zunimmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg sicherten zahlreiche, in hohen Auflagen publizierte Auswahlbände trotzdem das Fortleben der Marke. Zuletzt hatte hierzulande Roger Willemsen 2006 für den S. Fischer Verlag auf fast tausend Seiten „Die schönsten Tiergeschichten aus Brehms Tierleben“ zusammengestellt. Im Vergleich dazu nimmt sich die Duden-Ausgabe mit ihren 240 Seiten eher schmal aus, was nicht von Nachteil ist.

Ein junges Wildschwein ist munter und beweglich, im Alter stellt sich dann Trägheit und Langweiligkeit ein. Illustration: Dudenverlag
Alle Vögel sind schon da, die große Rabenvogelschar: Dohle, Elster, Saat-, Nebel- und vorne die Rabenkrähe. Illustration: Dudenverlag

Mit seiner Gestaltung fügt sich der Band in eine Reihe von gerade erschienenen Natur- und Tierbüchern, die sich vor allem durch ihre feine und sorgfältige Aufarbeitung von Text und zeitgenössischen Illustrationen (hier auf diesen Seiten abgebildet) auszeichnen. Beispielhaft ist das etwa mit dem ähnlich gestalteten Band „Tierleben“ von Alexander von Humboldt gelungen, das die Friedenauer Presse anlässlich seines Geburtstags vor 250 Jahren neu herausgebracht hat. Und Humboldts Tierporträts, die damit erstmals in einem Band gesammelt auf Deutsch vorliegen, können nun nicht nur als Vorläufer, sondern in einer Reihe mit dem kleinen Brehm-Band zu den Gefühlen der Tiere gelesen werden. Die Ähnlichkeiten sind vor allem dann frappierend, wenn es um die Integration der eigenen Beobachtungen in den Text geht. Beiden, Humboldt wie Brehm, gelingt es immer wieder, Eindrücke von den realen Bewegungen der Tiere, deren Farben und Tönen in Aktion, die nur auf eigener, subjektiver Erfahrung beruhen können, so in den Text einzubauen, dass man als Leser meint, die Tiere zu sehen und zu hören – und nicht den Autor. Und indem sie die Beobachtungen zu Lebzeiten betonen, stehen Brehm wie Humboldt konträr zur wissenschaftlichen Betrachtungsweise im 19. Jahrhundert: Da waren Tiere nämlich vor allem tot, entweder als Balg oder Skelett, morphologisch interessant. Und wenn eine Bewegung von Interesse war, dann ging es vielleicht um Elektrizität beziehungsweise Physiologie, wenn ein Froschmuskel etwa in einer mechanischen Apparatur zuckte.


Während Humboldt seine lebendige Tierbetrachtung eher zufällig und nebenbei betrieb – er blieb zuerst Botaniker, Meteorologe und Geograph -, war Brehm ganz und gar Zoologe. Und das merkt man besonders, wenn es um die Lautäußerungen der Tiere geht. Über den Kuckuck schreibt er zum Beispiel im vorliegenden Band, dass im Frühling, wenn sich die Liebe in ihm rege, er so argen Missbrauch mit seiner Stimme treibe, dass er zuletzt buchstäblich heiser werde. Wenn man einmal die von Brehm bekannten Vermenschlichungen beiseitelässt, dann ist die Beschreibung des beim Rufen heiser werdenden Vogels bis heute richtig. Es geht für jeden rufenden oder singenden Vogel auch immer darum, sein Maß an Lautstärke und Intensität an der Kraft seiner stimmerzeugenden Körperteile und Muskeln zu finden, wenn er nicht im heiseren Gekrächze immer leiser werden will. Auch was Brehm weiter zum Ruf des Kuckucks schreibt, hat nichts an Aktualität verloren. Fast in allen Sprachen, notiert Brehm, sei sein Name ein Klangbild seines Rufes und das, obwohl der Ruf immer falsch wiedergegeben werde. Dem Kuckucksruf würden nämlich die „Mitlauter“ fehlen, und wenn wir solche zu hören vermeinten, dann fügten wir sie den Selbstlautern bloß hinzu. Der Ruf laute also eben nicht „Kukuk“, sondern in Wirklichkeit „u-uh“. Brehm lässt dann detaillierte Überlegungen folgen, warum wir den Ruf hören, wie wir ihn hören, und warum es uns gerade deshalb unmöglich ist, den Kuckucksruf so nachzuahmen, dass ein Kuckuck tatsächlich darauf hereinfällt. Dabei sind Brehms Überlegungen so nah an der spezifischen Natur dieses Vogels, dass man die Vermenschlichung fast übersieht. Der deutsche Verhaltensbiologe und Autor Karsten Brensing zitiert im Vorwort zur aktuellen Auswahl eine Passage aus Brehms Krokodilbeschreibungen. Wenn es erzürnt werde, höre man ein blasendes und dumpf zischendes Schnauben von einem erwachsenen Krokodil, schreibt Brehm und fährt fort: „Junge, vor kurzem erst aus dem Ei entschlüpfte Krokodile lassen einen eigentümlichen quakenden, an das behagliche Knarren der Frösche erinnernden Laut vernehmen.“ Dieses „behagliche“ Knarren soll übrigens die Krokodilmutter animieren, die gerade geschlüpften Jungtiere zu beschützen. Womit Brehm eine Beschreibung liefert, der nach aktuellem Stand der Forschung nur hinzuzufügen ist, dass das Knarren der Jungen bereits im Ei die Aufmerksamkeit der Mutter erregen soll, um diese zu animieren, den Kleinen beim Schlüpfen zu helfen.

Vater, Mutter, Hirschkalb: Eine solche Familienidylle existiert für Rothirsche nicht. Nur zur kurzen Brunftzeit finden die weiblichen und männlichen Tiere zusammen. Alle Abbildungen stammen aus dem besprochenen Auswahlband, erschienen im Dudenverlag. Illustration: Dudenverlag

Bis heute sind es solche Passagen in Brehms Beschreibungen, welche die Lektüre nicht nur historisierend und literarisch interessant machen, sondern biologisch. Dem Dudenverlag geht es aber in dieser Auswahl gerade nicht um die genaue und unumstrittene Beschreibung der Beobachtung, sondern ganz im Gegenteil um die oft belächelte Vermenschlichung. Im Vorwort wird die aktuelle Ausgabe mit Blick auf einen unter Psychologen, Verhaltensbiologen und Anthropologen herrschenden Diskurs eingeführt, in dem es darum geht, eine milde Form einer Vermenschlichung wieder in der Wissenschaft zuzulassen, insbesondere bei der Beschreibung von Tierverhalten. Wie er zu dieser Ehre kam, schildert Karsten Brensing ebenfalls im Vorwort: „Wir müssen Tiere vermenschlichen“, so hatte eine für Naturberichterstattung bekannte Zeitschrift ein Interview mit ihm betitelt. Und auch wenn Brensing sich nicht so entschieden geäußert hatte, konnte er sich irgendwann damit anfreunden. In seinem Buch „Das Mysterium der Tiere“ war es schließlich darum gegangen, bestimmte Begriffe und Kategorien, wie etwa logisches und kreatives Denken, oder Konzepte wie Selbstreflexion, Mitgefühl und Individualität an Beispielen tierischen Verhaltens anzuwenden. Er richtet sich darin an Laien, belegt seine Vermutungen und Befunde aber mit Hinweisen auf wissenschaftliche Studien, und sein Fazit lautet: Wenn in Untersuchungen der vergleichenden Verhaltensbiologie Tiere genauso gut abschneiden wie Menschen, dann müssen wir davon ausgehen, dass wir unsere Fähigkeiten auf Tiere übertragen können.


„Wir müssen Tiere vermenschlichen“
KARSTEN BRENSING

Was also mühselig über die Verhaltensforschung und über die philosophische sowie physische Anthropologie zu einer entschiedenen Trennung von Menschen und Tieren geführt hat, soll jetzt wieder umgekehrt werden. Will man demnach den Menschen zurück zum Tier führen, in dem er seine Eigenschaften und Fähigkeiten dort wiedererkenne? Ja, lautet die Antwort, und so hatte es nicht nur Brehm gehalten, sondern übrigens auch die Kirchenväter seit dem 2. Jahrhundert, aber heute gibt es dafür Voraussetzungen. Auf Delfine spezialisiert, weiß Brensing, wovon er spricht, wenn er Tieren die Fähigkeit zu logischem, strategischem, planvollem und kreativem Denken attestiert. Studien lassen keinen Zweifel daran zu, dass sich Delfine im Spiegel erkennen, dass sie hochkoordiniert und planvoll in Gruppen Heringe, Robben und sogar Wale jagen und töten. Darüber hinaus kennt Brensing auch die Berichte über Menschenaffen, die verletzten oder trauernden Artgenossen nicht nur helfen, sondern mit Gesten außerdem signalisieren, dass sie deren Zustand mitempfinden, also Mitgefühl zeigen. Und in manchen Situationen ist eine Vermenschlichung nicht nur möglich, sondern beinahe zwingend, wenn Tiere zum Beispiel Schmerzen ausgesetzt werden, um ihre Reaktionen zu erforschen. Oder wenn sie etwa zur Fleischerzeugung in engen Stallungen und Käfigen gehalten werden, kann es erforderlich sein, daran zu erinnern, dass es sich dabei, ginge es um Menschen, um ein Verbrechen handeln würde. Gewalt gegen Tiere, so ließe sich der Gedanke zusammenfassen, vermindert das Gewaltpotential menschlicher Gesellschaften nicht. Im Gegenteil, mit den Worten des Philosophen Robert Spaemann gesprochen, erhöht sie es sogar erheblich.

Die Zwergmaus ist nicht nur niedlich, sondern Künstlerin: Sie baut das schönste Säugetiernest. Illustration: Dudenverlag
Im musterhaften Bienenstaat erfüllt "jeder Teil an seinem Platze seine Schuldigkeit". Illustration: Dudenverlag

Wenn also Alfred Brehm von der Klugheit des Kuckucks und der Füchse oder den Gefühlen der Zwergmaus und der Wölfe schreibt, sollte man darin nicht bloß platte Vermenschlichungen sehen, sondern man kann eine tiefere Einsicht in die evolutionären Entwicklungen der spezifischen Naturen von Tier und Mensch gewinnen. Während Tiere nun geschickt, intelligent und mitfühlend durch die Geschichten fliegen, laufen oder tauchen, ist das von Menschen nicht in jedem Fall zu behaupten. Brehm lässt die Grenzen insofern verschwimmen, indem er den Tieren ihre Animalität teilweise nimmt – und den Menschen ihre Menschlichkeit. Demnach können Tiere die Ehe wichtiger nehmen als manche Menschen, andere sind trotzdem auch feige, heuchlerisch oder wie fast alle Affen: sexuell verdorben. Brehms Verdienst besteht in seiner vergleichenden Moralisierung. Allerdings nicht im Konkreten, in der oft falschen Zuschreibung einer bestimmten Verfehlung eines bestimmten Tiers, sondern darin, dass er allgemeine Kategorien aufhebt, was nun menschlich und was tierisch sei.


Brehm schrieb seine populären Berichte auf der Basis von Charles Darwins Evolutionstheorie und konnte sich mit seiner Betrachtung des Verstandes der Krokodile in bester Gesellschaft wissen: Darwin hatte Intelligenz bei Regenwürmern gefunden und seinem Hund ein Gewissen zugeschrieben. Bezieht man die Fragen nach Verstand, Logik und Gefühlen von Tieren einmal auf den Alltag zum Beispiel von Füchsen, dann geben die Texte recht plastisch Einblick. Füchse seien großartige Vermeider von gegen sie aufgestellten Fallen, schreibt Brehm nicht ohne Sympathie. Und vergleicht man das mit Vorträgen, die aktuell über Stadtfüchse zu hören sind, bereitet es Forschern des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung tatsächlich besondere Mühe, Brehms Schlauköpfe mit GPS-Sendern auszustatten, weil sie ihnen eben selten in die Falle gehen.

Das Wesen der Reiher findet Brehm nicht bestechend, sie sind bewegungsfähig, aber ohne Anmut. Illustration: Dudenverlag

Während die Beobachtung noch gilt, ist die Illustration überholt: Zu sehen ist eine Füchsin mit ihren spielenden und fressenden Welpen vor dem Bau – acht an der Zahl; so fruchtbar sind die Stadtfüchse von heute nicht, ihr Wurf umfasst vier bis sechs Jungen. Aber dafür haben sie gelernt, am Berliner Mehringdamm etwa nicht mehr einfach die breite Straße zu kreuzen, sondern stehenzubleiben. Sie schauen erst nach rechts und links, bevor sie dann losrennen. Obwohl es hier nur um die geschickte Nutzung des Lebensraumes geht, kann man Brehm somit fortschreiben, was in einem anderen Fall unmöglich gelingt.


Den Rothirsch repräsentiert nämlich eine imposante Hirschfamilie, mit einem geweihtragenden Vaterhirsch, vor dem etwas kleineren Hirschweibchen nebst Kalb, wie sie wohl früher in etlichen Stuben hing. Aber Rothirsche leben, abgesehen von einer kurzen Brunftzeit, nach Geschlechtern getrennt in Gruppen und bilden eben keine solche Kleinfamilie. Trotzdem fand diese bürgerliche Illusion eine so weite Verbreitung, dass die Illustration bis in die 1930er Jahre in fast jedem Wildtierbuch der westlichen Welt so oder in ähnlicher Form zu sehen war. Ein neueres „Hirsche – Ein Portrait“ liefert hingegen Förster Wilhelm Bode, der sich für die Reihe „Naturkunden“ nicht nur mit deren Sozialbeziehungen befasst, sondern auch mit der Bildgeschichte. Eine Hirschfamilie ist aber auch im Text zum „Tierleben“ nicht zu finden: Alfred Brehm wusste eben, das „alles Thier im Menschen ist, aber nicht aller Mensch im Thiere“.

Literaturhinweise:

„Brehms Tierleben. Die Gefühle der Tiere“, mit einer Einführung von Karsten Brensing, 240 Seiten, Dudenverlag, 2018, 20,00 Euro.
„Die schönsten Tiergeschichten aus Brehms Tierleben“, ausgewählt von Roger Willemsen und illustriert von Klaus Ensikat, 960 Seiten, S. Fischer Verlag, 2006, 39,90 Euro.
„Alexander von Humboldt. Tierleben“, hrsg. von Sarah Bärtschi, 184 Seiten, Friedenauer Presse, 2019, 24 Euro.
„Hirsche – Ein Portrait“, Wilhelm Bode, Naturkunden, 156 Seiten, Matthes & Seitz Verlag, 2018, 18,00 Euro.


Nächstes Kapitel:

Der Naturforscher und sein Publikum




Der Naturforscher und sein Publikum

Von CORD RIECHELMANN

Von Thüringen aus in die weite Welt

R enthendorf in Thüringen gehört zu den „Tälerdörfern“ und ist ohne eigenes Auto gar nicht so leicht zu erreichen. Die Busverbindungen dorthin sind wie überall fern der Großstädte auf das Notwendigste reduziert. An den Haltestellen findet sich aber eine Telefonnummer, falls Plan und Realität zu weit auseinanderklaffen, und ein Anruf wirkt dann nicht nur beruhigend, der Busfahrer kam dann auch.

Alfred Brehm führte die Schimpansin Molli regelmäßig aus, nahm sie mit ins Café. Illustration: Dudenverlag

Renthendorf ist klein, aber vier Kilometer lang und liegt an der Roda. Einem Bach, der so ruhig vor sich hin plätschert, wie es in allen Berichten über Alfred Brehms Herkunftsort zu lesen ist. Von schattenspendenden Bäumen gesäumt, vermittelt die Rhoda an Stellen, an denen keine Häuser zu sehen sind, noch eine Ahnung von den urwaldähnlichen Verhältnissen, die noch herrschten, als Christian Ludwig Brehm (1787 bis 1864) hier als Pfarrer wirkte, dessen Amt er am 1. Januar 1813 angetreten hatte. C. L. Brehm, auch „der alte Brehm“ oder „Vogelpastor“genannt, war ein begeisterter Vogelbeobachter und Präparator, noch bevor er diese Pfarrstelle übernahm. In den zu seiner Zeit wild- und vogelreichen Wäldern erwies er sich dann neben seiner Arbeit als Pfarrer als wahrer Pionier der Ornithologie. Nicht nur als Beobachter. Wie es damals üblich war, hat der „alte Brehm“ an die 9000 Vogelbälger angehäuft, darunter regelrechte Serien, und die internationale Bedeutung, die er damit erlangte, lässt sich an den Orten, an denen sie heute zu finden sind, ablesen. Teile seiner Sammlung kann man in New York im American Museum of Natural History, im Bonner Museum Alexander König und in der Brehm-Gedenkstätte in Renthendorf besichtigen. Obwohl diese derzeit renoviert wird, geben die zugänglichen Räume doch einen Einblick und erlauben etwa, sich vorzustellen, wie es wohl gewesen sein muss, umgeben von toten Vögeln aufzuwachsen. Zumal der Vogelpastor von seinen Zeitgenossen wegen seiner besonders akribischen Detailbeschreibungen, etwa der Unterschiede von Waldbaumläufer und Gartenbaumläufer, auch verspottet wurde. All das wird seine Kinder aus zwei Ehen geprägt haben, aber selbst wenn Renthendorf nicht das Zentrum modernen Denkens war: Der alte Brehm stand mit der Forschungswelt in Briefkontakt, und zur Bildung trugen in seinem Pfarrhaus die Reiseberichte von Alexander von Humboldts Amerika-Expedition (1799 bis 1804) bei und die Schriften zur Brasilien-Reise von Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied (1815 bis 1817). Auch Charles Darwins Buch über die Reise mit der „H.M.S. Beagle“ (1831 bis 1836) gehörte zur Lektüre, so lernte Alfred Brehm die große weite Welt als Leser kennen, während er die heimische Vogelwelt beobachtete, jagte und präparierte und nebenbei früh eine Sehnsucht für die Ferne entwickelte.

So ist es kaum überraschend, dass der am 2. Februar 1829 in Renthendorf geborene Alfred Brehm im Alter von 18 Jahren am 31. Mai 1847 Deutschland verließ. Als Sekretär des Barons Johann Wilhelm von Müller reiste er nach Afrika. Fünf Jahre sollte Brehm dort bleiben und ähnlich wie Darwin ein Leben lang von den Erlebnissen und Beobachtungen unterwegs profitieren. Lehrreich war die Reise an den Nil nicht nur in biologischer Hinsicht. Brehm musste lernen zu improvisieren – und wie man sich Geld beschafft. Der Baron hatte die Expedition nach der ersten Fahrt auf dem Nil verlassen, auf der die Deutschen die Stromschnellen mit dem Schiff bewältigten, während „alle unsere arabischen Bedienten es vorzogen, den Weg neben den Fällen auf dem Lande zu wählen“, wie Brehm in einem Brief schrieb. Weil von Müller weniger Geld schickte als versprochen, brach Brehm im März 1850 mit seinem Stiefbruder Oskar zum zweiten Teil der Reise auf. Aber schon im Mai ertrank Oskar beim Baden, und Alfred infizierte sich mit Malaria, durch die er sein Leben lang immer wieder unter Fieberschüben leiden sollte.


Als er nach Deutschland zurückkehrte, brachte Brehm mehr als 1400 Vogelbälger mit, zudem eine Löwin, einen Leoparden, einen Geparden, zwei Straußenvögel, zwei Kronenkraniche, einen Adler, drei Pelikane sowie neun Affen. Um seine Schulden zu tilgen, verkaufte er die Tiere an den Berliner Zoo, was für Forschungsreisende üblich und Teil ihrer Einnahmen war. Zwei Affen behielt er jedoch, und mit denen ging er in seiner Studentenzeit auch aus. Wenn er mit Schimpansin Molli im Kaffeehaus in Jena gesessen hat, wird er für Aufsehen gesorgt haben. Nicht ohne Kalkül, denn Alfred Brehm war nicht nur auf Beobachtungen und Geschichten aus, er wollte sie auch unter die Leute bringen und merkte schon als Student, dass er genau das konnte: Menschen in Welten ziehen, die sie selbst nicht kannten.

Seine Methode war die der vergleichenden Moralisierung. Bevor er diese zur Brehmschen Meisterschaft entwickelte, verfolgte er zunächst den akademischen Weg. Er begann 1853 in Jena ein Studium der Naturwissenschaften, das er nach nur zwei Jahren mit der Promotion abschloss, weil man ihm seine Forschungsreise als Studienzeit und Teile seiner Reiseberichte als Doktorarbeit anerkannte. Was kein großzügiges Entgegenkommen der etablierten Wissenschaftler war: Alfred Brehm hatte 1849, also während seiner Afrika-Reise, einen Text mit dem Titel „Der Winter in Ägypten in ornithologischer Hinsicht“ veröffentlicht, und sein Bericht erweiterte buchstäblich den Horizont. Man wusste zwar, dass Vögel im Winter in wärmere Gebiete fliegen, hatte aber keine Ahnung, wie sie dort hinkamen oder wie sie lebten. Brehm erklärte in seinem Bericht die Bedeutung des Niltales für die Zugvögel und lenkte den ornithologischen Blick auf Afrika. Die Professoren in Jena würdigten ihn durchaus zu Recht mit einer Promotion, aber Brehm wollte nicht nur die Gelehrten beeindrucken, sondern wünschte sich ein großes Publikum, und dafür bot ihm Die Gartenlaube das Forum.


Die 1853 gegründete Gartenlaube entwickelte sich zum ersten illustrierten Massenmedium und Brehm von 1858 an zu einem ihrer beliebtesten Autoren. Das lag auch daran, dass Brehm im Unterschied zu Darwin seine Reiselust nie verlor. Bereits ein Jahr nach seiner Promotion brach er zu einer Expedition nach Spanien auf, anschließend zog er für vier Jahre nach Leipzig. Dort lebten damals einige Revolutionäre von 1848, mit denen Brehm sich austauschte; das Anliegen des Naturforschers und Förderers des Volksbildungsgedankens Emil Adolf Roßmäler, die Wissenschaften aus der Enge ihrer Fächer zu holen, machte sich Brehm zu eigen.

Nachdem Brehm mit Hilfe Darwins sein Grundaxiom gefunden hatte – die Gleichordnung von Menschen und Tieren -, konnten seine Erzählungen frei „fließen“. Der Mensch war nicht mehr abgehobener Herrscher und schwebte über den Tieren, sondern konnte von diesen sogar leicht blamiert werden. Während die Tiere nun geschickt, intelligent und mitfühlend durch Brehms Geschichten flogen, liefen oder tauchten, war das von Menschen nicht in jedem Fall zu behaupten. Ganz ohne Legitimierung der menschlichen Herrschaft über die Tiere kam aber auch Brehm nicht aus. Er blieb in ökonomischen Nützlichkeitskriterien gefangen. Nachvollziehbar wird das in seinem Bericht über den Rothirsch; Hirsche und Rehe richten im neuen, gezüchteten Forstwald laut Brehm enormen Schaden an. Das werde ihrem Verbleib im Wald abträglich sein, man müsse sich entscheiden: Forst oder Hirsche. So richtig Brehms Diagnose war, so falsch seine Prognose.


Die Hirsche sind nicht verschwunden, sondern dürfen sich im Wald weiterhin vermehren, und sie richten Schaden an. Ein Konflikt, der sich mit dem Klimawandel noch verstärken könnte. Damit würden den hiesigen Bäumen bald ein Schicksal drohen, das für zahlreiche andere Arten schon besiegelt scheint. Zum Beispiel die Vogelschar um Renthendorf, deren Dichte zu Brehms Zeiten sicherlich größer war. Es wurde sehr heiß an diesem Sommertag in Thüringen. Trotzdem fiel rings herum ein Schweigen auf, das mehr als nur Stille war.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 18.09.2019 08:24 Uhr