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Zurück in die Wildnis

Text und Fotos von FABIAN VON POSER

27. Januar 2021 · In den Esteros del Iberá wurden 70 Jahre nach ihrem Verschwinden wieder Jaguare in die Freiheit entlassen. Das hat Sogwirkung für den nachhaltigen Tourismus im Nordosten Argentiniens.

An einem Sommertag, der wieder sehr heiß werden wird, kurz nach fünf Uhr morgens, starren in der Estancia San Alonso in den Esteros del Iberá ein Dutzend Menschen gebannt auf einen Bildschirm. Es ist der 5. Januar 2021, die nächste Ortschaft ist zwei Boots- und eineinhalb Autostunden entfernt. Vor dem einzigen Fenster im Raum zirpen Grillen, quaken Frösche, langsam kündigt sich der neue Tag an. Über die riesige Mattscheibe flimmern Live-Bilder von einem halben Dutzend Kameras. Doch vier Kilometer weiter, in dem 30 Hektar großen Gehege, in dem die Kameras stehen, rührt sich nichts. Fast 48 Stunden vergehen, bis Mariua, Karai und Porã, eine Jaguarmutter mit ihren drei Monate alten Jungen, im Schutz der Nacht durch ein geöffnetes Tor in die Freiheit treten. Sie sind jetzt die ersten freilebenden Jaguare in der Region seit 70 Jahren. 

Im Kontrollraum der Aufzuchtstation trifft man Magalí Longo und ihre Mitarbeiter selten ohne Matetee.
Im Kontrollraum der Aufzuchtstation trifft man Magalí Longo und ihre Mitarbeiter selten ohne Matetee.

Marisi López’ Stimme zittert auch Tage später noch, als sie am Telefon von den Stunden des Wartens erzählt. „Zehn Jahre haben wir von diesem Moment geträumt“, sagt sie. „Und plötzlich war der Tag da.“ Seit 16 Jahren ist López Teil eines der größten Wiederansiedelungsprojekte, die der Planet je gesehen hat. Pampashirsch, Sumpfhirsch, Tapir, Großer Ameisenbär, Halsband-Pekari, Weißbart- Pekari, Grünflügel-Ara, Jaguar: Eigentlich alle in den Esteros del Iberá einst beheimateten und vom Menschen ausgerotteten Arten werden in dem 13 000 Quadratkilometer großen Sumpfgebiet im Nordosten Argentiniens derzeit wieder angesiedelt. Die Auswilderung der ersten Jaguare ist ein erster Höhepunkt, der Beginn von etwas noch Größerem. 

Die „Carpinchos“ genannten Wasserschweine leben wieder in dem 13.000 Quadratkilometer großen Sumpfgebiet im Nordosten Argentiniens.
Die „Carpinchos“ genannten Wasserschweine leben wieder in dem 13.000 Quadratkilometer großen Sumpfgebiet im Nordosten Argentiniens.

Die Esteros del Iberá, dieses Universum aus Wasser, Schilf und Morast, fünfmal so groß wie Luxemburg, ist nach dem Pantanal in Brasilien das zweitgrößte zusammenhängende Feuchtgebiet der Erde und ein unberührter Flecken Erde. Das war nicht immer so. In den 1970er Jahren war Argentiniens Fauna durch Jagd und Zerstörung des Lebensraums durch Viehzucht und Reisanbau fast ausgerottet. 1983 wurden große Teile der Sümpfe erstmals unter Schutz gestellt. Jagen ist seitdem verboten.

Doch erst der millionenschwere Einsatz des US-amerikanischen Philanthropen Douglas Tompkins und seiner Frau Kristine brachte den Umschwung. Er war mit den Modemarken The North Face und Esprit reich geworden, sie als Ex- Chefin der Bekleidungsmarke Patagonia. Anfang der 1990er Jahre erwarben beide riesige Ländereien im Süden Argentiniens und Chiles. Die Vision der beiden: die Natur einfach Natur sein lassen. Dann würden die Tiere zurückkehren, und davon würde auch der Mensch profitieren. Schon damals gehörten die Tompkins zu den größten privaten Grundbesitzern der Erde.

  • Auch der Brillenkaiman...
  • ...der Große Ameisenbär...
  • ...der Grünflügelara...
  • ...die Wasserschweine...
  • ...und der Pampashirsch genießen den Schutz, den der Nationalpark bietet.
  • Auch der Brillenkaiman...
  • ...der Große Ameisenbär...
  • ...der Grünflügelara...
  • ...die Wasserschweine...
  • ...und der Pampashirsch genießen den Schutz, den der Nationalpark bietet.


1997 erwarben die Eheleute auch die ehemalige Rinderfarm San Alonso auf der gleichnamigen Insel im Herzen der Sümpfe. Es folgten Grundstücke von mehr als 1500 Quadratkilometern. Schon bald machten Verschwörungstheorien die Runde. Viele Einheimische befürchteten, hinter den Multimillionären und ihrer Stiftung The Conservation Land Trust (CLT) stecke die CIA. Unter dem Deckmantel des Naturschutzes wollten sich die Vereinigten Staaten die Süßwasserreserven der Sümpfe sichern oder gar Atommüll lagern.

Doch sie täuschten sich: Als Douglas Tompkins 2015 in Chile bei einem Kajakunfall ums Leben kam, vermachte seine Frau die riesigen Ländereien in den Sümpfen dem argentinischen Staat. Unter einer Bedingung: Das Gebiet solle für 99 Jahre zum Nationalpark werden. Im Dezember 2018 gab der Kongress in Buenos Aires seinen Segen. Seitdem stehen 1570 Quadratkilometer der Sümpfe offiziell als Nationalpark unter Schutz sowie 230 Quadratkilometer als Nationalreservat, ein Großteil davon von Tompkins’ Land. Das Land gehört nun dem Staat, die Auswilderungsprojekte werden weiter von Tompkins’ Stiftung CLT betreut. 

Typisches Transportmittel in den Sümpfen: Gaucho hoch zu Ross – mit Boot im Schlepptau
Typisches Transportmittel in den Sümpfen: Gaucho hoch zu Ross – mit Boot im Schlepptau

„Nie zuvor hat jemand versucht, in Gefangenschaft geborene Jaguare in der Natur wieder anzusiedeln“, sagt Magalí Longo, Koordinatorin der Wiedereinführungsprojekte auf der Insel San Alonso. Der Jaguar ist die größte Raubkatze Südamerikas und vielerorts vom Aussterben bedroht. Derzeit leben nur noch etwa 300 Tiere in Argentinien, die meisten davon einige hundert Kilometer nordöstlich an der Grenze zu Brasilien und Paraguay. Doch die Natur brauche die Tiere, sagt die Wissenschaftlerin. „Sie regulieren die Population an Wasserschweinen und Pampashirschen. Nur so können Epidemien verhindert werden.“ Außerdem bedeuteten weniger Pflanzenfresser eine vielfältigere Vegetation. Das helfe dabei, dass Ökosysteme wie Iberá mehr Kohlendioxid aufnehmen und so dazu beitragen, den Klimawandel einzudämmen.

Durch die Wiederansiedelung der Tiere profitiert auch der Tourismus.
Durch die Wiederansiedelung der Tiere profitiert auch der Tourismus.

Das, was in der Aufzuchtstation auf der Insel San Alonso passiert, ist nur ein kleiner Teil eines großen Ganzen. Es sind zahlreiche Projekte, zahlreiche Orte, an denen die Naturschützer und Biologen des CLT versuchen, die Natur wiederherzustellen. Es sind Menschen wie Augusto Distel, der sich um die Auswilderungsprojekte auf der Estancia El Socorro, ebenfalls eines von Tompkins’ Anwesen im Süden der Sümpfe, kümmert. Menschen wie Alejandro Benítez, der sich in Cambyretá im Norden des Naturschutzgebiets seit Jahren erfolgreich um die Wiederansiedelung von Grünflügel-Aras kümmert. Oder Héctor Ortíz, der in San Nicolás in seinem Westen Große Ameisenbären auswildert. 2007 gab es in den Sümpfen nicht ein einziges Tier. Heute sind es in San Nicolás bald ein Dutzend, auf San Alonso sogar mehr als 70. In Argentinien wurden mit Tompkins’ Ländereien in den vergangenen Jahren sechs Nationalparks geschaffen oder erheblich vergrößert. Bei der Schaffung der beiden Meeresnationalparks vor der Küste Feuerlands halfen die Tompkins entscheidend mit. In Chile wurden gar sieben neue Nationalparks geschaffen und drei erweitert. Ein gewaltiger Wachstumsmotor für den Tourismus in beiden Ländern. 

Augusto Distel kümmert sich um die Auswilderungsprojekte auf der Estancia El Socorro.
Augusto Distel kümmert sich um die Auswilderungsprojekte auf der Estancia El Socorro.

Die zunehmende Artenvielfalt hat auch in den Esteros del Iberá große Auswirkungen. Rund um die Sümpfe entstehen in Gemeinden wie Colonia Carlos Pellegrini und Concepción del Yaguareté Corá Gästehäuser und Restaurants. Wanderungen, Kanufahrten und Ausritte werden angeboten. Immer mehr Einheimische machen Rangerkurse und bieten Touristen ihr Wissen an. Mit einer Kampagne „Corrientes soll wieder Corrientes werden“ unternimmt der CLT nicht nur enorme Anstrengungen, die Tierwelt in der nordargentinischen Provinz zu schützen, sondern auch die lokale Bevölkerung der Guaraní einzubinden. Ziel ist es, den Stolz auf ihr Land, ihre Kultur und ihre Geschichte zu stärken und einen Weg zu finden, wie Mensch und Tier voneinander profitieren. Der Jaguar werde diese Entwicklung ankurbeln, sind die Verantwortlichen überzeugt.

  • Einfach galaktisch: der Sternenhimmel über den Esteros del Iberá.
  • Kaum Lichtverschmutzung: In den Norden Argentiniens ist die Zivilisation noch kaum vorgedrungen.
  • Einfach galaktisch: der Sternenhimmel über den Esteros del Iberá.
  • Kaum Lichtverschmutzung: In den Norden Argentiniens ist die Zivilisation noch kaum vorgedrungen.


Zehn Jahre haben die Wissenschaftler in Iberá auf den Moment hingearbeitet, bei dessen Schilderung Marisi López noch Tage später eine zittrige Stimme bekommt. Auf die Frage, ob sich der ganze Aufwand lohne, hat López eine einfache Antwort. „Immer mehr Gemeinden profitieren von dem, was wir tun. Und was Geld bringt, das hat Zukunft.“ In den vergangenen Jahren habe sich auch die Einstellung gegenüber der Katze stark verändert. Galt der Jaguar gerade bei Viehzüchtern lange als Problemtier, sehen viele in ihm heute ein neues Symbol für ihre Region. 

Und die nächsten Freilassungen sind bereits geplant. Jüngst wurden zwei weitere Jaguare in der Aufzuchtstation auf der Insel San Alonso geboren. Sie sind die nächsten Kandidaten.

ESTEROS DEL IBERÁ

Anreise Mit Lufthansa ab Frankfurt direkt nach Buenos Aires oder mit Iberia via Madrid, Preis oszilliert zwischen 600 und 1200 Euro.
Einreise Das Auswärtige Amt stuft Argentinien aufgrund der hohen Fallzahlen noch als Corona-Risikogebiet ein. Vor nicht notwendigen Reisen wird gewarnt. Die Einreise für Deutsche ist derzeit nur mit Sondervisum möglich, das vom argentinischen Konsulat für Notfälle erteilt wird.
Aktuelle Informationen: auswaertiges-amt.de.
Unterkunft Zu den schönsten Unterkünften in den Sümpfen gehören die Estancia Rincón del Socorro (rincondelsocorro.com.ar) und das Gästehaus auf der Insel San Alonso, das ebenfalls über Socorro gebucht werden kann.
Weitere Auskünfte Conservation Land Trust: www.tompkinsconservation.org, www.rewildingargentina.org
Botschaft der Republik Argentinien, Tourismusabteilung. Tel. 0 30/ 22 66 89-0, argentina.travel

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 27.01.2021 11:06 Uhr