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Lucas Cranach im Städel : Das durchtriebene Lächeln des Wissens

Lucas Cranach war als Maler ein Unternehmer. Das aber hinderte ihn nicht daran, hintersinnige Bilder zu schaffen, die noch heute Rätsel aufgeben. Sie zu lösen wird nun im Frankfurter Städel zum puren Genuss.

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          Lucas Cranach im Städel: Es ist eine jener Ausstellungen, die ihren Alten Meister zum Medienstar unserer Gegenwart machen. So hat es auch schon die Albrecht-Dürer-Schau der Albertina in Wien im Herbst 2003 verstanden. Und es ist ganz charmant, wie sich die Geleitworte der Sponsoren aus der Wirtschaft vorn in den Katalogen doch gleichen, die in den beiden unternehmenden deutschen Renaissance-Protagonisten Dürer und Cranach Vorläufer ihrer eigenen Dynamik erkennen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Solche Erwägungen schmälern freilich nicht den Zauber des Frankfurter Unterfangens; denn es ist die reine Augenweide, wie da eine ferne Kunst in den Fokus des aktuellen Geschmacks einrückt. Und wie die Albertina vor vier Jahren Maßstäbe darin setzte, mit den eigenen wertvollen, historisch überkommenen Beständen zu arbeiten und diese durch feinste Leihgaben zu ergänzen, so entspricht es auch der erklärten Politik des Städel-Direktors Max Hollein, die fabelhaften Besitztümer seines Hauses glanzvoll zu erhöhen.

          Kühn und witzig

          Die Eckpfeiler des cranachschen Schaffens heißen die geistige Befreiung vom zurückweichenden Mittelalter durch das Denken der Humanisten, die eminente Stellung, die er als Hofkünstler der sächsischen Kurfürsten in Wittenberg einnimmt und die Erschütterung der christlichen Welt durch die Reformation. Cranach begegnet diesen Herausforderungen mit den Methoden der Manufaktur - seine Werkstatt überzieht das Land mit seriellen Bildnissen seines Freundes Martin Luther - und mit der Akkumulation von Kapital: Cranach ist ein reicher Mann, politisch einflussreich und ohne falsche Hemmungen, was Auftragsarbeiten angeht. Um ihn, der 1472 im fränkischen Kronach als Lucas Maler geboren wurde, dessen Vater sich Hans Maler nennt, bleibt jedoch ein Geheimnis: Wir werden seiner erst habhaft in Wien um 1500. Da ist er in seinem dreißigsten Jahr - und Albrecht Dürer, geboren 1471, schon ein berühmter Mann.

          Wer aufmerksam durch die Räume im Städel wandert, wird stets den Atem dieses anderen Großen - des am Ende vielleicht doch Größeren, weil stärker Verfeinerten, origineller Erfindenden und tiefer Empfindenden - im Nacken spüren, eben Dürers. Mit ihm wird Cranach wirklich gerungen haben. So ist es eine aparte Pointe in Frankfurt, dass jenes Bildnis eines bartlosen jungen Mannes, das den alten Zehnmarkschein schmückte und stets als von Dürers Hand galt, nun mit guten Argumenten Lucas Cranach gegeben wird. Dann wäre es womöglich vor 1500 zu datieren und deshalb das früheste Werk, das wir von ihm kennen.

          Mit der „Melancholie“ verfährt Cranach auf so kühne wie witzige Weise. Nicht umhin kommt er um das Vorbild des Nürnberger Meisters - aber er kann ihm dessen Sinngehalt verweigern. Deshalb ist die geflügelte Frauengestalt auf seinem Gemälde von 1532 nicht untätig, sondern sie schnitzt an einem Stück Holz, vielleicht zum Spielzeug der Putten, die das Bild bevölkern, vielleicht zum Bogen, wie ihn ein Amor spannen möchte. Auch hier ist Luther im Hintergrund - die Reformation schätzte nicht das untätige schwermütige Herumsitzen, Aktivität hieß die heilende Parole.

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