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Kommentar zur Genschere : Der Geist aus der Genflasche

Wegen seiner Forschung umstritten: der chinesische Forscher He Jiankui Bild: AP

Nicht mehr das Ob, sondern das Wie von Eingriffen in die Keimbahn ist mittlerweile bei Forschern das Thema. Der Ruf der Fundamentalkritiker scheint verstummt. Dabei wirft der Einsatz der Genschere quälend viele Fragen auf.

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          Wann immer der letzte Beweis für die Geburt der ersten gentechnisch veränderten Babys vorgelegt werden wird, es ändert nichts am Befund: Der Geist ist aus der Flasche, und der Blick frei auf eine Zukunft, in der das biotechnische Design des Menschen nur noch graduell, nicht mehr grundsätzlich in Frage gestellt wird.

          Der schnelle Entschluss der chinesischen Regierung, dem Schöpfer der „Crispr-Zwillinge“ aus Shenzhen kurz nach dessen Auftritt auf der Gentechnik-Konferenz in Hongkong erst mal das Handwerk zu legen, weil er an Staat und Gesetzen vorbei acht Paare mit Kinderwunsch zu einem beispiellosen Experiment an ihren künstlich gezeugten Embryonen überredet und deren Erbsubstanz mit Gen-Scheren gezielt verändert hat, ist ein formaljuristischer Akt geblieben. Die Entrüstung, auch außerhalb Chinas, entzündet sich an dem rücksichtslosen Vorgehen und der Heimlichtuerei des Genforschers: zu früh, zu riskant und absolut intransparent. Niemand findet es offensichtlich noch monströs, von wenigen Ausnahmen bisher abgesehen, wenn der Rubikon des Keimbahneingriffs überschritten und das generationsübergreifende Gen-Design des Menschen möglich gemacht wird. Die strenge Moralisierung, die Zerrbilder („Gott spielen“) – sie sind abgetaucht.

          Generationen von Ethikern, Intellektuellen und Politikern, die Kirchen allen voran, hatten sich im Streit über künstliche Befruchtung, Abtreibung, das Klonen und auch noch in der Stammzelldebatte der „Selbsttransformation der Gattung“ entgegengestellt, vor der Jürgen Habermas warnte. Der alte Rubikon ist faktisch, offenbar auch moralisch nur noch von schwacher Statur.

          Gibt es noch Fundamentalkritiker?

          Haben die Fundamentalkritiker kapituliert? Man wird sehen. Sie werden jedenfalls einen schweren Stand haben. Schon die Versammlung in Hongkong, die sich als wissenschaftliche Clearingstelle des Fortschritts versteht und die wie seinerzeit zur Geburtsstunde der Gentechnik vor vierzig Jahren in Asilomar einen „akademischen Aufsichtsrat“ bildet, hat die Erwartungen klar formuliert – und zwar als kulturübergreifender Konsens von West bis Ost: Irgendwann, wenn bestimmte Kriterien hinsichtlich Sicherheit und Effizienz der Gen-Eingriffe erfüllt sind, könnten auch Eingriffe in die Keimbahn akzeptabel sein. Zum ersten Mal wurde auf der Konferenz klar skizziert, wie so ein „Pfad in die Translation“ und damit die künftige Anwendung in den Kliniken gestaltet werden müssten. Nicht mehr das Ob, sondern das Wie der Keimbahneingriffe ist zu diskutieren.

          Selbstverständlich richtet die Wissenschaft, der man Menschenzüchtung nicht unterstellen darf, dabei den Blick allein auf die Medizin. Wenn es um genchirurgische Eingriffe geht, die lediglich auf den kranken Menschen selbst beschränkt sind und nicht zur Genveränderung auch der Nachkommen führen, gibt es gesellschaftlich ohnehin längst den kulturübergreifenden Konsens: Blutzellen oder Körpergewebe, die nach einem präzisen Gen-Eingriff zur Heilung beitragen, kann niemand ernsthaft als unzulässige Grenzverletzung missbilligen.

          Heikler ist es allerdings bei Ei- und Samenzelle oder den Embryonen, die im Zuge einer künstlichen Befruchtung gentechnisch zugerichtet werden sollen. Hier ist man nicht nur mit moralischen Argumenten konfrontiert, mögen sie heute auch abgenutzt wirken; vielmehr kämpft man auch mit biologischen und technischen Unwägbarkeiten. Welche Folgeschäden die chinesischen Crispr-Zwillinge erwarten, ist heute völlig unklar. Mit dem Hinweis „noch nicht“ macht die Gentechnik-Versammlung im Abschlussdokument deutlich, dass sie die Tür grundsätzlich sehr wohl öffnen möchte, um auf diese Weise schwere bis tödliche Krankheiten aus dem Erbe betroffener Familien tilgen zu können.

          Wo gibt es das auch schon: ein starkes Recht auf ein unmanipuliertes Genom, auf eine „natürliche“ Genausstattung? Nirgends. Es stimmt schon, Embryonen dürfen bei uns nicht manipuliert werden. Aber wer sagt denn, dass diese Grenze gehalten wird, wenn der Eingriff nur zum Besten der Kinder ist und unnötiges Leid in den Familien verhindert werden kann? Dass dies im Sinne einer Mehrheit sein könnte, haben Umfragen in den Vereinigten Staaten und in China eindrücklich gezeigt, wo je fast drei Viertel der Befragten Keimbahntherapien in anderweitig ausweglosen Situationen zustimmten.

          Ihnen geht es nicht um die Bereinigung des Erbguts, nicht darum, die Evolution in Menschenhand zu nehmen; und doch öffnet der Wunsch ein biopolitisches Fass mit quälend vielen Fragen: Wo eine Grenze ziehen, wenn man den medizinischen Nutzen haben will, auf den sich auch der chinesische Tabubrecher ausdrücklich beruft, aber die bloß merkmalverändernden Korrekturen bis hin zur Optimierung unerwünschter Eigenschaften verhindern will? Sollen Genvarianten, die spät im Leben Krebs oder Demenz auslösen, schon im Embryo korrigiert werden? Wer bestimmt das, und wer regelt es? Der Ruf nach Institutionen und Regeln, nach einem Konsens ist schon unüberhörbar. Gibt es dann international ausgehandelte „Positivlisten“ für Gen-Gebrechen? Die Planungen für die Ära der erweiterten Genchirurgie sollten besser beginnen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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