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Kaufzurückhaltung : Finanzkrise dämpft Lust auf WM-Tickets in Europa

Das Interesse aus Europa hält sich stark in Grenzen Bild: dpa

Die Krise macht sich auch beim Kartenverkauf für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika bemerkbar. Seit einigen Monaten läuft der Verkauf exklusiver Ticket-Pakete für Unternehmen. Doch vor allem die Firmen aus Europa halten sich derzeit noch stark zurück.

          Die Finanz- und Wirtschaftskrise macht sich auch beim Kartenverkauf für die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika bemerkbar. Seit einigen Monaten läuft der Verkauf exklusiver Ticket-Pakete für Unternehmen. Doch vor allem die Firmen aus Europa halten sich derzeit noch stark zurück. Man habe keine Eile und warte die weitere Entwicklung der wirtschaftlichen Lage ab, ist in Johannesburg zu hören. Auch viele der eigentlich fußballbegeisterten deutschen Unternehmensvertreter haben die Kaufentscheidungen vorerst aufgeschoben.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Dafür übertrifft die Nachfrage aus afrikanischen Staaten alle Erwartungen. „Mehr als 90 Prozent der Bestellungen stammen bisher aus den afrikanischen Ländern südlich der Sahara“, sagte Lars Stegelmann, Verkaufsleiter für Afrika der Match Hospitality AG, dieser Zeitung. Insgesamt wurden bis jetzt mehr als 50 000 Pakete im Wert von 115 Millionen Dollar geordert. Das ist nach Angaben der Fifa deutlich mehr als im vergleichbaren Zeitraum für die Fußball-WM in Deutschland. Die Begeisterung über die erste Fußball-WM auf afrikanischem Boden scheint bei den Afrikanern jegliche wirtschaftlichen Nöte in Vergessenheit geraten zu lassen.

          Vor allem im Gastgeberland wird eifrig bestellt

          Die in Zug in der Schweiz beheimatete Match Hospitality AG verkauft im alleinigen Auftrag der Fifa sogenannte Hospitality-Pakete an Unternehmen. Diese kosten je nach Spiel und Kategorie rund 1000 bis 6000 Dollar und beinhalten einen Platz im VIP-Bereich, Verpflegung durch einen Sterne-Koch, Hostessbetreuung und – in den oberen Kategorien – eine Loge. Häufig nutzen Unternehmen die Pakete für Treffen mit Kunden, Mitarbeitern und Geschäftspartnern. Match Hospitality hat in Johannesburg für die WM eine Niederlassung eröffnet. Der deutsche Verkaufsleiter wechselte vor einem halben Jahr ans Kap.

          Der Verkauf für den afrikanischen Kontinent läuft seit sechs, für den Rest der Welt seit drei Monaten. Vor allem im Gastgeberland Südafrika wird kräftig bestellt. Aber auch in reichen Ölnationen wie Nigeria und Angola zeigen sich starkes Interesse und eine nicht minder starke Zahlungsbereitschaft. Neben den Unternehmen wollen sich außerdem viele afrikanische Regierungen die Chance auf einen Logenplatz im Stadion nicht entgehen lassen. Budgetsorgen plagen die Abnehmer dabei offensichtlich wenig. Im Vergleich zur WM in Deutschland, zu der viele Unternehmen kleine oder mittlere Stückzahlen erworben haben, wird für die WM in Südafrika im Großen bestellt. Der Verkaufsschlager ist das teuerste Paket für 1,5 Millionen Dollar, für das 850 Plätze samt Rahmenprogramm zu haben sind. Ein südafrikanisches Unternehmen gab allein mehr als 7 Millionen Dollar aus – und übertrumpfte damit den größten Einzelabnehmer bei der Fußball-WM in Deutschland. „Wenn die Nachfrage so stark bleibt, könnte das Ticket-Angebot knapp werden“, wirbt Stegelmann.

          Südafrika sah sich lange von der Krise verschont

          Vorsorglich hatte die Fifa die Preise für die Hospitality-Pakete auf ungefähr 65 Prozent des Preisniveaus bei der WM in Deutschland festgesetzt. Damit wollte man dem wirtschaftlich schwächeren afrikanischen Markt gerecht werden und berücksichtigen, dass viele Gäste höhere Reisekosten zu tragen haben. In der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage jedoch scheinen nichtafrikanische Unternehmen auch bei diesen Preisen nicht einsteigen zu wollen. Für die kauffreudigeren lokalen Abnehmer indes sind die Pakete nur wenig günstiger, weil der Wert der Landeswährung Rand seit 2006 um 40 Prozent eingebrochen ist.

          Ein Grund für die starken Verkäufe dürfte auch darin liegen, dass sich Südafrika bis vor kurzem von der Bankenkrise verschont sah. Seit einigen Wochen aber machen sich auch an der Spitze Afrikas Rezessionsängste breit. Viele Unternehmen, vor allem Minenkonzerne und Autobauer, kündigten Entlassungen an. Wichtige Projekte wie der Bau eines neuen Kernkraftwerks wurden wegen der angespannten Finanzlage auf Eis gelegt.

          Umso größer sind die Hoffnungen, dass die WM 2010 Südafrikas Wirtschaft wieder ankurbelt. Doch auch dies wird durch die wirtschaftliche Lage erschwert. Schon warnen Fachleute, dass wegen der Krise weniger Fußballfans aus dem Ausland den weiten Weg an die Spitze Afrikas antreten werden. In den kommenden Monaten müsse stark für das Sportereignis geworben werden, sagte Horst Schmidt, Fifa-Berater und Vizepräsident des deutschen Organisationskomitees der WM in Deutschland. Südafrikas Regierung rechnet mit rund 450 000 Besuchern. Anfangs waren Schätzungen von bis zu 900 000 Gästen zu hören. Die erste Fußball-WM auf afrikanischem Boden könnte wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage zu einem Sportereignis vornehmlich für die afrikanische Bevölkerung werden.

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