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Italiens Fußballskandal : Das wichtigere Finale

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Bild: Reuters

In Italien hat nach dem WM-Triumph der Kampf um den Fußball erst begonnen - bald entscheiden die Gerichte über den skandalgeschüttelten Vereinsfußball. Berlusconi hat mit seinem Fernseh-Imperium wesentlich zum Absturz beigetragen.

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          Nicht alle italienischen Fußballfans haben die Nacht des Titelgewinns zum Feiern genutzt. Ein paar Tifosi zogen mit Spraydosen zum nationalen Fußball-Leistungszentrum in Coverciano, einem Vorort von Florenz, und brachten an den Wänden ihre Hochstimmung in die passenden Worte.

          „Rossi - der Esel bist du!“ und „Nimm dich in Acht, Palazzi!“ - so könnte man die Drohungen gegen den Verbandspräsidenten und den Sport-Staatsanwalt wohl am besten ins Deutsche übersetzen. Ungeteilte Jubelstimmung sieht anders aus. Und in der Tat mischt sich in die Freude, nach vierundzwanzig Jahren endlich wieder einmal „Campione del mondo“ geworden zu sein, ein gerüttelt Maß Verbitterung.

          Italiens Fußball ist todkrank

          Denn Italiens so erfolgreicher Fußball ist krank, todkrank sogar. Malad ist die Verbandsspitze mit dem ehemaligen Präsidenten Carraro und Ligachef Galliani, die nach abgehörten Telefonaten abtraten, weil darin unverhohlen über die Manipulation von Ligaspielen zugunsten der reichsten und einflußreichsten Mannschaften, Juventus Turin und AC Mailand, gesprochen wurde.

          Der Siegesjubel könnte bald unangenehme Züge bekommen

          Ein Dutzend Schiedsrichter der höchsten Spielklassen stehen derzeit unter Anklage. Vier beliebte Großclubs sollen zwangsweise in untere Ligen absteigen. Wenn das passiert, müßten fünfzehn der dreiundzwanzig Weltmeister (und drei der französischen Vizeweltmeister) auf dem Dorf spielen - oder wären plötzlich ohne Arbeitgeber, denn die meisten Verträge gelten nur für die oberste Spielklasse.

          Geld für die Fernsehrechte der Serie A eingefroren

          Nahezu gleichzeitig mit dem Triumph im Finale schickte der Chef des Fernseh-Imperiums „Mediaset“, Berlusconis Stammhalter Piersilvio, ein Einschreiben an den Verband: Das Geld für die Fernsehrechte an der Serie A werde ab sofort nicht mehr überwiesen; wenn statt der Publikumsmagneten Juventus Turin, AC Mailand und FC Florenz plötzlich Niemandsclubs kickten, entsprächen die 61,5 Millionen Euro jährlicher Übertragungsgelder keinem Gegenwert mehr. Und wenn Mediaset (also Berlusconi, also der Inhaber des AC Mailand, also der Vorsitzende der größten politischen Partei) nicht mehr zahlt, ist Italiens weltmeisterlicher Lieblingssport pleite. So einfach kann Fußball sein.

          Gianluca Pessotto sind vielleicht solche rabenschwarze Gedanken durch den Kopf gegangen, als er in seinem Büro als Manager von Juventus Turin die Nachfolge Luciano Moggis verwalten sollte - des Mannes, der mit seinem Netz von Gefälligkeiten, Vulgaritäten und Absprachen den Skandal erst ins Rollen brachte. Als Italien vor sechs Jahren im Endspiel der Europameisterschaft - damals auch gegen Frankreich - stand, gab Rechtsverteidiger Pessotto die Flanke zum italienischen 1:0.

          Selbstmordversuch in der Juventus-Zentrale

          Nun sah er nach ein paar Tagen im Büro den Scherbenhaufen, er sah seine alten Kameraden in Deutschland siegen und rief einen Verwandten mit der Mitteilung an, am Schreibtisch werde er wohl niemals ein Champion. Dann sprang Pessotto mit einem Rosenkranz in der Hand aus einem Dachfenster der piekfeinen Turiner Juventus-Zentrale.

          Am Tag des Endspiels besuchte ihn der Erzbischof für ein gemeinsames Gebet. Ob der tragische Star seine inneren Verletzungen überlebt, ist ungewiß. Natürlich beteuern die frischgebackenen Weltmeister, sie hätten ihren Titel auch im Gedenken an den armen „Pessottino“ gewonnen, wenngleich er in den Hymnen des Sieges nurmehr im Kleingedruckten erscheint.

          Böse Intriganten versus Heldentenöre

          Die Jubelnacht nach dem Sieg von Berlin war, wie es sich für Italien gehört, als ganz große Oper inszeniert. Es gab die bösen Intriganten, welche die Stimmung verdorben haben und auf ihr Urteil warten, es gab ihre Häscher, die Rache fordern. Es gab die strahlenden Heldentenöre auf dem Rasen, und es gibt den armen Pessotto in seinem Krankenzimmer - dazu den Chor von Millionen glückseliger Italiener.

          Vor allem aber gibt es jetzt die Verbeugungen vor dem Vorhang, die natürlicherweise einhergehen mit der Frage: Soll diese schöne Inszenierung tatsächlich vom Spielplan verschwinden? Müßte man mit opernhafter Milde (und einem Blick für den Kartenverkauf) den Übeltätern nicht lieber vergeben und weitermachen wie zuvor? So denken die anonymen Tifosi, die ihr Menetekel der neuen Verbandsspitze an die Wand gesprüht haben: Achtung!

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