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Italiens Fußballskandal : Das wichtigere Finale

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Wenn der italienische Fußball tatsächlich seine Statuten befolgt und die Mauscheleien streng bestraft, dann könnte der Siegesjubel bald unangenehme Züge bekommen. Der neue Justizminister Mastella, den Moggi gemäß der Telefonprotokolle schon vor Jahren als Freund um Rat und Hilfe bat, warnt passend zum Sieg vor „ernsten Konsequenzen für den Fußball und den Sport“. Bei vielen Sportjournalisten, bei den meisten Funktionären und bei Berlusconis Fußball-Fernseh-Imperium sowieso rennt der windige Berufslobbyist mit seinem Gnadenappell offene Türen ein.

Ein Funktionär von Berlusconis „Forza Italia“ - das ist nicht zufällig der Schlachtruf für die Nationalmannschaft - verglich das Korruptionsverfahren im römischen Olympiastadion schon mit den „Nürnberger Prozessen“. Auch Moggi selbst trat schon vor die Schranken des Fernsehgerichtes und beklagte zusammen mit diversen Helfershelfern die große Ungerechtigkeit. Er habe doch nur seine Arbeit gemacht, ein Opfer sei er. Nicht nur die italienische Nationalmannschaft verfügt also über eine starke Verteidigung.

Skandal-WM wie eine Berlusconi-Dämmerung

Ein paar Wochen vor dem Finalsieg hat der Schriftsteller Franco Cordero das System beschrieben, nach dem nicht nur der Fußball, sondern das ganze „kranke Italien“ seit Jahren funktioniere: „In den fetten Jahren häufen die kopf- und seelenlosen Mandarine der Politik Schulden, werfen das Geld zum Fenster heraus, nähren parasitäre Angestellte und gewähren sich illegale Vergünstigungen, bis das Establishment zusammenbricht.“ Cordero meint mit diesen „erstarrten Kontinuitäten“ natürlich die Karriere Berlusconis, die aufs Engste mit dem Fußball verwoben ist.

Pünktlich zum Turnierbeginn ist der mächtige Mogul auf den Präsidentensessel des AC Mailand zurückgekehrt, den er als Ministerpräsident hatte räumen müssen. Gewiß hatte Berlusconi bei der Parlamentswahl im April von einem Sieg geträumt, mit dem er dann als triumphierender Cäsar im Berliner Olympiastadion seine Laufbahn hätte krönen können. Nun wirkt die Skandal-WM wie eine Berlusconi-Dämmerung, bei der nur der Betroffene selbst hofft, es möge ein Morgen und keine Nacht sein, die dem vielen Zwielicht folgt. Und unter dem Applaus der linken Sportministerin Melandri erscheint der Titelgewinn wie ein letzter Appell zur Selbstreinigung.

Die Spielregeln zu ihren Gunsten zu verändert

Er begreife den Triumph, so sagte der neugewählte Präsident Napolitano, „als Sieg des gesetzestreuen Italien“. Aber so einfach ist das nicht. Berlusconi und andere verschwenderische Fußballmäzene haben die Spieler in hochmodernen Trainingszentren zu konkurrenzfähigen Gladiatoren ausgebildet, sie haben Milliarden in den Fußball investiert, ihn medial perfekt ausgebeutet und sich schließlich für berechtigt gehalten, die Spielregeln zu ihren Gunsten zu verändern. Wie in der Justiz. Wie in der Politik. Wie im Geschäft. Die Welt sei nun einmal dreckig und böse, so verteidigen sich jetzt nahezu alle Inkriminierten und Manipulateure. Wer sich da mit allen Tricks durchbeiße, der handle sozusagen in Notwehr.

Einige Spieler wie der grundsolide Kalabrese Gennaro Gattuso scheinen begriffen zu haben, daß Leute wie Berlusconi den italienischen Fußball groß gemacht und zugleich an den Abgrund gebracht haben. Der biedere Moralist Gattuso fordert strenge Strafen für die Täter - und damit den Abstieg seines Clubs, die Schwächung der Liga, den Kollaps der Finanzen, also all das, was die Moguln des Fußballs in den nächsten Wochen mit allen juristischen Mitteln zu verhindern suchen.

Fußball-Italien ohne Lobbies und Vetternwirtschaft?

Die Frage ist, wie kann ein starkes Fußball-Italien ohne Lobbies und Vetternwirtschaft geschaffen werden? Unter diesen Auspizien hat das wichtigere Fußball-Finale, der Kampf um den Calcio, jetzt erst richtig begonnen. Spätestens am Mittwoch werden die Urteile verkündet und angefochten werden.

Dann drohen die hochdotierten Verträge vieler Spieler aus- und dieselben davonzulaufen; Geld wird plötzlich knapp im Calcio, und die gierigen Vermittler und Manager ausländischer Vereine strecken schon die Fühler nach den wackeren Verteidigungs-Weltmeistern aus. Die ersten Fußballstars aus dem Bel Paese sind schon gen England und Spanien aufgebrochen. Italien, das Land der Sieger, steht sportlich und ökonomisch als großer Verlierer da.

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