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Interview zum Klimawandel : Und wenn die Eiszeit über Europa hereinbricht?

  • Aktualisiert am

Noch sieht der Nordpol beeindruckend aus Bild: dpa

Die Klimakrise als Albtraum der Zivilisation. In seinem Buch „Wir Wettermacher“ zeigt Tim Flannery die dunkle Zukunft der „Kohlenstoff-Diktatur“. Nun spricht er darüber, wie man diese Vision verhindern kann.

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          Die Klimakrise könnte zum Albtraum der Zivilisationen werden, schreibt Tim Flannery in seinem aufrüttelnden Buch „Wir Wettermacher“ (S. Fischer). Seine Recherche mündet in eine düstere Vision: Am Ende könnte die Welt vor der Wahl stehen zwischen Untergang im Chaos oder „Kohlenstoff-Diktatur“. Der fünfzig Jahre alte Australier lebt inzwischen ganz und gar seine Rolle als neuer Öko-Guru und bereist sämtliche Kontinente. Vor ein paar Jahren noch trieb er sich die meiste Zeit unerkannt im Busch herum und suchte nach dem Unbekannten. Mehr als dreißig Säugetierarten soll der Zoologe entdeckt haben.

          Sie sind ein erfahrener Naturforscher, sind oft draußen und haben doch den Klimawandel als Gefahr recht spät erkannt. Gab es ein Schlüsselerlebnis?

          Als ich das wirkliche Ausmaß des Problems das erstemal gesehen hatte, schämte ich mich vor mir selber. Ich hätte es früher verstehen müssen. Ich bin jahrelang für die Forschung bezahlt worden, habe wissenschaftliche Literatur gelesen und doch die wahre Bedeutung des Klimawandels nicht verstanden. Ich war von meinem eigenen Versagen entsetzt.

          Jetzt werden tropische Mondfische in der Nordsee gesichtet

          Was hat Sie überzeugt?

          Das war vor ein paar Jahren, als ich von der australischen Regierung zum Wissenschaftsberater berufen wurde. Ich habe mich da erstmals intesiver mit dem Thema beschäftigt. 2004 habe ich dann angefangen, das Buch zu schreiben. Ich habe mich einfach gefragt, um wieviel schwerer die Dimension des Problems für die Durchschnittsbevölkerung zu verstehen ist, wenn ich es schon kaum zu erkennen vermochte.

          Im Buch fordern Sie ein völliges Umdenken von uns allen. Welche Konsequenzen haben Sie persönlich gezogen?

          Mein Leben hat sich völlig verändert. Wir haben in unserem Haus in Sydney Solarzellen eingebaut und beziehen unsere Energie komplett daraus. Wir besitzen auch eine kleine Wasseraufbereitungsanlage und fangen Regenwasser auf. Außerdem fahre ich heute ein japanisches Hybridauto, den Prius (Anm. d. Red. Fahrzeug mit Elektro- und Benzinantrieb). Es ist ein wirklich gutes Gefühl, seine eigene Elektrizität herzustellen.

          Sie selbst sind aber selten zu Hause, bereisen in Sachen Klimawandel die Welt.

          Ja, ich werde in den nächsten sechs Wochen verstärkt in Europa unterwegs sein, werde nach Finnland kommen, Spanien, Italien und in andere Länder, in denen mein Buch veröffentlicht worden ist.

          Und werden dabei wie viele Umweltpolitiker auch enorm viele Treibhausgas-Emissionen verursachen. Muß dieser klimaschädliche Klimaschutztourismus nicht auch das ökologische Gewissen belasten?

          Das ist ein wirklich schwerwiegender Beitrag zu den Kohlendioxydemissionen. Ich selbst gleiche meinen schädlichen Beitrag mit Beteiligungen an einer Organisation namens „Climate Friendly“ aus, die ihrerseits in Windfarmen investiert, so daß wir keine Kohlekraftwerke mehr benötigen. Das sollten alle tun.

          Haben Sie schon viele Nachahmer gefunden?

          Einen bestimmt. Mike Rann, der Premierminister von Südaustralien, hatte mich zu seiner Hochzeit eingeladen, und als Hochzeitsgeschenk habe ich ihm Kohlendioxydzertifikate überreicht, damit er seine Hochzeitsreise nach Italien klimatechnisch ausgleichen konnte. Er war sehr glücklich darüber.

          Die täglichen Wetterkarten sehen Sie als Experte inzwischen sicher mit anderen Augen. Worauf müssen wir achten, wenn wir die Spuren des Klimawandels darauf finden wollen?

          Achten Sie auf die Wirbelstürme. Für mich ist eines der wichtigsten Signale des Klimawandels die Zunahme der Hurrikan-Aktivität weltweit. Die korreliert sehr stark mit der Erwärmung.

          Aber die amerikanischen Hurrikan-Zentrale hat jetzt gerade mehr oder weniger Entwarnung für diese Hurrikan-Saison gegeben. Ist es da nicht auffallend ruhig nach der langen Hitzewelle?

          Nein, die Aktivität ist eher durchschnittlich. Die Windverhältnisse in der oberen Atmosphäre sind noch nicht so ausgeprägt, daß sich viele große Wirbelstürme bilden, aber das könnte sich im Laufe des August ändern. Vielleicht haben wir dieses Jahr auch Glück, aber in den nächsten zehn Jahren werden wir global betrachtet eine Zunahme der Hurrikan-Aktivität bekommen.

          Ist es nicht auch beunruhigend, fragen sich viele hier, wenn plötzlich tropische Mondfische in der Nordsee auftauchen, Quallen in dem Wannsee schwimmen und so viele exotische Gewächse einwandern, daß man bald mit Palmen am Fuß der Zugspitze rechnet?

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