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Interview : „Der Euro kann bis auf 1,50 Dollar überschießen“

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Hans Redeker, Währungsstratege der BNP Paribas Bild: Hans Redeker

Sieht es an den Börsen aufgrund einer überraschend starken Leitzinssenkungen in Amerika nach einer Beruhigung aus, so gilt das nicht für den Devisenmarkt. Währungsstratege Hans Redeker von BNP Paribas wagt im Interview einen Ausblick.

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          Sieht es an den internationalen Börsen nach mehrwöchigen Turbulenzen aufgrund einer überraschenden und einer überraschend starken Leitzinssenkungen in den Vereinigten Staaten zunächst nach einer Beruhigung aus, so gilt das nicht für den Devisenmarkt.

          Denn der Dollar setzt seinen Abwertungstrend fort und markiert gegen den Euro neue Rekordtiefs. Am Donnerstag erreichte er im Tagesverlauf Kurse von bis zu 1,4065 Dollar je Euro. So schwach war die amerikanische Währung noch nie. Der Dollar-Index liegt nach einem Tagesverlust von 0,47 Prozent bei 78,9 und damit auf einem Allzeittief.

          Ein Gespräch mit dem Währungsstrategen Hans Redeker von BNP Paribas in London gibt einen Einblick in die Verhältnisse an den Märkten und die weiteren Entwicklungen.

          Sie hatten mit ihrer Konjunkturskepsis und den Zinssenkungserwartungen in den Vereinigten Staaten ebenso recht wie mit der Prognose, der Dollar werde fallen. Wie geht es jedoch weiter von hier?

          Es hat in den vergangenen Tagen zwar eine gewisse Beruhigung an den Geldmärkten gegeben, allerdings sollte man nicht übersehen, was der Auslöser der bisherigen Turbulenzen war. Es ist die anhaltende Krise im amerikanischen Häusermarkt, die nicht nur nicht vorbei ist, sondern ein Symptom für eine beinahe globale Hauspreisinflation darstellt, die durch eine globale Liquiditätsschwemme hervorgerufen worden ist.

          Wo kam die Liquidität her?

          Die Liquidität wurde durch verschiedene Kanäle genährt, unter anderem durch die überschüssige Ersparnisbildung in Asien. Überdurchschnittliches Wirtschaftswachstum und die „gebundenen“ Währungen (Pegs) führten dazu, dass die Währungsreserven im vergangenen Jahr um 730 Milliarden Dollar zugenommen haben.

          Spricht etwas dagegen, dass diese weiter steigen werden?

          In dem Moment, in dem die Währungen in Asien unter Aufwertungsdruck geraten - und der wird stärker von Tag zu Tag - dürfte die Ersparnisbildung sukzessive abnehmen. Das ist jedoch nicht alles. Denn die Verwalter der Reserven werden überlegen, ob sie diese in eine Währung investieren werden, die mit Abwertungserwartungen konfrontiert ist. Das heißt, die so genannten „flow of funds“ werden in der Tendenz nicht nur zurückgehen, sondern in der Tendenz an den Vereinigten Staaten vorbei.

          Solche Argumente hört man doch schon seit Jahren. Der Dollar hat zwar abgewertet, die Überschussländer haben jedoch trotzdem in Amerika investiert, haben ihre Währungen trotzdem nicht aufwerten lassen und der Yen schwächelt sogar wieder.

          Wenn man sich im Detail betrachtet, wie die Reserven in Amerika investiert werden, so werden seit Februar praktisch keine langfristigen, sondern nur noch kurzfristige Anlageformen in den Vereinigten Staaten gewählt. Das stellt einen gewissen Vertrauensverlust dar.

          Die Erklärung der amerikanischen Zentralbank zur Leitzinssenkung besagt, man sehe zwar immer noch gewisse Inflationsprobleme. Man möchte jedoch sicherstellen, dass Amerika mittelfristig zum moderaten Wachstum zurückkehren könne. Das heißt, die Zentralbank scheint gegenwärtig von einer rezessiven Entwicklung auszugehen. Aus diesem Grund gehen wir davon aus, dass sie den Leitzins weiter senken wird.

          Ist die amerikanische Wirtschaft denn so angeschlagen?

          Die amerikanische Wirtschaft wird weiterhin zur Schwäche neigen, das ist in meinen Augen so sicher wie das Amen in der Kirche. Der Häusermarkt befindet sich im freien Fall. Das wird negative Beschäftigungswirkungen haben. Der Verfall der Hauspreise wird dazu führen, dass die Immobilie als Basis für die Vergabe von Krediten immer weniger wert wird. Das wird negativ auf den Konsum durchschlagen. Immerhin konnten Verbraucher in den vergangenen Jahren den hohen Konsum noch aus steigenden Immobilienpreisen ableiten.

          Es gibt Argumente, wonach sinkende Zinsen die Aktiekurse nach oben treiben. Steigende Kurse wiederum bedeuteten höhere Vermögen, die den Konsum und damit indirekt die Konjunktur ankurbeln würden.

          Ich denke, die durch die Zinssenkung ausgelöste Aktienhausse steht auf schwachen Füßen. In den vergangenen Jahren flossen starke Mittel aus Übernahme- und Fusionsaktivitäten sowie aus Aktienrückkäufen in die Märkte. Das dürfte sich nicht weiter wiederholen lassen, da sich die Refinanzierungsbedingungen an den Kapitalmärkten inzwischen kolossal verändert haben. Noch ist nicht offensichtlich, wie sich das bei den Banken zeigen wird. Lehman Brothers haben zwar bei der Vorlage der Quartalszahlen leicht positiv überrascht, Morgan Stanley dagegen negativ.

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