https://www.faz.net/-1v0-7pz52

Zusätze in E-Zigaretten : Gesund rauchen ist Illusion

  • -Aktualisiert am

Elektrischer Raucher Bild: REUTERS

Potenzmittel und ein verbotener Appetitzügler im Rauch: Was die Analysen von E-Zigarettenqualm ergeben hat, legt einen Verdacht nahe: Fahren die Hersteller ähnlich fragwürdige Vermarktungsstrategien wie früher die Tabakfirmen?

          Wenn überhaupt etwas zugunsten einer E-Zigarette sprechen könnte, dann ihre Fähigkeit, als Entwöhnungshilfe für Raucher zu fungieren. Die elektronische Variante der traditionellen Zigarette funktioniert über die batteriebetriebene Verdampfung von nikotinhaltigem Liquid. Dadurch entfallen die schädlichen Tabakinhaltsstoffe. Die Möglichkeit, auf diese Weise „gesünder“ zu rauchen, vielleicht den Nikotingehalt zu verringern oder gar ein nikotinfreies Inhalat zu verwenden, ist aber wohl mehr Wunsch als Wirklichkeit. Dennis Nowak vom Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Universität München kann in einer Übersichtsarbeit gerade mal zwei Studien anführen, die diese Frage unter wissenschaftlich halbwegs annehmbaren Kriterien untersuchen. Ihr ernüchterndes Fazit: Die E-Zigarette hilft bei der Entwöhnung allenfalls so gut wie ein Nikotinpflaster - und die Entwöhnung mittels Nikotinpflaster ist bekanntlich wenig effektiv („Deutsches Ärzteblatt“ Bd.111, S. 349).

          Die Münchener Ärzte verweisen, was die Risiken der immer mehr in Mode kommenden Zigarettenvariante angeht, vor allem auf ihr Potential als Einstiegsdroge für Jugendliche. Das Suchtpotential sei bei reiner Nikotinverdampfung zwar vermutlich geringer als das einer herkömmlichen Zigarette. Noch rufe sie, so heißt es, nicht den suchterzeugenden „Kick“ einer konventionellen Zigarette hervor. Aber, so warnen sie gleichzeitig, es sei zu befürchten, „dass die Zigarettenindustrie hier manipulativ eingreifen wird“. Das ist in der Tat zu befürchten, denn die Autoren erwähnen auch, was die Hersteller bislang den E-Zigaretten zugesetzt haben. Und das zeugt doch von einer gewissen Brisanz, betrachtet man die Art der nachgewiesenen Zusätze. So wird erwähnt, dass in E-Zigaretten Substanzen wie das Potenzmittel Tadalafil oder der Appetitzügler Rimonabant enthalten waren. Nicht nur die Tatsache, dass diese Mittel Gesundheitsrisiken bergen, macht stutzig. Der chemisch höchst aufwendige Nachweis von Rimonabant erfolgte in einer Publikation aus dem Jahr 2010. Seinerzeit war das Mittel schon längst vom Markt genommen worden, weil es das Risiko für psychische Störungen wie Depressionen, Angststörungen und Aggressionen verdoppelte und mit einer erhöhten Selbstmordgefährdung in Verbindung gebracht wurde.

          E-Zigarette

          Angesichts solcher „Beimischungen“ wäre zu wünschen, dass die Inhaltsstoffe der E-Zigaretten-Liquids gründlich untersucht werden. Der jüngste Beschluss des Europäischen Parlamentes vom Februar dieses Jahres ist vor diesem Hintergrund keine wirkliche Beruhigung. Die E-Zigarette wurde nämlich nicht - wie einer der Vorschläge lautete - als Arzneimittel, sondern als Tabakprodukt eingestuft. Sie soll nur dann als Arzneiprodukt gelten, wenn sie als Entwöhnungshilfe genutzt wird. Das wird - angesichts der völlig unzureichenden Belege für derartige Thesen - vermutlich ohnehin kein Hersteller tun. Damit kann jeder, der will, die E-Zigarette als Tabakprodukt vertreiben und sein Erzeugnis so der rigorosen Überprüfung der Arzneimittelbehörden entziehen. Zwar sollen die Inhaltsstoffe deklariert werden müssen - aber es existieren keine gesetzlichen Standards für „die Reinheit und Konzentrationen der Inhaltsstoffe“. Darauf und auf Fehldeklarationen macht das Deutsche Krebsforschungszentrum in einer Broschüre aufmerksam (www.tabakkontrolle.de).

          Zwar wird die neue EU-Tabakrichtlinie gefeiert, weil sie die Werbung für E-Zigaretten ähnlich reglementiert wie für traditionelle Tabakprodukte. Das tut aber offenbar dem Vertrauen des Marktes in das neue Produkt keinen Abbruch, und das sollte zu denken geben: Die Investmentbank Goldman Sachs rechnet E-Zigaretten zu den acht wichtigsten Anlegerthemen, alle großen Tabakhersteller setzen inzwischen auch auf den „Stromstengel“ und aktuelle Umsatzprognosen bescheinigen, dass sich die Erlöse auf dem E-Zigarettenmarkt jährlich verdoppeln werden.

          Topmeldungen

          Premierminister bei Merkel : Johnson beharrt auf Ende des Backstops

          Johnson und Merkel zeigen sich optimistisch – dennoch belegt der Backstop die Schwierigkeiten des Treffens. Schon vorher hatten Finanzminister und Bundespräsident dem Premier die kalte Schulter gezeigt.
          Luftbildkamera der NVA im Stabsgebäude über dem Eingang zum DDR-Atombunker Harnekop nordöstlich von Berlin

          Mauerfall-Debatte : Warum ticken die Ossis so?

          Der Zuspruch der AfD im Osten hat seinen Ursprung nicht zuletzt in der DDR. Weil Ostdeutsche jahrzehntelang einem Klima der Lüge und der Demütigung ausgesetzt waren. Ein Gastbeitrag.

          Soli und Negativzinsen : Die Koalition der Verzweifelten

          Der Soli wird zur verkappten Reichensteuer. Zudem entdeckt die Koalition jetzt auch noch den Sparer und will Negativzinsen verbieten. Wetten, dass das weder CDU noch SPD hilft?
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.