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Zum Tod von Harun Farocki : Durch den trüben Alltag auf das Feuer schauen

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Harun Farocki Bild: dpa

Er hielt sein Leben lang daran fest, dass Kunst in die scheinbar alternativlos gegebenen Systeme eingreifen könne. Nun ist der Filmemacher Harun Farocki im Alter von siebzig Jahren gestorben.

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          Man wird ihn „den unvergessenen Harun Farocki“ nennen. Dieses Adjektiv kann ihn würdigen, obwohl der 1944 geborene Künstler und Filmemacher Pathos scheute - es passt, weil er uns seit 1966 rastlos darauf vorbereitete, uns einmal an die Gegenwart zu erinnern, die er sezierte - den Krieg, die Überwachung, unsere marode Arbeitswelt. An ein direktes Abbild der Wirklichkeit glaubte er nicht; er wusste, dass sie das ist, was wir sozial und individuell mit ihr anfangen. Jeder Einzelne, der seine Videoinstallationen sieht - ob Soldaten aus dem jüngsten Krieg erzählen und ihre Erlebnisse mit Hilfe von Videospielen bearbeiten oder die Augen der Personalabteilung Angestellten nachforschen - muss das zusammengetragene Bildmaterial selbst deuten; Farocki erfindet nicht, sondern zeigt uns, was und wie wir erfinden. Offenheit des Blicks also, aber keine Beliebigkeit; Beteiligung, aber kein Mitmachzirkus.

          Harun Farocki wurde am 9. Januar 1944 in Neutitschein im Sudetenland geboren. Sein Vater war ein indischer Arzt, der in den zwanziger Jahren nach Deutschland eingewandert war. Seine frühe Lebenszeit verbrachte Farocki auf einer Odyssee durch Asien und Europa. Erst 1958 kam die Familie in Hamburg an, zog jedoch immer wieder um. 1968 begann er sein Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin, wenige Monate später flogen er und seine Kommilitonen Gerd Conradt, Holger Meins, Wolfgang Petersen und Hartmut Bitomsky schon wieder von der Schule - nach politischen Aktionen.

          Gegen verordnete Blickrichtungen

          In den Achtzigern begann Farocki essayistisch Bilder mit einem Off-Kommentar zu versehen, der freilich nicht belehrte, sondern bilderweiternd wirkte - wie noch 2007, als er gemeinsam mit seinem Schüler Christian Petzold im gefeierten Kinofilm „Yella“ mit Nina Hoss am Drehbuch arbeitete. An diesem Film sehen wir sein Vermächtnis: Die Überschreitung von Grenzen der verordneten Blickrichtung, die oft Voyeursperspektiven der Macht oder der Öffentlichkeit bevorzugt. Dagegen setzte er ein Arbeiten an gefundenen Bildern, das nicht ihren Naturzustand anstrebt, den es nie geben kann. Überwachung und Manipulation in einer durch technologisierten Welt, wie in seiner Videoinstallation „Ein neues Produkt“ (2012), über den Effizienz-Irrsinn im heutigen Berufsleben, waren ihm keine Bestandteile fatalistischer Dystopie, sondern Feststellungen, die noch andere Wertungen zulassen als „es ist halt so.“

          Im Jahr 2001 geht es in „Die Schöpfer der Einkaufswelten“ um die präzise geplante und wissenschaftlich geleitete Organisation von Einkaufszentren. Bei einem jährlichen Kongress in Las Vegas mit 6000 Teilnehmern und Labors stellt sich die Frage: Wohin fallen Kundenblicke? Wenn die Verkäufer das begreifen können, dann könnte die Kundschaft es auch.

          Harun Farocki war einer der ersten, der mit seinen Filmen ins Museum strebte. Sie waren für ihn die richtigen Orte, an denen er seine Videoinstallationen meist auf mehreren Großleinwänden auffächern konnte. Ein Künstler wie er, der lange unter prekären Bedingungen arbeiten musste, dessen Kunst zu Anfang nur schwer zu vermitteln war, geschweige denn zu verkaufen, fand hier den konzentrierten Zuschauer, den er sich wünschte. Und er hatte Erfolg, wurde in allen großen Museen gezeigt. Und so hielt er sein Leben lang daran fest, Kunst könne in die festgesetzten Systeme, von denen uns vorgegaukelt wird, es gäbe für sie keine Alternative, eingreifen.

          Wir brauchen Künstler wie ihn so dringend, denn wer soll uns nun zeigen, was wir übersehen wollen? Auch in den Zeiten trübster Aussichten konnte man sich immer sicher sein: der nächste Farocki kommt - und dann zeigt er, was wir erkennen sollten. Die wuchtige DVD-Box mit seinem Lebenswerk steht nun wie eine Landmarke im Regal. Wer seine Filme in Zukunft anschaut, wird das Feuer flackern sehen, an Stellen, wo es wirklich brennt - und nicht nur den Schein an der Wand einer dunklen Hölle. Harun Farocki ist am 30. Juli im Alter von siebzig Jahren gestorben.

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