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: Web-Erfinder: Facebook schadet der Internet-Freiheit

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ht. FRANKFURT, 29. November. Tim Berners-Lee ist der Erfinder des World Wide Web. Am Kernforschungszentrum Cern in der Schweiz hat er vor 20 Jahren die heute noch gültigen Grundzüge des World Wide Web entwickelt, die auf Offenheit und unbeschränkter Verknüpfung von Informationen beruhen.

          ht. FRANKFURT, 29. November. Tim Berners-Lee ist der Erfinder des World Wide Web. Am Kernforschungszentrum Cern in der Schweiz hat er vor 20 Jahren die heute noch gültigen Grundzüge des World Wide Web entwickelt, die auf Offenheit und unbeschränkter Verknüpfung von Informationen beruhen. Der vielfach ausgezeichnete und für seine Verdienste geadelte Technik-Pionier sieht nun sein Lebenswerk bedroht. Ausgerechnet einige der erfolgreichsten Einwohner des Netzes, Facebook und Apple, seien dabei, diese Prinzipien wegzuwerfen und statt dessen geschlossene Inseln zu schaffen, um ihre Inhalte vom Rest des Netzes abzuschotten, warnte Berners-Lee in einem Beitrag für die Wissenschaftszeitschrift "Scientific American". "Wenn wir, die Web-Nutzer, diese Entwicklung zulassen, könnte das Web in fragmentierte Inseln zerbrechen. Wir könnten die Freiheit verlieren, Websites so miteinander zu verbinden, wie wir es möchten", warnte Berners-Lee.

          Mit seinem Beitrag meldet sich Berners-Lee in einer Debatte zu Wort, die der Web-2.0-Vordenker Tim O'Reilly vor zwei Jahren mit einem Blogbeitrag zum "Krieg der Plattformen" angestoßen hat. Schon damals warnte O'Reilly, die großen Plattformen wie Facebook und Apple könnten sich voneinander abschotten und das Web in Einzelteile zerlegen. Google-Chef Eric Schmidt sieht in dieser Frage die große "strategische Schlacht" im Internet zwischen offenen und geschlossenen Systemen. "Wir haben eine große Wette laufen, dass offene Systeme gewinnen", sagte Schmidt dieser Zeitung.

          Berners-Lee ist sich da nicht so sicher. Soziale Netzwerke wie Facebook oder Linkedin schaffen Werte mit persönlichen Daten ihrer Nutzer wie den Geburtstagen, E-Mail-Adressen, Vorlieben oder Fotos. Diese Seiten würden daraus brilliante Datenbanken mit Zusatznutzen schaffen - aber nur auf ihren Seiten. Wer seine Daten einmal dort eingegeben habe, könne sie nicht einfach mitnehmen. "Jede Seite ist ein Silo, abgeschirmt von den anderen Seiten", kritisiert Berners-Lee. Mehrwertschaffende Verbindungen zwischen den Daten seien nur auf der Seite möglich. Je mehr Daten die Nutzer also dort eingeben, desto stärker seien sie an die Plattform gebunden, warnt Berners-Lee. Damit verbunden sei die Gefahr, dass eine Plattform ein Monopol werden könne, was die Innovationskraft senke. Facebook ist genau auf diesem Weg. Mit mehr als 600 Millionen Nutzern, was rund 45 Prozent der Internetnutzer in den Industrieländern entspricht, ist Facebook die Nummer eins unter den sozialen Netzwerken und wächst weiterhin schnell. Schon 9 Prozent der gesamten Internetzeit verbringen die Menschen auf Facebook, hat das Marktforschungsunternehmen Comscore gemessen.

          Scharfe Kritik äußerte Berners-Lee auch an Apple. Die Inhalte seien nicht mehr im Web. "Die iTunes-Welt ist zentralisiert und abgeschottet. Trotz aller wunderbarer Funktionen dieses Stores - seine Entwicklung ist begrenzt auf das, was ein Unternehmen denkt", lautet seine Kritik, die er auch auf die gerade populären maßgeschneiderten (nativen) Apps ausweitet. "Die Tendenz bei Magazinen, Smartphone-Apps statt Web-Apps zu produzieren, ist zerstörerisch, denn die Inhalte sind aus dem Web heraus. Man kann auf die Inhalte kein Lesezeichen anlegen oder einen Link darauf versenden. Man kann die Inhalte nicht twittern. Es ist besser, eine Web-App zu bauen, die auch auf Smartphone-Browsern läuft. Die Techniken dafür werden stetig besser", sagte Berners-Lee und spielt damit auf den Standard HTML5 an, mit dem sich Web-Apps ähnlich chic erstellen lassen wie native Apps. "Einige Leute mögen denken, dass geschlossene Welten gut sind. Diese Welten sind einfach zu nutzen und geben den Menschen, was sie möchten. Wir haben aber in den neunziger Jahren mit America Online (AOL) gesehen, das uns einen begrenzten Ausschnitt aus dem Web gegeben hat, dass diese ,geschlossenen Gärten' - egal wie schön sie sind - niemals mit der Vielfalt, dem Reichtum und der Innovationskraft des Web mithalten können."

          Berners-Lee kritisiert in dem Beitrag auch die Bemühungen einiger Netzbetreiber, die sogenannte Netzneutralität aufzuweichen. Danach dürfen Netzbetreiber die Datenpakete eines Anbieters nicht anders behandeln als die Pakete eines Konkurrenten. Netzbetreiber sollen die Videos ihres eigenen Angebots nicht schneller transportieren dürfen als die Videos der Konkurrenz, da dies eine unzulässige Diskriminierung im Wettbewerb ist. Netzbetreiber, vor allem in den Vereinigten Staaten, zunehmend aber auch in Europa, möchten von den Anbietern der Internetseiten gerne Geld haben, wenn sie ihre Angebote schneller transportieren als die Daten der Konkurrenz. Alternativ könnten nach ihrer Ansicht auch die Nutzer zahlen, wenn sie datenintensive Angebote in guter Qualität genießen wollen. Berners-Lee kritisiert ausdrücklich den Vorstoß von Google und Verizon, der das Prinzip der Netzneutralität nach seiner Ansicht auf Festnetzverbindungen beschränken will. "Es ist bizarr, Zugang zu einer Informationsquelle meiner Wahl auf meinem Computer zu Hause zu haben, aber nicht auf meinem Handy", kritisiert Berners-Lee.

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