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Geschützte Kommunikation im Internet : Frischzellenkur für E-Briefe

Einst kam die Post mit der Kutsche, künftig buhlen mehrere Anbieter darum, Briefe ihrer Kunden auf elektronischem Weg verbindlich zuzustellen Bild: IMAGO

Drei Anbieter mischen mit neuen Diensten für eine sichere elektronische Kommunikation den Markt auf. Die Post gerät unter Zugzwang. Ihr „E-Postbrief“ weist Lücken auf.

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          Die IT-Messe Cebit wird zur Leistungsschau für die geschützte Kommunikation im Internet. Gleich drei Anbieter, die Deutsche Telekom, United Internet und Mentana Claimsoft, wollen dort ihre neuen De-Mail-Lösungen vorstellen. Die Nase vorn hat der Kleinste im Bund: Als erstes Unternehmen hat Mentana Claimsoft, eine Tochtergesellschaft des Frankiermaschinen-Herstellers Francotyp-Postalia, das staatliche Sicherheitszertifikat für seinen Dienst bekommen.

          Helmut Bünder
          (bü.), Wirtschaft

          Die Zulassung durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) steht unmittelbar bevor, voraussichtlich könne das System im März an den Start gehen, sagte Vertriebsleiter Nils Kiehne. Zum ersten Mal wird es dann eine digitale Brieflösung geben, die im Gegensatz zum E-Postbrief alle gesetzlichen Anforderungen erfüllt. Versehen mit einem staatlichen „TÜV-Siegel“, soll die De-Mail-Plattform den vertraulichen Austausch rechtsgültiger elektronischer Dokumente zwischen Bürgern, Behörden und Unternehmen ermöglichen.

          E-Postbrief wird nur verhalten genutzt

          Der Internetprovider United Internet mit den Marken 1&1, Web.de und GMX braucht dafür einige Monate länger. Das Unternehmen wird auf der Cebit nur eine erweiterte Beta-Version präsentieren, die die Funktionalitäten zeigt. In den Massenmarkt soll es in der zweiten Jahreshälfte gehen, wie 1&1-Vorstand Jan Oetjen ankündigte. Die Deutsche Telekom befindet sich mitten im Akkreditierungsprozess und will ebenfalls im Laufe des Jahres loslegen. „Unser Angebot steht in den Startlöchern“, sagte Frank Wermeyer, der im Konzern die Gesamtverantwortung für De-Mail trägt. Auch die Gespräche mit den beiden anderen Anbietern über die Vernetzung der Systeme kämen gut voran. Dabei geht es nicht zuletzt um die Höhe der Entgelte, die sich die Anbieter gegenseitig für die Weiterleitung von De-Mails in Rechnung stellen. Davon wiederum hängt ab, wie hoch der Endpreis für die Kunden ausfallen wird.

          Die drohende Konkurrenz bringt die Deutsche Post in Zugzwang. Sie hatte ihren E-Postbrief Mitte 2010 frei geschaltet, ohne das De-Mail-Gesetz und eine Zertifizierung abzuwarten. Ihr mit großem Aufwand als „verbindlich, vertraulich, verlässlich“ beworbenes Angebot weist deshalb einige Lücken auf und ist nur eingeschränkt rechtsverbindlich. Zudem ist der E-Postbrief eine „Insellösung“ und bisher nicht mit den übrigen Diensten verknüpft. In der Politik sorgt der Alleingang der Post zunehmend für Unmut. Der CDU-Abgeordnete Clemens Binninger, Berichterstatter seiner Fraktion für den Innenausschuss, sieht dadurch die Akzeptanz der neuen Kommunikationsinfrastruktur gefährdet. „Im Interesse der Verbraucher muss der gesetzliche Standard die Norm sein, auf die sich alle verlassen können. Und der E-Postbrief entspricht nicht diesem Standard“, kritisierte er.

          Zwar haben sich bei der Post gut eine Million Privatkunden, mehr als hundert Großkunden und etwa 4000 mittlere Unternehmen angemeldet. Das System wird aber nur verhalten genutzt. Seit dem Marktstart hat die Post laut Briefvorstand Jürgen Gerdes „einige Millionen E-Postbriefe zugestellt“. Im Vergleich zu den rund 66 Millionen Briefen, die die Post an einem Werktag befördert, fällt diese Menge kaum ins Gewicht. Öffentlich zugängliche Traffic-Daten zeigten, dass es auf der E-Postbrief-Seite ruhig zugehe, sagte Oetjen. Rund zwei Drittel aller Deutschen haben ein E-Mail-Konto bei Telekom oder United Internet.

          Echo in der Wirtschaft positiv

          Auch ohne großen Werbeaufwand werde sich rasch eine kritische Masse der Kunden davon überzeugen lassen, De-Mail zu nutzen, glaubt Telekom-Manager Wermeyer. Allein United Internet erreicht jeden zweiten deutschen Internetnutzer jede Woche mehrfach über sein E-Mail-Postfach. Dieser Kontakt sei mehr wert als jede andere Werbung mit ihren riesigen Streuverlusten, sagte Oetjen.

          Die drei De-Mail-Anbieter setzen auf technische Lösungen, die es den Nutzern möglichst einfach machen. „Das System muss so komfortabel sein wie die E-Mail-Plattformen, auf denen sich die Leute auskennen“, meinte Oetjen. Obwohl der Gesetzgeber auf Drängen der Post keine einheitliche Kennung für die geschützten Sendungen vorgeschrieben hat, wollen die Telekom und United Internet die ursprünglich vorgesehene Namenserweiterung „de-mail.de“ verwenden. Wermeyer sieht darin eine „kundenfreundliche Lösung“, die Sicherheit und Vertrauen schaffe: „So wird dieser Teil der elektronischen Kommunikation klar erkennbar von der ungeschützten E-Mail abgegrenzt.“ Für Privatkunden beispielsweise soll hinter dem @ der Zusatz „t-online.de-mail.de“ folgen. Unternehmenskunden könnten indessen Unterdomänen nutzen, die sich an dem Muster vorname.nachname@firmenname.de-mail.de orientieren.

          Von der Digitalisierung ihrer Post versprechen sich Unternehmen und Behörden hohe Einsparungen. Nicht nur durch geringere Versandkosten, sondern auch deshalb, weil der Arbeitsaufwand für die Korrespondenz und die Dokumentenverwaltung sinkt. Das Echo in der Wirtschaft sei positiv, „die Vorteile und Sparpotentiale brauchen Sie keinem Manager vorzurechnen“, sagte Oetjen. Das größte Potential sieht er zunächst bei Banken und Versicherungen, die bislang Millionenbeträge für die Korrespondenz mit ihren Kunden ausgeben. Francotyp-Postalia will sich zunächst auf seine Altkunden aus dem Kreis von Kommunen und mittelständische Unternehmen konzentrieren, während die Deutsche Telekom gleich auf allen Seiten des Marktes mitspielen will: T-Systems soll Lösungen für die großen Unternehmen anbieten, während sich die Telekom Deutschland auf Privatkunden und ihre zwei Millionen Firmenkunden beschränken wird.

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