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: Noch sind die Windfarmen vor deutschen Küsten eine kühne Vision

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St./B.K. DÜSSELDORF, 9. Juni. Die Pläne der Bundesregierung zum Bau großer Windparks weit vor den Küsten der deutschen Nord- und Ostsee sind eine frohe Botschaft für künftige Schiffbrüchige. Ihnen müssen die Servicekabinen der gewaltigen Windräder nämlich künftig zugänglich sein.

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          St./B.K. DÜSSELDORF, 9. Juni. Die Pläne der Bundesregierung zum Bau großer Windparks weit vor den Küsten der deutschen Nord- und Ostsee sind eine frohe Botschaft für künftige Schiffbrüchige. Ihnen müssen die Servicekabinen der gewaltigen Windräder nämlich künftig zugänglich sein. In den behördlichen Vorgaben sind Notrationen, Decken und eine Toilette mit Auffangbecken für Fäkalien vorgesehen.

          Diese Regulierungswut kann Fritz Vahrenholt, der frühere Chef des Windradherstellers Repower, nur belächeln. Auf dem Papier ist schon jedes Detail geregelt. Dabei ist unter Fachleuten die Realisierbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Finanzierbarkeit der ambitionierten Regierungspläne noch fraglich. Den von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) angekündigten Bau von 30 Windfarmen auf offener See, sogenannte Offshore-Windparks, interpretiert der heute bei RWE für generative Stromerzeugung zuständige Vahrenholt als "Versuch, in dem neu aufziehenden Kernenergiestreit den Widerstand der SPD gegen eine Laufzeitenverlängerung zu stärken". Im vergangenen August hatte sich die Regierungskoalition in den sogenannten Meseberger Beschlüssen auf Eckpunkte für ein integriertes Energie- und Klimaprogramm verständigt. Daraus entstanden die Vorgaben, bis 2020 Offshore-Parks mit einer Gesamtkapazität von 15 000 Megawatt zu errichten. Nach dem jüngsten Stand der Technik kommen dafür bisher Einzelwindräder mit einer Leistung von jeweils 5 Megawatt in Frage. Hochgerechnet müssten entlang der Küsten also 3000 mehr als 100 Tonnen schwere und fast 200 Meter hohe Windräder in die Fluten gestellt werden. Nur die beiden Anlagenbauer Repower und Multibrid können Windräder dieser Leistungsklasse anbieten. Der Wettbewerber Nordex ist auf Windmühlen an Land spezialisiert.

          Der Düsseldorfer Eon-Konzern hat mit Vattenfall und dem norddeutschen Regionalversorger EWE bei jedem der beiden Lieferanten sechs Anlagen in Auftrag gegeben. Noch in diesem Jahr sollen im Rahmen dieses mit 30 Millionen Euro geförderten Gemeinschaftsprojekts Alpha Ventus 45 Kilometer vor der Küste Borkums 30 Megawatt installiert werden. 2009 sollen die nächsten sechs Windräder mit jeweils 5 Megawatt folgen. "Wir bauen zwölf Anlagen. Und wer soll bis 2020 die restlichen 2988 Windräder finanzieren und errichten?", fragt Eon-Chef Wulf Bernotat. Tiefensees Ankündigung, bald werde offshore Strom aus 11 000 Megawatt Gesamtkapazität erzeugt, hält die Stromwirtschaft nicht für realistisch. "Bald heißt für mich etwa fünf Jahre, und wenn wir gut sind, werden wir in dieser Zeit alle zusammen 3000 bis 4000 Megawatt Kapazität errichten", sagt Vahrenholt.

          Bernotat ist noch pessimistischer. Zunächst müsse Alpha Ventus bis Ende 2010 unter den rauhen klimatischen Bedingungen auf seine technische Tauglichkeit getestet werden. Sind die Anlagen weit vor der Zwölf-Meilen-Zone den Servicekräften ähnlich zugänglich wie die wesentlich näher an der Küste liegenden Parks in Großbritannien und Dänemark? Sind die in anderen Anlagen aufgetretenen Schwierigkeiten mit korrodierenden Turbinen dadurch behoben, dass im Alpha-Ventus-Park mit Druckluft das Eindringen von Feuchtigkeit verhindert werden soll? Erst wenn umfassende Betriebserfahrungen vorliegen, kann die technische und wirtschaftliche Realisierbarkeit von wesentlich größeren Windparks eingeschätzt werden. Die deutschen Vorgaben für Windräder weit außerhalb der Sichtweite der Küste und dem Lebensraum der Seevögel machen die Installation in Wassertiefen von bis zu 40 Metern und auch den Betrieb erheblich teurer als in jedem anderem Land. Fachleute erwarten, dass die Betriebskosten der ersten Parks dreimal so hoch sein werden wie die der dänischen.

          Auch Vahrenholt räumt ein, dass Offshore-Anlagen den Strompreis deutlich nach oben drücken werden. Er prognostiziert, dass die Produktion einer Kilowattstunde anfangs ungefähr 15 Cent kosten wird. Das entspricht genau der geplanten Einspeisegebühr und etwa dem Zweifachen des gegenwärtigen Preises an der Strombörse. Gewichtiger ist für den Energiefachmann aber das Netzproblem. Denn die Verbindung der Windparks mit den Regionen, für die der Strom gebraucht wird, ist aufwendig, teuer und langwierig. Auch der Bundesverband Windenergie verweist darauf, dass der verzögerte Netzausbau an Land die Zahl der Offshore-Parks klein halten werde.

          Doch trotz aller Kritik stellen weder Bernotat noch Vahrenholt Offshore-Windfarmen grundsätzlich in Frage. Denn im Prinzip versprechen diese Windräder über das Jahr gesehen eine deutlich größere Ausbeute als auf dem Land.

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