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MENSCHEN & WIRTSCHAFT : Mexikos umstrittener Wunderunternehmer

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Carlos Slim Helú ist in Mexiko eine widersprüchliche Figur. Einerseits ist er ein Aushängeschild für das Land, denn laut "Forbes"-Liste ist er der reichste Mensch der Welt, mit großem Vorsprung vor dem Microsoft-Mitgründer Bill Gates.

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          Carlos Slim Helú ist in Mexiko eine widersprüchliche Figur. Einerseits ist er ein Aushängeschild für das Land, denn laut "Forbes"-Liste ist er der reichste Mensch der Welt, mit großem Vorsprung vor dem Microsoft-Mitgründer Bill Gates. Auf der anderen Seite wird ihm aber auch vorgeworfen, dass er seinen sagenhaften Reichtum auf Kosten der einfachen Bevölkerung in dem bis heute von hoher Armut geplagten Land aufgehäuft hat. Vor allem wird er beschuldigt, seine monopolartige Position in der mexikanischen Telekommunikationsindustrie auszunutzen, und das mit Duldung der Regierung, zu der Slim traditionell glänzende Kontakte unterhält. Slim kontrolliert mit den zu seinem Imperium gehörenden Gesellschaften Telmex und Telcel die Mehrheit sowohl des Festnetzes als auch des Mobilfunkgeschäfts in Mexiko.

          Nun aber lässt die mexikanische Regierung im Umgang mit ihrem Vorzeigeindustriellen die Muskeln spielen: Die Wettbewerbsbehörde CFC hat eine Kartellstrafe von rund eine Milliarde Dollar über Telcel verhängt. Die Strafe geht auf eine vor fünf Jahren eingereichte Beschwerde von Wettbewerbern wie Axtel, Alestra und der mexikanischen Tochtergesellschaft des spanischen Telefónica-Konzerns zurück.

          Nach Einschätzung der Behörde hat Telcel seine "substantielle Marktmacht" missbraucht, indem von Wettbewerbern bei der Verbindung zu seinem Netzwerk überhöhte Gebühren berechnet werden. Diese Gebühren seien sogar höher als die Preise, die Telcel von seinen eigenen Kunden für Gespräche verlange. Den Verbrauchern entstünde dadurch ein jährlicher Schaden von 6 Milliarden Dollar. Neben der Geldstrafe forderte die Behörde Telcel auf, die Gebührenpraktiken einzustellen. Die von Slim kontrollierte Telcel-Muttergesellschaft América Móvil teilte mit, sie werde alle ihr zur Verfügung stehenden juristischen Mittel überprüfen. Telcel hat 30 Tage Zeit, bei der Behörde Einspruch zu erheben.

          Der 71 Jahre alte Carlos Slim Helú ist die alles überstrahlende Größe nicht nur der mexikanischen, sondern der gesamten lateinamerikanischen Wirtschaft. Die wichtigste Säule seines Geschäfts ist die Telekommunikation, aber sein Konglomerat besteht insgesamt aus mehr als 200 Unternehmen aus den unterschiedlichsten Bereichen, von der Bauindustrie über Banken bis zu Hotellerie und Einzelhandel. Slim fällt auch seit einigen Jahren zunehmend mit Engagements außerhalb Lateinamerikas auf. So stieg er im Jahr 2008 beim amerikanischen Zeitungsverlag New York Times Company ein.

          Geboren wurde Slim in Mexico City als Sohn libanesischer Einwanderer. Seine Eltern haben mit Einzelhandel und Immobilien ein bescheidenes Vermögen gemacht, das später zum Fundament seiner Investitionen wurde. Er studierte Bauingenieurwesen und arbeitete als Aktienhändler, bevor er anfing, Unternehmen zu kaufen. Sein erstes großes Manöver war im Jahr 1981 eine Beteiligung an Cigatam, der Nummer zwei auf dem mexikanischen Zigarettenmarkt. Im Jahr 1982, als die mexikanische Wirtschaft in eine der schwersten Krisen ihrer Geschichte stürzte, nutzte Slim die Gelegenheit und kaufte weitere Unternehmen zu, deren Bewertungen ins Bodenlose gefallen waren.

          Einer seiner wichtigsten Schachzüge war jener im Jahr 1990, als die mexikanische Regierung die Telefongesellschaft Telmex privatisierte. Slim erhielt den Zuschlag für 1,8 Milliarden Dollar, und er machte danach aus dem ehemals behäbigen Staatskonzern ein effizientes und profitables Unternehmen. Ihm wurde aber auch vorgeworfen, bei der Privatisierung von seiner Nähe zur mexikanischen Regierung profitiert zu haben. Auch später soll er seinen politischen Einfluss genutzt haben, um seine Position zu verteidigen, etwa wenn es darum ging, amerikanische Wettbewerber vom Markteintritt in Mexiko abzuhalten. Telmex ist bis heute Fast-Monopolist und kontrolliert den größten Teil des mexikanischen Festnetzes. Auch im Mobilfunkgeschäft ist Slim mit der Telcel-Muttergesellschaft América Móvil der größte Anbieter in Mexiko und auch in ganz Lateinamerika.

          Auf der im März veröffentlichten Forbes-Liste wurde das Vermögen des Spitzenreiters Slim auf 74 Milliarden Dollar beziffert, Bill Gates folgt mit 56 Milliarden Dollar. Nach außen hin versucht Slim aber, sich bodenständig zu präsentieren. Er trägt billige Anzüge und meidet Statussymbole. Zu den wenigen Extravaganzen gehört seine Kunstsammlung. Erst kürzlich hat er eine Kollektion von Skulpturen des Bildhauers Auguste Rodin erworben.

          ROLAND LINDNER

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