https://www.faz.net/-1va-zhqh

MENSCHEN & WIRTSCHAFT : Der Umweltaktivist und McDonald's

  • Aktualisiert am

Gerd Leipold ist kein Agent Provocateur, wenn es um McDonald's geht. Der Umweltaktivist und frühere Chef von Greenpeace International ist zum Berater in Sachen Ökologie für die deutsche Tochtergesellschaft des größten Fastfood-Konzerns aus den Vereinigten Staaten avanciert.

          3 Min.

          Gerd Leipold ist kein Agent Provocateur, wenn es um McDonald's geht. Der Umweltaktivist und frühere Chef von Greenpeace International ist zum Berater in Sachen Ökologie für die deutsche Tochtergesellschaft des größten Fastfood-Konzerns aus den Vereinigten Staaten avanciert. Was in der Zeit seiner Führungsposition in der Umweltorganisation zwischen 2001 und 2009 undenkbar war, hört sich heute so an: "Unternehmen können sich ändern, und sie können Regeln schneller ändern als Regierungen." Der 60 Jahre alte Physiker, Ozeanograph und Meteorologe bekennt: "Ja, ich bin Berater von McDonald's, und ich werde dafür bezahlt."

          Leipolds Vertrag sieht vor, zwei Tage im Monat McDonald's und dessen Deutschland-Chef Bane Knesevic zu beraten. Das tut er seit Oktober, trägt "Verantwortung" und ist "loyal", wie er sagt. Nun gibt die führende Schnellrestaurant-Kette in Deutschland ihren ersten Bericht für soziale Verantwortung - den Corporate Responsibility Report (CRR) - heraus, in dem sich das Unternehmen zu Umweltschutz und gesellschaftlicher Verantwortung verpflichtet.

          Eine Aufgabe als Agent Provocateur liegt dem Schwaben ohnehin nicht. Es sei wichtiger, ein Unternehmen zu umweltpolitischen Zielen hinzuleiten, anstatt es zu zwingen. Das war in seinem früheren Leben anders, als er Protestaktionen gegen Kernwaffenversuche, Meeresverschmutzung oder für bedrohte Tierarten organisierte, in den achtziger Jahren Wasserproben an Flusseinläufen von Chemiekonzernen nahm und so deren Verschmutzung nachwies.

          Natürlich seien viele seiner früheren Kollegen überrascht gewesen, als sie von seiner neuen Aufgabe ausgerechnet bei McDonald's erfahren hatten, gibt Leipold unumwunden zu und verschweigt ein anfängliches Grübeln nicht. "Aber sie kennen mich gut genug, dass ich kritisch bin und bleibe, auch in dieser Funktion." Er habe sich selbst Gedanken über die Folgen für seine Reputation gemacht.

          Aber er wollte in die Welt der Unternehmen eintauchen, nachdem er solange für eine Nichtregierungsorganisation gearbeitet hatte. Dahinter steckt die Überzeugung, dass einerseits Veränderungen eher in der "großen Geschäftswelt" geschehen als in der Politik. Andererseits sieht er größere Chancen, etwas im Dialog zu erreichen als mit politischem Zwang. "Der Markt kann sehr effizient sein." Ganz der Pragmatiker: Schon früher hielt Leipold wenig von gezielten Boykottaufrufen gegen amerikanische Ölkonzerne, setzte stattdessen auf Information und Mobilisierung der Verbraucher. Schon gar nicht will er den Moralapostel spielen und McDonald's "grün waschen". Wenn das so wäre, würde er seine Reputation in Sekunden zerstören - und das sei alles andere als hilfreich für McDonald's.

          Womit Vorstandsvorsitzender Knesevic ins Spiel kommt. Auch für ihn gebe es neue Spielregeln, und er müsse lernen. Nur so könne der Rahmen definiert werden, Wachstum unter ökologischen und gesellschaftlichen Gesichtspunkten zu erzielen. Um 10 bis 15 Prozent soll die Zahl der Restaurants in Deutschland bis 2020 steigen, und das möglichst klimaneutral. "Die Kunden werden uns in zehn Jahren wohl kaum noch besuchen, wenn wir nicht eine nachhaltige Politik in allen Fragen verfolgen", sagt Knesevic.

          Der Report ist ein Schritt. Es ist der erste von McDonald's Deutschland. In Amerika veröffentlicht der Konzern schon seit langem den CRR. Knesevic bestreitet energisch, dass das Image seines Unternehmens schlecht sei und deswegen ein solcher Report werbewirksam plaziert werde. "Wir haben in den vergangenen Jahren auf Kritik reagiert und vieles geändert."

          Leipold hat kein Problem mit der Öffentlichkeit: "Wenn Nachhaltigkeit ernst genommen wird, was ist dann an Marketing Schlimmes dran, es gibt nichts zu verstecken." Wie an den früheren Greenpeace-Mann stellt Knesevic ebenso an die Kunden Ansprüche: "Aufmerksamkeit zu wecken und eine kritische Einstellung kann uns doch nur helfen." Leipold insistierte denn auch, bestimmte Ziele stärker an Bonussysteme für das Management zu binden. Es gehe nicht um reine Finanzdaten, sondern auch um die Integration von Zielen wie die Verminderung des Kohlendioxid-Ausstoßes.

          Das Bonussystem greift von Ende 2012 an. Und es gibt schon konkrete Vorgaben. Strom - bei McDonald's eine der größten Kostenpositionen und der Kohlendioxid-Verursacher schlechthin - soll bis 2014 jährlich um jeweils ein Viertel auf regenerative Wasserkraft umgestellt werden. In vier Jahren soll er also grün und so CO2-neutral sein. Wird das Ziel erreicht oder gar vorzeitig umgesetzt, gibt es für den Vorstand Boni. Ähnliches gilt für die Ausbildungsquote, die von heute 4 auf 8 Prozent im Jahr 2014 erhöht werden soll.

          Es sei das erste Mal, dass er in so einer Position arbeite, sagt Leipold, der einst eher Unternehmen bekämpfte. Den Vorstandschef von McDonald's Deutschland zu beraten sei sehr attraktiv, sagt er. Aber er weiß: "Mein Einfluss bei Greenpeace war eindeutig größer als der bei McDonald's."

          RÜDIGER KÖHN

          Topmeldungen

          Nach der Flutkatastrophe : Warum ein Ehepaar jetzt an die Ahr zieht

          Tamara Segers und Reinhard Boll wollten helfen und bauten im Flutgebiet eine Kaffeebude auf, die für viele Betroffene zum Ankerpunkt wurde. Jetzt zieht das Ehepaar aus dem Münsterland selbst an die Ahr. Warum?
          Nach Coronaausbruch: Besucher sind im Thüringer Pflegeheim nach dem Schock der vielen Toten nun wieder erlaubt.

          Pflegeheim : Tödliche Ablehnung

          In einem Thüringer Pflegeheim sind 28 Menschen an Corona gestorben - die meisten hatten keinen Impfschutz. Auch viele Angehörige lehnten eine Impfung der Senioren offenbar ab.