https://www.faz.net/-1va-10aff
 

Leitartikel Wirtschaft : Gewinner und Verlierer

  • Aktualisiert am

Krisen sind Zeiten, in denen sich der Grundstein für außerordentlichen wirtschaftlichen Erfolg legen lässt. Diese Feststellung mag abwegig klingen angesichts einbrechender Aktienkurse, einer dem Untergang geweihten Investmentbank ...

          Krisen sind Zeiten, in denen sich der Grundstein für außerordentlichen wirtschaftlichen Erfolg legen lässt. Diese Feststellung mag abwegig klingen angesichts einbrechender Aktienkurse, einer dem Untergang geweihten Investmentbank (Lehman Brothers) und erheblicher Schwierigkeiten anderer Finanzunternehmen mit dem großen Versicherer AIG an der Spitze. Dennoch bieten sich Unternehmen, die in dieser Situation über Geld verfügen, sehr wahrscheinlich einmalige Gelegenheiten für günstige Käufe. Daher ist diese Krise geeignet, die Rangliste der wichtigen Finanzunternehmen durcheinanderzubringen.

          Potentielle Gewinner sind vor allem jene Private-Equity-Unternehmen, die im vergangenen Jahr erhebliche Mittel bei Anlegern eingesammelt und ihre Munition bis jetzt trocken gehalten haben. In den kommenden Monaten werden nicht nur Teile von Lehman und der AIG auf den Markt kommen, sondern sehr wahrscheinlich auch noch erhebliche Bestände an forderungsbesicherten Wertpapieren aus Bankenbesitz, deren Kurse sich heute im Keller befinden, die jedoch im Zuge einer späteren Erholung des amerikanischen Immobilienmarkts signifikante Aufschläge versprechen. Zwar ist es den Private-Equity-Häusern ebenso wie den Hedge-Fonds nicht länger möglich, von Banken billige Kredite für ihre Käufe zu erhalten. Dennoch verfügen sie über genügend Mittel, um sich günstig einzudecken.

          Für die Beteiligungsunternehmen dürfte es sich auszahlen, dass sie anders als manche Staatsfonds kalt lächelnd auf eine Verschärfung der Krise mit einem weiteren Verfall der Preise von Aktien und forderungsbesicherten Wertpapieren gewartet haben. Jene Staatsfonds, die seit einem Jahr Beteiligungen an Banken erworben haben, verzeichnen heute überwiegend Verluste. Über erhebliche Vermögensbestände verfügen neben Private-Equity-Häusern außerdem zahlreiche Pensionsfonds und wohl auch einige Versicherer.

          Unter den Banken zeichnen sich sowohl Gewinner als auch Verlierer ab. Gewinnen dürften jene Banken, die ihren Schwerpunkt in einem ertragreichen Geschäft mit Privat- und Firmenkunden besitzen. Es ist kein Zufall, dass sich Häuser wie der Banco Santander oder BNP Paribas bisher recht gut geschlagen haben. Der größte Gewinner könnte jedoch die kapitalstarke Bank of America werden, die dank ihres gewaltigen Filialnetzes über einen stetigen Ertragsstrom verfügt und die ihre Reserven in der Krise für Akquisitionen nutzt. Die Übernahme von Merrill Lynch ist nur der jüngste in einer Reihe von Zukäufen.

          Im Investmentbanking findet derzeit eine Konzentration statt, die zugunsten der Branchenriesen wie Goldman Sachs, Morgan Stanley, J.P. Morgan und der Deutschen Bank verlaufen sollte. Die schwere Krise, die das Investmentbanking erlebt, darf nicht von den langfristigen Perspektiven dieser Branche ablenken. In einer globalisierten Welt wird die Bedeutung von Finanzmärkten und damit auch die Bedeutung des Investmentbankings weiter zunehmen.

          Auch künftig werden Unternehmen aus Industrie und Handel Anleihen auflegen und Aktien ausgeben wollen oder fachkundigen Rat bei Fusionen und Übernahmen einholen. Langfristig betrachtet werden immer mehr Privatanleger Kapitalmarktprodukte anstelle von Bankeinlagen nachfragen. Klar ist aber auch, dass bestimmte Exzesse im Investmentbanking, die wesentlich zur aktuellen Krise beitragen, der Vergangenheit angehören müssen. Wenn die Banken ihre Lehren ziehen, kann sich diese Krise sogar als heilsam erweisen.

          Topmeldungen

          TV-Kritik: Anne Will : Klimawandel und Professionalisierung

          In dieser Woche will die Bundesregierung ihre klimapolitischen Pläne festschreiben. Vorher schärfen alle Akteure noch einmal ihr Profil. Das gelang gestern Abend auch dem AfD-Politiker Björn Höcke, während es bei Anne Will um die Autoindustrie ging.