https://www.faz.net/-1va-12n37

: Koreas Regierung gibt noch keine Entwarnung

  • Aktualisiert am

pwe. SEOUL, 25. Mai. Südkorea überrascht. Spät, aber drastisch war das Land in die Krise hineingeschlittert, als der Export einbrach und die Wirtschaft am Jahresende 2008 um 5,1 Prozent im Quartalsvergleich schrumpfte.

          3 Min.

          pwe. SEOUL, 25. Mai. Südkorea überrascht. Spät, aber drastisch war das Land in die Krise hineingeschlittert, als der Export einbrach und die Wirtschaft am Jahresende 2008 um 5,1 Prozent im Quartalsvergleich schrumpfte. Mit einem Zuwachs von 0,1 Prozent im ersten Quartal 2009 steht Korea nun aber in der Reihe der Länderkandidaten, die die globale Wirtschaftskrise als Erste überwinden könnten. Die Regierung jedoch bleibt extrem vorsichtig. "Wir haben den jähen Absturz gestoppt", sagt Noh Dae-Lae, der Vizefinanzminister von Korea. "Aber ich bin nicht sicher, dass wir schon die Erholungsphase begonnen haben." Noh spricht von bedrückenden Aussichten und betont, dass das geringe Wachstum im ersten Quartal allein der Staatsnachfrage zu verdanken sei. Die Staatsausgaben lagen von Januar bis März um 46 Prozent höher als vor einem Jahr. Der Privatwirtschaft fehle unverändert die Kraft, um eine Erholung anzuführen.

          Die zunehmende Arbeitslosigkeit wird nach Einschätzung des Vizefinanzministers eine Erholung des Konsums vorerst verhindern. Die Quote dürfte in diesem Jahr von 3,2 auf 3,8 Prozent steigen; mit 200000 mehr Arbeitslosen rechnet die Regierung. Die Exportaussichten bezeichnet Noh als äußert unsicher, zumal der Won nach einem Jahr der Abwertung in den vergangenen Monaten gegenüber dem Dollar wieder an Stärke gewinnt. Gleichwohl ist der Won immer noch schwächer als vor einem Jahr. Auch deshalb steht Korea in der Krise günstiger da als Japan oder andere asiatische Länder.

          Die offizielle Wirtschaftsprognose für dieses Jahr liegt bei einer Schrumpfung von 2 Prozent, wobei die Regierung mit einem dritten Konjunkturpaket über 28,4 Billionen Won (fast 23 Milliarden Euro) nachhilft. Dies allein soll der Wirtschaft um 1,5 Prozentpunkte aufhelfen. Noh sagt, Korea habe aus den japanischen Erfahrungen der neunziger Jahre gelernt: "Wenn man die Wirtschaft stützt, macht man es besser in ausreichendem Maße." Auch geldpolitisch sei es zu früh, die Stimuli zurückzunehmen, sagt er mit Blick auf die Bank von Korea. Diese hat zuletzt abwartend ein Ende des Zinssenkungszyklus signalisiert, in dem der Leitzins auf 2 Prozent fiel.

          Die Bedenken mancher Analysten in Seoul, die vor künftigem Inflationsdruck warnen, teilt Noh angesichts der schwachen privaten Nachfrage nicht. Zunehmend zeigt Koreas Antwort auf die Krise, die zunächst eher auf allgemeine Maßnahmen wie die Staatsgarantie für ausländische Kredite oder Kreditbeihilfen für den Mittelstand setzte, Züge von Industriepolitik. Die Automobilindustrie wird durch befristete Steuersenkungen stimuliert, die zum Erwerb von umweltfreundlichen Fahrzeugen animieren sollen; die Schifffahrtindustrie wird durch den staatlichen Ankauf von Schiffen gestützt. Noh spricht der Automobilindustrie, die zusammen mit den engsten Zulieferern rund 260000 Personen beschäftigt, die Rolle einer systemrelevanten Branche zu, um die Staatseingriffe zu rechtfertigen. Auch ausländische Hersteller könnten von den Steuererleichterungen profitieren, argumentiert der Vizefinanzminister.

          Korea unterscheidet sich in seinen Notmaßnahmen von anderen Ländern indes dadurch, dass die Regierung in vielem am Kurs der Liberalisierung der Volkswirtschaft festhält. Die Konjunkturimpulse richten sich nicht nur auf höhere Staatsausgaben, sondern auch auf Steuersenkungen, die den mittelfristigen Wachstumsspielraum ausweiten. Für den Sommer steht eine Auseinandersetzung mit den Gewerkschaften an, will die Regierung doch erlauben, sogenannte unreguläre Arbeiter für vier anstatt der bislang zulässigen zwei Jahre zu beschäftigen. Zum 1. Juni soll zudem das im Krisenherbst 2008 erlassene Verbot von Leerverkäufen von Aktien fallen.

          Dies muss als Symbol gelten, dass die Regierung trotz aller Vorsicht zuversichtlicher in die Zukunft blickt. Der Kospi-Aktienindex ist seit Jahresbeginn um 25 Prozent gestiegen. Das Misstrauen an den Finanzmärkten, das lange Zeit angesichts schrumpfender Währungsreserven gegenüber Korea vorherrschte, hat sich zuletzt gelegt. Die Risikoaufschläge für Koreas Staatsanleihen sind deutlich gefallen. Dazu beigetragen hat der Schachzug der Regierung, im April zum ersten Mal seit 2006 neue Dollar-Anleihen anzubieten, um zu demonstrieren, dass Korea international noch Kredit hat. Die Anleihen wurden am Markt so gut aufgenommen, dass die Regierung 3 statt der geplanten 2 Milliarden Dollar auflegte. Auch koreanische Banken haben im Gefolge international Kapital aufnehmen können. Das Gerede, Korea steuere angesichts einer vergleichsweise hohen kurzfristigen Auslandsverschuldung auf eine Währungskrise zu, ist zumindest vorerst verstummt.

          Topmeldungen

          Bahn-Chef Richard Lutz (rechts) und der bisherige Finanzvorstand Alexander Doll

          Führungschaos bei der Bahn : Höchste Eisenbahn

          Zuletzt hatte es noch Hoffnung geben, die Bahn könnte ihre Probleme hinter sich lassen. Doch nun tobt ein Führungschaos in der Chefetage. Das erste Opfer: Finanzvorstand Alexander Doll. Aber der eigentliche Skandal liegt woanders.

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?