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: Kompostierbares T-Shirt als Türöffner

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mwit. FRANKFURT, 23. November. Das Ziel von Michael Braungart, Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg, ist eine Welt ohne Umweltverschmutzung und Abfall. In dieser Welt gibt es nur noch zwei Arten von Produkten: ...

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          mwit. FRANKFURT, 23. November. Das Ziel von Michael Braungart, Professor für Verfahrenstechnik an der Universität Lüneburg, ist eine Welt ohne Umweltverschmutzung und Abfall. In dieser Welt gibt es nur noch zwei Arten von Produkten: Verbrauchsgüter, die man bedenkenlos wegwerfen kann, da sie biologisch abbaubar sind; und Gebrauchsgüter, die sich ohne Qualitätsverluste endlos wiederverwerten lassen. Zusammen mit dem amerikanischen Architekten William McDonough hat er das dazu passende Konzept erfunden, dass die Bezeichnung Cradle-to-Cradle (C2C) trägt.

          Von der "Wiege zur Wiege" soll produziert werden, statt wie bisher "von der Wiege bis zur Bahre". "Es wäre schön, wenn die Menschen so intelligent wären wie Ameisen: dass nur noch Stoffe von Menschen hergestellt werden, die wieder zurück in die Kreisläufe gehen - in natürliche wie technische", sagt Braungart. Was in Deutschland noch weitgehend unbekannt ist, sorgt im Ausland schon für Aufsehen. Die holländische Umwelt- und Bauministerin Jacqueline Cramer habe angekündigt, im Jahr 2012 den öffentlichen Einkauf in einer Höhe von 40 Milliarden Euro auf C2C-Beschaffung umzustellen, sagt der Professor. Steven Spielberg plant einen Dokumentarfilm über das Konzept. Konzerne wie Airbus oder Nike haben den Entwicklern Aufträge erteilt.

          Dass C2C kein hoffnungslos naives, theoretisches Konstrukt, sondern praxistauglich ist, versucht Braungart mit seiner 1987 gegründeten Environmental Protection Encouragement Agency (Epea) zu beweisen. Der Lüneburger Professor stellte eine Gruppe aus Wissenschaftlern und Industrieberatern zusammen, um für einen internationalen Kundenkreis sein Konzept auf Produkte, Prozesse und Dienstleistungen anzuwenden. Das Forschungsinstitut lebt nicht von Fördermitteln, sondern von den Kunden, die sich an Epea wenden.

          Einer dieser Kunden ist Trigema. Zusammen mit Epea sollte die Bekleidungsfirma aus Burladingen T-Shirts entwickeln, die Braungarts natürlichem Kreislaufgedanken entsprechen. Zuerst wurden die Materialien, die Trigema verwendet, von Chemikern untersucht und bewertet. Die Bestandsliste wurde auf eine Positivliste gekürzt - die Negativstoffe mussten ersetzt werden. So verwendet Trigema bei der Produktion des gemeinsam erarbeiteten Kleidungsstücks Naturbaumwolle, die frei von Pestiziden und Düngemittelrückständen ist, Farbstoffe, die biologisch abbaubar sind, und umweltverträgliches Paraffin. Das Resultat ist das kompostierbare T-Shirt, das auf der ersten C2C-Messe, der Nutec, im November in Frankfurt vorgestellt wurde.

          "Ein solches Shirt kostet bei der Herstellung 20 bis 30 Prozent mehr", sagt Trigema-Inhaber Wolfgang Grupp. Es werde um 8 bis 10 Prozent teurer verkauft. Der Kunde schone mit dem Kauf für ein kompostierbares Kleidungsstück nicht nur die Umwelt und damit sein Gewissen, sagt Grupp. Er wappne sich auch gegen Allergien. Das kompostierbare T-Shirt sei ein Versuch, auf dem Markt mit prestigeträchtigen Innovationen zu punkten. Noch verdient Trigema damit aber nicht viel Geld. Die "C2C"-Produktion macht im Unternehmen weniger als ein Prozent aus.

          Zeigt das Beispiel Trigema, wie der biologische Kreislauf funktionieren könnte, setzt Herman Miller aus Michigan auf den technischen Kreislauf. Der Büromöbelhersteller wandte sich an McDonough Braungart Design Chemistry (MBDC), die amerikanische Entwicklungsfirma der beiden Forscher, um sich zum Thema Nachhaltigkeit beraten zu lassen. Ergebnis der Zusammenarbeit war der 2003 vorgestellte Mirra-Bürostuhl. Er besteht aus "technischen Nährstoffen", wie Braungart es nennt: er ist immer wieder und mit wenig Verlust an Materialwert wiederverwertbar. Das heißt, dass die Bestandteile des Stuhls nach Ablauf eines Lebenszyklus wieder als Komponenten für das gleiche oder ein ähnliches Produkt verwendet werden.

          Nike macht es ähnlich. Bereits seit 2005 bietet der Sportartikelhersteller einen schadstofffreien und komplett wiederverwertbaren Sportschuh an, der gemeinsam mit Epea entworfen wurde. Die Schuhe sollen nach Gebrauch vom Kunden zurückgegeben werden. Die Methode ist so umweltverträglich wie lukrativ; schließlich spart der Konzern am Rohstoffeinkauf.

          Soll das "C2C"-Design in größerem Maßstab als bisher in Deutschland umgesetzt werden, müsse das Wissen um die technischen Nährstoffkreisläufe besser organisiert und die industrieweite Zusammenarbeit stärker gefördert werden, sagt Braungart. "Pooling" nennt er das Ziel: Eine Materialdatenbank soll geschaffen werden, die es Unternehmen ermöglicht, die Ressourcen und das Wissen anderer zu nutzen. Die Nutec-Messe sei da erst der Anfang.

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